Laut & Leise war dieses Wochenende in der Stadt. Mit einer Einladung zur Jugendweihe meiner Nichte verbunden. Das parallele Stadtfest brachte den Rummel auf den Leuschner-Platz, mit knallbunten Fahrgeschäften und Zuckerbuden. Zur Freude der Mutigen, die sich gerne durch die Luft wirbeln ließen. Die Memmen kauften gebrannte Mandeln oder versuchten ein Plüschtier aus einem der vielen Automaten zu fischen. Fünf Euro eine Fahrt, schon verrückt wie sich die Preise im Lauf der Zeit veränderten. Mit 10 Mark bin ich damals als Kind einen ganzen Abend auf dem Rummel ausgekommen. Ringe werfen und Berg & Tal gibt es heute leider nicht mehr. Aber das Lachen und Schreien der Mädchen auf dem Flipper klang wie damals. Und den Adrenalin Kick konnte ich sogar als Zuschauerin spüren ;-)
In den frühen Morgenstunden des Sonntags, kurz vor der Abreise, ist die Stadt sehr ruhig. Die letzten Nachtschwärmer verlassen das Flowerpower erst gegen 10 Uhr. Wie überall trifft man auf Hundebesitzer oder Menschen, die arbeiten müssen. Erste Rennradfahrer sind ebenfalls auf den leeren Straßen unterwegs. Der Bäcker an der Ecke ist geöffnet und ich gönne mir ein Croissant zum Kaffee bevor ich eine kleine letzte Runde drehe.
„Der Mensch ist ein sehnsüchtiges Wesen. Die Sehnsucht macht uns nicht weniger aus als das Denken oder das Sprechen. Wir sehnen uns nach den kleinen Dingen – nach einem Eis, einem Pullover, einem Glas Wasser – oder nach den großen Abwesenden: nach den Toten, dem Frieden, nach Gott. Bisweilen sehnen wir uns nach etwas, das wir nicht einmal näher bezeichnen können. Hier, wo ich bin, ist nicht das was ich suche: Homo desiderans, der sehnsuchtsvolle Affe, ist doch viel treffender als das hochmütige Homo sapiens.
Sehnsucht sollte unterdessen keinesfalls verwechselt werden mit bloßem Mangel. Sie kann etwas Lustvolles, Schmachtendes haben, Passion sein, Leidenschaft. Theodor W. Adorno fand, Sehnsucht könne „ihr eigenes Ziel“ sein, „so wie Liebe stets so sehr der Liebe gilt wie der Geliebten“. Wenn wir uns sehnen, sind wir lebendig. Wenn wir uns nach nichts mehr sehnen, sind wir beinahe keine Menschen mehr, eher wohl schon Buddhas.“
Quelle: Zeit Magazin, Nr. 24/2026 – Alard von Kittlitz
Vielleicht war es die immer in mir schlummernde Sehnsucht einen Ort zu finden, der bleibt. Für immer oder zumindest für länger. Vielleicht wird es diesen Ort nie geben, was traurig wäre. Vielleicht findet ein Ort eines Tages mich. Es könnte auch sein, dass weder ich diesen finde, noch er mich und das Nomadenleben meine Bestimmung ist. Keine festen Wurzeln zu haben ist vielleicht Glück und Fluch zu gleich. Denn alles hat einen Preis. Und so grabe ich seit meiner Jugend die angewachsenen Wurzeln immer wieder einmal aus, um sie an anderen Orten weiterwachsen zu lassen. Und vielleicht ist die Sehnsucht eines Tages so groß, dass ich bleibe – bis zum Ende. Noch treibt mich die Sehnsucht aber immer wieder an unbekannte Orte. Werben an der Elbe ist ein passender Ort, um Sehnsüchte zu befriedigen.
Der Ort, das Land, die Leute … weit im Nirgendwo … Stille, Weite, Aussichten auf die Elbe, die Natur und den Himmel. Ein Flächendenkmal mit Charme, einem Café, Hotel, Pension und dem Elbstübchen. Einer fast schon verwunschenen Gärtnerei mit Glashaus und mächtiger Kirche am Marktplatz. Die Häuser strahlen Stolz aus, bergen Geschichten und Traditionen, bilden einen Ortskern, der sich mutig der Zukunft stellen möchte.
Ich komme an und es legt sich eine Ruhe über mich, wie eine warme Decke des Glücks. Der Pulsschlag wird langsamer und die Freude darüber zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Es klappern die Störche von den Nestern und gleiten immer wieder über die Dächer der kleinsten Hansestadt der Welt. Es fühlt sich an als hätte ich einen Schatz gefunden, der viele Jahre unentdeckt geblieben ist. Zart gerettet von den Menschen, die hier tiefe Wurzeln geschlagen haben. Ich könnte viele Stühle hochstapeln oder von links nach rechts blicken, dieser Ort ist kein Zufall.
