Hot Hot Spot-On Berlin – Erster Tag

Du bist verrückt mein Kind, Du mußt nach Berlin. Wo die Verrückten sind, dort gehörst Du hin.

Aus Berlin

Was gibt es Schöneres, als an kalten Wintertagen den Sommer zurückzuholen? Mit Bildern im Kopf und auf der Festplatte, mit Gedanken und Wörtern, die aus einem sprudeln, wie das Wasser im Brunnen am Alexanderplatz. Berlin ist heiß in diesen Tagen im August, die Menschen suchen Schatten, sitzen in Cafés und genießen kühle Getränke oder Softeis. Tauben kreisen über ihren Köpfen. Die finden Abkühlung und stillen ihren Durst am Wasserspiel unter dem Fernsehturm, dem die Hitze scheinbar egal ist. Das Metall seiner Aussichtskugel glänzt gegen den azurblauen Himmel und die schon etwas abblätternde weiße Farbe strahlt wie ein Brautkleid.

Was gibt es Schöneres an diesem Sommerabend entlang der Spree zu flanieren, einen für diese Stadt typischen Biergarten zu finden und den Menschen beim Flamenco Tanz zuzuschauen. „Gestrandet an der Jannowitzbrücke“ ist der perfekte Ort dafür.

Erst wenn’s zappenduster ist, geht uns ein Licht auf. (Aus Berlin)

Leise drückt sich die Sonne hinter den Horizont. Legt ein schmeichelndes Licht über die Straßen und Häuser. Nur langsam wird diese Nacht in den nächsten Tag hinübergleiten. Berlin schläft nicht.

Wir treffen uns am Potsdamer Platz! Neun Uhr! Geladene Akkus! Leere Speicherkarten! Wasser und bequeme Schuhe! Im Fokus für die nächsten zwei Tage – das Licht. Dominic hat uns am Nachmittag davor erklärt, was wir üben werden und steigt mit uns in den tiefer liegenden U-Bahnhof. Harte Schatten – Licht – Situationen. Natürliches und künstliches Licht. Die Spannung und Vorfreude ist bei allen zu spüren.

Die Leichtigkeit des Sommers ist auch in der Dunkelheit zu sehen. „Sie trinkt im Laufen Ihren Eiskaffee, bevor die Hitze oben auf der Straße alle Eiswürfel dahinschmelzen wird.“ „Ich brauche etwas Abkühlung.“ denkt die ältere Frau, die auf ihrem Rücken eine Werbefahne für Hop-On-Hop-Off-Touren trägt. Es ist wie ein Katz und Maus Spiel mit der lieben Sonne. „Wir treffen uns in fünf Minuten am Ausgang A.“ ließt die Frau mit der roten Tasche auf ihrem Smartphone. Genau im richtigen Augenblick möchte ich sie erwischen, im kurzen Augenblick zwischen Licht und Schatten. Es glückt!

Liebe ist das Licht, das jede Dunkelheit erhellt.

Irina Rauthmann

Das nächste Ziel ist das ganze Gegenteil von Leichtigkeit. Ich kenne diesen Ort und die Ausstellung dazu. Ohne das Museum kann man dieses Denkmal für die ermordeten Juden Europas meiner Meinung nach nicht vollständig verstehen. Es hat eine Kraft, die tief ins Herz geht. Ich stehe umringt von hohen dunklen Betonstelen. Eine erdrückende Gleichzeitigkeit von Licht und Dunkelheit. Die Schatten der Vergangenheit lauern hinter jeder Ecke genau wie die Hoffnung auf eine friedvolle Zufkunft für alle Menschen. Das Licht reicht bis zum Boden und lässt einen Löwenzahn wachsen. Was für ein schönes Bild voller Zuversicht.

