Alice ohne Wunderland

INTRO

Ich trage Gedichte

Um den Theetisch saßen wir,
Oder tranken wir Kaffee oder Chokolade,
Ein Traum nur war es,
Und alles lebt nur wie Schatten noch,
Wie Bilder aus einer Laterne magika
In meiner Erinnerung.
Deutlich nur seh ich
Zur Rechten mir das kleine zierliche Mädchen,
Zwölfjährig, kaum älter.
Unendlich traurig
Sah es mit großen blauen Augen
In seinen Schoß,
Die einzige Betrübte in unserem heitern,
Scherzbelebten Kreis.

Was fehlt dir Alice?
Warum denn so still heute?
Ach, so klang es von rosigen Kinderlippen,
Ich bin so schwermütig heute –
Ich trage Gedichte.

Was? du trägst Gedichte, Alice?
Und endloses Gelächter umschwirrte dich,
Übermütig,
Wie ausgelassene Tagvögel
Die alte ernste, unzufriedene Eule umspotten.
Ich trage Gedichte…
Wachend hör‘ ich immer noch
Diese zaghafte, traurige Antwort,
Die mich so tief rührte,
Aus Kindermund so tief rührte.

Ich trage Gedichte…
Was wissen die anderen,
Leicht frohen Alltagsseelen,
Wie einem zu Mute ist,
Wie uns beiden zu Mute ist, Alice,
Wenn wir Gedichte tragen.
Wie weh, wie krank unsere Seele sein kann,
Wenn’s drin keimt,
Wenn’s drin zuckt,
Mit ersten leisen Regungen,
In Schmerzen empfangen,
Mit Schmerzen geboren,
Seele von unserer Seele,
Blut von unserem Blut.

Kleine schmerzdurchzuckte Dichterin,
Freue dich.
Dein Reich war der Traum.
Die Sonne des Morgens küsste dich auf,
Dich und deine Schmerzen,
Wie den Nachttau von den Blättern der Blumen,
Denen du in ernster Lieblichkeit glichst.

Ich aber lebe.
Mein Tag ist kein Traum,
Und wenn ich schwermütig bin
Und Gedichte trage,
Darf ich’s nicht einmal sagen am Theetisch.
Sie würden mich auslachen,
Wie sie dich auslachten,
Nur thut’s noch zehnmal weher,
Am hellen, wirklichen Tage ausgelacht zu werden,
Und unsere Schmerzen
Sind ihnen immer lächerlich.
Sie verstehen uns nicht.
Wie schön, sagen sie, dichten zu können,
Wenn wir es doch auch könnten.
Ist es sehr schwer mein Herr?

Gustav Falke

Sie nennt es Schicksal, glückliches Schicksal. Wieder nur 18 Monate. Zu kurz? Lange genug? Hauptsache überhaupt! Das Wunderland lockte mit Verheisungen, neuen Abenteuern, persönlichen Geschichten, fremden Kulturen, Sprungbrett in andere Länder. Das erwies sich nur zum Teil als realistisch. Vieles blieb Traum, Sehnsucht und am Ende Demut, es trotz aller Umstände ausgehalten zu haben. Oft der Verzweiflung nahe, was wird bleiben?

Erinnerungen an einzigartige Erlebnisse, Freundschaften, Wärme im ganzen Körper, aber auch dieses Gefühl von Enge, Angst, Eingesperrt zu sein für 18 lange Monate. Alice nimmt sie alle mit, diese Erlebnisse und trägt sie wie Gedichte im Herzen für immer.

Noch einmal besucht sie die Orte des Wunderlandes, dass sie sich genau so vorgestellt hatte und dann doch immer auf eine neue Art erleben durfte. Das Überraschungen parat hielt und Unerwartetes aus dem Mantel zauberte.

Gewächshäuser, in denen die Pflanzen der ganzen Welt sprießen, sogar Wasserfälle zu bestaunen sind, die doch eigentlich in die Täler und Schluchten der Gebirge fallen sollen. Nebelschwaden ziehen an den üppigen Gewächsen vorbei. Eingesperrter Regenwald, dem geht es wie Alice. Blumen aus Glas, schlafende Hasen aus Pergament, fauchende Drachen in Holz gebannt. Draußen lockt ein runder Himmelsstürmer in seinen Bann. Hin- und Hergerissen zwischen Ablenkungen aller Art.

