Die Hälfte der Macht den Frauen

Der März kommt mit besonders fraulicher Wucht. Frauentagsmonat. In allen Medien. In den Köpfen auch? Der Boss verteilt Rosen (Klischee), aber zu wenige. Weiß er denn nicht, dass die Verwaltung in weiblicher Hand liegt. Früher gab es Nelken und einen halben Tag frei für die Frauen im Osten. Oft wurden Kaffee und Kuchen gereicht.

Ein wichtiger Tag. Sogar ein Feiertag, immerhin in zwei Bundesländern und 26 Staaten weltweit. Bei mir ist jeder Tag Frauentag, denn ich wurde als Frau geboren, denke, fühle, handle als Frau. Statt Blumen gab es einen besonderen Film. „Die Aussprache“ wurde gezeigt beim „No Woman No Film“ Festival in Tübingen. Mit was für einer Kraft die Charaktere mich in ihren Bann zogen. Sprache, Gestik, Mimik, Schauspiel, da waren Zeit und Ort des Films fast Nebensache. Aktuell den je, das Thema. Gewalt, Emanzipation, Rechte und Zusammenhalt.

Da lag es nah, „FRAU SEIN“ zum Thema eines weiteres Workshops bei Antje in Leipzig zu wählen. Zwei Tage intensives Arbeiten in paritätischem Team (FREUDE). Männer sind rar vor den Kameras. Dabei haben auch sie so viel zu sagen, zu zeigen, zu verabreiten. Wir spielten mit Worten, erarbeiteten Konzepte, bauten Kulissen, malten Hintergründe, arrangierten uns. Verschiedenste Techniken und Handwerke sollten zum Einsatz kommen, inklusive einer MENTOR Großformat-Kamera und der vorhandenen Dunkelkammer. Alle sollten ins Bild gebracht werden.

Meine Serie soll sowohl das Rollenverständnis der Frau aufgreifen, als auch Möglichkeiten diese zu durchbrechen.

Die Mühsal der Geburt des Menschen wird nur noch übertroffen durch die Mühsal der Geburt zum Menschen.

Horst A. Bruder

Gefangen im Spagat zwischen Care-Arbeit und Karriere. Die moderene Gesellschaft vermag ihn nur langsam aufzulösen.

Solange wir mit einer untätigen, schlafenden Frau zu tun hatten, war nichts leichter, als die Netze zu flechten, in denen wir sie gefangen hielten; aber sobald die erwacht und sich wehrt, gerät alles in Verwirrung.

Honoré de Balzac

Das Netz ein Irrgarten. Entkommen. Gefangen. Wieder entkommen. Nicht aufgeben! Ohne Netz schwimmt es sich leichter. Zur Not kann ich es mit Luftballons füllen, um nicht unterzugehen.

Er trifft alles, was ihm vor die Flinte kommt
Er ist sensationell
Schon der erste Blick greift gierig
Jeder Frau ans Fell
Das feuchte Glitzern seiner Augen auf der Haut
Tut dir so gut
Es jagt dir Starkstrom durch die Nerven
Und verdünnt dein zähes Blut

Hurensöhne wissen nicht, was Liebe ist
Hurensöhne wissen, wie man Liebe macht
Hurensöhne schwören nicht und lügen nicht
Denn sie kommen und sie gehn in einer Nacht

Dein satter, prahlerischer Stolz
Ist ganz genau das, was er braucht
Die Fläche an der er sich reiben kann
Und er flammt wie ein Zündholz auf


Hurensöhne wissen nicht, was Liebe ist
Hurensöhne wissen, wie man Liebe macht
Hurensöhne schwören nicht und lügen nicht
Denn sie kommen und sie gehn in einer Nacht

Doch seine Leidenschaft ist kalt wie Eis
Er handelt mit Bedacht
Er spannt deine Sinne wie Saiten und bald
Hat er sie zum singen gebracht

Silly – Hührensöhne

Ach, meine liebe Frau Anderson! Werden wir jemals die Wahrheit in Worten fangen? – Nie!

