Hot Hot Spot-On Berlin Zweiter Tag

First we take Manhattan, then we take Berlin – Leonard Cohen

Was gibt es schöneres als am frühen Morgen allein durch die Straßen einer Großstadt zu ziehen. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Zwei Omis laufen vertieft ins Gespräch am Tanzlokal „Oase Deluxe“ vorbei. Sie nehmen keine Notiz vom vollig Zugedröhnten auf der Parkbank, den entweder der Alkohol oder ein anderes Rauschmittel außer Gefecht gesetzt hat. Die Martkschenke liegt schon eine Weile im Dornröschenschlaf und wartet auf Gäste. Nur die Taube hockt munter auf dem Verteilerkasten und hofft auf einen Krümel der letzten Nacht. Es könnte auch eine Ecke in New York sein. Aber heute erobern wir noch einmal Berlin.

Du hast schon so viel mitgemacht
Du lebst am Tag und lebst bei Nacht
Hast oft geweint, denn es war nie leicht
Doch selbst geteilt, warst du noch eins

Ben Zucker

Die guten Cafés öffnen erst später ihre Türen. Das Backwerk stillt den kleinen Hunger und Durst und hat ein WC. Ich bin allein dort, die anderen Kunden nehmen Ihre Ware mit. Kaffee to go mag ich nicht. Durch die Unterführung ist ein nur noch ein Katzensprung zum heutigen Treffpunkt – Hackescher Markt. Der Himmel über Berlin ist an diesem Morgen noch bedeckt. Für die Spot-On-Bilder wäre Sonne besser, vielleicht lässt sie sich später noch blicken. Bevor alle zusammenkommen habe ich schon einen der Händler vor die Kamera bekommen. Zum Preis eines seiner selbst designten Tshirts mit witzigem Spruch. Für das zweite Portrait benötige ich ein bisschen mehr Zeit und Überredungskunst. Ahsti betreut heute den Kiosk seines Onkels. Direkt in der Unterführung zur U-Bahn verkauft er Getränke, Snacks, Zeitungen und Zigaretten. Seine Heimat ist weit weg, sein Englisch noch gebrochen. Er lässt sich überreden, stellt sich für mich ins Licht und raucht. Ich verspreche ihm, die Bilder per Email zu senden wie ich es schon seit Jahren mache.

Ich
Ich bin dann König
Und du
Du Königin
Obwohl sie
Unschlagbar scheinen
Werden wir Helden
Für einen Tag
Wir sind dann wir
An diesem Tag

Annett Louisan

Das Elend und das Glück liegen hier oft nur eine Straßenecke auseinander. Zwischen Sommertrubel, Einkaufsbummel oder Stadtführung finde ich Szenen die aufwühlen. Für den Schlafenden wurde ein Rettungswagen gerufen. Die Gesellschaft schaut also doch hin und bietet ihre Hilfe an.

Was gibt es schöneres als in eine lustige Hausgemeinschaft zu stolpern, die gerade einen Flohmarkt im Innenhof des Mietshauses vorbereitet. Die drei Frauen haben viel Spaß dabei und lassen sich zu einem „Werbefoto“ überreden. Mein Glück. Beim Blick auf das Ergebnis entdecken sie ein Foto von Stefan, ihrem Kumpel, die ebenfalls hier wohnt. Ihn hatte ich kurz vorher auf einer weißen Bank sitzend mit Zigarette in der Hand und friedlichem Blick fotografiert. Das Foto von ihm bekommen die Mädels natürlich auch zugeschickt.

Wenn die Fahrradfahrer uns vom Bordstein fegen
Die Verrückten in der U – Bahn wieder laut mit sich selber reden
Wenn die Stressercliquen dann ihr Zeug verticken
Ja, dann sind wir wieder in Berlin

Wenn die Autofahrer kurz am Amok streifen
Und die Hostelhorden durch die Straßen geifern
Wenn die Gullis stinken und die Pärchen winken
Ja, dann sind wir wieder in Berlin

Christiane Rösinger

Uns zieht es Richtung Alexanderplatz. Im Getümmel der Massen die besonderen Momente zu finden ist wie ein Katz und Maus Spiel. Unbemerkt bleiben, abwarten, das Licht beobachten, den perfekten Moment erwischen. Das Glück ist mit uns, die Sonne zaubert immer wieder Licht und Schatten Spiele, die es einzufangen gilt. Die Minuten vergehen. Irgendwann bin ich im Flow. Hier klopfen das Herz Berlins und das der Fotografin im gleichen Takt. Ein herrliches Gefühl, dass mich eine ganze Stunde erfüllt.

