Zwischen den Kriegen – Israel

Tel Aviv – Photo Walk mit Laurie

Laurie fand ich über das Internet https://israelphotographytour.com/ und zuerst dachte ich, es wäre eine Frau. Falsch gedacht! Und er ist nicht mit Leonard Cohen verwandt ;-)

Wir waren für 9 Uhr am Morgen verabredet und streiften zu zweit durch die interessanten Viertel der Stadt. Neve Tzedek, Florentine und Old Jaffa – wir hatten ca. 4 Stunden vereinbart. Natürlich kamen wir beim Fotografieren ins Gespräch und diskutierten die Weltlage, die Situation im Land und in Tel Aviv. Er kannte die „coolen“ Fotospots, die richtigen Lichtsituationen und natürlich die Sprache. Das half, um zum Beispiel einen Ladenbesitzer für ein Porträt zu gewinnen. Die Zeit verging wie im Flug, nach einem Kaffee in Florentine zeigte mir Laurie noch den Weg nach Jaffa, dem alten Hafen am südlichen Ende der Stadt. Dort gönnte ich mir eine ordentliche Portion Hummus mit Fladenbrot und Salat – frisch schmeckt er einfach am besten.

In Jaffa gibt es sehr viele Restaurants, Cafés und mehrmals in der Woche einen Floh- und Gemüsemarkt. Und weil die alten Gebäude bei Touristen beliebt sind finden sich hier auch viele Straßenhändler. Eliran sprach mich an um zu fragen was ich fotografiere. Schnell entwickelte sich ein längeres Gespräch, er lebte lange Zeit in Kanada und hat jetzt den kleinen Souveniershop seines Vaters übernommen. Doppelte Betondecke, sein privater Schelter für Luftalarm. Er wollte ebenfalls fotografiert werden, was ich gerne tat und ihm versprach die Bilder zu senden, wenn ich zurück bin.

Meistens wird man hier gefragt, welcher Religion man angehört. Dass ich mich keiner zugehörig fühle konnte er nicht verstehen. Er meinte, ich habe noch Zeit mich zu entscheiden und gab mir ein paar Mini-Ausgaben der Bibel in englisch und hebräsch mit, sowie zwei Schlüsselanhänger „Jerusalem“ und „I Love Israel“. Und natürlich kaufte ich bei ihm eine Kette mit einem Anhänger (Hand der Fatima, der Mirjam oder der Maria). Jetzt bin ich beim Tragen der Kette vor den Dschinns (böse Geister) sicher. Der Name Eliran ist hebräisch und bedeutet „Gott ist mein Licht“. Das passt perfekt zu ihm.

Zwischen den Kriegen – Israel

Tel Aviv – Ankunft

ich erinnere mich, an das bekannte Licht – dieser weiche sanfte orange-rote Farbton, der mich umhüllt und schon bald in tiefem Blau verschwinden wird – der Sonnenaufgang im Oman war diesem Sonnenuntergang hier sehr ähnlich – dennoch schlägt das Herz an diesem Abend bei der Ankunft in Tel Aviv anders – aufgeregter – was wird mich erwarten in diesen Tagen, die unerwartet möglich wurden – wie werde ich diese Stadt und ihre Bewohner erleben nach Jahren des Krieges und der vielen Wunden in den Herzen –

ich erinnere mich, an den ersten Morgen in der noch fremden Stadt, die Straßen leer, gespenstische Stille – ich erinnere mich, an einen älteren kleinen Herren, der mir seinen Arm zeigte, auf dem eine Adresse in hebräisch notiert war, die er wohl suchte – ich konnte ihm nicht helfen und er bedankte sich dennoch mehrmals mit einem Lächeln bei mir

Er kennt alle Seitenwege des Herzens! Die Hauptstraße aber ist ihm unbekannt.

Voltaire

ich erinnere mich, an die bedruckten T-Shirts, die gerade am Eingang zum Markt von einem Verkäufer aufgehängt wurden „Turn Hamas To Hummus“ – kann Gewalt mit Humor beendet werden? ich erinnere mich, dass auf dem Markt wie in jeder Großstadt Handel betrieben wurde, für jedes Bedüfnis gab es die passende Ware – ich erinnere mich, an den Duft aus der kleinen Kaffeebar und aus der Bäckerei direkt daneben – ich erinnere mich, an die saftigen Datteln und die herrlich süßen getrockneten Aprikosen, die mit der Verläufer mit Sorgfalt abgewogen und verpackt hat –

ich erinnere mich, an das Lächeln der schönen Frau mit dem Blumenkranz im Haar, ihren Begleiter, der links sein Gewehr und rechts seine Kamera umgehängt hatte, mir unbekannte hier normale Selbstverständlichkeit – ich erinnere mich, an ihre Freude über Touristen in der Stadt und durfte sie fotografieren

Ein verlorener Freund ist eine verwehte Oase, ein wiedergefundener wie ein Sack Datteln, der im Sand liegt.