Der Himmel voller Papiervögel mit den Wünschen der Kinder, Frauen, Männer und Alten darauf. Sie wüsste diesen „Einen Wunsch“ auf Anhieb nicht. Vielleicht, dass noch mehr sehend und staunend und begreifend durch die Welt schreiten sollten.

Des Nachts schleicht Alice um die Gassen des großen Tempels. Laternen säumen das Gebälk, ein Lichtertraum in dunklen Zeiten. Die meisten nehmen gar keine Notiz davon, Touristen kommen schon lange keine mehr, die Einheimischen sitzen mit einer Zigarette im Mund unter dem orangenen Licht und genießen den Feierabend nach Stunden der Arbeit. In den Gassen ist es ruhiger als üblich, Alice findet das schön für den Moment. Auch wenn sie sich manchmal den Trubel vergangener Tage vorstellt, als sich hier Massen durchwälzten, auf der Suche nach … ja nach was?

Das Authentische ist eher in diesen ruhigen Zeiten sichtbar. Menschen mit Sorgenfalten auf der Stirn, weil keine Kunden mehr die Souveniers in den Läden haben wollen. Die um Kundschaft bittenden Restaurantbesitzer, die ihre Räume immer wieder schließen müssen oder nur sehr wenige bedienen dürfen, weil die Menschen Angst haben, sich anzustecken und ohne Musik, Tanz und Freude das Essen nur zum Sattwerden dient und kein Erlebnis mehr ist.

Manch einer von den Verzweifelten schafft sich einen Vogel an, um wenigstens etwas Gesellschaft zu haben. Der arme Pieps ist wirklich zu bedauern, am liebsten würde ihm Alice die Fußfessel abschneiden und ihn davon fliegen lassen. Wer eine Bar betreibt hat Schwein gehabt. Trost suchen die Menschen leider gerne im Alkohol. Manchmal kann man es nicht anders ertragen, was sich die Herren in den oberen Reihen für die Menschen darunter ausdenken, um sie in Sicherheit zu glauben.

Das Mondfest verfliegt so schnell, wie die Frau im Mond mit ihrem Hasen, die der Legende nach dort lebt. Eine von vielen Legenden über das Mondfest berichtet von einem Helden namens Hou Yi, welcher die Erde rettete, in dem er neun von zehn am Himmel stehenden Sonnen niederschoss. Als Dank erhielt er von der Königin des Himmels ein Unsterblichkeits-Elixier. Doch Hou Yi wollte bei seiner Geliebten Chang’e bleiben und ließ sie über den Trank wachen, anstatt ihn selbst zu trinken. Eines Tages versuchte eine Schülerin von Hou Yi in Besitz des Elixiers zu gelangen. Keinen anderen Ausweg sehend, trank Chang’e die Flüssigkeit und schwebte darauf in den Himmel hinauf. Um ihren Mann aus der Ferne beobachten zu können, ließ sie sich auf dem Mond wieder und wird seither am Mondfestival durch Opfergaben um Glück gebeten.

Du mußt glauben, du mußt wagen,
Denn die Götter leihn kein Pfand,
Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schöne Wunderland.

Friedrich von Schiller

Es war Alice ein Fest und eine Freude, die Superbäume zu bestaunen. Wie aus einem Science-Fiction-Film erheben sie sich über ihrem Kopf, leuchten und funkeln. Kinder sollten staunend die Köpfe in den Nacken legen und dem Schauspiel zusehen. Lachend zwischen diesen Baumbauten tanzen und singen. Und dennoch vermisst sie beim Anblick der Giganten, das Rauschen der Blätter, wenn sich die Baumkronen im Wind wiegen. Das Klopfen eines Spechts beim Bau seiner Höhle. Das Knacken der Äste, wenn sie durchs Unterholz schleicht. Den Duft des Waldes im Herbst. Den Schauer auf der Haut, wenn sich leichter Nebel darauf niedersetzt. Nichts kann reales Leben ersetzen.