Die Gemeinschaft schmiedet sich im imposanten restaurierten Kommandeurhaus für vier Tage zusammen, geht Wege, Straßen und Wiesen gemeinsam oder zu zweit, zu dritt … tauscht Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte aus. Entdeckt die kleinen Symbole der Hoffnung, auf eine Welt die wieder Kollektive bildet und Neues wagt. Dokumentiert Verfall und Aufbau, Sanierung und Ausgrabungen. Als ob dieser Ort allein durch seine Existenz Fäden zwischen den Menschen weben kann, die diesen Gedanken mitnehmen und vom Erlebten erzählen werden. Es wird gelacht, gegessen und musiziert, in Büchern recherchiert und auf Bilder geschaut, die aus fernen Ländern ganz andere Geschichten an diesen Ort tragen. Wie früher die Seefahrer ihre Erlebnisse mitbrachten. Am Fluß der Elbe zieht alles vorbei und jede Stunde zaubert neues Licht und Motive für eigenes kreatives Tun.
Das ist die Sehnsucht Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit. Und das sind Wünsche: leise Dialoge täglicher Stunden mit der Ewigkeit. Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern die einsamste von allen Stunden steigt, die, anders lächelnd als die andern Schwestern, dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke
Verwurzeln
Unter Bäumen Träumen
Dem Rauschen Lauschen
Sich erden Werden.
Christian Baudy
Vielleicht kann ich keine Wurzeln schlagen, weil ich Füße habe, die Wege gehen, Orte durchschreiten, Landschaften erwandern und Berge besteigen möchten. Vielleicht ist das Unstätige in den Genen verankert. Eine uralte Sehnsucht der Völker, die sich aus den verschiedensten Gründen immer wieder aufmachten, umsiedelten, Neuanfänge wagten. Und irgendwann ankamen und blieben. Auch Werben erlebte diese Zeiten und nach Jahren des Wegzuges vieler Bewohner, kehren Menschen wieder um zu bleiben. Um den Ort zu bewahren, das Land zu bestellen und mit den Leuten Freundschaften zu knüpfen. Wertvolles erschaffen.
Die Weide
Sie bewegt sich mit dem Wind, niemals gegen ihn. Ihre Zweige spenden den Kleinen und den Müden Schutz, und ihre Blätter küssen das Wasser, als wollten sie es besänftigen.
In ihrer Gegenwart wird alles sanft – selbst ich.
Meinem Ankommen folgt ein Abschied. Werben mit seinem Land und seinen Leuten bleibt im Herzen. Als sich das große Tor des Komandeurshause schließt kullert eine kleine Träne über meine Wange. Vor Freude über das Glück, diesen Ort gefunden zu haben. Und eines Tages werden wir alle zusammen Platz nehmen im Garten Eden und dem Treiben der Anderen zuschauen, um zu sehen was dort entstanden sein wird. Vielleicht ist die Sehnsucht in mir damit ganz und gar zufrieden.
Laurie fand ich über das Internet https://israelphotographytour.com/ und zuerst dachte ich, es wäre eine Frau. Falsch gedacht! Und er ist nicht mit Leonard Cohen verwandt ;-)
Wir waren für 9 Uhr am Morgen verabredet und streiften zu zweit durch die interessanten Viertel der Stadt. Neve Tzedek, Florentine und Old Jaffa – wir hatten ca. 4 Stunden vereinbart. Natürlich kamen wir beim Fotografieren ins Gespräch und diskutierten die Weltlage, die Situation im Land und in Tel Aviv. Er kannte die „coolen“ Fotospots, die richtigen Lichtsituationen und natürlich die Sprache. Das half, um zum Beispiel einen Ladenbesitzer für ein Porträt zu gewinnen. Die Zeit verging wie im Flug, nach einem Kaffee in Florentine zeigte mir Laurie noch den Weg nach Jaffa, dem alten Hafen am südlichen Ende der Stadt. Dort gönnte ich mir eine ordentliche Portion Hummus mit Fladenbrot und Salat – frisch schmeckt er einfach am besten.
In Jaffa gibt es sehr viele Restaurants, Cafés und mehrmals in der Woche einen Floh- und Gemüsemarkt. Und weil die alten Gebäude bei Touristen beliebt sind finden sich hier auch viele Straßenhändler. Eliran sprach mich an um zu fragen was ich fotografiere. Schnell entwickelte sich ein längeres Gespräch, er lebte lange Zeit in Kanada und hat jetzt den kleinen Souveniershop seines Vaters übernommen. Doppelte Betondecke, sein privater Schelter für Luftalarm. Er wollte ebenfalls fotografiert werden, was ich gerne tat und ihm versprach die Bilder zu senden, wenn ich zurück bin.
