A07 Ödland

Insel im Nirgendwo – Eine Annäherung an Öland

Unerbittliches Licht dringt ein;
Und vor mir dehnt es sich,
Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;
Dort in der Ferne ahn‘ ich den Abgrund,
Darin das Nichts.

(1817 – 1888), Hans Theodor Woldsen Storm

Traum und Wirklichkeit, man hört es oft, es können Welten dazwischen liegen. Öland muss man gesehen haben, wurde gesprochen, von einigen, die schon dort waren. Wo genau habe ich nicht erfragt. Selbst ein Bild machen, lautet meine Devise. Auf 137 km Länge und 16 km Breite (maximal) wird sich das Geheimnis dieser „Trauminsel“ finden lassen. Ausgeträumt. Noch nie hat sich mir ein Ort derart widerstrebend erkunden lassen wie diese Insel auf der südöstlichen Flanke Schwedens. Leere ist vorhanden dort, in den kleinen Orten, auf den Straßen, an den Stränden. Weitblick auch. Auf die Ostsee, auf vertrocknete Steinwüsten, über Felder. Das ist alles, mehr habe ich nicht entdeckt. Reicht das?

Vielleicht bin ich zu wählerisch, zu verwöhnt, zu engstirnig? Das Gefühl unbedingt hier zu bleiben, vielleicht doch den Norden zu erkunden, dem Ort eine Chance zu geben, stellte sich nach mehr als einem Tag noch immer nicht ein. Da half auch der Morgenspaziergang am Strand nichts mehr. Das Licht war weich, das Wasser still, ich fühlte mich wie ausgesetzt auf einem anderen Planeten. Erzwingen muss ich nichts. Also Weiterreise. Vielleicht bei einem zweiten Anlauf, irgendwann.

A04 – Nah am Wasser gebaut

Falkenberg & Varberg

Kirche zu Falkenberg

Wir hatten unser zweites Quartier in der Nähe von Halmstad, nahe der Bucht mit dem bezaubernden Strand Tylösand bezogen. Die Campingsaison in Schweden ist Mitte August quasi vorbei. Meistens tummeln sich noch ein paar Dauercamper auf den Plätzen herum, die ihre kleinen Refugien langsam winterdicht machen, oder ein paar Wochenendausflügler, die den nordischen Spätsommer genießen oder Bayern und Baden-Württemberger, die noch Ferien haben oder Familien mit nichtschulpflichtigen Kindern (dazu später mehr). Tylösand versprach die Ostsee mit einem langen Strand, leider zeigte sich das Wetter an diesem Tag nicht so strandfreundlich und wir entschieden uns, die Gegend weiter nördlich zu erkunden. Halmstad, welches wir auf der Durchfahrt am Tag davor schon in Ausschnitten sahen, erschien uns zu groß für einen gemütlichen Tag. Falkenberg liegt nicht weit entfernt und versprach eine nette kleine Altstadt, auch eine Festung aus dem 14. Jh und eine alte Brücke aus dem 17. Jh, die über den Fluss Ätran führt.

Der Inhaber war so alt wir die Fotos im Schaufenster.
Spiegelcafé

Überschaubar ist Falkenberg, das im Sommer bestimmt voller Touristen ist, die wie wir in den wenigen kleinen Gassen bunt bemalte Holzhäuser bestaunen, verstohlen in die Fenster blicken und erschrecken, wenn man ein Gesicht dahinter entdeckt. Das gefühlt einzig geöffnete Café hatte passend zum Wetter heiße Schokolade und Waffeln im Angebot und ein Wand voller Spiegel. Die Schweden sind sehr nett, aber irgendwie sehr zurückhaltend. Ein Lächeln genügt ihnen als Kommunikation, ins Gespräch kommt man eher selten, obwohl viele doch ein paar Worte Deutsch können und Englisch sowieso.

Kreuz und Quer
Beobachter
St. Laurentius wird renoviert.
Stoff und Stein
Leider geschlossen – Die Töpferei

Wir staunten immer wieder darüber, dass die Geschäfte hier tatsächlich noch eine Mittagspause machen. Der schöne Second Hand Laden hatte nur noch Samstags geöffnet. Dafür gibt es an jeder Ecke einen Friseur.

Leider geschlossen – Flohmarktladen
Leider abgerissen – Brücke über den Ätran

Die historische Brücke haben wir irgendwie verpasst, dafür die Reste einer alten gefunden. Das Wetter wollte noch immer keine Strandlaune bei uns wecken, so beschlossen wir weiter Richtung Norden zu fahren, um uns Varberg anzuschauen. Auch hier gibt es eine Festung und ein Kaltbadehaus im orientalischen Baustil. Das klang interessant und der Reise wert.

