Die Dörfer sind vergangen.

Über die Dörfer

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. 
Sei nicht die Hauptperson. 
Such die Gegenüberstellung. 
Aber sei absichtslos. 
Vermeide die Hintergedanken. 
Verschweige nichts. 
Sei weich und stark. 
Sei schlau, laß dich ein und verachte den Sieg. 
Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. 
Sei erschütterbar. 
Zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. 
Entscheide nur begeistert. 
Scheitere ruhig. 
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Laß dich ablenken. 
Mach sozusagen Urlaub. 
Überhör keinen Baum und kein Wasser. 
Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt. 
Bewege Dich in deinen Eigenfarben; bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. 
Geh über die Dörfer. 
Ich komme dir nach.

Peter Handke „Über die Dörfer“

Wirklich alt ist der Sri Lankaramaya Buddhist Temple nicht. Errichtet 1952 in der Michael’s Road ist er damit wohl ein bisschen historisch für Singapur und könnte bestimmt viele Geschichten erzählen über die Zeit vor fast 70 Jahren. Hochhäuser warfen wahrscheinlich noch keine Schatten auf die große weiße Pagode, die auf dem Dach des Tempels mit ihrem grellweißen Anstrich gegen den blauen Himmel den Eindruck vermittelt, man befinde sich irgendwo im Himalaya. Berühigend lächelt einem der übergroße Buddha in Lotushaltung zu und lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dies auch die nächsten 70 Jahre noch zu tun. Im Garten steht ein Lebensbaum, dessen Blüten ihm gefallen und vor seinen Abbildern niedergelegt werden. Leise erklingt Gemurmel auf einem kleinen Gebetrsraum, meditative Musik als Hintergrundrauschen verstärkt diese gelöste Stimmung, die einen hier befällt und warm umschließt. Wer könnte diesen friedlichen Ort nicht mögen?

Im Central Sikh Gurdwara Tempel bedarf es konformer Kleidung, da wird keine Ausnahme gemacht. Bestimmt, aber sehr freundlich der Zugang verweigert. Für den nächsten Besuch muss ein langes Tuch ins Gepäck, um den Kopf zu verhüllen, langes Beinwerk ist ebenfalls von Nöten. Die Straße fragt nicht nach deinem Aussehen, erlaubt fast alles, ist geduldig mit seinen Besuchern. An jeder Ecke neue Ansichten, Aussichten, Einsichten.

Kleinigkeiten wecken Interesse, 1088A – eine sehr lange Straße hat der Postbote hier zu beliefern. Die zwei Damen aus Porzellan warten geduldig auf ein neues Zuhause. Wie viele Augenpaare wohl schon auf sie blickten und dann doch weitergingen. Die kleinen Eckrestaurants warten auf Hunrige, Durstige, Neugierige oder Plaudertaschen. Besen und Hüte haben Pause. Der Verkehr fließt wie ein stetiger Fluss an allem vorbei. Die Bauarbeiter ziehen vom Frühstück zur Baustelle zurück, um Träume von großen neuen Wohnungen wahrwerden zu lassen. Die Hütten der kleinen Dörfer sind Geschichte, die Bewohner von damals wären sicherlich erstaunt über diese enormen Veränderungen. Gut, das einige alte Häuser noch immer dem Bauboom trotzen. Ein lustiger Kakadu redet viel, darf nicht fliegen, sein Paradies ist woanders.

Ein Relikt aus alten Zeiten findet sich kurz vor dem Indischen Tempel. Kohlen werden hier gehandelt, die ältere Frau ist schwarz wie ein Mohr (darf nicht mehr geschrieben werden, gibt es eine bessere Bezeichnung?), sie schuftet hier schon seit den 60ern. Staublunge vermutlich inklusive. Die schön gemusterten Bodenfließen sind überzogen mit Ruß. Früher wurde viel mit Kohlen geheizt, auch dort wo ich aufwuchs musste geschippt werden, eimerweise in den Keller, eimerweise wieder in die Wohnung geschleppt. Sie sortiert die Kohlenstücke in tragbare Säcke zum Verkauf. Bald will sie sich zur Ruhe setzen, es wird wohl keine Nachfolge geben, vermutlich. Kohlen braucht fast niemand mehr.