Unbekannt

ich erinnere mich, an den schwarz-weißen Hund, der seine Nase in die Sonne streckte und vor der Bäckerei auf seinen Besitzer wartete – ich erinnere mich, an meine Überraschung, als dieser mit erzählte, dass er gerade von einer Wanderung durch die Wüste zurückgekehrt ist und sich mit Lebensmitteln eindeckt bevor er nach Hause geht, ich dachte an meine Wanderungen in den Alpen und ließ die Idee, selbst irgendwann in einer Wüste zur wandern, auf mich wirken – sicher ein Abenteuer

Wenn du keine Zeit für die Wüste hast: die Wüste wird schon Zeit für dich finden.

Elmar Schenkel

ich erinnere mich, an die Taube, die perfekt platziert scheinbar nur auf mich gewartet hatte, als ich zum Strand kam, possierte extra lange auf dem Warnschild, ich hatte nicht vor zu schwimmen, andere schon, auch Surfer würde ich diese Woche noch sehen – das Wasser könnte durch Munition verseucht sein – unsichtbare Gefahren – das Meer liegt vor mir wie auf einer Postkarte – die perfekte Täuschung

ich erinnere mich, an das zauberhafte „Suzana“, in dem ich vom Besitzer köstlich gegrillte Aubergine auf Joghurtcreme mit Brot und Salat serviert bekommen hatte – eine Freundin wohnte hier vier Jahre lang direkt gegenüber und gab mir diesen Tipp – die Zeit damals war sicher ebenso spannend und interessant für sie – würde ich hier wohnen wollen? für eine gewisse Zeit? – hätte ich zu viel Angst vor einer neuen Eskalation in der Region – Fragen die ich im Januar ganz anders beantwortet hatte als jetzt im März – ich erinnere mich, an diese friedliche Stunde auf der Terrasse, an mein Lauschen der Gespräche, die ich nicht verstehen konnte, an das Gezwitscher der Vögel, an den leichten Wind, der ab und zu den Duft der Raucher zu mir blies …

In einem zerstörten Lande findet man Unterschlupf; in einem friedlichen Land läßt man sich nieder.

Aus der Mongolei

ich erinnere mich, dass mir gleich am ersten Tag die vielen Landesflaggen in der Stadt aufgefallen sind, Statement, Stolz, Wir-Gefühl? ich erinner mich, dass damals in der DDR, in Indien, Peking und in Singapur die Landesflaggen nicht nur zu besonderen Anlässen an den Gebäuden und Balkonen hingen

Hot Hot Spot-On Berlin Zweiter Tag

First we take Manhattan, then we take Berlin – Leonard Cohen

Was gibt es schöneres als am frühen Morgen allein durch die Straßen einer Großstadt zu ziehen. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Zwei Omis laufen vertieft ins Gespräch am Tanzlokal „Oase Deluxe“ vorbei. Sie nehmen keine Notiz vom vollig Zugedröhnten auf der Parkbank, den entweder der Alkohol oder ein anderes Rauschmittel außer Gefecht gesetzt hat. Die Martkschenke liegt schon eine Weile im Dornröschenschlaf und wartet auf Gäste. Nur die Taube hockt munter auf dem Verteilerkasten und hofft auf einen Krümel der letzten Nacht. Es könnte auch eine Ecke in New York sein. Aber heute erobern wir noch einmal Berlin.