Wilhelm Busch

Wer träumte als Kind nicht davon, einmal Häuptling in seinem Leben zu sein? Heikel ist eine Inszenierung als Häuptlingsfrau in Zeiten von kultureller Aneignung. Vielleicht muss man aber ab und zu selbst in die Rolle der Betroffenen schlüpfen, um besser zu verstehen, was falsch war in der Geschichte der Menschheit. Macht über ein Volk auszuüben war und ist eher selten Frauensache. Ich plediere daher für eine gerechte Verteilung zwischen den Geschlechter. Hoch lebe die Demokratie.

Hexe

Hexen
Sind gefährlich!
Ehrlich?
Glaubst Du das?
Hexen
sind wunderbar!
Oder auch
Sonderbar?
Sonderbar,
daß wunderbare Hexen
gefährlich sein sollen.
Beglückt
Verzaubert sie
Mit Magie
Du wirst verrückt.
Vertraue
Ihr Deine Seele an,
Bis Du das Wunder
sehen kannst.
Weise
Heilt sie
Deine Seele
Du bist entzückt.
Verzückt
Entrückt sie Dich
Der Welt, die Du
Zu kennen glaubst.
Sie ist nicht gefährlich.
Ehrlich!

Unbekannt

Michaela, vergiß nicht den Farbfilm!

Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael
Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war, haha, haha
Du hast den Farbfilm vergessen bei meiner Seel
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr

Nina Hagen

Viele schwarz-weiß Fotos zieren unsere Familienalben von damals. Farbfilme waren teurer und dauerten länger bei der Entwicklung der Bilder. ORWO hießen sie und wie Opa sie hauptsächlich ins Dias verwandelte hat mein Papa eher bunte Abzüge drucken lassen. Alle kamen aus der Filmfabrik Wolfen, daher OR (original) WO (Wolfen). Gegründet wurde die Firma schon 1909 und hieß damals Agfa Filmfabrik Wolfen, seit 2020 gehören alle Teilbereiche, die die Wende überlebt haben wieder zu Agfa, der Kreis schloss sich nach 111 Jahren.

In unseren Zeiten sind Filmrollen besonders geworden, die digitale Aufnahme viel günstiger. Trotzdem greife auch ich sehr gerne darauf zurück. Für die Reise nach Leipzig gönnte ich mir einen Polaroid-Film. Diese sind quasi Luxus geworden. Fürs kreative Austoben nutze ich daher sehr gerne Film-Filter. Sie geben den aktuellen Aufnahmen den Touch der Vergangenheit. Darum mag ich es irgendwie, dieses Lied von Nina. Ein Text, den heute keiner mehr singen würde. Der beim Fotografieren aber immer wieder daran erinnert, wie kostbar jedes aufgenommene Bild sein sollte.

Stürmisch begrüßte uns die Stadt, als ob sie uns gleich wieder hinausjagen wollte. Die Zeiten sind es gerade auch und umso dankbarer bin ich für das Privileg einfach reisen zu können, wohin ich möchte, fotografieren zu dürfen und einfach in einem Café Zeit mit besonderen Menschen verbringen zu dürfen.

Leipzig, das kleine Berlin? Dazu fand ich diese These

Es gehört zur Originalität unserer Zeit,
daß die Kopien immer besser werden.

Gregor Brand

Städtevergleiche sind für mich genauso langweilig, wie Städterankings. Jeder lernt die Orte und Menschen doch individuell kennen, hat Vorlieben für Gegenden, blickt oberflächlich oder detailliert auf seine Umgebung. Hat genaue Ziele oder lässt sich treiben von Stimmung, Zeit und Wetter. Für mich ist es die Mischung aus Beidem, die mich auch an bereits bekannten Orten, Neues entdecken lässt.

Schon beim Einfahren in die Stadt aus Richtung Markleeberg wussten wir, wo es nach den Ankunft hingehen sollte. Die Graffitiszene im Stadtteil Connewitz ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Dort findet mann/frau die Apotheke oder die Polizei am besten mit Google Maps. Türen, Fenster und Fassaden sind bis zur Unsichtbarkeit besprüht oder mit Aufklebern und Plakaten beklebt. Ist das Kunst oder muss das weg? Für viele Hausbesitzer wohl Sachbeschädigung – Ärger und Kosten, eine Reinigung hält vermutlich nur ein paar Tage. Für die Szene dort Ausdruck ihrer Kreativität, politischen Meinung, Wut, Kunst oder einfach nur Zeitvertreib. Für mich Motiv(e).