„Alles fließt“ – die Spree durchzieht die Stadt wie eine Lebensader. Immer wieder treffe ich auf sie und schaue den Menschen dabei zu, wie sie diesen Fluß genießen. Beim Regierungsviertel haben wir nach einer Stärkung im Biergarten genug Zeit, um das Wasser und die Gebäude in Szene zu setzen. Ich liebe es auf der großen Fußgängerbrücke zu stehen und den vorbeifahrenden Schiffen und Ausflugsbooten zuzuschauen. Die vielen Geschichten, Gedanken und Gefühle der Passagiere fließen in Sekundenschnelle an mir vorbei.

ratio et emotio Die Augen geschlossen, sehe ich Bilder meiner Vergangenheit. Höre die Musik verflossener Landschaften, genieße den Hauch der Zeit. Die Ohren abgeschaltet, die Melodie der Farben, höre die Sonnengeige spielen. Erlebe eine Welle des Lebens, des Klangs rauschender Wandel der Bilder. Den Atem angehalten, rieche ich den Duft der Zeit, den Duft des Ortes. Gestalte eine Welt der Düfte, jeder Schatten, jedes Ereignis ein Geruch des Ganzen. Öffne wieder alle Sinne; alles verwebt sich, alles fließt in einen flüchtigen Eindruck des Göttlichen. Kann Seelenfarben hören, kann das Menschsein spüren, will sehen können, die Liebe des Seins.

© Oliver Lösch

Das Licht bei der James Simon Galerie zaubert Scherenschnittschatten für mich. Sommer in seiner perfekten Art und Weise. Der Asphalt strahlt die Hitze des Tages in alle Ecken des Gebäudes. Man wünscht sich einen Regenschauer herbei, der den Staub von den Straßen wäscht und die Luft erfrischt. Drei Frauen aus Halle lassen sich auf meine Kamera ein, bevor sie zu einer Bootstour aufbrechen. Sie lachen und strahlen eine Leichtigkeit aus, die ich im Südwesten der Republik immer vermisse. Das Mädchen aus Shanghai tanzt für uns auf den Stufen des Museums. Sie lässt der Freude freien Lauf. frei sein- in Berlin Worte mit Bedeutung.

Nur einen einzigen Schritt kostet es dich, diesen Sommer zu erleben. Geh‘ hinaus und schon bist du mittendrin in diesem Sommer!

© Irina Rauthmann

Meet Me In Dresden

Wo ihr auch seid Ob in Hamburg oder Gießen: Leute, lasst euch nicht verdrießen! Ob in Dresden oder Zossen: Macht’s ebenso, seid unverdrossen! Wo ihr auch seid in Ost und West: Das Leben sei ein großes Fest!

Wolfgang Lörzer

Die Straßenfotografenszene ruft nach Dresden – zum Meet & Street. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kann ich ein paar Tage in der Stadt verbringen und werde direkt in meine Jugend zurück katapultiert. Dresden du Schöne! Begrüßt mich erst mit Regenschauern, um dann wieder versöhnlich die Hitze in den Tag zu werfen. Ich ziehe durch die Stadtteile, laufe über und unter Brücken, an Orte die lange im Gedächtnis vergraben waren und doch sofort wieder vertraut sind. Das Rundkino – hier habe ich „Schindlers Liste“ gesehen und mit allen anderen Zuschauern geweint und das Popcorn wieder mit nach Hause genommen. Am Neumarkt ist Weinfest, hier stand im Sommer vor zwanzig Jahren das EPlus Zelt, in dem ich mein erstes Handy kaufte. Im Bäzwi (Bärenzwinger) wurde getanzt und an den Elbwiesen so mancher Kuss ausgetauscht. Du sprühst vor Leben, Kultur und hast deinen Charme aus DDR Zeiten bewahrt. Die Plattenbauten, Springbrunnen und die opulenten Wandbilder sind heute Kult und laden zum Entdecken ein. Es ist nicht schwer sich immer wieder in dich zu verlieben. Ich wäre gerne länger geblieben! Wiederkommen und bleiben ist eine schöne Idee.

Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und leichtesten, wenn auch am leisesten vor sich.

Wilhelm von Humboldt

Am Abend Weißt du denn – wenn auf Baum und Strauch Das Astwerk zittert und sich sträubt, Und wenn der leicht gewellte Rauch An einer Wetterwand zerstäubt – Ein scheuer Vogel ohne Laut An dir vorbei die Flügel schlägt, Und Wolke sich an Wolke baut – Wohin dein wilder Wunsch dich trägt? Weißt du denn, wenn nun alle Welt Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt, Und deine Sehnsucht dich befällt, – Wo deine eigne Heimat liegt?

Hedwig Lachmann

Ich mochte schon immer Orte, die nicht perfekt sind, die mit einer gewisses spröden Nostalgie an jeder Ecke kleine Geschichten erzählen. Typen, die sich in diesen Orten verstecken oder sich zur Schau stellen. Und ich mag tatsächlich auch die stillen Momente, die oft in den großen Städten nur in den Seitenstraßen oder an Regentagen zu finden sind. Der Sonntag ließ die Sonne in die Stadt, den Trubel, die Musik, das Klappern der Pferdekutschen in der Altstadt, die Freude sich mit Freundinnen treffen zu können und einen unbeschwerten Tag zu verbringen. Ich weiß um dieses Glück und schätze es innig.

Augen beben leicht vor Sehnsucht Haut fleht um Geborgenheit Herzen – Heimweh nach Vertrauen wollen nur noch Seele sein

Hans-Christoph Neuert

Im Wort – Fremd – bin ich – Hier – und dort – Daheim – bin ich – Nur – im Wort.

Michael Sebörk

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.

Chrétien de Troyes

Als der Tag dem Ende und einem Abschied entgegenfließt, die Farben weich und warm werden, kann ich mich gut damit versöhnen. Wer geht, kommt wieder. Wer wiederkommt, geht. Noch ist das Bleiben nicht ausgehandelt, noch ist die Zeit nicht gekommen. Mein ruheloses Herz findet in den Menschen Halt, nicht an den Orten. Mein Haus steht offen, wer mag kann kommen, gehen oder eine Weile bleiben.

Wichtiger, als wohin du kommst, ist, als wer du kommst; daher dürfen wir unser Herz an keinen Ort hängen.

Lucius Annaeus Seneca

Tschüssi du Schöne!

Passion Paris – Tag 3

Er ist nichts als Tauben, Liebste, und die brüten ihm heißes Blut, und heißes Blut erzeugt heiße Gedanken, und heiße Gedanken erzeugen heiße Werke, und heiße Werke sind Liebe.

William Shakespeare

Der neue Tag wirft ihr ein zauberschönes Licht ins Fenster, dass sie festhalten und mitnehmen möchte. Sie kann sich sehr gut vorstellen, hier in dieser ruhigen Straße für immer aufzuwachen. Die Sprache zu lernen und Teil dieser unerschöpflich großen Vielfalt an Kultur, Kunst und Leben zu werden. Ausgeschlafen und gestärkt geht sie zu Fuß in Richtung des kleinen Canal Saint – Martin. Das quirlige Viertel, dass sie durchqueren wird, pusliert in jeder Straße wie die Adern im Körper. Die Sonne lockt alle nach Draußen, die heute etwas zu erledigen haben. In den Geschäften, Cafés und Brasserien werden Neuigkeiten zum Kaffee ausgetauscht, Ware über die Theken geschoben oder herzhaft diskutiert. Hier und da zieht der Geruch von Zigaretten an ihrer Nase vorbei und sie traut sich nach einem Foto zu fragen. Ein Graffitikünstler aus Peru erneuert das Werk eines Kollegen, das Farbe verloren hat und teilweise beschmiert wurde. Zwei Tage nimmt er sich dafür Zeit, das Ergebnis kann sie kurz vor der Abreise betrachten.