Der Sommer kam
Und Berlin war der schönste Platz auf Erden
Wir hatten das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen
Dort, wo sich endlich etwas bewegte
Und wir bewegten uns mit
So flogen wir durch die Nacht
Und wir bewegten uns mit

Berlin – Nicolas Binder

Nach diesem Gewimmel und der Überdosis Menschen zog sich unsere Gruppe für einen Kaffee in einen ruhigeren Bereich zurück. Im Humboldt Forum herrschte fast Leere, der schattige Innenhof eignetet sich perfekt für ein Gruppenfoto zum Abschluss des Tages. Allein für die vielen interessanten Museen in Berlin müsste ich am besten zwei Wochen einplanen oder direkt umziehen. Immerhin soll es jetzt einen Expresszug von Stuttgart aus geben, der mich in 4,5 Stunden hier hin bringt.

Come down love
Berlin in the cold

All that fighting
All that snow

Sober night
Byron on my mind
Tell me I’m not going home

And I’ll stop waiting by the phone

Bedroom floor

And silence in my blood
Sorry love I’m running home

I’m a child of sun and the stars I love

Berlin – RY X

Wiedersehen mit Berlin

Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: „Ick bejrüße Ihnen!“,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen …
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus …

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut „Pompejis“ Steine zu mir reden!

Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!

aus: Die paar leuchtenden Jahre

Mascha Kaléko

Hot Hot Spot-On Berlin – Erster Tag

Du bist verrückt mein Kind, Du mußt nach Berlin. Wo die Verrückten sind, dort gehörst Du hin.

Aus Berlin

Was gibt es Schöneres, als an kalten Wintertagen den Sommer zurückzuholen? Mit Bildern im Kopf und auf der Festplatte, mit Gedanken und Wörtern, die aus einem sprudeln, wie das Wasser im Brunnen am Alexanderplatz. Berlin ist heiß in diesen Tagen im August, die Menschen suchen Schatten, sitzen in Cafés und genießen kühle Getränke oder Softeis. Tauben kreisen über ihren Köpfen. Die finden Abkühlung und stillen ihren Durst am Wasserspiel unter dem Fernsehturm, dem die Hitze scheinbar egal ist. Das Metall seiner Aussichtskugel glänzt gegen den azurblauen Himmel und die schon etwas abblätternde weiße Farbe strahlt wie ein Brautkleid.

Was gibt es Schöneres an diesem Sommerabend entlang der Spree zu flanieren, einen für diese Stadt typischen Biergarten zu finden und den Menschen beim Flamenco Tanz zuzuschauen. „Gestrandet an der Jannowitzbrücke“ ist der perfekte Ort dafür.

Erst wenn’s zappenduster ist, geht uns ein Licht auf. (Aus Berlin)

Leise drückt sich die Sonne hinter den Horizont. Legt ein schmeichelndes Licht über die Straßen und Häuser. Nur langsam wird diese Nacht in den nächsten Tag hinübergleiten. Berlin schläft nicht.

Wir treffen uns am Potsdamer Platz! Neun Uhr! Geladene Akkus! Leere Speicherkarten! Wasser und bequeme Schuhe! Im Fokus für die nächsten zwei Tage – das Licht. Dominic hat uns am Nachmittag davor erklärt, was wir üben werden und steigt mit uns in den tiefer liegenden U-Bahnhof. Harte Schatten – Licht – Situationen. Natürliches und künstliches Licht. Die Spannung und Vorfreude ist bei allen zu spüren.