Vertraute Klänge schallen aus dem Sri Vadapathira Kaliamman Temple, Glockengebimmel, Mantras werden gesungen oder gesprochen. Die Schuhe vor dem Eingang stehen wild durcheinander, Tauben picken in den vertreuten Blüten nach Genießbarem. Hanuman, der Affenkönig wirft einen erhabenen ernsten Blick auf jeden, der hier vorbeikommt. Friedlich faltet er seine Hände zum Gebet. Im kleinen Laden nebenan liegen Kekse und Gewürze, die Verpackung erinnert an die Kindheit der Kohlenfrau. Vielleicht hat sie sich hier ab und zu eine Süßigkeit geholt, während ihre Eltern damals die Säcke füllten.

Ums Eck locken zwei weitere Tempel, die eine Art Zirkusarena bilden. Wilde Tiere, farbenfrohe Dekoration inklusive. Im Leong San See Temple wird vielen Buddhastatuen gehuldigt, die alte Dame im Rollstuhl ist bei der angenehm ruhigen Atmosphäre eingenickt. Gegenüber bespricht sich eine Frau im Tierdruckshirt mit dem Tiger vor dem Sakya Muni Buddha Gaya Temple. Der riesenhafte Buddha im Inneren passt auf kein Foto und erschreckt mehr, als beruhigend zu wirken. Sehenswert ist es trotzdem. Heute nur für Einheimische, die Zeit finden und vielleicht den Schatten suchen.

Serangoon endet oder beginnt in Little India. Dörfer sucht man vergeblich. Das letzte Kampong liegt in Pungol. Es wartet schon auf einen Besuch.

Allerlei streift den Blick auf den letzten Metern, ein bunter Strauß voller Nebensächlichkeiten, die dieses Viertel so lebendig erscheinen lassen. Hinter jeder Straßenecke verbirgt sich eine Gasse voller kleiner Geheimnisse. Wer genau hinschaut findet sein Seelenheil. Nie war der berühmte Mix der Kulturen derart greifbar, spürbar, erlebbar, genießbar, wunderbar. Mögen diese Gassen ihren Charme nicht verlieren und für die kommenden Besucher standhaft der Modernisierung trotzen. Sie hätten es verdient.

Genau hinsehen

Fülle ist nicht immer Fülle.
Nur zusammen mit Leere
ist Fülle Erfüllung für uns.
Das Leben braucht den Platz der Leere,
um sich auszubreiten und seine einmalige Gestalt anzunehmen.

Zeit ist nicht Geld, sondern Zeit.
Wenn ich der Zeit erlaube, sich mir zu schenken,
wird sie mich mit Reichtümern überschütten.
Dann wird durch die Zeit
die Ruhe und das Glück des Entdeckens möglich.

Beschäftigung ist nicht Bedeutung.
Was ich ohne Beteiligung meines Wesens tue,
bleibt nur die Tat meiner Hände, meiner Lippen, meines Körpers.

Ein volles Programm ist nicht unbedingt ein erfülltes Programm.
Weniger zu tun kann heißen, mehr getan zu haben,
wenn es von Herzen kam.

Jeder Weg, der zu etwas führt,
führt auch weg von etwas.
Ich übe, im Wenigen die Fülle zu sehen.

© Ulrich Schaffer

Antwort aus der Stille

Ob sie denn mitkommen würde? Einfach mitkommen, auf und davon, über alle Berge? Sie muss blinzeln, da sie den Kopf dreht und ihn anschauen will …

In irgendein Land, sagt er, wo es keinen Alltag gebe, wo man keinen Menschen kenne, wo man wirklich leben könnte, ohne Bindung und ohne Rücksicht, ohne alles, was nicht dazu gehört, ein wirkliches Leben ohne Gewöhnung ein Leben voll Erlebnis, ein Leben, wie es unsere Sehntsucht kennt, ein neues und anderes, ein lebenswertes Leben -!