Der kleine Kanal wirkt wie eine Oase in diesem Viertel, das Wasser dämpft gefühlt die Geräusche und spiegelt die prachtvollen Hausfassaden auf der Oberfläche. Um auf die andere Seite zu gelangen, spannt sich die zarte Brücke Passerelle Arletty im Bogen über das Wasser, umrahmt von Bäumen, die Schatten spenden und jetzt schon langsam ihr Blätter abwerfen. Enten eilen herbei in Erwartung eines Frühstücks, das leider ausbleibt. In den kleinen Gassen ist es ruhiger, die Restaurants und Bars sind noch geschlossen, auch der Buchladenbesitzer scheint heute lieber im Straßencafé zu sitzen. Allein die Bäckerei ist gut besucht, wie eigentlich überall in der Stadt. Schon allein wegen diesen unzählig über sämtliche Arrondissements verteilten nach Kindheit duftenden Backstuben würde sie sofort ihren Koffer hier lassen.

In einer der ruhigen Straße liegt eine große Matratze mitten auf dem Gehweg, direkt neben dem Eingang zum Gesundheitzerntrum. Darauf ein Mann, wildes Haar, Bart, ohne Bekleidung unter seiner Decke, ein Comicbuch in der Hand. Sie spricht ihn an, ob ihm nicht kalt sei. Er zeigt auf seine Tüten mit alter Kleidung und schüttelt den Kopf. Überall in der Stadt sieht sie Obdachlose, die auf Matratzen leben. Andere schieben ihr Hab und Gut in alten Einkaufswägen oder Buggys durch die Straßen. Sie gibt ihm Geld für Essen, er bedankt sich und ein kleiner Schimmer huscht über seine Augen. Das Lied von Katja Werker „Rette, was zu retten ist“ geht ihr durch den Kopf – „Wer, wenn nicht du, kennt die Richtung? Wer wenn nicht du, hält das Lot? Wer, wenn nicht du, ist der Käpten auf deinem Boot? …“

Nahtlos geht der Vormittag in den Nachmittag über … die Sonne wärmt den Oktober wie einen Augusttag. Hoch oben auf dem Hügel des Montmartre thront die Basilika Sacré-Cœur, deren helle Türme alle blenden, die heute den Aufstieg nach oben wagen. Sie umrundet diesen Schauplatz vom Heiligsten Herzen, streift alle Himmelsrichtungen und kreuzt die ausgetretenen üblichen Pfade. Die Schönheit des Bauwerkes könnte ablenken, wenn sie nicht den Blick für die Nebenrollen hätte für die, deren Bedürfnisse befriedigt werden wollen; Liebe, Hunger, Sucht, Aufmerksamkeit. Das Schauspiel der Menschlichkeit darf nicht verpasst werden.

Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.

Christian Morgenstern

Für die eigenen Gelüste stattet sie dem Café Chez Ginette einen Besuch ab, um danach den Tag auf der Bir-Hakeim Brücke zu beschließen. Diese bietet seit 1878 (Eröffnung der Weltausstellung) auf einer Länge von 360 Metern über die Seine einen für viele Schaulustige und Hochzeitspaare optimalen Blick auf den Eifenturm. Wie gerne würde sie sich für eine Stunden in diese Zeit zurück senden lassen. Nur um zu sehen, wie die Menschen damals mit diesem Bauwerk umgegangen sind. Die heutigen theatralisch in Szene gesetzten Fotoaufnahmen der Braut- und Liebespaare belächelt sie ein wenig.

Nicht entgehen lassen wollte sie sich die Lichter der Nacht rund um die Eisenbrücke. Der Sonnenuntergang läutet das Spektakel am Wahrzeichen von Paris ein. Er funkelt und glitzert als ob er den Weihnachtsbäumen Konkurrenz machen muss. Die Kälte des Abends zieht unter ihre Haut, Zeit diesem Tag das Ende zu gönnen.