Zwischen den Glitzerfassaden findet Alice gerne die alten Häuser mit den kleinen bunten Kacheln. Genießt beim Schlendern einen Hefebun gefüllt mit Bohnenpaste und bestaunt die bunten Farben der Fassaden. Im Seconhandladen schlüpft sie in Kleider aus den 60er Jahren. Oder doch lieber die goldene Sau? Amos der Straßentiger sitzt wie immer an seinem Aussichtspunkt und ist wohl ebenso jeden Tag auf Neue erstaunt, wieviele Klimaanlagen am Nachbarhaus installiert sind. Trotz Fell scheint ihm die manchmal unerträgliche Hitze nichts zu bedeuten, einfach nicht oder nur langsam bewegen ist eine Devise. Alice wird es ihm nachmachen.

An der Promenade speit der Merlion konstant seine Wasserfontäne zur Freude der Schaulustigen oder der Brautpaare ins Becken. Die in den Himmel hochgeschossenen Wolkenkratzer in seinem Rücken lassen ihn winzig erscheinen. Gegenüber trohnt über allen das Hotelschiff, wie ein gigantisches Ufo. Mit Palmen bepflanzt, die schwindelfrei sein müssen, hoch über der Stadt, ein kleines Stück näher an den Sternen.

Denn ist dem Menschen jedwede Freude in der Brust vernichtet, dann ist sein Leben nur ein eitler Schein, er schleicht nur als ein Toter durch das Leben. Ob ihm der Reichtum füllet Haus und Hof, ob eine Krone um das Haupt ihm strahlt, fehlt ihm der Frohsinn, dann ist alles dies nicht soviel wert als einer Flamme Schatten.

Sophokles

Die Mauern der altehrwürdigen Dame erwarteten Alice. Noch einmal wollte sie eine Reise in einen Teil der Geschichte dieser Stadt antreten, abtauchen für Minuten, Stunden, Tage. Voller Nostalgie, Glanz und Prunk. Frisch renoviert erstrahlt die alte Dame in einer umwerfenden Pracht und es fühlte sich ein wenig wie Heimkommen an, als Alice durch die langen Gänge schreitet, die Zimmertüren an ihr vorbei ziehen. Charlie Chaplin residierte hier also ebefalls, lange her. Freundliche Menschen begegneten ihr. Machten den Aufenthalt zu einem sehr speziellen Erlebnis. Das regnerische Wetter passte perfekt zur Kulisse der weißen Säulen und schwarzen Balken, dem gelungenen Interior aus Alt & Neu. Feinster Tee wärmte ihren Körper und sie fühlte sich sehr willkommen. Die Stunden verflogen, die uralte Uhr im Foyer zeigt die Zeit schon mehr als 140 Jahre an.

Früher konnte die alte Dame sogar das Meer sehen, direkt vor ihrer Haustüre lag der Strand, die Gäste mussten nur die Straße überqueren, um die Füße ins Wasser zu tippen. Heute ist das komplette Ensamble an Gebäuden und kleinen Gärten umringt von der Großstadt und ihren Hochhäusern. Den Gästen bietet der klassisch angelegte Pool eine erfrischende Abkühlung. Und natürlich musste auch Alice vom berühmten Singapur Sling versuchen, sich die Süße und Raffinesse dieses speziellen Drinks auf der Zunge zergehen lassen, der urspründlich als alkoholischer Fruchtsaft getarnt den Damen serviert wurde, die neben ihren Männern auch gerne ein bisschen Spaß haben wollten. In der legendären Longbar steht die einzige Mixmaschine, die extra für die gleichzeitge Herstellung mehrerer Slings konstruiert wurde. Man komme und staune, wenn der Barkeeper sie mit Muskelkraft in Gang setzt.

Zweifel

Ich sitz auf einem falschen Schiff.
Von allem, was wir tun und treiben,
und was wir in den Blättern schreiben,
stimmt etwas nicht: Wort und Begriff.

Der Boden schwankt. Wozu? Wofür?
Kunst. Nicht Kunst. Lauf durch viele Zimmer.
Nie ist das Ende da. Und immer
stößt du an eine neue Tür.

Es gibt ja keine Wiederkehr.
Ich mag mich sträuben und mich bäumen,
es klingt in allen meinen Träumen:
Nicht mehr.