Irene schweigt; aber es ist ihr, als habe sie das auch schon gedacht. Warum folgen wir unserer Sehnsucht nicht? Warum knebeln wir sie jeden Tag, wo wir doch wissen, daß sie wahrer und reicher und schöner ist als alles, was uns hindert, was man Sitte und Tugend und Treue nennt und was nicht das Leben ist, einfach nicht das Leben, das wahre und große und lebenswerte Leben! Warum schütteln wir es nicht los? Warum leben wir nicht, wo wir doch wissen, daß wir nur ein einziges Mal da sind, nur ein einziges und unwiederholbares Mal, auf dieser unsagbar herrlichen Welt!

Man könnte so viel, sagt er, wenn man Mut hat. Man könnte alles zusammenpacken, was man besitzt, und alles verkaufen; man hätte Geld genug, damit man über die Grenze kommt und durch das nächste Land. Am besten dürfte es sein, meint er, wenn man gegen Süden ginge. Man könnte wandern und in Dörfern schlafen, deren Namen man noch niemals gehört hat; so würden es die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte. Und wenn es Sommer ist, könnte man auch im Freien schlafen, irgendwo in einem Feld, wo ein fremder Mond über den weißen Nebeln schwimmt und fremde Vögel rufen. Man könnte zu Bauern kommen, deren Sprache man nicht versteht, und man würde Garben binden, einen ganzen Tag, damit man weiterleben darf, und es wäre kein leichtes Leben, das gibt er zu, es wäre ein hartes und oft verzweifeltes Leben, ein bodenloses und aufreibendes Leben, aber es wäre ein Leben!

Und es könnte ja sein, daß man auch einmal eine Stelle findet, wo das andere weiterziehen muß, und es gäbe Abschiede, die vielleicht für immer sind, Abschiede in fremde Städte, wo bunte Schiffe im Hafen stehen, wo man sich küßt und weint und nicht vor den Gesichtern bangt, die man nicht kennt, und wo man einfach auf einem Koffer sitzt, allein, ohne Bindung und ohne Adresse, nach allen Winden bereit. Es könnte auch sein, daß man auf dem Schiff einen blassen Herrn trifft und daß man Glück hat, daß man in eine Farm kommt, wo man für viele Jahre bleibt und Nützliches leistet. So gut es sein könnte, daß man in Seenot kommt und irgendeinen Gott erkennt, bevor man untergeht, einen wirklichen Gott vielleicht, der uns erlöst, wenn er uns sterben läßt. Warum sollte es nicht sein?

Wie die Winde sind die Möglichkeiten des Lebens, und warum wagt man nie, die Segel auszuspannen? Alles ist besser als ein Leben, das nicht gelebt ist, sogar das Unglück ist besser, der Schmerz und die Verzweiflung, das Verbrechen, alles ist besser als die Leere! Und es könnte auch sein, daß man sich treu bleibt, weil man sich nichts versprach: daß man sich noch einmal begegnet, irgendwo in der Welt, an einem Abend vielleicht, man könnte sich noch einmal die Namen jener Dörfer sagen, die die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte sind, man könnte erzählen, was seither war, und es wäre gewiß nicht wenig, es wären viele Qualen und Irrtümer dabei, aber keine Leere, es wäre ein Abend, der alles versöhnt, der unsere Geburt und unser Sterben wert ist, es wäre vielleicht in einem Bahnhof, wo die Menschen wie lärmende Schatten vorbeieilen, oder auf einem Damm draußen, wo man übers Meer schaut und das Tosen hört, wo man nicht sprechen kann und sich nur die Hände hält. Wie groß könnte eine solche Liebe sein, die sich nicht halten wollte!

