Zum Sterben schönes Werben

„Der Mensch ist ein sehnsüchtiges Wesen. Die Sehnsucht macht uns nicht weniger aus als das Denken oder das Sprechen. Wir sehnen uns nach den kleinen Dingen – nach einem Eis, einem Pullover, einem Glas Wasser – oder nach den großen Abwesenden: nach den Toten, dem Frieden, nach Gott. Bisweilen sehnen wir uns nach etwas, das wir nicht einmal näher bezeichnen können. Hier, wo ich bin, ist nicht das was ich suche: Homo desiderans, der sehnsuchtsvolle Affe, ist doch viel treffender als das hochmütige Homo sapiens.

Sehnsucht sollte unterdessen keinesfalls verwechselt werden mit bloßem Mangel. Sie kann etwas Lustvolles, Schmachtendes haben, Passion sein, Leidenschaft. Theodor W. Adorno fand, Sehnsucht könne „ihr eigenes Ziel“ sein, „so wie Liebe stets so sehr der Liebe gilt wie der Geliebten“. Wenn wir uns sehnen, sind wir lebendig. Wenn wir uns nach nichts mehr sehnen, sind wir beinahe keine Menschen mehr, eher wohl schon Buddhas.“

Quelle: Zeit Magazin, Nr. 24/2026 – Alard von Kittlitz

Vielleicht war es die immer in mir schlummernde Sehnsucht einen Ort zu finden, der bleibt. Für immer oder zumindest für länger. Vielleicht wird es diesen Ort nie geben, was traurig wäre. Vielleicht findet ein Ort eines Tages mich. Es könnte auch sein, dass weder ich diesen finde, noch er mich und das Nomadenleben meine Bestimmung ist. Keine festen Wurzeln zu haben ist vielleicht Glück und Fluch zu gleich. Denn alles hat einen Preis. Und so grabe ich seit meiner Jugend die angewachsenen Wurzeln immer wieder einmal aus, um sie an anderen Orten weiterwachsen zu lassen. Und vielleicht ist die Sehnsucht eines Tages so groß, dass ich bleibe – bis zum Ende. Noch treibt mich die Sehnsucht aber immer wieder an unbekannte Orte. Werben an der Elbe ist ein passender Ort, um Sehnsüchte zu befriedigen.

Der Ort, das Land, die Leute … weit im Nirgendwo … Stille, Weite, Aussichten auf die Elbe, die Natur und den Himmel. Ein Flächendenkmal mit Charme, einem Café, Hotel, Pension und dem Elbstübchen. Einer fast schon verwunschenen Gärtnerei mit Glashaus und mächtiger Kirche am Marktplatz. Die Häuser strahlen Stolz aus, bergen Geschichten und Traditionen, bilden einen Ortskern, der sich mutig der Zukunft stellen möchte.

Ich komme an und es legt sich eine Ruhe über mich, wie eine warme Decke des Glücks. Der Pulsschlag wird langsamer und die Freude darüber zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Es klappern die Störche von den Nestern und gleiten immer wieder über die Dächer der kleinsten Hansestadt der Welt. Es fühlt sich an als hätte ich einen Schatz gefunden, der viele Jahre unentdeckt geblieben ist. Zart gerettet von den Menschen, die hier tiefe Wurzeln geschlagen haben. Ich könnte viele Stühle hochstapeln oder von links nach rechts blicken, dieser Ort ist kein Zufall.

Die Gemeinschaft schmiedet sich im imposanten restaurierten Kommandeurhaus für vier Tage zusammen, geht Wege, Straßen und Wiesen gemeinsam oder zu zweit, zu dritt … tauscht Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte aus. Entdeckt die kleinen Symbole der Hoffnung, auf eine Welt die wieder Kollektive bildet und Neues wagt. Dokumentiert Verfall und Aufbau, Sanierung und Ausgrabungen. Als ob dieser Ort allein durch seine Existenz Fäden zwischen den Menschen weben kann, die diesen Gedanken mitnehmen und vom Erlebten erzählen werden. Es wird gelacht, gegessen und musiziert, in Büchern recherchiert und auf Bilder geschaut, die aus fernen Ländern ganz andere Geschichten an diesen Ort tragen. Wie früher die Seefahrer ihre Erlebnisse mitbrachten. Am Fluß der Elbe zieht alles vorbei und jede Stunde zaubert neues Licht und Motive für eigenes kreatives Tun.