Meistens wird man hier gefragt, welcher Religion man angehört. Dass ich mich keiner zugehörig fühle konnte er nicht verstehen. Er meinte, ich habe noch Zeit mich zu entscheiden und gab mir ein paar Mini-Ausgaben der Bibel in englisch und hebräsch mit, sowie zwei Schlüsselanhänger „Jerusalem“ und „I Love Israel“. Und natürlich kaufte ich bei ihm eine Kette mit einem Anhänger (Hand der Fatima, der Mirjam oder der Maria). Jetzt bin ich beim Tragen der Kette vor den Dschinns (böse Geister) sicher. Der Name Eliran ist hebräisch und bedeutet „Gott ist mein Licht“. Das passt perfekt zu ihm.
ich erinnere mich, an das bekannte Licht – dieser weiche sanfte orange-rote Farbton, der mich umhüllt und schon bald in tiefem Blau verschwinden wird – der Sonnenaufgang im Oman war diesem Sonnenuntergang hier sehr ähnlich – dennoch schlägt das Herz an diesem Abend bei der Ankunft in Tel Aviv anders – aufgeregter – was wird mich erwarten in diesen Tagen, die unerwartet möglich wurden – wie werde ich diese Stadt und ihre Bewohner erleben nach Jahren des Krieges und der vielen Wunden in den Herzen –
ich erinnere mich, an den ersten Morgen in der noch fremden Stadt, die Straßen leer, gespenstische Stille – ich erinnere mich, an einen älteren kleinen Herren, der mir seinen Arm zeigte, auf dem eine Adresse in hebräisch notiert war, die er wohl suchte – ich konnte ihm nicht helfen und er bedankte sich dennoch mehrmals mit einem Lächeln bei mir
Er kennt alle Seitenwege des Herzens! Die Hauptstraße aber ist ihm unbekannt.
Voltaire
ich erinnere mich, an die bedruckten T-Shirts, die gerade am Eingang zum Markt von einem Verkäufer aufgehängt wurden „Turn Hamas To Hummus“ – kann Gewalt mit Humor beendet werden? ich erinnere mich, dass auf dem Markt wie in jeder Großstadt Handel betrieben wurde, für jedes Bedüfnis gab es die passende Ware – ich erinnere mich, an den Duft aus der kleinen Kaffeebar und aus der Bäckerei direkt daneben – ich erinnere mich, an die saftigen Datteln und die herrlich süßen getrockneten Aprikosen, die mit der Verläufer mit Sorgfalt abgewogen und verpackt hat –
ich erinnere mich, an das Lächeln der schönen Frau mit dem Blumenkranz im Haar, ihren Begleiter, der links sein Gewehr und rechts seine Kamera umgehängt hatte, mir unbekannte hier normale Selbstverständlichkeit – ich erinnere mich, an ihre Freude über Touristen in der Stadt und durfte sie fotografieren
Ein verlorener Freund ist eine verwehte Oase, ein wiedergefundener wie ein Sack Datteln, der im Sand liegt.
Unbekannt
ich erinnere mich, an den schwarz-weißen Hund, der seine Nase in die Sonne streckte und vor der Bäckerei auf seinen Besitzer wartete – ich erinnere mich, an meine Überraschung, als dieser mit erzählte, dass er gerade von einer Wanderung durch die Wüste zurückgekehrt ist und sich mit Lebensmitteln eindeckt bevor er nach Hause geht, ich dachte an meine Wanderungen in den Alpen und ließ die Idee, selbst irgendwann in einer Wüste zur wandern, auf mich wirken – sicher ein Abenteuer
Wenn du keine Zeit für die Wüste hast: die Wüste wird schon Zeit für dich finden.
Elmar Schenkel
ich erinnere mich, an die Taube, die perfekt platziert scheinbar nur auf mich gewartet hatte, als ich zum Strand kam, possierte extra lange auf dem Warnschild, ich hatte nicht vor zu schwimmen, andere schon, auch Surfer würde ich diese Woche noch sehen – das Wasser könnte durch Munition verseucht sein – unsichtbare Gefahren – das Meer liegt vor mir wie auf einer Postkarte – die perfekte Täuschung
ich erinnere mich, an das zauberhafte „Suzana“, in dem ich vom Besitzer köstlich gegrillte Aubergine auf Joghurtcreme mit Brot und Salat serviert bekommen hatte – eine Freundin wohnte hier vier Jahre lang direkt gegenüber und gab mir diesen Tipp – die Zeit damals war sicher ebenso spannend und interessant für sie – würde ich hier wohnen wollen? für eine gewisse Zeit? – hätte ich zu viel Angst vor einer neuen Eskalation in der Region – Fragen die ich im Januar ganz anders beantwortet hatte als jetzt im März – ich erinnere mich, an diese friedliche Stunde auf der Terrasse, an mein Lauschen der Gespräche, die ich nicht verstehen konnte, an das Gezwitscher der Vögel, an den leichten Wind, der ab und zu den Duft der Raucher zu mir blies …
In einem zerstörten Lande findet man Unterschlupf; in einem friedlichen Land läßt man sich nieder.
Aus der Mongolei
ich erinnere mich, dass mir gleich am ersten Tag die vielen Landesflaggen in der Stadt aufgefallen sind, Statement, Stolz, Wir-Gefühl? ich erinner mich, dass damals in der DDR, in Indien, Peking und in Singapur die Landesflaggen nicht nur zu besonderen Anlässen an den Gebäuden und Balkonen hingen