Glaswerk aus Varberg
Im Hafen

Das Gute an der Nebensaison ist, dass man immer einen Parkplatz findet und die kleinen Städte meistens für sich alleine hat. Das passiert einem in den Seebädern an der ostdeutschen Ostsee noch nicht einmal im Winter. Varberg liegt auch direkt am Meer und hat einen langen Sandstrand, der in der Hochsaison bestimmt gut besucht ist. Heute war es ruhig hier nur ein paar wenige Spaziergänger unterwegs, eine Schulklasse stürmte den Eisladen, eine Möwen klaute uns zwei Picknickbrote. Es sei ihr verziehen, sie hatte drei Junge und die wohl Hunger.

Orient an der Ostsee
Picknick am Strand, das Café war leider geschlossen.

Das mit seinen niedrigen Zwiebeltürmen und der gesamten Ornamentik wie ein maurischer Palast wirkende Varbergs Kallbadhus steht nur etwa 20 Meter vom Ufer entfernt auf massiven Holzpfählen im Kattegat.

Der Bade- und Saunabereich des Varbergs Kallbadhus ist strikt nach Geschlechtern getrennt, da nicht nur textilfrei sauniert, sondern grundsätzlich auch nackt gebadet wird. In der Mitte besitzt die historische Badeanstalt ein geschlossenes Holzgebäude, in dem sich die Eingangshalle, ein gemütliches Café mit Blick auf das Kattegat sowie in jedem Seitenflügel ein Saunabereich befindet.

Links und rechts des Mittelbaus befinden sich die unter freiem Himmel liegenden und durch umlaufende Holzwände vor neugierigen Blicken geschützten Schwimmbereiche. Dabei bestehen diese auf jeder Seite des Badehauses aus je einem etwa 11×11 Meter großen Bodenausschnitt mit einer Treppe, über die man hinunter in die Fluten des Meeres steigt.

Auf den beiden Badedecks befinden sich entlang der Innenseiten der Außenwände mehrere durch seitliche Trennwände abgeteilte Kabinen mit Liegestühlen, auf denen man nach dem erfrischenden Bad im Meer oder nach dem Saunagang an der frischen Luft ausruhen kann. Das Badehaus ist ganzjährig geöffnet und bietet eine geschützte Gelegenheit, um auch während des Winters ein Bad in den Fluten des Meeres zu nehmen.

Das heutige Kaltbadehaus wurde 1906 gebaut und ist das dritte Gebäude seiner Art an dieser Stelle. Das erste Badehaus wurde bereits 1866 gebaut und 1884 durch einen schweren Sturm zerstört. Sein Nachfolger war 1886 fertiggestellt und erlitt während des schweren Sturms zu Weihnachten 1902 das selbe Schicksal. Quelle: https://www.guidebook-sweden.com/de/reisefuehrer/reiseziel/varbergs-kallbadhus-kaltbadehaus-varberg

Auch hier war zwar Licht, aber kein Restaurant mehr geöffnet.

Durchgelüftet vom frischen Wind der Ostsee traten wir den Rückweg an. Zum Abend zeigte sich die Sonne und so machten wir uns zur Bucht von Tylösand auf, die nur einen Katzensprung entfernt lag. Sonnenuntergänge am Meer haben ja immer etwas sehr kitschiges an sich und trotzdem kann ich mich ihnen schwer entziehen. Das Licht umfängt einen warm und weich, die Wellen scheinen es direkt an Land spülen zu wollen. Die Dünen leuchten und es herrscht eine andächtige Ruhe unter den Schaulustigen.

Haus am Meer
Kameldüne

Das große Meer treibt mich an,
es treibt mich um,
ich treibe wie die Alge im Fluß.
Der Himmelsbogen und der Stürme Macht
treiben den Geist in mir auf,
bis es mich fortträgt,
vor Freude bebend.

Uvavnuk

A03 – Felsen in der Brandung

Leuchtturm Kullen

Wenn wir die dauerhafte Brandung der Gedanken geteilt haben, wird eine Form der Leere sichtbar.

– Dalai Lama –

Einen Ort zu finden, der die Sehnsucht nach Stille, Weite und Unendlichkeit stillt – fast unmöglich. Am Kullen gelingt es uns, diesem kleinen schroffen Felsengebiet am Öresund. Ein Leuchtturm oben, ein Weg durch das Gestein, ein weiterer Leuchtturm am Fuß, mit Blick auf die Ostsee, die im späten gleißendem Licht des Nachmittags ihr Wellen an die Felsen wirft. Tief einatmen und den Zauber dieser geschenkten Stunden genießen.

Der Gesang des Meeres

Wolken, meine Kinder, wandern gehen
Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
Eure wandellustigen Gestalten
Kann ich nicht in Mutterbanden halten.

Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
Dort die Erde hat euch angezogen:
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!

Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
Traget glühnden Kampfes Purpurtrachten!

Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder –
Kommet, meine Kinder, kommet wieder!

Conrad Ferdinand Meyer

A01 – Am Meer

Die Ostsee

Am Meer

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern,
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.
Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort.
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein.
Nur mit Himmel und Erde
hältst du
einsame Zwiesprach.
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück.
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern.
Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Christian Morgenstern