Stumme Zeugen

Falkenstein liegt im Vogtland, südwestliches Sachsen, direkt an der Grenze zu Bayern, Thüringen und Tschechien. Er ist einer der drei größeren Orte im Göltzschtal neben Auerbach, meiner Heimatstadt und Rodewisch, meiner Geburtsstadt. Ich muss also ein wenig ausholen für diese Serie an Bildern, die bei meinem letzten Besuch dort entstanden sind. Mit dem Ort Falkenstein verbinden mich gleich mehrere Gegebenheiten. Meine Namensvetterin lebte dort (Yvonne Sandra), deren Eltern sich mit meinen die verrückte Idee ausgedacht hatten, den Kindern nahezu selbe Namen zu geben. Mein zweiter Vorname ist Ivonne (der eine Buchstabe macht den Unterschied) und ich bin etwas eher geboren als sie. Wir haben viel zusammen gespielt in unserer Jugend, gemeinsame Ausflüge zum FFK gehörten auch dazu, die Eltern hatten eine Eisdiele in Auerbach, wie wunderbar für uns Kinder – DDR-Leben, es war eine unbeschwerte Zeit. Jetzt lebt sie in der Schweiz, hat die Heimat verlassen, wie ich und 1,5 Millionen andere nach der Wende, auf der Suche nach Arbeit, die es im Göltzschtal für uns nicht gab. Mein Mann stammt aus Falkenstein und ein paar Jugendlieben vor ihm auch 😉 – Falkenstein kenne ich also gut, es gab ein Kino (jetzt wieder Veranstaltungsort für unterschiedliche Kulturangebote), eine Disco (da steht jetzt ein Supermarkt), ein Stadion, ein Freibad und die Talsperre, an der wir viele Sommer verbrachten. In Falkenstein gab es einen Plattenladen, in dem wir unzählige LPs und CDs gekauft haben.

Falkenstein verbinde ich mit positiven Erinnerungen und doch blutet mir seit Jahren das Herz, wenn ich durch die im Schachbrettmuster abgelegte Stadt fahre oder laufe. Viele Häuser sind nach dem Zusammenbruch der DDR wieder hergerichtet worden, hatten Geschäfte, die eine lange Zeit gut funktionierten. Jetzt stehen an sehr vielen Fenstern Schilder „Zu verkaufen“ „Zu vermieten“ „Geschlossen“. Andere Häuser sind schon seit Jahrzehnten verlassen und wohl nicht mehr zu retten. Sie wurden verlassen, verkauft, nicht wieder bewohnt oder die Besitzer interessieren sich nicht mehr dafür. Mittlerweile gibt es zwei Varianten dieser stummen Zeugen. Natürlich gibt es noch Geschäfte und sehr viele bewohnte Häuser und trotzdem erkennt jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen läuft, dass hier soviel Potential verloren gegangen ist und gehen wird. Einst prachtvollen Fassaden bröckeln vor sich hin, kunstvoll gezimmerte und geschmiedete Türen verrotten, Reliefs und Verzierungen aus Stein lösen sich auf und die Risse in den Gemäuern wirken wie Wunden verletzter Seelen.

Es werden schon sehr lange keine Geschichten mehr erzählt in diesen Häusern, die einst voller Leben, Liebe, Gesprächen und Kultur waren. Erinnerungen an die ehemaligen Bewohner verblassen langsam. Wenn sie verschwinden, bleiben nur die Archive und Zeitzeugen, die sich wage an diese Bauwerke und der Nutzung erinnern können.