Nicht schlafend sitz ich da,
die Augen stets geradeaus,
ein Blick wie tausend Messer scharf,
auf Rot auf Grün auf Blau,
die Illusion aus Licht und Farbe,
ein Meer aus kleinen Punkten – nie gezählt….
Doch was wenn ich die Augen schließe?
Bin ich dann blind?
oder sehe ich in Gedanken weiter,
sozusagen ein eingebranntes Bild
von der Illusion die es gar nicht gibt?
Wer bestimmt das, was ich sehe,
bin es wirklich ich?

Manuel Diesenreiter

Verschwommen als Silhouette stapeln sich die entsorgten Stühle im Straßenraum. Selbst für Ebay taugen sie nichts mehr. Im Wirrwarr der Fahrzeugkennzeichen tauchen sie unter, verewigt in einem letzten Foto, dass ihre Existenz für ein paar weitere Jahre bestätigt.

Am nächsten Morgen zieht es uns nach Plagwitz, einem Stadtteil im Westen Leipzigs, vom Karl-Heine-Kanal durchzogen. Im Kaiserbad kann man kaiserlich frühstücken, selbst bei hässlichem Wetter draußen. Das Interior empfängt uns einladend warm, es fehlte nur ein offener Kamin als i-Tüpfelchen. Backsteinziegel und Eisenträger versprühten ihren Charme in einer der Hallen einer ehemaligen Eisengießerei. Das Café ist ein Gebäude im Westwerk, dessen Geschichte hier nachgelesen werden kann: Geschichte – westwerk-leipzig.de . Unter anderem diente das Gelände früher der Leipziger Pferdeeisenbahn.

Wie die Schwalbe, nistet die Phantasie gern an alten Mauern.

Johann Jakob Mohr

Zitternd, mit langsam gefrorenen Händen und Füßen schlichen wir durch fast menschenlose Straßen. Trotzten den Windböen und Regenschauern. Wie Vermummten lichteten wir uns vor den besprühten Wänden des Wynwool-Plagwitz ab. Im Sommer ist es hier bestimmt schön(er). Von der alten Jute-Spinnerei sind nur noch Mauern mit Löchern übrig geblieben. Da lohnte es sich nicht, sich durch die Absperrungen zu zwängen und eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch zu riskieren. Und wahrscheinlich hätten sich auch hier nur farbenfrohe Wände ablichten lassen. Manchmal könnte man den stummen Schrei nach Hilfe dieser einst brächtigen Gebäude hören, der aus den dunklen Fenster hinaus strömt und sich in den kahlen Bäumen verfängt. Trostlose Tristesse.

Wir ziehen weite Kreise, lassen das Kunstkraftwerk links liegen, obwohl dort Wärme und digitaler Klimt locken. Ich wollte nach zig Besuchen in Leipzig endlich die Oscar Niemeyer Sphere bestaunen. Schon von weitem beeindruckend, was sich der brasilianische Architekt für das Gebäude des ehemaligen VEB Schwermaschinen S.M. Kirow ausgedacht hat. Die große weiße Kugel mit dem schwarzen Auge scheint wie an die Wand geworfen zu sein. Leider war das Gelände abgesperrt – aber so schnell wollte ich nicht aufgeben. Gut, dass ich meinen Dialekt behalten habe, der Sicherheitswachmann ließ sich überreden, uns für ein paar Fotos durch das offene Tor zu stehlen.

„Von den Kurven der Frauen, aber auch von den Bergen und Flüssen meines Landes beziehe ich meine Inspiration.“

Oscar Niemeyer

Quelle: https://beruhmte-zitate.de

Die Baumwollspinnerei war unser letztes Ziel. In großen Teilen erhalten geblieben im langen Lauf Ihrer Geschichte. Jetzt Hort für Künstler und Galerien (14!), die kostenlos besichtigt werden können.

