Versteckte Perlen

Wenn von den eichen erste morgenkühle
Die feuchten perlen uns ins antlitz blies
So knirrte auf dem pfad der spitze kies
Erinnerte die schweigenden Gefühle.

Und auch die eigene stimme schien dir rauh
Wenn du im takt verwandter pulse bangen
Vernahmst die enger zu den deinen drangen
Und laues schmiegen trocknete den tau.

Stefan George 1868 – 1933

Seit langer Zeit liegt es vergessen, hinter Dickicht aus dschungelgrünem Pflanzenwirrwarr. Fast undurchdringlich. Zu Beginn seiner Zeit stand es frei und überstrahlte die Gegend mit seinem Prunk und seiner Pracht. Ein Sultan und seine vierte Frau residierten hier einst. Die weitere Geschichte kann nachgelesen werden, aus der Zeit gefallene Fotografien belegen die Exsistenz der einstigen Schönheit. Das blaue Ziegeldach wetteiferte mit dem Himmel, bis es nach einem verherrenden Feuer einstürzte und in tausende Scherben zerbrach.

Vielleicht findet sie noch eine versteckte Perle im verlassenen und kühlen Gemäuer, unter Scherben und Holzsplittern. Zwischen dem Wildwuchs, der sich Fassenden und Wände, Dächer und Fenster zu eigen gemacht hat und das ehrwürdige Haus jetzt fest umschlingt. Sie folgt dem kleinen Trampelpfad, lauscht den Geräuschen der Natur, genießt die ersten Regentropfen auf der Haut als willkommene Abkühlung in der Hitze des Morgens. Pflanzen bieten ihre Früchte und Samen in prachvollen Farben und Formen dar.

Zwischen dem Blattwerk zeigt sich ihr eine kleine Behausung, fast gänzlich verschlungen vom Urwald. Löcher im Mauerwerk zeigen einstige Fenster und Türen, spärlich dringt ein wenig Sonnenlicht ins Innere. Keine Perlen zur sehen. Fasziniert betrachtet sie die Versuche einiger Pflanzen, an den Wänden eine Art natürliche Tapete zu kreieren. Lange Wurzeln bahnen sich ihren Weg durch die verlassenen Räume, krallen sich an den Dachkanten fest, winden sich um Mauerecken, verschwinden durch eine Spalt wieder ins Freie.

Endlich

Die Tapete an der Wand
ist grau geworden
dort, wo Fotos hingen
erzählen Flecken Geschichten von
Liebe, Freundschaft, Abenteuer.
Unser Leben
verblasst im Glanz
der Zeit.
Vergessen.

Kurt Traxl

Einen Katzensprung nebenan, fast unsichtbar, wie von Zauberei verwunschen, wird der Palast sichtbar. Zwei Stockwerke mit Balkonen ringsherum. Sanft und vorsichtig schleicht sie ins Innere. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Unter den Füßen knirscht es, die Treppenstufen knarzen, Vandalen hinterließen Beweismittel an fast allen Wänden. An einem Türbalken erblickte sie einen Strick, den die Geisterjäger angebracht haben mussten. Sie spürt nur den Geist des Hauses, es blutet und ist schmerzlich verwundet. Liegt im Sterben, eine Rettung erscheint unmöglich. Aufgegeben seit Jahren. Das Bewahren für die Zukunft verspielt. Es schmerzt sie auch diesmal, diesen Verfall zu sehen, der dennoch seine eigene Schönheit besitzt. Der Blick in den vom Nebelregen diffusen Wald brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Gedankenspiele, wie es sich hier lebte, welche Musik gespielt, welche Feste gefeiert wurden. Wer hat hier seine Lebenszeit verbracht. Wem ging es gut, wer musste dienen?

