Ich bin kreuz und quer durch ganz Süddeutschland gewandert, habe im Schwarzwald in Holzhütten genächtigt, bin zu Fuß, nicht nur auf Schusters Rappen, sondern auf nackten Sohlen in die Schweiz gezogen und habe oft statt einer Zimmerdecke auch nur den nackten Himmel über mir gehabt. Als ich seßhaft wurde, war es nur dem äußeren Schein nach. Nirgends hielt es mich lange, und wenn ich drei Monate in einer Stadt zugebracht hatte, trat ein Zustand von Lufthunger ein. Berg und Gebirge zogen mich immer lebhafter an. Ich war monatelang unterwegs, wie um die mir gemäße Landschaft zu suchen. Zwischen meinem dreißigsten und vierzigsten Jahr bin ich in Italien von Stadt zu Stadt gezogen, aber alles Entzücken über die Schönheit, alle Sehnsuchtsbefriedigung konnte mich auf die Dauer nicht festhalten. Nach einer Weile verlangte mich nach einem Wald, nach einer Wiese, einem Schatten gebenden Baum, ja sogar einem schweren Wolkenhimmel. Der Süden rief mich, aber dem Norden war ich zu Eigen.
Das Kollektiv der „Kesselobjektive“ hatte zum Fotowalk nach Stuttgart eingeladen. Nach der herzlichen Einladung beim Fotowalk des Kollektiv’s Black Forrest Streets in Mannheim konnte ich die Einladung nicht ausschlagen, zumal sich die beiden Gruppen freundschaftlich unterstützen und jetzt sogar nach dem Meet&Street in Freiburg im nächsten Jahr die Stuttgarter dieses Event ausrichten werden.
Es war heiß an diesem Samstag im Juni, die Hitzewelle ist hier im Kessel immer noch etwas intensiver. Da ist neben Kamera zusätzlich Kopfbedeckung und Trinkflasche im Gepäck notwendig. Ich hatte mir zusätzlich ein kleines Stück Stoff von einem 80er Jahre Netzhemd eingesteckt, welches ich als Filter vor dem Objektiv befestigte (mit einem Gummi). Den rosa Touch auf einigen der nicht chronologischen Bilder finde ich ganz witzig.
Laut & Leise war dieses Wochenende in der Stadt. Mit einer Einladung zur Jugendweihe meiner Nichte verbunden. Das parallele Stadtfest brachte den Rummel auf den Leuschner-Platz, mit knallbunten Fahrgeschäften und Zuckerbuden. Zur Freude der Mutigen, die sich gerne durch die Luft wirbeln ließen. Die Memmen kauften gebrannte Mandeln oder versuchten ein Plüschtier aus einem der vielen Automaten zu fischen. Fünf Euro eine Fahrt, schon verrückt wie sich die Preise im Lauf der Zeit veränderten. Mit 10 Mark bin ich damals als Kind einen ganzen Abend auf dem Rummel ausgekommen. Ringe werfen und Berg & Tal gibt es heute leider nicht mehr. Aber das Lachen und Schreien der Mädchen auf dem Flipper klang wie damals. Und den Adrenalin Kick konnte ich sogar als Zuschauerin spüren ;-)
In den frühen Morgenstunden des Sonntags, kurz vor der Abreise, ist die Stadt sehr ruhig. Die letzten Nachtschwärmer verlassen das Flowerpower erst gegen 10 Uhr. Wie überall trifft man auf Hundebesitzer oder Menschen, die arbeiten müssen. Erste Rennradfahrer sind ebenfalls auf den leeren Straßen unterwegs. Der Bäcker an der Ecke ist geöffnet und ich gönne mit ein Croissant zum Kaffee.
Laurie fand ich über das Internet https://israelphotographytour.com/ und zuerst dachte ich, es wäre eine Frau. Falsch gedacht! Und er ist nicht mit Leonard Cohen verwandt ;-)
Wir waren für 9 Uhr am Morgen verabredet und streiften zu zweit durch die interessanten Viertel der Stadt. Neve Tzedek, Florentine und Old Jaffa – wir hatten ca. 4 Stunden vereinbart. Natürlich kamen wir beim Fotografieren ins Gespräch und diskutierten die Weltlage, die Situation im Land und in Tel Aviv. Er kannte die „coolen“ Fotospots, die richtigen Lichtsituationen und natürlich die Sprache. Das half, um zum Beispiel einen Ladenbesitzer für ein Porträt zu gewinnen. Die Zeit verging wie im Flug, nach einem Kaffee in Florentine zeigte mir Laurie noch den Weg nach Jaffa, dem alten Hafen am südlichen Ende der Stadt. Dort gönnte ich mir eine ordentliche Portion Hummus mit Fladenbrot und Salat – frisch schmeckt er einfach am besten.
In Jaffa gibt es sehr viele Restaurants, Cafés und mehrmals in der Woche einen Floh- und Gemüsemarkt. Und weil die alten Gebäude bei Touristen beliebt sind finden sich hier auch viele Straßenhändler. Eliran sprach mich an um zu fragen was ich fotografiere. Schnell entwickelte sich ein längeres Gespräch, er lebte lange Zeit in Kanada und hat jetzt den kleinen Souveniershop seines Vaters übernommen. Doppelte Betondecke, sein privater Schelter für Luftalarm. Er wollte ebenfalls fotografiert werden, was ich gerne tat und ihm versprach die Bilder zu senden, wenn ich zurück bin.
Meistens wird man hier gefragt, welcher Religion man angehört. Dass ich mich keiner zugehörig fühle konnte er nicht verstehen. Er meinte, ich habe noch Zeit mich zu entscheiden und gab mir ein paar Mini-Ausgaben der Bibel in englisch und hebräsch mit, sowie zwei Schlüsselanhänger „Jerusalem“ und „I Love Israel“. Und natürlich kaufte ich bei ihm eine Kette mit einem Anhänger (Hand der Fatima, der Mirjam oder der Maria). Jetzt bin ich beim Tragen der Kette vor den Dschinns (böse Geister) sicher. Der Name Eliran ist hebräisch und bedeutet „Gott ist mein Licht“. Das passt perfekt zu ihm.