„Am Beginn stand die Vision einiger mutiger Industrieller. Der Bedarf an Baumwolle war im 19. Jahrhundert weltweit rasant angestiegen. In Deutschland waren Baumwollgarne zuvor traditionell vor allem aus England und der Schweiz importiert worden, Rohware wurde seinerzeit zumeist aus den Vereinigten Staaten aber auch aus Ägypten bezogen. Ein Abflauen des Bedarfs war nicht in Sicht, eher im Gegenteil. Die Löhne in Deutschland waren niedrig, die Arbeitszeiten länger als in Großbritannien, Einfuhrzölle für gröbere Garne waren hoch. Es war ein günstiger Zeitpunkt für die Vision, eine der größten Spinnereien Europas zu bauen.

Am 21. Juni 1884 erfolgte der Eintrag der Leipziger Baumwollspinnerei als Aktiengesellschaft in das Handelsregister. Von Dr. Karl Heine, der das Sumpfland im Leipziger Westen urbar gemacht hatte, erwarb man ein Grundstück inmitten der noch jungen Arbeiterquartiere, zum günstigen Preis von 2,10 Mark für den Quadratmeter mit direktem Anschlussgleis, Telefonverbindung und gesichertem Zu- und Abwasser. Für die Leitung des Vorhabens wurde der aus Zürich stammende Johann Morf engagiert. Noch im selben Jahr wurde die 1. Spinnerei errichtet (die heutige Halle 20) und die Arbeit mit fünf Spinnstühlen aufgenommen. Im März des nächsten Jahres lief die Produktion mit 30.000 Selfaktorspindeln und dazugehörigem Vorwerk bereits auf vollen Touren.“ Quelle: Gründereuphorie – SPINNEREI

Eine Erfolgsgeschichte, die in meinen Augen zeigt, dass der Osten viele Schätze birgt, die erkundet werden wollen. Natürlich wären Arbeitsplätze so viel wichtiger für die Region. Wenigstens wird dieses Areal damit gerettet und nicht dem Verfall preisgegeben wie so viele andere. Es wird nicht der letzte Besuch hier gewesen sein.

Wer direkt in der Spinnerei übernachten möchte: https://www.spinnerei.de/mieter/meisterzimmer/ und natürlich gibt es auch Führungen und zweimal im Jahr Rundgänge auf dem Gelände.

Am Sonntag kam die Sonne – endlich. Wenn auch kalt, dennoch erweckend. Wir trafen Antje zum Frühstück, DIE Fotokünstlerin aus der Stadt (www.antjekroeger.de). Bei ihren Workshops habe sehr viel gelernt, für die Arbeit mit der Kamera, den Menschen davor und dahinter, das Leben und so einiges mehr. Sie schloss sich uns an auf der Suche nach verlassen Orten an den Rändern der Stadt. Leider werden diese jetzt sogar im „wilden“ Osten immer mehr abgeriegelt, die Eingänge verbarrikadiert, per Kameras überwacht und mit Zäunen umstellt.

Der alte Flughafen bei Mockau zum Beispiel, hermetisch verschlossen. Vielleicht auch aufgrund der direkt dahinter liegenden Flüchtlingsunterkünfte? Mit Schrecken fuhren wir daran vorbei und bekamen irgendwie kein Wort mehr heraus, angesichts der Umstände, wie die Menschen dort leben müssen. Container in Reihen aufgestellt. Zäune darum. Für uns glich es einem Lager. Weit draußen, weg von der Stadt. Wo gehen die Leute denn Einkaufen? Fährt da irgendwo ein Bus? Viele sind vielleicht trotzdem froh, in Deutschland sein zu dürfen, in Sicherheit schlafen zu können. Lange sollten diese Menschen dort nicht bleiben müssen.

Eine alte Brauerei bot uns schließlich ein unbewachtes Schlupfloch, das wir nutzten, um uns in einem der Gebäude umzusehen. Wie überall gab es nichts mehr, was an den Zweck dieser Hallen erinnerte. Baumskelette warfen Schauerschatten an die Fassaden. Im Inneren sämtliche Anlagen, Maschinen, Möbel und die Menschen – verschwunden. Nur zerbrochenes Glas, zerriebener Stau und Ziegel, kaputte Fließen und Fenster bedeckten die Böden. An den Wänden Graffiti, teils kreative Kunstwerke darunter.