Du hast schon so viel mitgemacht
Du lebst am Tag und lebst bei Nacht
Hast oft geweint, denn es war nie leicht
Doch selbst geteilt, warst du noch eins

Ben Zucker

Die guten Cafés öffnen erst später ihre Türen. Das Backwerk stillt den kleinen Hunger und Durst und hat ein WC. Ich bin allein dort, die anderen Kunden nehmen Ihre Ware mit. Kaffee to go mag ich nicht. Durch die Unterführung ist ein nur noch ein Katzensprung zum heutigen Treffpunkt – Hackescher Markt. Der Himmel über Berlin ist an diesem Morgen noch bedeckt. Für die Spot-On-Bilder wäre Sonne besser, vielleicht lässt sie sich später noch blicken. Bevor alle zusammenkommen habe ich schon einen der Händler vor die Kamera bekommen. Zum Preis eines seiner selbst designten Tshirts mit witzigem Spruch. Für das zweite Portrait benötige ich ein bisschen mehr Zeit und Überredungskunst. Ahsti betreut heute den Kiosk seines Onkels. Direkt in der Unterführung zur U-Bahn verkauft er Getränke, Snacks, Zeitungen und Zigaretten. Seine Heimat ist weit weg, sein Englisch noch gebrochen. Er lässt sich überreden, stellt sich für mich ins Licht und raucht. Ich verspreche ihm, die Bilder per Email zu senden wie ich es schon seit Jahren mache.

Ich
Ich bin dann König
Und du
Du Königin
Obwohl sie
Unschlagbar scheinen
Werden wir Helden
Für einen Tag
Wir sind dann wir
An diesem Tag

Annett Louisan

Das Elend und das Glück liegen hier oft nur eine Straßenecke auseinander. Zwischen Sommertrubel, Einkaufsbummel oder Stadtführung finde ich Szenen die aufwühlen. Für den Schlafenden wurde ein Rettungswagen gerufen. Die Gesellschaft schaut also doch hin und bietet ihre Hilfe an.

Was gibt es schöneres als in eine lustige Hausgemeinschaft zu stolpern, die gerade einen Flohmarkt im Innenhof des Mietshauses vorbereitet. Die drei Frauen haben viel Spaß dabei und lassen sich zu einem „Werbefoto“ überreden. Mein Glück. Beim Blick auf das Ergebnis entdecken sie ein Foto von Stefan, ihrem Kumpel, die ebenfalls hier wohnt. Ihn hatte ich kurz vorher auf einer weißen Bank sitzend mit Zigarette in der Hand und friedlichem Blick fotografiert. Das Foto von ihm bekommen die Mädels natürlich auch zugeschickt.

Wenn die Fahrradfahrer uns vom Bordstein fegen
Die Verrückten in der U – Bahn wieder laut mit sich selber reden
Wenn die Stressercliquen dann ihr Zeug verticken
Ja, dann sind wir wieder in Berlin

Wenn die Autofahrer kurz am Amok streifen
Und die Hostelhorden durch die Straßen geifern
Wenn die Gullis stinken und die Pärchen winken
Ja, dann sind wir wieder in Berlin

Christiane Rösinger

Uns zieht es Richtung Alexanderplatz. Im Getümmel der Massen die besonderen Momente zu finden ist wie ein Katz und Maus Spiel. Unbemerkt bleiben, abwarten, das Licht beobachten, den perfekten Moment erwischen. Das Glück ist mit uns, die Sonne zaubert immer wieder Licht und Schatten Spiele, die es einzufangen gilt. Die Minuten vergehen. Irgendwann bin ich im Flow. Hier klopfen das Herz Berlins und das der Fotografin im gleichen Takt. Ein herrliches Gefühl, dass mich eine ganze Stunde erfüllt.

Der Sommer kam
Und Berlin war der schönste Platz auf Erden
Wir hatten das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen
Dort, wo sich endlich etwas bewegte
Und wir bewegten uns mit
So flogen wir durch die Nacht
Und wir bewegten uns mit

Berlin – Nicolas Binder

Nach diesem Gewimmel und der Überdosis Menschen zog sich unsere Gruppe für einen Kaffee in einen ruhigeren Bereich zurück. Im Humboldt Forum herrschte fast Leere, der schattige Innenhof eignetet sich perfekt für ein Gruppenfoto zum Abschluss des Tages. Allein für die vielen interessanten Museen in Berlin müsste ich am besten zwei Wochen einplanen oder direkt umziehen. Immerhin soll es jetzt einen Expresszug von Stuttgart aus geben, der mich in 4,5 Stunden hier hin bringt.

Come down love
Berlin in the cold

All that fighting
All that snow

Sober night
Byron on my mind
Tell me I’m not going home

And I’ll stop waiting by the phone

Bedroom floor

And silence in my blood
Sorry love I’m running home

I’m a child of sun and the stars I love

Berlin – RY X

Wiedersehen mit Berlin

Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: „Ick bejrüße Ihnen!“,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen …
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus …

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut „Pompejis“ Steine zu mir reden!

Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!

aus: Die paar leuchtenden Jahre

Mascha Kaléko

Oman – Begegnungen erwünscht

Sur – Ras Al Hadd – Jinz Beach

Mit Yoga startet sie gerne in den neuen Tag. Die Morgensonne taucht die Bergkette in wärmendes Licht. Ein majestätischer Anblick. Heute führt die Wegstrecke entlang der Küstenlinie weiter nach Südosten. In Sur macht sie am Souq Halt, der zur Mittagszeit nur Stille und wenig geöffnete Läden zu bieten hat. Bei den Gebetsräumen für Frauen findet sich immer eine Toilette. In den Schaufenstern der engen Gassen sieht sie farbenfrohen Kleider mit viel Glanz. Die Schneiderei- und Nähkunst der Eingewanderten aus Indien ist hier sehr gefragt. Ab und zu schleicht eine Katze vorbei, die schnell wieder hinter der nächsten Ecke verschwindet.

Der Strand auf der andereren Seite ist um diese Zeit ebenso verwaist wie die engen Gassen um den Souq. Über die Hauptstraße rollen nur wenige Fahrzeuge. Sur macht Pause und alles scheint ein Nickerchen zu halten.

Die Möwen starren auf die Wellen und lassen sich den erfrischenden Wind durch die Federn wehen. Sie wird sich eine Gaststätte suchen um den aufkommenden Hunger zu stillen. In der Nähe findet sie das Al Hawash Restaurant direkt am Strand mit einem weiten Ausblick über die Bucht von Sur. Er duftet nach gebratenem Fisch, Gewürzen und Fladenbrot, bis der in dicken Nebelschwaden angezündetet Weihrauch all diese Düfte überlagert. Vielleicht ist es ein Zeichen von Wohlstand, immer genügend Weihrauch zu besitzen.

Am Strand trifft sie eine Familie, die ihren Kindern beim Planschen im Meer zuschauen. Sie können nur ein paar Worte in ihrer Sprache. Trotzdem versteht man sich irgendwie. Gerne würde sie mit den Frauen im Oman in Kontakt kommen. Ihre Geschichten erfahren, von ihren Träumen und Sehnsüchten hören. Im Straßenbild sind sie selten allein anzutreffen, was es schwierig macht sie anzusprechen.

In Sur findet sie die letzte Dhow Manufaktur des Landes. Die ungewöhnlichen Schiffe reisten einst bis Sansibar oder Singapur, um Waren in der Welt zu verteilen. Das Museum beherbergt eine Werkstatt und eine Ausstellung zur Geschichte. Sie kann die riesigen Schiffe bestaunen, die dort zur Reparatur oder zum Bau wie gestrandete Wale hinter dem Zaun liegen. Wartend auf den Einsatz in den nahen Wellen. Die Arbeiter habe heute frei, nur wenige andere Reisende verlaufen sich auf dem großen Gelände.

Nach einer nicht allzu langen Fahrt kommt sie in Ras Al Hadd an. Der Ort liegt am östlichsten „Knick“ des Küstenverlaufs des Oman, genau dort wo sich der Golf von Oman und das Arabische Meer berühren. Wahrscheinlich habe sich die vielen Schildkröten gerade aus diesem Grund diesen Ort ausgesucht, um zur Ablage der Eier immer wieder hier hin zu schwimmen. Das Schauspiel ist immer von Mai bis September zu beobachten, da muss sie wiederkommen, irgendwann.

Ohne Hast geht der Tag seinem Ende entgegen. Die Bewohner der Stadt kommen an den Strand. Ob sie diese besondere Stunde, in der die Sonne hinter den Horizont taucht, ebenso schätzen wie sie? Der Ruf des Muezzin ist überall zu hören, hier am Wasser nur leise. Als ob er mit den Wellen aufs Meer hinaus getragen wird.

Sei hastig nie, auch wo du Hast hast; denn seine Ruhe liebt, wer Hast hasst. al-Hariri (1054 – 1122)

Vom Dach der Unterkunft aus bestaunt sie in alles Frühe den Sonnenaufgang. Sie kann nicht genug bekommen von der Kraft dieses Sterns. Sie speichert die Wärme tief im Inneren, der Sommer zu Hause ist noch in weiter Ferne. Gleich morgens macht sie sich auf, um der kleinen Stadt beim Aufwachen zu zuschauen. Und hofft auf Einblicke in den Alltag der Menschen, die hier leben.