Sie spannt den Schirm auf. Das brüchige Dach hat viele Löcher, durch die das Nass hinein tropft und Pfützen bildet. Das alte Parket ist aufgequollen. Eine Weile vor dem verzierten Geländer, an dem die rote Farbe als Patina durchscheint, verweilen und die Stille des Ortes in sich aufsaugen. Lassen sich Perlen finden? Blaue Splitter übersäen den Boden, ein Brocken davon wandert in ihre Tasche. Wer braucht schon Perlen? Die Bilder im Aufnahmegerät sind heute ihre Perlen. Die Natur begräbt hier einen großen Schatz unter sich und vielleicht ist das sogar der beste Plan für diesen Ort.

Danke liebe Gina für deine Gesellschaft.

Um Einfluß quält sich Stolz; der Geiz, daß Geld sich mehre;
Der Höfling im Palast dient schwer um Schein und Ehre!
Der Glückliche lebt sich; in seiner freien Brust,
Da ist sein Stolz, sein Ruhm, sein Reichtum, seine Lust!
Frei wollt ihr alle sein und fesselt euer Leben!
Kehrt zur Natur zurück, nur sie kann Frieden geben!

Siegfried August Mahlmann (1771 – 1826)

Was mir fehlt.

Momentan sind andere Dinge wichtig in meinem Leben. Was mit fehlt ist die Zeit für Fotografie, Kunst, Ausstellungen, Begegnungen mit Gleichgesinnten. Ja ich kann mir auch dafür Zeit nehmen, aber wenn der Kopf voll mit anderen Dingen ist, mag ich keine Zeit investieren. Aber ich merke, dass es in mir brodelt und die Kamera(s) schon zu lange im Schrank oder Regal liegen. Sie starren mich an, als beobachten sie mich dauernd, wann kommen wir endlich wieder zum Einsatz. Der Frühling steht in den Startlöchern, das Wetter spielt bald eine andere Melodie und weckt die Geister, die Lust am kreativ sein. Ich werde mir mehr Zeit nehmen!

Wo ist das Auenland geblieben

Einen kleinen Spaziergang durch die Heimatstadt konnte ich mir dann doch abringen. Mit einer für mich eher als Spielzeugkamera wirkenden kleinen Canon. Eigentlich zum Videos drehen angeschafft von meinem Mann, testete ich diese für einige Aufnahmen des morbiden Charmes, den ich immer wieder entdecke. Es gibt ihn hier noch. Vielen sind diese Bilder zu trostlos, zeigen den Verfall, das Verlassene, die Unschönheit einer Stadt. Ich mag gerade diese Ecken hervorzuheben, zu zeigen, nicht wegzuschauen.

Hausgemachte Stabilität
Weinkeller?
Gegen Abrutschen gesicherter Olymp.
Treffen wir uns an der alten Laterne?
Haus mit langer Geschichte
Patriotischer Schweizer oder Ostdeutscher?
Hier steht sie noch – die Mauer.


Nur, wie alles seine Zeit hat, so hat auch alles seinen Ort. Wo der Unfug bis auf einen gewissen Grad gestiegen ist, da hat Schweigen und Vergessen seine Bedeutung verloren.


Matthias Claudius
(1740 – 1815)

Geisterhaus

Ein kalter Lufthauch weht durch das Treppenhaus des seit Wochen unbewohnten Hauses. Es liegt am kleinen Bach, direkt in der Ortsmitte, verwaist, still, Grafitti ziert einen Teil der Außenfassade, das Leben im Haus ist tod. Container stehen vor den Hintertüren, Dreck, Schutt und Glasscherben liegen auf dem Boden davor verstreut. Das goldene Türschild der KROHNE glänzt schon seit Jahren nicht mehr.

Und dann sitzt sie plötzlich da, auf der alten Holztreppe, die in das obere Stockwerk führt. Keiner hat es bemerkt, wie sie unbemerkt durch den offenen Türspalt geschlüpft ist.