Wie gut hat es die neue Schicht.
Sie glauben. Glauben unter Schmerzen.
Es klingt aus allen tapfern Herzen:
Noch nicht.

Ist es schon aus? Ich warte stumm.
Wer sind Die, die da unten singen?
Aus seiner Zeit kann Keiner springen.
Und wie beneid ich Die, die gar nicht ringen
Die habens gut.
Die sind schön dumm.

Kurt Tucholsky

Ihr Liebstes bleiben dennoch die Ecken in der Stadt, die gerade nicht perfekt sind. Genau diese wird Alice am intensivsten vermissen. Das einfache Leben, den Alltag der Menschen in diesen Gegenden, die unterschiedlichen Stile in der Architektur, das komplette Gegenteil der Glitzerfassaden in der City. Hier ist nichts perfekt, der Zufall spielt seinen Charme in vollen Zügen aus. Hier kann Alice stundenlang dem Treiben zuschauen, kleine Schätze entdecken, an denen viele einfach vorbeilaufen. In authentischen kleinen Speiselokalen die Köstlichkeiten der unterschiedlichsten Küchen ausprobieren. Was wäre diese Stadt nur ohne diese Viertel?

Es wird Zeit für Alice „Ade“ zu sagen und das Wunderland zu verlassen. Hin- und Hergerissen zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude, Wehmut und Erwartungen. Es kommt immer wieder eine neue Herausforderung um die Ecken, und manchmal einfach zu früh, als eigentlich geplant. Das Leben schenkt einem Erfahrungen und Alice nimmt sie dankbar an, jede Einzelne. Freunde gefunden, Freundschaften geschlossen, die halten mögen und sich tragen auch über Kontinente hinweg. Freude erlebt, Trauer gespürt, Hoffnungen gehegt, Enttäuschungen ausgehalten, auch Gefühle brauchen Achterbahnfahrten, sonst spürt man es nicht, das Leben in all seinen Facetten.

Abschied

Ein Gedicht für alle Tage
ist nicht leicht zu schreiben.
Was sei denn so alltäglich,
um in Erinnerung zu bleiben?

Was kann man schreiben,
wenn man geht,
gegen die Vergessenheit,
die mit der Uhr sich weiterdreht?

Für alle Tage wünsch ich Glück,
Kraft und Zufriedenheit.
Und schaut dahin, wo alles vor Euch liegt.
Das Gestern ist so weit.

Das Morgen ist voll Abenteuer,
voll neuer Chancen für das Leben.
Doch diese Zukunftsperspektive,
würde es ohne Vergangenheit nicht geben.

Drum schreib ich auch dazu ein paar Zeilen,
für jeden Tag mit Euch ein Danke.
Es war so schön, so lehrreich, schwer,
daß ich noch manchmal etwas wanke.

War die Entscheidung wirklich gut?
Es gab wie immer der Wege zwei.
Und neue Wege sind noch nicht so ausgetreten,
das macht sie schwierig, doch uns selbst auch frei.

So gehen wir weiter unsrer Wege,
die sich heute trennend schneiden.
Doch wer weiß, ob sie nicht eines Tages,
sich wieder kreuzen und begleiten.

Katja Uhlich

Die letzten Wochen wird Alice nutzen, genießen, gestalten. Freunde treffen, Umarmungen und Geschenke verteilen; noch einige Brote in den Ofen schieben; den einen oder anderen Kaffee oder eine scharfe Laksa-Suppe schlürfen. Endlich die echten Filme in die analogen Kameras einlegen und belichten, hoffentlich einige Singapurer dazu bringen, ihre Maske für ein Foto abzulegen.

Dann wird Alice ihren Koffer packen, „ByE ByE Singapur“ flüstern und nach 521 Tagen oder 12.504 Stunden das Wunderland verlassen. Erinnerungen im Gepäck, Freude im Herzen, Aufregung in der Seele für einen weiteren Neubeginn.

EXTRO

Für den Einen!