Die Leichtigkeit des Sommers ist auch in der Dunkelheit zu sehen. „Sie trinkt im Laufen Ihren Eiskaffee, bevor die Hitze oben auf der Straße alle Eiswürfel dahinschmelzen wird.“ „Ich brauche etwas Abkühlung.“ denkt die ältere Frau, die auf ihrem Rücken eine Werbefahne für Hop-On-Hop-Off-Touren trägt. Es ist wie ein Katz und Maus Spiel mit der lieben Sonne. „Wir treffen uns in fünf Minuten am Ausgang A.“ ließt die Frau mit der roten Tasche auf ihrem Smartphone. Genau im richtigen Augenblick möchte ich sie erwischen, im kurzen Augenblick zwischen Licht und Schatten. Es glückt!

Liebe ist das Licht, das jede Dunkelheit erhellt.

Irina Rauthmann

Das nächste Ziel ist das ganze Gegenteil von Leichtigkeit. Ich kenne diesen Ort und die Ausstellung dazu. Ohne das Museum kann man dieses Denkmal für die ermordeten Juden Europas meiner Meinung nach nicht vollständig verstehen. Es hat eine Kraft, die tief ins Herz geht. Ich stehe umringt von hohen dunklen Betonstelen. Eine erdrückende Gleichzeitigkeit von Licht und Dunkelheit. Die Schatten der Vergangenheit lauern hinter jeder Ecke genau wie die Hoffnung auf eine friedvolle Zufkunft für alle Menschen. Das Licht reicht bis zum Boden und lässt einen Löwenzahn wachsen. Was für ein schönes Bild voller Zuversicht.

„Alles fließt“ – die Spree durchzieht die Stadt wie eine Lebensader. Immer wieder treffe ich auf sie und schaue den Menschen dabei zu, wie sie diesen Fluß genießen. Beim Regierungsviertel haben wir nach einer Stärkung im Biergarten genug Zeit, um das Wasser und die Gebäude in Szene zu setzen. Ich liebe es auf der großen Fußgängerbrücke zu stehen und den vorbeifahrenden Schiffen und Ausflugsbooten zuzuschauen. Die vielen Geschichten, Gedanken und Gefühle der Passagiere fließen in Sekundenschnelle an mir vorbei.

ratio et emotio Die Augen geschlossen, sehe ich Bilder meiner Vergangenheit. Höre die Musik verflossener Landschaften, genieße den Hauch der Zeit. Die Ohren abgeschaltet, die Melodie der Farben, höre die Sonnengeige spielen. Erlebe eine Welle des Lebens, des Klangs rauschender Wandel der Bilder. Den Atem angehalten, rieche ich den Duft der Zeit, den Duft des Ortes. Gestalte eine Welt der Düfte, jeder Schatten, jedes Ereignis ein Geruch des Ganzen. Öffne wieder alle Sinne; alles verwebt sich, alles fließt in einen flüchtigen Eindruck des Göttlichen. Kann Seelenfarben hören, kann das Menschsein spüren, will sehen können, die Liebe des Seins.

© Oliver Lösch

Das Licht bei der James Simon Galerie zaubert Scherenschnittschatten für mich. Sommer in seiner perfekten Art und Weise. Der Asphalt strahlt die Hitze des Tages in alle Ecken des Gebäudes. Man wünscht sich einen Regenschauer herbei, der den Staub von den Straßen wäscht und die Luft erfrischt. Drei Frauen aus Halle lassen sich auf meine Kamera ein, bevor sie zu einer Bootstour aufbrechen. Sie lachen und strahlen eine Leichtigkeit aus, die ich im Südwesten der Republik immer vermisse. Das Mädchen aus Shanghai tanzt für uns auf den Stufen des Museums. Sie lässt der Freude freien Lauf. frei sein- in Berlin Worte mit Bedeutung.

Nur einen einzigen Schritt kostet es dich, diesen Sommer zu erleben. Geh‘ hinaus und schon bist du mittendrin in diesem Sommer!

© Irina Rauthmann

Oman – Begegnungen erwünscht

Sur – Ras Al Hadd – Jinz Beach

Mit Yoga startet sie gerne in den neuen Tag. Die Morgensonne taucht die Bergkette in wärmendes Licht. Ein majestätischer Anblick. Heute führt die Wegstrecke entlang der Küstenlinie weiter nach Südosten. In Sur macht sie am Souq Halt, der zur Mittagszeit nur Stille und wenig geöffnete Läden zu bieten hat. Bei den Gebetsräumen für Frauen findet sich immer eine Toilette. In den Schaufenstern der engen Gassen sieht sie farbenfrohen Kleider mit viel Glanz. Die Schneiderei- und Nähkunst der Eingewanderten aus Indien ist hier sehr gefragt. Ab und zu schleicht eine Katze vorbei, die schnell wieder hinter der nächsten Ecke verschwindet.