Ein wenig Wehmut liegt auf ihrem Gesicht. Häuser zu verabschieden steht nicht ganz oben auf ihrer Aufgabenliste. Es ist immer mit Schmerz verbunden, gleichzeitig mit schönen Erinnerungen, an die wilden lebensfrohen Zeiten in den Mauern. An die Kinderstimmen, die Lieder, die Geräusche und die himmliche Ruhe dazwischen.

Alle Türen stehen offen, in einigen Zimmern finden sich noch Besitztümer der letzten Bewohner. Die werden bald verschwunden sein, verkauft, verschenkt, vererbt oder entsorgt. Zur Sicherheit hat sie den Schlüssel dabei, der öffnet jede Tür. Nicht lange Trübsal blasen, die Neugier ist geweckt.


Symbolum

Des Maurers Wandeln,
Es gleicht dem Leben,
Und sein Bestreben,
Es gleicht dem Handeln
Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke.
Schrittweis dem Blicke,
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts,

Und schwer und ferne
Hängt eine Hülle
Mit Ehrfurcht. Stille
Ruhn oben die Sterne
Und unten die Gräber.

Betracht sie genauer,
Und siehe, so melden
Im Busen der Helden
Sich wandelnde Schauer
Und ernste Gefühle.

Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
»Versäumt nicht zu üben
Die Kräfte des Guten.

Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.«

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832)

Gekocht und gespielt wird hier nie mehr, die letzten Tage der KROHNE sind gezählt. Alles muss raus, bevor die Bagger anrücken und den vielen Staub der letzten Jahrzehnte aufwirbeln lassen. Den Gorilla könnte sie retten, ihre Armee der verwaisten Kuscheltiere ist bereits riesig.

Und dann hängt dort dieser Mantel am Schrank, giftgrüner Filz, schwer und trotzdem irgendwie elegant. Genäht Anfang der 70er Jahre von der Cousine. Felia lebte in Avignon. Sie verschenkte ihn nach Deutschland. Ihr Vater war Jude und überlebte wie Millionen Andere den Krieg nicht. Er starb im Konzentrationslager. Die Tochter hatte keinen Vater mehr, die Tante keinen Mann. Der eine fehlte für immer. Der Mantel bleibt. Der muss erhalten und die Geschichte um ihn weitergetragen werden. Sie wird ihn mitnehmen, er bietet immer das perfekte Versteck. Sie liebt Versteckspiele.

Wir können die Zeit nicht aufhalten, indem wir die Uhren verstecken.

© Walter Ludin

Immer neue Räume findet sie beim Spiel durch das Haus. Ungestört, gehört, unerhört, heute ist alles möglich, nichts verboten, keiner fühlt sich gestört. In vielen Ecken des Gemäuers bröckelt bereites der Putz, das Haus leidet, stirbt einen langsamen Tod. Noch bieten die Fensterscheiben Schutz vor Wind und Regen. Noch gibt es Türen zum Öffnen und Schließen.

An den Wänden findet sie alte Zeitschriften unter Schichten von Tapete. Wer diese hier wohl vor ewigen Jahren angeklebt hat? Am liebsten würde sie diese konservieren, lesen was damals passiert ist. Es ist zum Haare raufen. Dauernd diese Abschiede in verlassenen Gemäuern. Sie muss nach einer anderen Aufgaben fragen für das nächste Mal. Aber der Dachboden!!!


Hier findet sie immer die schönsten Schätze. Hier werden die Sachen gelagert, die unten in den Kammern und Zimmern keinen Platz mehr fanden. Von denen sich die Besitzer nicht trennen mochten, die eine Bedeutung hatten, Erinnerungen an frühere Zeiten bewahren sollten. Sammelsurium der Illusion eines ewigen Lebens? Der Schlüssel passt, welche Freude strahlt über ihr Gesicht. Noch ein vergessenes Plüschtier, der alte Panda mit den blauen Augen würde sicher Freunde finden in der Sammlung. Das hübsche Täschchen, wer es wohl einst zum Tanz ausgeführt hat? Und in den Schulheften zu lesen ist jedes Mal aufs Neue spannend. Die Stunden vergehen, ohne das sie es bemerkt, versunken im Stöbern.