Nimmerklug in Sonnenstadt

Nikolai Nossow schrieb das Kinderbuch meiner Kindheit, welches schon 1958 erschien. Er selbst verstarb im Alter von 68 Jahren, da war ich gerade 2 Jahre alt. Immer wieder wollte ich das Buch „Nimmerklug im Knirpsenland“ vorgelesen bekommen und als ich selbst lesen konnte, war es jedes Mal eine Neuentdeckung für mich. Das Buch gehörte eigentlich meiner Mutter, sie hatte es selbst schon als Kind gelesen und es sah schon relativ ramponiert aus. Irgendwann nahm es meine Schwester in den Kindergarten mit und das Buch verschwand dort. Nach Jahren fand es wohl eine Erzieherin beim Ausräumen der Schränke und konnte mit dem Mädchennamen meiner Mutter, der vorne eingeschrieben stand, etwas anfangen. Das Buch kehrte in die Familie zurück. Nachdem mein erstes Kind geboren war, stöberte ich im Onlinebuchhandel nach dem Buch und fand eine bunt illustrierte Ausgabe. Was für eine Freude! Das alte Buch hatte nur schwarze Zeichnungen enthalten. Erstaunt stellte ich fest, dass es sogar eine Fortsetzung gab. „Nimmerklug in Sonnenstadt“ steht jetzt natürlich ebenfalls im Kinderbücherregal. Neben vielen anderen, die ich seit Jahren sammle.

„Im Märchenland wohnen die Knirpse. Der klügste und weiseste ist Immerklug. Der faulste und frechste ist Nimmerklug. Als die Freunde sich mit einem Heißluftballon auf Reisen begeben, erleben sie turbulente Abenteuer. Außerdem begegnen ihnen viele flinke Knirpselinen, mit denen man viel mehr Spaß haben kann, als Nimmerklug dachte.“ – mit dem Heißluftballon auf eine Reise gehen, das erschien mir als Vorschulkind sehr wagemutig und exotisch. Nie hätte ich damals gedacht, dass ich selbst einmal in einem Ballon mitfahren würden (wenn auch nur für gut 2 Stunden) und viele Reisen rund um den Globus erleben dürfte. Selbst im Ausland zu wohnen und Städte zu erleben, mit all ihren unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Herausforderungen. Die „Sonnenstadt“ Singapur gehört jetzt dazu und die Sonne brannte sich ein Jahr lang in meine Haut, das Herz und erwärmte einfach alles.

Unermüdlich schnellt sie jeden Morgen über dem Horizont dem Zenith entgegen. Bringt Hitze, Schwüle und Temperaturen, die ein menschlicher Körper gerade noch so aushalten kann. Alles erstrahlt in ihrem Schein, Reflektionen in den Glasfassaden blenden einen, Wasser verdampft innerhalb von Minuten und erbarmungslos vertrocknet sie das grüne Gras, wenn der Regen ausbleibt. Sie verzaubert die Wolken in pastellfarbene Haufen am Abendhimmel und mit viel Glück erspäht man an besonderen Tagen eine Halo, die sich kreisrund um den Feuerball bildet.

Ein Sonnentag. Eine Kamera. Und der Kurzreise durch Sonnenstadt stand nichts mehr im Weg. Nimmerklug hätte seine Freude gehabt, mich dabei begleiten zu können.

Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sähst du dort doch Well auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine;
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne;
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Johann Wolfgang von Goethe

Die Herz weitet sich über dich selbst in den strahlenden Himmel hinein und zurück strahlt die gleißende Sonne, die alles Leben nährt!

Irina Rauthmann

Freitag ist ein guter Tag, um durch die bunten Gassen des Arabisch-Muslimischen Viertels zu schlendern. Aus Richtung der Moschee mit der Goldenen Kuppel erklingen die Gesänge des Muezzins. Sofort fühlt man sich in ein anderes Land versetzt. Eine kleine Welt in der großen Stadt. Die gläubigen Menschen genießen ihren freien Tag, gehen zum Gebet, gemeinsam essen oder kaufen ein. Es herrscht ein reges Treiben, vor einigen Restaurants bilden sich manchmal sogar Warteschlangen. Auf dem Tisch draußen liegt ein kleiner Gebetsteppich eines auf seinen Tee wartenden jungen Mannes. Jetzt ein Salat mit Fallafel und frischem Eis-Minze-Tee.