Paris Passion – Tag 1

Die Frage, warum sie erst knapp vor ihrem 50. Geburtstag Paris mit dem ersten Besuch in ihrem Leben beehrte, kann sie sich selbst nicht beantworten. Vielleicht wollte sie das liebgewonnenen allgegenwährtige Bild von der Stadt der Liebe, der Romantik, der Kunst und des freien Lebens nicht verlieren. Nicht enttäuscht werden, wenn dieses Bild in ihrem Kopf nach zahlreichen Berichten, Filmen und Texten ein ganz anderes, zu realitstisches Bild des Hier und Jetzt werden würde. Dennoch schlug das Herz sofort höher, als die Idee geboren war, der Termin feststand und der TGV im so schön klingendenen Gare de l’Est einfuhr. Und als sie den typisch kleinen Balkon ihres Hotelzimmers im 5. Stock betrat, um den Blick hoch über de Rue Pierre Semard schweifen zu lassen, konnte sie sehen, dass die Realität des Hier und Jetzt ganz wunderbar war.

Paris fühlte sich an wie eine schon immer dagewesene tiefe Liebe. Es war wie ein Wiedersehen mit einer noch Unbekannten. Alles strahlte dort in ihr, diese dichte Atmosphäre aus Trubel, Schönheit, Licht und Wärme füllte sofort ihren Körper und ihre Seele aus. Jeder Blick fühlte sich an, als ob sie die Geschichte dahinter sofort in sich aufsaugen musste. Es errinnerte sie an ihren Lieblingsfilm, im dem dieser Zustand, die Hauptdarstellerin alles Erlebte, Sichtbare und Unsichtbare in hörbaren Gedanken für die Zuschauer beschreibt.

„Ein Mann sitzt mit gelb karriertem Basecap auf einem der fünf knallgelben Plastikstühle in der Metrostation, lässig hat er sein rechtes Bein übergeschlagen, in seiner Hand hält er ein Telefon, auf dem gerade die Nachricht eingeht, dass sein bester Freund vor einer Stunde seine Beziehung beendet hat. Leider kann er den erstaunten Gesichtsausdruck der über ihm auf der Plakatwand abgebildeten jungen Frau, die Webung für ein großes Kaufhaus macht, nicht annähernd so gut nachahmen, obwohl das im Angesicht dieser Nachricht angemessen wäre.“

Ein erster Ausflug in die unbekannte und doch irgenwie vertraute Stadt führt sie zum Place de l’Hôtel de Ville, dort steht das impossante Rathaus, erbaut im Stil der Neorenaissance. Am Nachmittag wird dieser Ort von Einheimischen und Touristen umsäumt. Eilig hasten einige am prachtvollen Gebäude vorbei, an dessen Fassade noch Spuren von den Olympischen Spielen im August zu sehen sind. Eine Schar Kinder ist verzaubert vom Seifenblasenkünstler, der immer wieder große oder kleine bunt schimmernde Illusionen in die Luft entlässt, deren Leben schon nach Sekunden zerplatzt.

„Ein Paar läuft Hand in Hand von links nach rechts, sie trägt einen weißen Rock zum roten Pullover. Es fehlt nur die blaue Mütze für die Farben der französichen Flagge. Ganz in schwarzem Leder gekleidet steht eine Frau mit ihrem Fahrrad geduldig an einer roten Ampel. Eine andere Frau trägt gelbe Schuhe mit schwarzen Streifen und macht ein Foto vom Rathaus. Schnellen Schrittes schlängelt sich eine Frau bekleidet mit einem weißen Tüllrock mit roten Tupfen zwischen den Menschen hindurch. Wahrscheinlich hat sie deshalb die Laufschuhe an. Sie alle begegnen sich für einige Sekunden an diesem Ort , bevor sie wieder in ihren Leben verschwinden. Vermutlich haben sie nicht einmal Notiz voneinander genommen, nur ihre Kamera hat diese Momente festgehalten.“