Sie parkt das Auto vor dem kleinen Supermarkt an der Hauptstraße, um sicher zu gehen es wiederzufinden. Kauft Obst und Fladenbrot, um sich dann in den kleinen Gassen umzuschauen. Der Boden ist sandig, die Häuser nur einstöckig. Wie in eine andere Zeit versetzt. Es ist unheimlich ruhig, niemand ist unterwegs. Sie fotografiert einige der Türen, die hier mit Liebe zum Handwerk verziert sind. Eine junge Frau verschwindel schnell hinter einer der mächtigen Holztüren, warte doch auf mich.

Wie aus dem Nichts stehen drei Kinder neben ihr und deuten mit ihren Händen ihnen zu folgen. Sie führen sie zu den beiden Pferden, die ganz in der Nähe in einem kleinen Gatter untergestellt sind. Neugierug bestaunen sie die Bilder auf dem Telefon, die sie ihnen zeigt. Jetzt ist das Eis gebrochen, sie soll mitkommen, der Vater wartet schon an der Tür. Mit einem kleinen Hai in der Hand, den der Sohn gerade aus dem Meer gezogen hat. Abendessen für die Familie. Hinter der Tür öffnet sich ein Innenhof, der zum Teil überdacht ist. Hier sitzen drei Frauen auf dem Boden und laden sie zu Kaffee und Datteln ein. Sie sind verschleiert und erst als der Hausherr die Runde verlässt zeigen auch sie ihre Gesichter. Lächeln sie an und freuen sich über den Gast, den der Zufall ihnen heute ins Haus gebracht hat. Nur ein paar Brocken in englisch kann sie mit der größeren Tochter austauschen, die versucht zu übersetzen. Die Kommunikation funktioniert über Blicke und Gesten trotzdem irgendwie.

Unbedingt wollen die Kinder sie zum Auto begleiten. Die zuvor gekauften Äpfel verschenkt sie gerne, das kleinste Mädchen beißt sofort hinein.

Die Tage am Meer zu verbringen ist ein großes Geschenk auf dieser Reise und dank des Allradfahrzeugs kommt sie an Strände, die nicht für alle zugänglich sind. Der Al Jinz Strand ist zu dieser Jahreszeit noch zugänglich. Erst wenn die Schildkröten wieder zur Eiablage an Land kommen, wird dieser gesperrt und nur geführte Touren sind dann noch möglich.

Außer drei Fischern ist an diesem Tag keiner dort. Das Wasser ist glasklar, erfrischend und strahlt in allen Blau- und Grüntönen mit jeder Welle anders. Die Männer sind zum Arbeiten hier und zeigen auf die roten Fahnen draußen im Wasser. Dort sind die Netze, die sie für den Fang ausgelegt haben. Mit einem Motorboot fahren zwei der Männer hinaus und schaffen es zu Dritt gerade so, das Boot über die erste Welle zu bringen.

Der Bootsbesitzer ist interessiert an einem Gespräch und sie tauschen einige Geschichten über ihre so unterschiedlichen Länder aus. Die Liebe zum Meer und der Natur verbindet sie trotz der unterschiedlichen Bedeutung ihres Aufenthaltes dort. Für ihn ist es der Arbeitsplatz. Für sie ein Sehnsuchtsort mit langer Anreise. Viele der Menschen, die sie im Oman trifft, kennen Orte in ihrem Heimatland und natürlich die Fußballclubs.

Bevor es am nächsten Tag weiter geht, nutzt sie den frühen Morgen noch einmal für einen Ausflug an den Fischerstrand direkt am Ort. Seltsam ruhig ist es dort, niemand ist um diese Zeit hier, was wohl bedeutet, dass der Fang schon eingeholt wurde oder die Netze leer blieben. Viele Hütten in den unterschiedlichsten Ausfertigungen stehen über den hinteren Bereich verstreut. Manche sehen ziemlich abenteierlich aus, zusammen genagelt aus Brettern und Treibgut. Netze und Behälter für den Fisch sind reichlich vorhanden. Und dazwischen immer wieder kleine Plätze und Nieschen mit Matten zum Schlafen für die Fischer. Kurz bevor sie den Ort verlassen will, kommt doch noch ein Auto gefahren. Die drei Männer nehmen kurz Notiz von ihr und der Kamera, verschwinden allerdings gleich in einem der Verschläge und schließen hinter sich das Gatter. Sie wollen keinen Kontakt und das respektiert sie.

Zumeist liegt das ganze Gewicht der Welt im winzigen Augenblick der Begegnung. – Roman Pfüller