So ein Kerl wie ich weiß nichts Besseres zu tun, als auf einer Reise in den Straßen herumzubummeln, Leute zu betrachten, stundenlang auf dem Tandelmarkt zu stehen oder in Schaufenster zu gucken.

Gustav Meyrink

durch die engen Gassen

Abendlicht
wärmt sich
an müden
Häusern

dunkel
die Blüten
an den Zweigen
verspielen

Türen
und Fenster
breiten sich aus
lassen die Menschen

hinaus
und das Leben

Anke Maggauer-Kirsche

Nimmerklug hätte heute wohl ebenfalls seinen Entdeckergeist ausleben können, wie ich.

Unendliche Leichtigkeit

Geheimnis

Da ist ein Geheimnis in all diesen Dingen
von Ewigkeit flüsternd und göttlicher Pracht.
Man hört es zuweilen am lautesten singen
am offenen Fenster in schweigender Nacht

Da ist ein Geheimnis, von Sehnsucht durchdrungen,
Es lebt in den Dingen, vor Leichtigkeit schwer,
Und als es mir sanft durch die Seele gesungen,
verstand ich im Herzen: … ‚Da ist noch viel mehr.‘

© Thomas S. Lutter

“Gautam Buddha kam in ein Dorf.

Am Rand des Dorfes floss ein Fluss vorbei, an dessen Ufer mehrere Kinder mit Sand spielten. Sie bauten Sandburgen und waren total ernst bei der Sache.

Wenn einer der Kinder die Sandburg eines anderen durcheinander brachte, dann schrien sie sich an und waren furchtbar wütend aufeinander. Das passierte schnell, denn Sandburgen sind nicht stabil, ein kleiner Stein geworfen und sie sind hinüber.

Buddha stand da und schaute zu. Dann wurde es Abend und die Mütter der Kinder riefen sie nach Hause: “Kommt jetzt heim, es ist Zeit fürs Abendessen.” Da sprangen sie alle auf ihren eigenen Burgen herum, genau auf denen, die sie kurze Zeit vorher so energisch verteidigt hatten. Sie hüpften auf ihnen herum und gingen einfach nach Hause ohne sich noch einmal umzudrehen.

Buddha sagte zu seinen Schülern: “Das Leben ist nicht viel anders.”

Deine ganze Ernsthaftigkeit bezieht sich auf Sandburgen. Eines Tages wirst du sie verlassen müssen, du wirst sie selbst einstürzen und nicht mehr zurückschauen. Die Leute, die alles ernst nehmen, verpassen die Schönheit, die in der Leichtigkeit des Lebens liegt.”

Osho, Zitat – Auszug aus Nansen: The Point of Departure #6

Quelle: https://www.findyournose.com/leben-spiel-buddha-geschichte

„Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit; was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“

Martin Buber
(1878-1965, jüd. Religionsforscher u. Philosoph)

Was wir hoffen, eines Tages mit Leichtigkeit zu tun,
muß zuerst mit Sorgfalt gelernt werden.

Samuel Johnson
(1709 – 1784)

https://www.duden.de/rechtschreibung/Leichtigkeit

„Wir alle halten es für undenkbar, dass die Liebe unseres Lebens etwas Leichtes, etwas Gewichtloses sein könnte; wir stellen uns vor, dass unsere Liebe ist, was sie sein muss; dass ohne sie unser Leben nicht unser Leben wäre.“

Milan Kundera aus „Die Leichtigkeit des Seins“

Wenige Dinge halten sich seit Generationen so hartnäckig wie die immer wieder sich als absolut untauglich und unwahr erweisenden Klischee-Erkenntnisse und -Ratschläge im Alltag, in der Erziehung, der Liebe und Beziehung. Welch eine Erleichterung, solchen Ballast über Bord zu werfen und mit neuer Leichtigkeit davonzusegeln!

Lilo Keller

Mit einer gewissen Leichtigkeit durchstreifte ich diese beiden Straßen voller Stadthäuser, die hier liebevoll in Stand gehalten werden. Sonne auf der Haut, suchte ich Schatten unter den Vordächern, bestaunte die alten Fliesen an den Wänden und auf dem Boden, entdeckte originelle Briefkästen, viele kleine Details, die jedes Haus zu einem Unikat machen. Was wäre Singapur ohne diese Denkmäler das Vergangenen, die zwischen den vielen Hochglanzfassaden, Wolkenkratzern und moderner Architektur einen Gegensatz bieten, der größer nicht sein könnte. Bleibt zu wünschen, dass diese kleinen Oasen des Besonderen auch in Zukunft eine Chance haben und gegen den rasanten Bauboom, der immer noch herrscht, bestehen können.