Und eines Morgens, wenn das andere noch schläft, warum soll man nicht leise aufbrechen, warum soll man nicht ein Glück verlassen, bevor es uns verläßt, warum soll man jede Sehnsucht ersticken? Leben ist Sehnsucht, und es könnte sein, daß das Verlorene größer ist dann alles, was man ergriff, und daß man erst wirklich lebt, wenn man den Mut zum Verlieren hat, wenn man alles abwirft, seinen Namen und sein Bürgertum und alles, nur sein Schicksal nicht, und wenn man lebt, als lebe man immer seinen letzten Tag –

Dann schauen sie lange in die Bläue, die so tief erscheint, wenn man auf dem Rücken liegt und nichts anderes schaut, so tief und dunkel, als sehe man, jenseits des Tages, die Weltnacht.

Mut, sagt er, nur Mut brauche es dazu –

Und ein Ernst, den sie kaum erwartet hat, ein jugendlicher, stürmischer Ernst ist in seinem Gesicht, als er sich aufgerichtet hat und sie anblickt: Ob sie diesen Mut hätte? fragt er und hält sie sehr fest, fast schmerzend fest: Ob sie diesen Mut hätte, aufzubrechen in ein neues und wirkliches Leben, wo es keine Rücksicht gibt und wo man alles wagt für seine Sehnsucht? Und wirklich aufzubrechen? Und aufzubrechen mit ihm?

Oh! sagt sie nur …

Dann hat sie ihn niedergezogen, mit sanfter und weicher Macht, ganz in ihre Arme, ganz an ihre Brust, und unter Küssen, die sehr heiß und sehr entfesselnd sind, versprechen sie es : daß sie alles vergessen wollen, alles vergessen, was vergangen ist, und alles opfern, was nicht zu ihrer Zukunft gehört, zu ihrer Sehnsucht, zu ihrer Liebe, zu ihrem neuen Leben.

Alles? fragt sie. Und er beschwört es: Alles!

Text: Max Frisch „Antwort aus der Stille – Eine Erzählung aus den Bergen“, erschien erstmals 1937 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart/Berlin.

Katong – ein Spaziergang

Wir gehen ein Leben lang in einem großen, zunächst unsichtbaren Labyrinth spazieren. Die wahre Lebenskunst besteht darin, daß wir auch dann, wenn wir das Labyrinth sehen, weiter spazierengehen.

Sigbert Latzel

Sie geht die steilen Stufen der schmalen Treppe hinunter, die mit winzig kleinen Kacheln gefliest sind. Ihre Schultasche unter dem Arm geklemmt, heute leichter als sonst, die ersten beiden Stunden fallen aus, Zeit zum Bummeln, wie sie es liebt. Unten grüßen die gemalten Hunde von der Hauswand, im Nachbarhaus steht immer noch das kleine Stoffauto auf dem Briefkasten, das dem frechen Nachbarsjungen gehört. Es ist angenehm warm um diese Zeit, die Sonne zeigt sich nach zwei Tagen Dauerregen endlich wieder am Himmel und einige flauschig weiche Wolken ziehen ihre Bahnen über ihrem Kopf. Sie mag das Viertel, in dem sie schon seit ihrer Geburt wohnen, immer gibt es hier Neues zu entdecken oder Altbekanntes zu bestaunen. Der morgendliche Ansturm an Verkehr und Fußgängern ist bereits durchgezogen, jetzt herrscht nahezu Stille und sie hat die schattigen Fußwege unter den Arkaden der Häuser entlang fast für sich alleine.

Vollkommenheit wird nie erreicht,
man sieht sie bestenfalls verschwommen,
weil sie uns deshalb stets entweicht,
denn sie verspricht auch immer nur das Kommen.