Den Schlangenraum nutzten wir für eine Fotoserie, die Antje hinter und ich vor der Kamera inszenierten. Der Raum verschlang uns, die Wände waren kühl und bröselten unter meinen Fingern regelrecht ab. Abgenutzt, so fühle ich mich an manchen Tagen wirklich. Vielleicht das Alter, die Anspannung, die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft für diesen Planeten, meine Kinder – alle. Vielleicht sieht es irgendwann überall so aus, weil keiner mehr hier ist. Weil wir uns selbst zerstören und nicht aufhören wollen damit. Die Natur wird die Gewinnerin sein! Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders und in der alten Brauerei wird zwar kein Bier mehr gebraut, aber neues Leben zieht ein. Mit oder ohne Menschen.

Foto: Antje Kröger
Foto Antje Kröger
Foto: Simone Kirsch; Collage: ich

Ich wünsche den Menschen die Gabe,
sich mit den Augen der anderen zu sehen.

Robert Burns (1759 – 1796)

Die ganze Serie: Ruinöse Coma-töse › Antje Kröger | Fotokünstlerin (antjekroeger.de)

Was bleibt am Ende zu sagen? Simone war zum ersten Mal in Leipzig und meinte auf dem Weg nach Connewitz: „Irgendwie sehen die Menschen hier anders aus.“ Wie denn, fragte ich zurück? Sie wusste keine Antwort. „Vielleicht glücklicher?“ fragte ich. „Ja, genau.“ war ihre Antwort.

Damals im Juni

A

Mein Leben bestand bisher aus unzähligen Höhen und Tiefen. Die Tiefen überwand ich auf den Flügeln der Hoffnung. Nun liegen schon wieder die nächsten Schluchten vor mir. Aber ihr Wesen der Abgründe, mich kriegt ihr nicht, denn wo ich hinfliege, da habt ihr keinen Zutritt.

© Adrian Peivareh

Drei Worte sollten aufs Bild: Abgrund, Ersatzteillager, Schwarz!

Die Zeit war knapp bemessen, ein Konzept musste her! Requisiten sichten, Worte wechseln mit dem Mann vor der Kamera. Die Stoppuhr lief los, 20 Minuten. Ansprache, Warten, den richtigen Moment einfrieren. Eine wahre Kunst. Nicht immer gelingt es. Jedes Mal ein Abgrund! Jedes Mal komplette Hingabe! Jedes Mal Freude und Verzweiflung! Jedes Mal Nervenkitzel!

Mein König hat sich fein gemacht. Ihn plagen seine Geister. Die Verletzungen werden abgedeckt und lassen ihn wie einen Krieger erscheinen. Krieg ist immer und überall, in den Köpfen, im Körper, in den Beziehungen, in den Taten, in den Gedanken. Wer will ihm den Gar ausmachen? Mit dem Arm in der Hand, an den Abgrund manövriert. Zeige uns deine wahre Stärke, werde kreativ, benutze deine Ideen! Trotze dem Abgrund! Vielleicht kannst du dann fliegen.

B

Zur Welt gebracht
Zum Narren gemacht
Zum Leben bereit
Ein Zuhause auf Zeit

Die Wurzeln erfragt
Die Antwort versagt
Das ´Heute´geliebt
Die Chancen versiebt

Mißrauen gelehrt
Den Schrei überhört
Die Hunde gehetzt
Die Würde verletzt

Die Fehler gehaßt
Die Freude verpaßt
Zum Zweifel geneigt
Die Zukunft vergeigt

Durch Schläge gequält
Den Willen gezähmt
Die Bildung vermißt
Von der Muse geküßt

Der Freude beraubt
An Wunder geglaubt
Die Nächte durchwacht
An Morgen gedacht

Das Gesagte gemeint
Um Verluste geweint
Am Feuer gewärmt
Vom Irrtum entfernt

Das Unrecht verziehn
Vertrauen geliehn
Den Haß besiegt
Das Leben geliebt

© Jutta Schulte

Mein Dank gilt Antje für die zwei Tage voller Wissen, Inspiration, Kritik und Heiterkeit. Und Tobi für seine Arbeit mit uns, seine ruhige Art und Ausdauer. Workshops hoffentlich bald wieder buchbar unter: http://www.antjekroeger.de/