Das ist die Sehnsucht Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit. Und das sind Wünsche: leise Dialoge täglicher Stunden mit der Ewigkeit. Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern die einsamste von allen Stunden steigt, die, anders lächelnd als die andern Schwestern, dem Ewigen entgegenschweigt.

Rainer Maria Rilke

Verwurzeln

Unter Bäumen
Träumen

Dem Rauschen
Lauschen

Sich erden
Werden.

Christian Baudy

Vielleicht kann ich keine Wurzeln schlagen, weil ich Füße habe, die Wege gehen, Orte durchschreiten, Landschaften erwandern und Berge besteigen möchten. Vielleicht ist das Unstätige in den Genen verankert. Eine uralte Sehnsucht der Völker, die sich aus den verschiedensten Gründen immer wieder aufmachten, umsiedelten, Neuanfänge wagten. Und irgendwann ankamen und blieben. Auch Werben erlebte diese Zeiten und nach Jahren des Wegzuges vieler Bewohner, kehren Menschen wieder um zu bleiben. Um den Ort zu bewahren, das Land zu bestellen und mit den Leuten Freundschaften zu knüpfen. Wertvolles erschaffen.

Die Weide

Sie bewegt sich mit dem Wind, niemals gegen ihn. Ihre Zweige spenden den Kleinen und den Müden Schutz, und ihre Blätter küssen das Wasser, als wollten sie es besänftigen.

In ihrer Gegenwart wird alles sanft – selbst ich.

Meinem Ankommen folgt ein Abschied. Werben mit seinem Land und seinen Leuten bleibt im Herzen. Als sich das große Tor des Komandeurshause schließt kullert eine kleine Träne über meine Wange. Vor Freude über das Glück, diesen Ort gefunden zu haben. Und eines Tages werden wir alle zusammen Platz nehmen im Garten Eden und dem Treiben der Anderen zuschauen, um zu sehen was dort entstanden sein wird. Vielleicht ist die Sehnsucht in mir damit ganz und gar zufrieden.

Zwischen den Kriegen – Israel

Tel Aviv – Photo Walk mit Laurie

Laurie fand ich über das Internet https://israelphotographytour.com/ und zuerst dachte ich, es wäre eine Frau. Falsch gedacht! Und er ist nicht mit Leonard Cohen verwandt ;-)

Wir waren für 9 Uhr am Morgen verabredet und streiften zu zweit durch die interessanten Viertel der Stadt. Neve Tzedek, Florentine und Old Jaffa – wir hatten ca. 4 Stunden vereinbart. Natürlich kamen wir beim Fotografieren ins Gespräch und diskutierten die Weltlage, die Situation im Land und in Tel Aviv. Er kannte die „coolen“ Fotospots, die richtigen Lichtsituationen und natürlich die Sprache. Das half, um zum Beispiel einen Ladenbesitzer für ein Porträt zu gewinnen. Die Zeit verging wie im Flug, nach einem Kaffee in Florentine zeigte mir Laurie noch den Weg nach Jaffa, dem alten Hafen am südlichen Ende der Stadt. Dort gönnte ich mir eine ordentliche Portion Hummus mit Fladenbrot und Salat – frisch schmeckt er einfach am besten.

In Jaffa gibt es sehr viele Restaurants, Cafés und mehrmals in der Woche einen Floh- und Gemüsemarkt. Und weil die alten Gebäude bei Touristen beliebt sind finden sich hier auch viele Straßenhändler. Eliran sprach mich an um zu fragen was ich fotografiere. Schnell entwickelte sich ein längeres Gespräch, er lebte lange Zeit in Kanada und hat jetzt den kleinen Souveniershop seines Vaters übernommen. Doppelte Betondecke, sein privater Schelter für Luftalarm. Er wollte ebenfalls fotografiert werden, was ich gerne tat und ihm versprach die Bilder zu senden, wenn ich zurück bin.

Meistens wird man hier gefragt, welcher Religion man angehört. Dass ich mich keiner zugehörig fühle konnte er nicht verstehen. Er meinte, ich habe noch Zeit mich zu entscheiden und gab mir ein paar Mini-Ausgaben der Bibel in englisch und hebräsch mit, sowie zwei Schlüsselanhänger „Jerusalem“ und „I Love Israel“. Und natürlich kaufte ich bei ihm eine Kette mit einem Anhänger (Hand der Fatima, der Mirjam oder der Maria). Jetzt bin ich beim Tragen der Kette vor den Dschinns (böse Geister) sicher. Der Name Eliran ist hebräisch und bedeutet „Gott ist mein Licht“. Das passt perfekt zu ihm.