In letzter Zeit befällt mich oft der Gedanke, ob nicht auch ich daran Schuld trage, dass es diese Häuser nicht geschafft haben. Schließlich habe ich meine Heimat verlassen und bin bis heute nicht zurückgekehrt. Was wäre, wenn ich geblieben wäre, wenn alle geblieben wären, wenn die Wiedervereinigung anders verlaufen wäre, wenn es Jobs im Osten gegeben hätte, wenn sich Industrien und „blühende Landschaften“ in einem schnelleren Zeitrahmen entwickelt hätten, wenn es Perspektiven gegeben hätte, die junge Leute zum Bleiben veranlasst hätten oder zur Rückkehr bewegen würden. Es gibt diese Rückkehrer, sogar in einer wachsenden Zahl. Aber für die „Flüchtigen“ meine Generation haben wohl mittlerweile ihre Zelte woanders aufgebaut, ein neues Zuhause gefunden. Die Heimat bleibt trotzdem im Herzen immer „drüben“. Und den Verfall ehemals schöner Ecken zu beobachten tut mitunter ziemlich weh. Keine Frage, Regionen wie Dresden, Leipzig, Potsdam, Erfurt, Jena, Berlin oder Rostock haben sich entwickelt, waren aber auch schon bevor es die DDR gab große Zentren von Wirtschaft, Kultur und Politik. Es ist viel Gutes im Osten entstanden in den letzten 30 Jahren. Es wurde investiert in Infrastruktur und Sanierungen vieler Orte. Es sind Jobs entstanden. Es gibt Kultur. Nur in manchen Ecken fruchteten die Bemühungen eben doch nicht, wie geplant. Der ersten Welle von Neugründungen und Selbstständigkeit machen jetzt wohl wie in der gesamten Republik der globale Handel und der Konsum im Internet zu schaffen. Geschäfte schließen, Gaststätten ebenso. Ja es ist einfach den Verfall zu beklagen und selbst nicht dort zu wohnen, seine Ideen und seine Energie nicht dort einzubringen. Aber mit dieser Schuld wird letztlich jeder der 1,5 Millionen leben müssen, die gegangen sind. Und die Geschichte kann und wird sich beliebig oft wiederholen, was sie tut, angesichts der weltweiten Migration aus politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kriegerischen Gründen.

Ich habe ganz bewusst auch bewohnte Häuser in diese Serie aufgenommen. Sie zeigen, welche Schönheit diese Stadt einst prägte. Das sich lohnt die alten Mauern zu sanieren, das Leben in ihnen zu bewahren und die Geschichten weiterzuerzählen. Meine Hoffnung gebe ich nicht auf. Abbruchhäuser gibt es auch im Westen der Republik und spätestens die Generation meiner Kinder und Enkelkinder, wird Deutschland nur nach Bundesländern aufteilen. Von Ost und West erzählen wir ihnen dann, wie unsere Großeltern vom Krieg oder dem Leben in der DDR. Vielleicht schaffen es bis dahin noch einige dieser Häuser, liebevolle neue Besitzer zu finden, die ihnen wieder Leben einhauchen.

Zugemauert! An dieser Ecke war ich nach gut zwei Stunden in den Straßen unterwegs und durchgefroren. Ein Café wäre jetzt prima gewesen, leider war keins offen. Und dann spielte König Zufall wieder einmal mit, Yvonne stupste mich von hinten an. Sie war sich sicher, die Frau mit der Kamera konnte nur ich sein. Wie schön, sich hier wieder zutreffen. Wir plauderten eine Weile und freuten uns über den Moment. Nächstes Mal sollten wir das besser planen und einen Kaffee zusammen trinken. Der alten Zeiten wegen und der heutigen Zeiten natürlich auch, es gäbe viel zu erzählen.

Ein Haus steht in der Finsternis.
Finsternis steht ringsrum.
Ein Fenster leuchtet.
Einer sagt: Verzweiflung.
Einer sagt: Hoffnung.
Und eine Waage ist nicht zur Hand.
Nur Entscheidung.


Johannes Trojan (1837 – 1915)

https://de.wikipedia.org/wiki/Falkenstein/Vogtl.