Auf dem Dachboden

Abgelegtes Leben
zwischen gurrenden Tauben.
Schlafende Kleider
in vergessenen Schränken.

Stillschweigende Mandolinen
spinnfädrig umwebt.

Nur Sonne sich drin verirrt
und
meine Füße
bilden Spuren
dort im Staub.

© Silke Busch

Auf dem Spitzboden direkt unter den Dachziegeln drängen die letzten Sonnenstrahlen des Tages herein. Zeit zum Aufbruch, zum Lebewohl sagen. Vergesst sie nicht, die Bewohner des Hauses an der Ecke. Lasst die Erinnerungen immer wach bleiben und staunt über das Neue, was bald entstehen wird an dieser Stelle. So plötzlich sie erschienen, so schnell ist sie verschwunden. Wer weiß welchen Ort sie morgen finden mag.

Was du allhie im Geiste bauest oder säest, es sei gleich mit Worten, Werken oder Gedanken, das wird dein ewig Haus sein.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

A06 – Schrott oder Kunst

Autofriedhof Ryd

Åke Danielsson wurde 1914 geboren und scheint ein Autofan gewesen zu sein, zumindest was das Verschrotten und Verwerten von vierrädrigen Vehikeln angeht. Zunächst interessierte ihn allerdings der Torf in dem Moor-Wald nahe der Gemeinde Ryd. Er baute sich eine Hütte und verkaufte den Torf. Irgendwann muss er eines der Autos am Straßenrand entdeckt haben, absichtlich vom Besitzer in der einsamen Gegend abgestellt. Schrott in den Wäldern zu entsorgen war ja schon immer eine beliebte Sache gewisser Menschen. Er schaffte das Auto auf sein Grundstück und verdiente sich mit Ersatzteilen ein Zubrot.

Schnell sprach es sich herum, dass der Einsiedler die alten Wagen kostenfrei entsorgte und so fand Åke immer weitere, abgestellte Fahrzeuge an den umliegenden Straßen, die sein Grundstück mit den Jahren füllten. Bis in die späten 80er Jahre erlaubte man ihm sein Geschäft dort, denn gab es Umweltauflagen, es durften keine weiteren Autos dort gelagert werden und 1992 zog er schließlich in ein Altersheim.

Gegen die Räumung und Sanierung des Geländes regte sich angesichts der Masse an historischen Fahrzeugen Widerstand. Die Regierung stellte schließlich den Platz unter Schutz und so kann heute jeder Interessierte einen Blick in die Vergangenheit werfen.

Leider ziehen solche verlassenen Orte nicht nur Liebhaber alter Autos, Fotografen oder Historiker an, Vandalismus machte sich schnell breit. Fast keines der Fahrzeuge hat noch Interieur oder Sitze, Lampen, Scheiben, Blinker … alles Abbaubare wurde entwendet, Graffiti gesprüht oder auf den Dächern herum getrampelt. Ein bisschen tun einem die Autos dort in gewisser Weise leid. Ein langsamer Tod, allerdings an einem friedlichen Ort.

Åke starb im Jahr 2000, wahrscheinlich war er nicht mehr auf seinem Grundstück und hat diesen Niedergang vielleicht nur vom Hörensagen erfahren. Sein mit eigenen Händen erbautes Haus wird wohl irgendwann der Sturm oder Schnee umwerfen. Die Fahrzeuge noch ein paar Jahrzehnte vor sich hin verrotten. Vielleicht werden sie auch noch weggeräumt und die Natur gewinnt – wie immer.

Wer Autos sät, wird Schrott ernten.

© Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger

https://goo.gl/maps/KUs5MRVJhE7zErrg8

Wer selbst diesen unwirklichen Ort besuchen möchte, er ist nicht schwer zu finden in Südschweden. Die Umgebung des Åsnen Nationalpark bietet eine ansonsten sehr intakte und zauberhafte Natur.