Zwischen den Kriegen – Israel

Tel Aviv – Ankunft

ich erinnere mich, an das bekannte Licht – dieser weiche sanfte orange-rote Farbton, der mich umhüllt und schon bald in tiefem Blau verschwinden wird – der Sonnenaufgang im Oman war diesem Sonnenuntergang hier sehr ähnlich – dennoch schlägt das Herz an diesem Abend bei der Ankunft in Tel Aviv anders – aufgeregter – was wird mich erwarten in diesen Tagen, die unerwartet möglich wurden – wie werde ich diese Stadt und ihre Bewohner erleben nach Jahren des Krieges und der vielen Wunden in den Herzen –

ich erinnere mich, an den ersten Morgen in der noch fremden Stadt, die Straßen leer, gespenstische Stille – ich erinnere mich, an einen älteren kleinen Herren, der mir seinen Arm zeigte, auf dem eine Adresse in hebräisch notiert war, die er wohl suchte – ich konnte ihm nicht helfen und er bedankte sich dennoch mehrmals mit einem Lächeln bei mir

Er kennt alle Seitenwege des Herzens! Die Hauptstraße aber ist ihm unbekannt.

Voltaire

ich erinnere mich, an die bedruckten T-Shirts, die gerade am Eingang zum Markt von einem Verkäufer aufgehängt wurden „Turn Hamas To Hummus“ – kann Gewalt mit Humor beendet werden? ich erinnere mich, dass auf dem Markt wie in jeder Großstadt Handel betrieben wurde, für jedes Bedüfnis gab es die passende Ware – ich erinnere mich, an den Duft aus der kleinen Kaffeebar und aus der Bäckerei direkt daneben – ich erinnere mich, an die saftigen Datteln und die herrlich süßen getrockneten Aprikosen, die mit der Verläufer mit Sorgfalt abgewogen und verpackt hat –

ich erinnere mich, an das Lächeln der schönen Frau mit dem Blumenkranz im Haar, ihren Begleiter, der links sein Gewehr und rechts seine Kamera umgehängt hatte, mir unbekannte hier normale Selbstverständlichkeit – ich erinnere mich, an ihre Freude über Touristen in der Stadt und durfte sie fotografieren

Ein verlorener Freund ist eine verwehte Oase, ein wiedergefundener wie ein Sack Datteln, der im Sand liegt.

Unbekannt

ich erinnere mich, an den schwarz-weißen Hund, der seine Nase in die Sonne streckte und vor der Bäckerei auf seinen Besitzer wartete – ich erinnere mich, an meine Überraschung, als dieser mit erzählte, dass er gerade von einer Wanderung durch die Wüste zurückgekehrt ist und sich mit Lebensmitteln eindeckt bevor er nach Hause geht, ich dachte an meine Wanderungen in den Alpen und ließ die Idee, selbst irgendwann in einer Wüste zur wandern, auf mich wirken – sicher ein Abenteuer

Wenn du keine Zeit für die Wüste hast: die Wüste wird schon Zeit für dich finden.

Elmar Schenkel

ich erinnere mich, an die Taube, die perfekt platziert scheinbar nur auf mich gewartet hatte, als ich zum Strand kam, possierte extra lange auf dem Warnschild, ich hatte nicht vor zu schwimmen, andere schon, auch Surfer würde ich diese Woche noch sehen – das Wasser könnte durch Munition verseucht sein – unsichtbare Gefahren – das Meer liegt vor mir wie auf einer Postkarte – die perfekte Täuschung

ich erinnere mich, an das zauberhafte „Suzana“, in dem ich vom Besitzer köstlich gegrillte Aubergine auf Joghurtcreme mit Brot und Salat serviert bekommen hatte – eine Freundin wohnte hier vier Jahre lang direkt gegenüber und gab mir diesen Tipp – die Zeit damals war sicher ebenso spannend und interessant für sie – würde ich hier wohnen wollen? für eine gewisse Zeit? – hätte ich zu viel Angst vor einer neuen Eskalation in der Region – Fragen die ich im Januar ganz anders beantwortet hatte als jetzt im März – ich erinnere mich, an diese friedliche Stunde auf der Terrasse, an mein Lauschen der Gespräche, die ich nicht verstehen konnte, an das Gezwitscher der Vögel, an den leichten Wind, der ab und zu den Duft der Raucher zu mir blies …

In einem zerstörten Lande findet man Unterschlupf; in einem friedlichen Land läßt man sich nieder.