In Leipzigs Straßen

Der Herstellung von Zeit geht recht einfach, ich nehme sie mir einfach. Zumindest ab und ab, für die Fotografie, für die Freiheit, für die Seele. In Leipzig geht das besonders gut. Da wohnt und arbeitet Antje Kröger in ihrem Atelier und ab und zu sogar auf den Straßen dieser bunten Stadt. Mit der Kamera! Ich durfte sie begleiten am letzten Wochenende, da standen Inszenierung und Straßenfotografie auf dem Workshop-Plan. Nach langen corona-freien und wenig inspirierenden Wochen besuchte ich den vierten Kurs bei ihr. Für die Inszenierungen werde ich bald Worte zu den im Atelier entstandenen Fotos finden. Am zweiten Tag zogen wir durch die Straßen im Stadtteil Neuschönefeld. Dort trifft man sich in der Eisenbahnstraße im türkischen Kaffee zum Frühstück. Eine der gefährlichsten Straßen in Europa, es herrscht Waffenverbot. Wir hatten keine dabei und morgens ist es dort sehr ungefährlich. Nette Menschen, die sich auf einen Plausch mit uns einlassen, fast zu wenig Betriebsamkeit für Straßenfotografen. Darum zogen wir Richtung Innenstadt, wo eine große Demonstration gegen Rassismus stattfand. Es waren dort auch farbige Demonstranten unterwegs, zusammen mit ihren Freunden, Bekannten oder Gleichgesinnten zogen sie auf die Straßen mit Plakaten und Fahnen. Mich hat eine Szene ins Herz getroffen, der farbige Flaschensammler inmitten der vielen Demonstranten. Dem war die Veranstaltung vielleicht egal, die weggeworfenen Flaschen bedeuteten einen kleinen Extraverdienst für ihn an diesem Sonntag in Leipzig.

Meine Aufgabe lautete: Alles unterhalb des Knies & Kreise. Nicht ganz einfach, aber machbar. Und Abschweifen vom Thema war erlaubt.

Das Hauptthema des Workshops lautete „Abgrund“, daher versuchten wir auch dieses auf der Straße umzusetzen und ich wollte meine Ikone noch inszenieren. Die Freiheitsstatue ist ein eher einfaches Motiv und der passende Sockel fand sich auf einem kleinen Rasenstück.

Eine Aufgabe bestand darin, Portraits von drei Menschen aufzunehmen. Christine traf ich an einer Unterkunft für betreutes Wohnen, sie war sofort bereit für ein Foto. Das zweite entstand bei der Demonstration, den Namen des Abgelichteten habe ich nicht herausgefunden. Ein Portrait bleibe ich also schuldig, ein Grund mehr, wieder nach Leipzig zu kommen, irgendwann. Dafür hat Antje mich in Szene gesetzt, ganz entspannt mein Blick, die Herstellung von Zeit geglückt, in diesem Moment.

Suchbild mit Klingeln
Die Italienerin
Spiegel Sperrmüll
Kneipenkultur
Schneewittchen
Anbeter der Schuhe
Von der Krippe in den Abgrund
Musterkind
Blauer Benz
Christine geht Rauchen
Abgrund Statue
Farbengleich
Verkabelt
Umzug mit Rad
Keine Waffen
Kleckserei
Motivsuche
Freiheit für alle
Kopf in die Wolken stecken
Beinfreiheit
Liebessuchende
Wer sammelt Flaschen? Colored People
Sternburger statt Maske
Demonstranten
Poser
Herstellung von Zeit (Foto von Antje Kröger)

Ich kann die Kurse von Antje jedem ans Herz legen, der fotografisch weiterkommen möchte oder seinen Blick schärfen mag. Näheres hier: http://www.antjekroeger.de/kreative-fotoworkshops-antjekroeger/