Erhard Blanck

Sie mag den orange gerahmten Verkehrsspiegel, der tief genug an der Ecke steht, dass sie hineinsehen kann und sich heute über die Wolken freut, deren Lücken wieder Farbe an den Himmel zaubern. In den Kirschblütenzweigen hängen immer noch die Glücksbringer der chinesischen Familie. Auch wenn die Blüten nicht echt sind und sie einen Frühling nicht kennt, die Zweige erhellen jeden Tag ihr Gemüt, wenn sie daran vorbei geht. Das Viertel ist so herrlich bunt, die alten Häuser erhalten immer wieder einen satten Anstrich. Beim Chiropraktiker, der im blau-türkisen Stadthaus seine Praxis betreibt, steht heute ein Mann am Fenster. Als ob er sie beobachtet. Scheu winkt sie im zu, wartet aber vergeblich auf eine Reaktion. Vorbei geht ihr Weg an dem roten und dem gelben Postkasten, wenn sie schnell genug daran vorbei huscht verschwimmen die Farben und Formen. Am Haus Nummer 323 hängt noch immer der rot glitzernde Weihnachtskranz an der Tür. In den Kugeln tanzt ihr Spiegelbild mit jeder kleinsten Bewegung.

Die meisten Talente entwickeln sich am Ort der größten Vielfalt

Torsten Marold

Ob ihre Mutter sie auch immer so zärtlich im Arm gehalten hat, wie die Frau auf dem großen Wandgemälde? Sie hat noch nie eine solche schwarz-weiß gescheckte Kuh gesehen, und auch Sonnenblumen blühen nie in den Parks der Stadt. Sie wird ihre Lehrerin fragen, in welchem Land sie diese finden würde, die Kühe und die Sonnenblumen.

Bevor sie die Straße überquert lässt sie den Lastwagen vorbei, in dem ihr der Beifahrer ein kleines Lächeln schenkt. Oben bei Tante Li sind die Fensterläden weit geöffnet. Sie ruft laut „Guten Tag“, manchmal ruft die Tante zurück, wenn sie nicht das Radio zu laut gestellt hat und sie hören kann. Der kleine Gemischtwarenladen hat schon geöffnet und seine Klingel auf dem Hocker vor dem winzigen Laden platziert. Manchmal ist sie mutig und klingelt, um dann ganz schnell wegzurennen. Heute mag sie den Besitzer nicht ärgern, vielleicht muss sie nach der Schule für ihre Mutter dort einkaufen und er schimpft womöglich über ihren Streich.

Um ein Kind auf den Weg bringen, den es einschlagen sollte, reise hin und wieder selbst dort entlang.

Josh Billings

Als sie in ihre Lieblingsstraße einbiegt, leuchten ihre Augen mit den bunten Häusern um die Wette. Im Sonnenlicht sind sie noch schöner und es erscheint ihr jedesmal, als ob sicvh ein Regenbogen die Straße entlangzieht. Zuvor biegt sie kurz in die kleine schmale Gasse ab, um den auf der ockerfarbenen Wand gemalten Kindern „Hallo“ zu sagen. Die beiden haben es gut und können auf einer Welle reiten. Ihr Vater erzählte ihr, dass hier früher sehr viele der Peranakans gewohnt haben, Leute wie sie. Die schönen Fliesen an den Häusern zeugen von dieser Kultur. Immer wieder kann sie vor den Eingängen stehen bleiben und die unterschiedlichen Muster und Farben der kleinen quadratischen Kunstwerke bestaunen. Ob in dem rosa getünchten Haus eine Prinzessin wohnt? Aus der Gasse daneben strömt ihr der Geruch von Yamswurzel entgegen. Gleich entdeckt sie den Topf. Auf dem Kocher im Freien bruzelt das Gemüse in Öl und Zwiebel mit einem Schuss Sojasoße. Tante Li kocht ihr ab und zu eine Portion, die fast genau so wie Süßkartoffeln schmecken. Vorbei am endlos in den Himmel wachsenden Kaktus, den auch der Stacheldraht nicht aufhalten kann, nimmt sie die Abkürzung durch die Hinterhöfe, für die letzte Wegstrecke zur Schule.

Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Aus Japan

Heute ist das Gitter an der Baustelle einen Spalt geöffnet. Die Arbeiter scheinen sich im Gebäude verkrochen zu haben, es ist still und sie schiebt ihren schmalen Körper in den kleinen Innenhof. Die Wendeltreppe ins Obergeschoss hat auch schon bessere Tage erlebt. Überall bröckelt der Putz und Risse zieren jede Wand. Zwischen den Wasserrohren entdeckt sie ein Paar Gummistiefel, eingeklemmt warten sie auf Regenwetter, dass heute ausbleiben wird. Wer hier wohl einzieht, wenn das Haus fertig renoviert ist? Vielleicht eine Familie mit Kindern. Draußen wartet die Stuhlparade auf Gäste, die sich eine Ruhepause gönnen. Wäsche hängt zum Trocknen im Freien und die beiden Pappkinder stehen noch immer in durchsichtiger Folie gehüllt grinsend in der Ecke beim „Sammler“. Der Mann ohne Hemd nimmt keine Notiz von ihr, auf den Bordsteinkanten sitzt immer wieder jemand zum Rauchen oder für eine Pause. Sie muss sich beeilen, die Zeit drängt jetzt, zu spät kommen mag sie nicht. Aber es gibt einfach zu viel zu Entdecken.

Wo Wege vorgeschrieben sind bleiben Entdeckungen aus.

Erhard Horst Bellermann

Zurück auf der Hauptstraße des Quartiers schreitet sie schnellen Schrittes an den gelben Straßenmarkierungen entlang. In einem der immer geputzten Autos spiegeln sich die Häuser und es scheint sie fliegen dem Himmel entgegen. Stundenlang könnte sie diese Suche nach außergewöhnlichen Blickwinkeln fortsetzen. Der blank polierte Schmetterling ziert die Hauswand eines Restaurants. Er lacht jedesmal, wenn sie ihn sieht. Vielleicht freut er sich, dass ihn jemand bemerkt. Durch die netzförmige Markise eines Geschäfts fühlt sich ihr Blick wie der einer Fliege an. Und der große weiße Teddybär im Minilädchen versteckt sein Gesicht noch immer hinter einer Maske, genau wie sie und die einfach achtlos Weggeworfene vor dem Modeladen hat sich gut getarnt in der Farbe der Fassade. Es kommt ihr so vor, als ob die Pflanzen denen auf den Kacheln gedruckten nacheifern wollen. Wenn die Laternen des Vietnamen ihren Kopf umwirbeln ist sie fast angekommen. Sie freut sich schon ein bisschen auf den Heimweg nach der Schule.

Es kommt nicht darauf an, von welcher Straße Du kommst, denn die Richtung Deines Weges bestimmt, wo Du ankommen wirst.

Aus China

Von Göttern & Konsumtempeln

Der Glaube allein ist kein Garant für heilsames Verhalten.

Dalai Lama

Sie schlendert durch die Straßen. Keiner Suche folgend, die Momente einfangen, die vor das Auge treten. Kampong Glam, das Viertel ist seit jeher von Muslimen und Malayan bewohnt. Sie treiben hier Handel und gehen hier beten. Früher wohnten viele in den kleinen Stadthäusern, die heute fast ausschließlich für Läden oder Restaurants genutzt werden. Es ist ein beliebter Stadtteil, nicht nur die Touristen sind fasziniert vom bunten Treiben, dem Mix der Kulturen und den vielen Köstlichkeiten, die es an jeder Ecke zu essen gibt. Bunte Mosaiklampen zaubern eine heimelige Atmosphäre, wenn sie an einem der Geschäfte vorbei läuft, die diese in zahlreichen Varianten zum Kauf anpreisen.

Umringt von großen Boulevards, umzingelt von Verkehr, eingekesselt von den glänzenden Fassaden der immer nähere rückenden Hochhäuser, trotzt das Viertel mit seinen verwinkelten Gassen, bunten Häusern und seiner besonders in den Abendstunden quirligen Atmosphäre dem Großstadtflair

Zwischen Baustellen, die heute ruhig in der Sonne auf ihre Arbeiter warten, ziehen Tauben ihre Kreise. Die Sonne scheint unermüdlich vom fast wolkenlosen Himmel. Sie wird angezogen von einer goldenen Kuppel, die wie ein Palast am Eingang steht und alles überstrahlt. In der Sultan Moschee, die 1824 in diesem ethnischen Viertel erbaut wurde, finden fünftausend Gläubige Platz. Die Türen sind für sie heute verschlossen, nur Betende dürfen momentan ins Gotteshaus. Den Gesang des Imams hat sie trotzdem im Ohr, als er an einem der letzten Freitagabende in den Gassen zu hören war. Wie gerne würde sie einen Blick ins Innere des Prachbaus werfen. Bestimmt wird es irgendwann wieder möglich sein.