Der Strand auf der andereren Seite ist um diese Zeit ebenso verwaist wie die engen Gassen um den Souq. Über die Hauptstraße rollen nur wenige Fahrzeuge. Sur macht Pause und alles scheint ein Nickerchen zu halten.

Die Möwen starren auf die Wellen und lassen sich den erfrischenden Wind durch die Federn wehen. Sie wird sich eine Gaststätte suchen um den aufkommenden Hunger zu stillen. In der Nähe findet sie das Al Hawash Restaurant direkt am Strand mit einem weiten Ausblick über die Bucht von Sur. Er duftet nach gebratenem Fisch, Gewürzen und Fladenbrot, bis der in dicken Nebelschwaden angezündetet Weihrauch all diese Düfte überlagert. Vielleicht ist es ein Zeichen von Wohlstand, immer genügend Weihrauch zu besitzen.

Am Strand trifft sie eine Familie, die ihren Kindern beim Planschen im Meer zuschauen. Sie können nur ein paar Worte in ihrer Sprache. Trotzdem versteht man sich irgendwie. Gerne würde sie mit den Frauen im Oman in Kontakt kommen. Ihre Geschichten erfahren, von ihren Träumen und Sehnsüchten hören. Im Straßenbild sind sie selten allein anzutreffen, was es schwierig macht sie anzusprechen.

In Sur findet sie die letzte Dhow Manufaktur des Landes. Die ungewöhnlichen Schiffe reisten einst bis Sansibar oder Singapur, um Waren in der Welt zu verteilen. Das Museum beherbergt eine Werkstatt und eine Ausstellung zur Geschichte. Sie kann die riesigen Schiffe bestaunen, die dort zur Reparatur oder zum Bau wie gestrandete Wale hinter dem Zaun liegen. Wartend auf den Einsatz in den nahen Wellen. Die Arbeiter habe heute frei, nur wenige andere Reisende verlaufen sich auf dem großen Gelände.

Nach einer nicht allzu langen Fahrt kommt sie in Ras Al Hadd an. Der Ort liegt am östlichsten „Knick“ des Küstenverlaufs des Oman, genau dort wo sich der Golf von Oman und das Arabische Meer berühren. Wahrscheinlich habe sich die vielen Schildkröten gerade aus diesem Grund diesen Ort ausgesucht, um zur Ablage der Eier immer wieder hier hin zu schwimmen. Das Schauspiel ist immer von Mai bis September zu beobachten, da muss sie wiederkommen, irgendwann.

Ohne Hast geht der Tag seinem Ende entgegen. Die Bewohner der Stadt kommen an den Strand. Ob sie diese besondere Stunde, in der die Sonne hinter den Horizont taucht, ebenso schätzen wie sie? Der Ruf des Muezzin ist überall zu hören, hier am Wasser nur leise. Als ob er mit den Wellen aufs Meer hinaus getragen wird.

Sei hastig nie, auch wo du Hast hast; denn seine Ruhe liebt, wer Hast hasst. al-Hariri (1054 – 1122)

Vom Dach der Unterkunft aus bestaunt sie in alles Frühe den Sonnenaufgang. Sie kann nicht genug bekommen von der Kraft dieses Sterns. Sie speichert die Wärme tief im Inneren, der Sommer zu Hause ist noch in weiter Ferne. Gleich morgens macht sie sich auf, um der kleinen Stadt beim Aufwachen zu zuschauen. Und hofft auf Einblicke in den Alltag der Menschen, die hier leben.