Yonathan strahlte sie an wie eine außerirdische Sonne, das Gelb seiner Jacke tat fast schon weh in ihren Augen und passte doch so wunderbar zum Plakat auf der Litfaßsäule hinter ihm. Und, er rauchte! Sie musste ihn ansprechen, weil es ein Thema für Paris war, Raucher vor die Kamera zu bringen. Er fand es außergewöhnlich, dass sie sich dafür interessierte. Sie wusste, dass die Kamera ihr schon oft die Kontaktaufnahme erleichtert hatte und dankte ihm mit dem Versprechen die Bilder nach ihrer Rückkehr zuzusenden .

Notre Dame – Unsere Liebe Frau – nur von außen zu Bestaunen. Der Brand wurde gelöscht, die Wunden zu heilen dauert länger. Kräne ragen um die Kathedrale in den Himmel, was ihrer Schönheit dennoch keinen Abbruch tut. Sie nimmt Platz auf der temporären Tribüne gegenüber dem Hauptportal und versinkt in die detailreichen Verzierungen, die Steinmetze und Bildhauer Jahrzehnte lang geformt haben.

„Die Taube hat sich aufgeplustert im Schlaf, vielleicht findet es sie gemütlicher so, nimmt keine Notiz von den vielen Menschen um sie herum. Geliebt, gehasst, verehrt, verachtet … das ist ihr gerade egal. Sie balanciert mit den roten Beinchen auf dem Geländer. Wenn es ganz still wäre, könnten alle ihr leises Schnarchen hören. Können Tauben schnarchen? Dem bärtigen Mann mit Brille und blauer Jacke scheinen die Taube und die Kirche nicht zu interessieren. Er steht direkt im Sichtfeld aller Zuschauer, gefangen im Nachrichten-Bilder-Strom, der unaufhörlich seine Aufmerksamkeit fordert.“

Der Weg führt entlang der Seine, dem ewigen Strom durch die Stadt. Sie sieht Boote voll mit Menschen. Brücken so weit das Auge reicht. Die Uferseiten bebaut mit herrlichen Gebäuden. Es ist ein Gewusel! Von allen Seiten Passanten, Hunde, Fahrräder, Autos, Geräusche, Musik, Düfte, Bilder, Geschichten. Pures Leben.

Sie mag diese Mischung aus Allem. Diese Vielfalt der Kulturen, die sich locker und leicht zu vermischen scheinen. Selbst auf den Fahrrädern sind die Menschen mit Stil unterwegs, jede Straße und Gasse wie ein kleiner Laufsteg. Keiner wird bewertet. Die kleine Combo auf der Insel Saule Pleureur de la Pointe unterhalb der Pont Neuf probt unter freiem Himmel. Die Musik ist weit entfernt noch zu hören, hat Kraft und Energie. Ein Moment, genau richtig, ihn jetzt in ihrem warmen Herz zu verankern.

„Im Oberdeck vom Bus scheint die Sonne etwas länger in die Gesichter der Passagiere. Der junge Mann mit Mütze und Kaputze über dem Kopf scheint schon zu frieren auf dem Weg zu seiner Verabredung. Einsam baumelt ein hellbrauner Schuh an einem Laternenpfahl, lost and never found. Lässig auf dem Geländer sitzend wartet der Junge mit seinem Rad unweit der Brücke. Der nächste Song in seinen Ohren wird Ne te regarde pas sein“

Der Blinde

Sieh, er geht und unterbricht die Stadt, die nicht ist auf seiner dunklen Stelle, wie ein dunkler Sprung durch eine helle Tasse geht. Und wie auf einem Blatt ist auf ihm der Widerschein der Dinge aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein. Nur für sein Fühlen rührt sich, so als finge es die Welt in kleinen Wellen ein eine Stille, einen Widerstand -, und dann scheint er wartend wen zu wählen: hingegeben hebt er seine Hand, festlich fast, wie um sich zu vermählen.

Rainer Maria Rilke