Vorbei an den Läden der arabischen und muslimischen Händler streift sie auf den überdachten Fußwegen. Die Auslagen sind voll mit Kleidung, Schmuck, Ölen und Düften, Bakhoor (Duftpasten zum Abbrennen), Schals und Kopftüchern. Dazwischen kleine Cafés oder Restaurants, aus denen ihr der Gewürzduft in die Nase steigt. Besonders schön findet sie den Laden, der sich auf Geschenkbänder spezialisiert hat. In allen Farben und Größen werden sie im Schaufenster gestapelt angeboten. Wer sollte hier nicht fündig werden.

Auch die geschlossenen Geschäfte fallen ihr auf. Die Krise beutelt selbst in dieser reichen Stadt viele Unternehmer, Kunden bleiben aus, hohe Mieten und Kosten vertreiben sie. Wehmütig schaut sie in die leeren Scheiben und steht mitten in einem Stapel aus Briefen, Rechnungen und Werbeprospekten. Manche der Läden werden gerade renoviert und ein neuer Besitzer versucht sein Glück. Handel funktioniert eben nur mit Kunden.

Die blaue Moschee will sie noch finden, hier in der Nähe muss sie gleich auftauchen. Heute sind keine Pilger, Gläubige oder Prediger unterwegs. Ein bisschen traurig schauen ihr die Schaufensterpuppen hinterher. Auf der gegenüberliegenden Seite rückt sie ins Blickfeld, die Masjid Malabar Moschee. Blaue Mosaik-Kacheln zieren die Außenwände, mehrere goldene Kuppeln trohnen auf den Türmen. Fast wir aus ihren Märchenbüchern, 1001 Nacht, die Bauherren haben vielleicht auch diese Bücher gelesen.

Die Hitze des Tages erfordert eine Abkühlung. An der nächsten Ecke findet sie ein indisches Straßenrestaurant, die es hier zu dutzenden in der Stadt gibt. Immer wird dort Kopi (Kaffee) angeboten, den sie sicvh gerne eiskalt bestellt. Mit gezuckerter Kondensmilch und stark aufgebrüht. Dazu ein Prata, eine Art Pfannkuchen. Genau die richtige Mischung für diesen Moment. Zu den menschlichen Besuchern dieser offenen Küchen gesellen sich überall die Javan Mynah Vögel. Die kleinen schwarzen Frechdachse mit den gelben Füßen laufen meistens, als das sie fliegen. Sie stehlen gerne das Essen, direkt vom Teller, den man daher nie unbeobachtet lassen sollte. Die Nachbarschaft lockt sie weiter. Überall sind nun die Geschäfte geöffnet, kleine Läden mit Haushaltswaren, Bekleidung, Obst & Gemüse oder Weihnachtsdekoration. Neben einem Geschäft für Bilderrahmungen sitzen Leute auf Stühlen vor einem kleineren Laden. Hier können sich die Kunden Passbilder machen lassen und der Andrang ist groß. Ein älterer Herr steht draußen und lockt mit winkenden Gesten immer neue Kunden an.

Einen ganz besonderen Tempel will sie noch aufsuchen, der sich zwischen Hochhäusern, direkt neben dem Markt und Hawkercenter mitten auf einem Parkplatz unter einem alten Baum befinden soll. Der North Bridge Road Tua Pek Kong Temple liegt wie der Name schon sagt an der North Bridge Road. Angeblich sollen Freunde am Strand mehrere religiöse Statuen gefunden und ihnen einen Tempel gebaut haben. Daher werden in diesem kleinen Gebäude Gottheiten aus dem Buddhismus, Thaoismus und Hinduismus verehrt.