Sie parkt das Auto vor dem kleinen Supermarkt an der Hauptstraße, um sicher zu gehen es wiederzufinden. Kauft Obst und Fladenbrot, um sich dann in den kleinen Gassen umzuschauen. Der Boden ist sandig, die Häuser nur einstöckig. Wie in eine andere Zeit versetzt. Es ist unheimlich ruhig, niemand ist unterwegs. Sie fotografiert einige der Türen, die hier mit Liebe zum Handwerk verziert sind. Eine junge Frau verschwindel schnell hinter einer der mächtigen Holztüren, warte doch auf mich.

Wie aus dem Nichts stehen drei Kinder neben ihr und deuten mit ihren Händen ihnen zu folgen. Sie führen sie zu den beiden Pferden, die ganz in der Nähe in einem kleinen Gatter untergestellt sind. Neugierug bestaunen sie die Bilder auf dem Telefon, die sie ihnen zeigt. Jetzt ist das Eis gebrochen, sie soll mitkommen, der Vater wartet schon an der Tür. Mit einem kleinen Hai in der Hand, den der Sohn gerade aus dem Meer gezogen hat. Abendessen für die Familie. Hinter der Tür öffnet sich ein Innenhof, der zum Teil überdacht ist. Hier sitzen drei Frauen auf dem Boden und laden sie zu Kaffee und Datteln ein. Sie sind verschleiert und erst als der Hausherr die Runde verlässt zeigen auch sie ihre Gesichter. Lächeln sie an und freuen sich über den Gast, den der Zufall ihnen heute ins Haus gebracht hat. Nur ein paar Brocken in englisch kann sie mit der größeren Tochter austauschen, die versucht zu übersetzen. Die Kommunikation funktioniert über Blicke und Gesten trotzdem irgendwie.

Unbedingt wollen die Kinder sie zum Auto begleiten. Die zuvor gekauften Äpfel verschenkt sie gerne, das kleinste Mädchen beißt sofort hinein.

Die Tage am Meer zu verbringen ist ein großes Geschenk auf dieser Reise und dank des Allradfahrzeugs kommt sie an Strände, die nicht für alle zugänglich sind. Der Al Jinz Strand ist zu dieser Jahreszeit noch zugänglich. Erst wenn die Schildkröten wieder zur Eiablage an Land kommen, wird dieser gesperrt und nur geführte Touren sind dann noch möglich.

Außer drei Fischern ist an diesem Tag keiner dort. Das Wasser ist glasklar, erfrischend und strahlt in allen Blau- und Grüntönen mit jeder Welle anders. Die Männer sind zum Arbeiten hier und zeigen auf die roten Fahnen draußen im Wasser. Dort sind die Netze, die sie für den Fang ausgelegt haben. Mit einem Motorboot fahren zwei der Männer hinaus und schaffen es zu Dritt gerade so, das Boot über die erste Welle zu bringen.

Der Bootsbesitzer ist interessiert an einem Gespräch und sie tauschen einige Geschichten über ihre so unterschiedlichen Länder aus. Die Liebe zum Meer und der Natur verbindet sie trotz der unterschiedlichen Bedeutung ihres Aufenthaltes dort. Für ihn ist es der Arbeitsplatz. Für sie ein Sehnsuchtsort mit langer Anreise. Viele der Menschen, die sie im Oman trifft, kennen Orte in ihrem Heimatland und natürlich die Fußballclubs.

Bevor es am nächsten Tag weiter geht, nutzt sie den frühen Morgen noch einmal für einen Ausflug an den Fischerstrand direkt am Ort. Seltsam ruhig ist es dort, niemand ist um diese Zeit hier, was wohl bedeutet, dass der Fang schon eingeholt wurde oder die Netze leer blieben. Viele Hütten in den unterschiedlichsten Ausfertigungen stehen über den hinteren Bereich verstreut. Manche sehen ziemlich abenteierlich aus, zusammen genagelt aus Brettern und Treibgut. Netze und Behälter für den Fisch sind reichlich vorhanden. Und dazwischen immer wieder kleine Plätze und Nieschen mit Matten zum Schlafen für die Fischer. Kurz bevor sie den Ort verlassen will, kommt doch noch ein Auto gefahren. Die drei Männer nehmen kurz Notiz von ihr und der Kamera, verschwinden allerdings gleich in einem der Verschläge und schließen hinter sich das Gatter. Sie wollen keinen Kontakt und das respektiert sie.