Farbe & Licht

Spaß

Zwei arbeitsintensive, sehr kreative und von Licht durchflutete Tage in Leipzig liegen jetzt eine gute Woche hinter mir. Die Zeit bei Antje (http://www.antjekroeger.de/) ist jedes Mal aufs Neue eine extrem Spannende, die immer viel zu schnell verfliegt. Eine interessante Mischung an Teilnehmern hatte sich am Samstag Morgen unter dem Dach des Ateliers zusammengefunden, um sich fotografisch mit den Themen Licht, Farbe und Gestaltung auseinanderzusetzen. Dieses Mal waren gleich vier Männer an Bord, neben Paul unserem Model noch Matthias, Ralf und Wolfram. Die weibliche Seite wurde von Annett verstärkt, mit Antje zusammen waren wir trotzdem in der Unterzahl. Eine angenehme Runde, die über die beiden Tage irgendwie so schnell zusammen gefunden hat.

Matthias
Ralf
Annett
Wolfram

Ein Workshop bei Antje öffnet immer neue Türen, ich denke bei uns allen war das auch diesmal der Fall. Nachdem wir uns theoretisch mit den essentiellen Fragen zum Thema beschäftigt hatte, durfte jeder seine kreative Seite ausprobieren. Es waren nicht nur Einfallsreichtum gefragt, auch die Mithilfe der gesamten Gruppe, Stimmungen zu erzeugen, um jede einzelne Idee umzusetzen. Die zeitliche und räumliche Einschränkung stellte eine besondere Herausforderung dar.

Familie?

Ich fand es sehr spannend zu sehen, was die Anderen mit den zugerufenen Wörtern, Farben, Aufgaben und Lichtsituationen kreierten. Paul stellte sich immer wieder neuen Situationen und war am Ende sicher genauso geschafft wie wir. Nach zwei Tagen war der Akku leer, nicht nur in den Kameras, sondern auch in mir. Umso schöner war es hinterher die Ergebnisse aller zu sehen, der Arbeit Lohn.

Sport!
Doppelte Arbeit 🙂

Antje hat es wieder geschafft, meinen Fokus im Bereich Fotografie zu schärfen, kritischer mir mit selbst zu sein, das Licht verstärkt einzubeziehen, mehr zu wagen und sowohl mir als auch den Models vor der Kamera das abzuverlangen, was für ein stimmiges Foto notwendig ist.

Danke auch für das zwar sehr ernste aber ehrliche „Z“-Polaroid von Dir. Vor der Kamera zu stehen ist eben eine ganz andere Herausforderung als dahinter. Auch das will in Zukunft geübt werden.

Z(unkunftsfragen)

Sherlock Is Back

„Morgen Mittag wird die Welt, wie Sie sie kennen, untergehen.“
„Aha. Dann sollten wir wohl keine Zeit verlieren!“

„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.“

„Stagnation macht meinen Geist rebellisch! Geben Sie mir Probleme, geben Sie mir Arbeit!“

„Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, mein Junge, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten.“

„Machen Sie aus Menschen keine Helden, John. Helden existieren nicht.
Und selbst wenn – dann wäre ich keiner von ihnen.“

„Hören Sie auf mich zu langweilen und denken Sie. Das ist das neue sexy.“

„Es stellt für mich einen beträchtlichen Unterschied dar, wenn jemand an meiner Seite ist, dem ich voll vertrauen kann.“

„Gefühle sind ein chemischer Defekt, der auf der Verliererseite zu finden ist.“

„Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.“

„Die kleinen Dinge sind unendlich wichtig.“

Hauptdarsteller: Lara as Sherlock
Kamera: Weltaflex, Rollfilm
Labor: MeinFilmLab
Fotos & Regie: Sandra
Kulisse: Kloster Bebenhausen
Zitate: Sir Arthur Conan Doyle und Filmzitate Sherlock Holmes
Es war mir ein Vergnügen sie zu treffen.

Der März bringt das Licht!

Endlich sind die dunklen Tage der letzten drei Monate gezählt, die Sonne kitzelt mich schon Morgens immer öfter an der Nase und lässt meine Augen überlaufen, wenn sie Abends mit einem Farbenspektakel am Horizont wieder verschwindet. Das gibt mir neue Energie, die Ideen sprudeln im Kopf und meine Kreativität lechzt um so mehr nach Austoben.  