Sie staunt nicht schlecht über diese kleine heilige Stätte, die immer wieder von Männern und Frauen aufgesucht wird. Große Räucherspiralen hängen von der Decke herunter. Aus einem Ofen steigen ebefalls Rauchschwaden empor. Die Besucher zünden zarte Räucherstäbchen an, um sie nach einem Gebet in die bereits gefüllte Schale in den Sand zu stecken. Manche Kirche wäre froh, wenn sie so viele Besucher hätte. Hier ist es ganz selbstverständlich, zum Tempel zu kommen und zu beten. Alltag in Asien.

In einem kleinen gelb gefließten Schrein entdeckt sie einen schwarzen Stein, der in einen goldenen Mantel gehüllt ist. Opfergaben liegen vor dem Stein und Blumenschmuck. Sie fragt einen der Besucher was es mit diesem aufsich hat. Es wäre wohl ein besonderer Stein aus Malaysia. Wenn nur alle Religionen so friedlich unter einem Dach „leben“ könnten. Die Musik klingt ihr noch eine Weile im Ohr, als sie in die kleine Markthalle direkt gegenüber geht. Denn meistens gibt es in Tempelnähe auch diese speziellen Läden, die Utensilien für den Tempelbesuch verkaufen. Sie wird fündig und freut sich dem netten Herrn zwei Packungen der sehr speziellen Papiergaben abkaufen zu können. Den Verstorbenen soll es auch im Jenseits gut gehen und so wird ihnen meistens im Geistermonat alles Mögliche geopfert, unter anderem auch Alltagsgegenstände aus Pappe. Diese werden dann verbrannt, um so zum Verstorbenen ins Jenseits zu gelangen. Es gibt z.B. Hemden, Uhren, Parfüm, Radios, Seife, Schuhe und vieles mehr, alles aus Pappe. Aber bitte Markenware, Gucci-Schuhe für 1,80€.

Die Hitze drückt unermüdlich in die kleinen Gassen. Der Schatten wird immer kleiner, je mehr sie sich dem Zenit nähert. Unter den Arkaden der Stadthäuser ist es ein wenig kühler. Vorbei an kleinen Kunstwerken, die in den Hinterhofgassen an die Wände gemalt, gesprüht oder geklebt sind. Dort sitzen oft die Köche der Restaurants und machen bei einer Zigarette Pause. Die Hitze in den kleinen Küchen mag sie sich gar nicht erst vorstellen. Trotzdem lächeln sie zurück, sie sind froh eine Arbeit zu haben in diesen Zeiten. Die Teppich- und Stoffhändler stehen sich die Füße in den Bauch, manche sitzen gelangweilt vor den Handy und schauen Videos. Trostlos sind die Straßen an diesem Mittag, nur vereinzelt betritt ein Kunde eines der Geschäfte. Wie lange sie das durchhalten ist fraglich. Sie hat Mitleid, schließlich steht hinter jedem dieser Menschen oft eine ganze Familie, die das Geld benötigt, um zu überleben. Trotzdem braucht sie heute keinen Teppich, vielleicht einen um wie in 1001 Nacht eine Runde zu fliegen? Wie sonst die Tauben, die sich jetzt auf den Fenstersimsen dicht an die Hauswände drücken, um der Sonne zu entgehen.

Die goldene Kuppel der Moschee weist ihr den Heimweg. Es werden wieder bessere Zeiten kommen. Dann gibt es Feste und Freudentänze. Bis dahin hilft vielen wohl nur das Gebet, zu welchem Gott oder Stein auch immer.

Ich fühl in mir ein Leben,

das kein Gott geschaffen und kein Sterblicher gezeugt.

Ich glaube, daß wir durch uns selber sind,

und nur aus freier Lust so innig mit dem All verbunden.

Friedrich Hölderlin