In Leipzigs Straßen

Der Herstellung von Zeit geht recht einfach, ich nehme sie mir einfach. Zumindest ab und ab, für die Fotografie, für die Freiheit, für die Seele. In Leipzig geht das besonders gut. Da wohnt und arbeitet Antje Kröger in ihrem Atelier und ab und zu sogar auf den Straßen dieser bunten Stadt. Mit der Kamera! Ich durfte sie begleiten am letzten Wochenende, da standen Inszenierung und Straßenfotografie auf dem Workshop-Plan. Nach langen corona-freien und wenig inspirierenden Wochen besuchte ich den vierten Kurs bei ihr. Für die Inszenierungen werde ich bald Worte zu den im Atelier entstandenen Fotos finden. Am zweiten Tag zogen wir durch die Straßen im Stadtteil Neuschönefeld. Dort trifft man sich in der Eisenbahnstraße im türkischen Kaffee zum Frühstück. Eine der gefährlichsten Straßen in Europa, es herrscht Waffenverbot. Wir hatten keine dabei und morgens ist es dort sehr ungefährlich. Nette Menschen, die sich auf einen Plausch mit uns einlassen, fast zu wenig Betriebsamkeit für Straßenfotografen. Darum zogen wir Richtung Innenstadt, wo eine große Demonstration gegen Rassismus stattfand. Es waren dort auch farbige Demonstranten unterwegs, zusammen mit ihren Freunden, Bekannten oder Gleichgesinnten zogen sie auf die Straßen mit Plakaten und Fahnen. Mich hat eine Szene ins Herz getroffen, der farbige Flaschensammler inmitten der vielen Demonstranten. Dem war die Veranstaltung vielleicht egal, die weggeworfenen Flaschen bedeuteten einen kleinen Extraverdienst für ihn an diesem Sonntag in Leipzig.

Meine Aufgabe lautete: Alles unterhalb des Knies & Kreise. Nicht ganz einfach, aber machbar. Und Abschweifen vom Thema war erlaubt.

Das Hauptthema des Workshops lautete „Abgrund“, daher versuchten wir auch dieses auf der Straße umzusetzen und ich wollte meine Ikone noch inszenieren. Die Freiheitsstatue ist ein eher einfaches Motiv und der passende Sockel fand sich auf einem kleinen Rasenstück.

Eine Aufgabe bestand darin, Portraits von drei Menschen aufzunehmen. Christine traf ich an einer Unterkunft für betreutes Wohnen, sie war sofort bereit für ein Foto. Das zweite entstand bei der Demonstration, den Namen des Abgelichteten habe ich nicht herausgefunden. Ein Portrait bleibe ich also schuldig, ein Grund mehr, wieder nach Leipzig zu kommen, irgendwann. Dafür hat Antje mich in Szene gesetzt, ganz entspannt mein Blick, die Herstellung von Zeit geglückt, in diesem Moment.

Suchbild mit Klingeln
Die Italienerin
Spiegel Sperrmüll
Kneipenkultur
Schneewittchen
Anbeter der Schuhe
Von der Krippe in den Abgrund
Musterkind
Blauer Benz
Christine geht Rauchen
Abgrund Statue
Farbengleich
Verkabelt
Umzug mit Rad
Keine Waffen
Kleckserei
Motivsuche
Freiheit für alle
Kopf in die Wolken stecken
Beinfreiheit
Liebessuchende
Wer sammelt Flaschen? Colored People
Sternburger statt Maske
Demonstranten
Poser
Herstellung von Zeit (Foto von Antje Kröger)

Ich kann die Kurse von Antje jedem ans Herz legen, der fotografisch weiterkommen möchte oder seinen Blick schärfen mag. Näheres hier: http://www.antjekroeger.de/kreative-fotoworkshops-antjekroeger/