Zumeist liegt das ganze Gewicht der Welt im winzigen Augenblick der Begegnung. – Roman Pfüller

Meet Me In Dresden

Wo ihr auch seid Ob in Hamburg oder Gießen: Leute, lasst euch nicht verdrießen! Ob in Dresden oder Zossen: Macht’s ebenso, seid unverdrossen! Wo ihr auch seid in Ost und West: Das Leben sei ein großes Fest!

Wolfgang Lörzer

Die Straßenfotografenszene ruft nach Dresden – zum Meet & Street. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kann ich ein paar Tage in der Stadt verbringen und werde direkt in meine Jugend zurück katapultiert. Dresden du Schöne! Begrüßt mich erst mit Regenschauern, um dann wieder versöhnlich die Hitze in den Tag zu werfen. Ich ziehe durch die Stadtteile, laufe über und unter Brücken, an Orte die lange im Gedächtnis vergraben waren und doch sofort wieder vertraut sind. Das Rundkino – hier habe ich „Schindlers Liste“ gesehen und mit allen anderen Zuschauern geweint und das Popcorn wieder mit nach Hause genommen. Am Neumarkt ist Weinfest, hier stand im Sommer vor zwanzig Jahren das EPlus Zelt, in dem ich mein erstes Handy kaufte. Im Bäzwi (Bärenzwinger) wurde getanzt und an den Elbwiesen so mancher Kuss ausgetauscht. Du sprühst vor Leben, Kultur und hast deinen Charme aus DDR Zeiten bewahrt. Die Plattenbauten, Springbrunnen und die opulenten Wandbilder sind heute Kult und laden zum Entdecken ein. Es ist nicht schwer sich immer wieder in dich zu verlieben. Ich wäre gerne länger geblieben! Wiederkommen und bleiben ist eine schöne Idee.

Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und leichtesten, wenn auch am leisesten vor sich.

Wilhelm von Humboldt

Am Abend Weißt du denn – wenn auf Baum und Strauch Das Astwerk zittert und sich sträubt, Und wenn der leicht gewellte Rauch An einer Wetterwand zerstäubt – Ein scheuer Vogel ohne Laut An dir vorbei die Flügel schlägt, Und Wolke sich an Wolke baut – Wohin dein wilder Wunsch dich trägt? Weißt du denn, wenn nun alle Welt Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt, Und deine Sehnsucht dich befällt, – Wo deine eigne Heimat liegt?

Hedwig Lachmann

Ich mochte schon immer Orte, die nicht perfekt sind, die mit einer gewisses spröden Nostalgie an jeder Ecke kleine Geschichten erzählen. Typen, die sich in diesen Orten verstecken oder sich zur Schau stellen. Und ich mag tatsächlich auch die stillen Momente, die oft in den großen Städten nur in den Seitenstraßen oder an Regentagen zu finden sind. Der Sonntag ließ die Sonne in die Stadt, den Trubel, die Musik, das Klappern der Pferdekutschen in der Altstadt, die Freude sich mit Freundinnen treffen zu können und einen unbeschwerten Tag zu verbringen. Ich weiß um dieses Glück und schätze es innig.

Augen beben leicht vor Sehnsucht Haut fleht um Geborgenheit Herzen – Heimweh nach Vertrauen wollen nur noch Seele sein

Hans-Christoph Neuert

Im Wort – Fremd – bin ich – Hier – und dort – Daheim – bin ich – Nur – im Wort.

Michael Sebörk

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.

Chrétien de Troyes

Als der Tag dem Ende und einem Abschied entgegenfließt, die Farben weich und warm werden, kann ich mich gut damit versöhnen. Wer geht, kommt wieder. Wer wiederkommt, geht. Noch ist das Bleiben nicht ausgehandelt, noch ist die Zeit nicht gekommen. Mein ruheloses Herz findet in den Menschen Halt, nicht an den Orten. Mein Haus steht offen, wer mag kann kommen, gehen oder eine Weile bleiben.

Wichtiger, als wohin du kommst, ist, als wer du kommst; daher dürfen wir unser Herz an keinen Ort hängen.

Lucius Annaeus Seneca

Tschüssi du Schöne!