Mein erstes Gedicht ist entstanden, aus einer Pflicht heraus, wollten die Worte zu Papier gebracht werden. Der Versuch meiner Definition von Licht:

Offenbarung an das Licht

Kraftquelle meines Lebens
Klarheit meines Daseins
Seelenstrahl

Wärme in meinem Herzen
Funken in meinen Augen
Hoffnungsschimmer

Reinheit meiner hellen Tage
Nebelschleier meiner diffusen Stunden
Schattengeber

Schwerlosblau meiner Sommerlaunen
Tiefengrün meines Wintergemüts
Farbenspieler

Reflektion meiner Ansichten
Spiegelung meiner Wahrheiten
Bilderzeuger

Im Licht des Waldes öffnet sich eine Bühne.

Ein Selbstporträt – Teil der Hausaufgaben zum Workshop bei Antje Kröger in Leipzig zum Thema „Licht, Farbe und Gestaltung“ – sollte abgelichtet werden. Vor der Kamera zu stehen will gelernt sein und muss geübt werden. Ich bin lieber dahinter, dieser Herausforderung stellte ich mich dennoch. Ein bisschen Hilfe hatte ich nötig, die Idee schwirrte im Kopf bereits herum. Eine Erklärung dazu soll es nicht geben, eher eine Aufforderung zur Eigeninterpretation.

Wer findet Worte für mich?

Zum Workshop gibt es demnächst mehr Worte und Ergebnisse hier zu lesen und zu sehen. Die kreative Phase brachte mich im Februar noch in eine Dunkelkammer und zur UV-Lampe.  Im Foto-Mietlabor in Stuttgart durfte ich meinen ersten s/w Rollfilm selbst entwickeln und erste Abzüge davon machen. Eine wahrhaft emotionale Erfahrung. Welch eine Befriedigung, die eigenen Bilder entstehen zu sehen. Einen Prozess vom Beginn der Idee, über das Belichten des Films, der Entwicklung im Labor und dem fertigen Fotopapier in der Hand komplett selbst auszuführen, lässt mich das Ergebnis mit ganz anderen Augen betrachten. 

Danke Stefan für diese 5 Stunden voller erleuchtender Momente.

http://www.miet-sw-labor.de/
Kompetente Beratung und Ausstattung
Vorbereitung ist alles bevor das Licht ausgeht!
Ergebnisse im Trockenschrank

Cyanotypie hatte ich bisher nie selbst ausprobiert, bin aber schon immer fasziniert vor diesem blau-weißen Bildern gestanden. 1842 wurde dieses Verfahren vom englische Naturwissenschaftler und Astronom Sir John Herschel entwickelt und begeistert noch heute viele Kunstschaffende. Da auch ich zur Mehrheit der Blauliebhaber (Lieblingsfarbe der Menschen laut eines Forscherteam der britischen Newcastle University) gehöre, wollte ich diese Technik schon länger einmal testen. Ein Cyanotypie-Workshop beim Kunstbedarf-Giganten Boesner war mein Weihnachtsgeschenk, das jetzt eingelöst wurde. Ein wenig Respekt hatte ich vor der Chemie, nicht gerade mein Lieblingsfach in der Schulzeit, aber die Angst wurde mir schnell genommen. Karl erklärte und demonstrierte den ganzen Prozess sehr anschaulich und nach drei Runden eigener Arbeit, konnte ich die wunderschön blau-weiß entwickelten Papier in meinen Händen halten.

Entwickeln ohne Dunkelkammer – sondern mit UV Licht

Jetzt freue ich mich auf das Licht des Frühlings. Die Dunkelkammer richtet eine Freundin gerade in ihrem Keller ein, Chemie und Papiere wurden gekauft – es kann gearbeitet werden. Wie sagte Karl Valentin so schön: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“