Aus der Mongolei

ich erinnere mich, dass mir gleich am ersten Tag die vielen Landesflaggen in der Stadt aufgefallen sind, Statement, Stolz, Wir-Gefühl? ich erinner mich, dass damals in der DDR, in Indien, Peking und in Singapur die Landesflaggen nicht nur zu besonderen Anlässen an den Gebäuden und Balkonen hingen

Meet Me In Dresden

Wo ihr auch seid Ob in Hamburg oder Gießen: Leute, lasst euch nicht verdrießen! Ob in Dresden oder Zossen: Macht’s ebenso, seid unverdrossen! Wo ihr auch seid in Ost und West: Das Leben sei ein großes Fest!

Wolfgang Lörzer

Die Straßenfotografenszene ruft nach Dresden – zum Meet & Street. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kann ich ein paar Tage in der Stadt verbringen und werde direkt in meine Jugend zurück katapultiert. Dresden du Schöne! Begrüßt mich erst mit Regenschauern, um dann wieder versöhnlich die Hitze in den Tag zu werfen. Ich ziehe durch die Stadtteile, laufe über und unter Brücken, an Orte die lange im Gedächtnis vergraben waren und doch sofort wieder vertraut sind. Das Rundkino – hier habe ich „Schindlers Liste“ gesehen und mit allen anderen Zuschauern geweint und das Popcorn wieder mit nach Hause genommen. Am Neumarkt ist Weinfest, hier stand im Sommer vor zwanzig Jahren das EPlus Zelt, in dem ich mein erstes Handy kaufte. Im Bäzwi (Bärenzwinger) wurde getanzt und an den Elbwiesen so mancher Kuss ausgetauscht. Du sprühst vor Leben, Kultur und hast deinen Charme aus DDR Zeiten bewahrt. Die Plattenbauten, Springbrunnen und die opulenten Wandbilder sind heute Kult und laden zum Entdecken ein. Es ist nicht schwer sich immer wieder in dich zu verlieben. Ich wäre gerne länger geblieben! Wiederkommen und bleiben ist eine schöne Idee.

Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und leichtesten, wenn auch am leisesten vor sich.

Wilhelm von Humboldt

Am Abend Weißt du denn – wenn auf Baum und Strauch Das Astwerk zittert und sich sträubt, Und wenn der leicht gewellte Rauch An einer Wetterwand zerstäubt – Ein scheuer Vogel ohne Laut An dir vorbei die Flügel schlägt, Und Wolke sich an Wolke baut – Wohin dein wilder Wunsch dich trägt? Weißt du denn, wenn nun alle Welt Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt, Und deine Sehnsucht dich befällt, – Wo deine eigne Heimat liegt?

Hedwig Lachmann

Ich mochte schon immer Orte, die nicht perfekt sind, die mit einer gewisses spröden Nostalgie an jeder Ecke kleine Geschichten erzählen. Typen, die sich in diesen Orten verstecken oder sich zur Schau stellen. Und ich mag tatsächlich auch die stillen Momente, die oft in den großen Städten nur in den Seitenstraßen oder an Regentagen zu finden sind. Der Sonntag ließ die Sonne in die Stadt, den Trubel, die Musik, das Klappern der Pferdekutschen in der Altstadt, die Freude sich mit Freundinnen treffen zu können und einen unbeschwerten Tag zu verbringen. Ich weiß um dieses Glück und schätze es innig.

Augen beben leicht vor Sehnsucht Haut fleht um Geborgenheit Herzen – Heimweh nach Vertrauen wollen nur noch Seele sein

Hans-Christoph Neuert

Im Wort – Fremd – bin ich – Hier – und dort – Daheim – bin ich – Nur – im Wort.

Michael Sebörk

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.

Chrétien de Troyes

Als der Tag dem Ende und einem Abschied entgegenfließt, die Farben weich und warm werden, kann ich mich gut damit versöhnen. Wer geht, kommt wieder. Wer wiederkommt, geht. Noch ist das Bleiben nicht ausgehandelt, noch ist die Zeit nicht gekommen. Mein ruheloses Herz findet in den Menschen Halt, nicht an den Orten. Mein Haus steht offen, wer mag kann kommen, gehen oder eine Weile bleiben.

Wichtiger, als wohin du kommst, ist, als wer du kommst; daher dürfen wir unser Herz an keinen Ort hängen.

Lucius Annaeus Seneca

Tschüssi du Schöne!