Ein Stück Brandenburg.

„Warten auf’n Bus“ – eine kleine feine Fernsehserie in den Öffentlich-Rechtlichen. Eine Bushaltestelle. Hannes und Ralle. Kathrin. Ein Hund. Landschaft, Gespräche, Philosophie. Ostalgie. Ein bisschen Wehmut. Reicht. Weniger ist Mehr. Ich habe diese acht Folgen genossen. Ein Zitat daraus: In Brandenburg leben bald weniger Menschen auf den Quadratkilometer als in Angola.

Brandenburg misst knapp 30.000 Quadratkilometer, durchschnittlich leben hier 85 auf einem. In Angola sind es nur 21. Das kleine Dorf T. im Landkreis Oder-Spree schafft mit seinen 616 Einwohnern 29 auf den Quadratkilometer. Nah dran an Angola.

Vielleicht ließ mich mein Unterbewusstsein diesen Ort als Reiseziel auswählen, vielleicht war es einfach nur Zufall. Mit uns waren es fünf Personen mehr für eine knappe Woche.

Erwarte nichts, und du wirst nicht enttäuscht.

© Andreas Trautmann
Im idyllischen Ort Leißnitz, inmitten der Ferienregion Seenland Oder-Spree gelegen,  befindet sich Brandenburgs einzige Handseilzugfähre. 1971 wurde sie in der Werft in Eisenhüttenstadt gebaut und fuhr bis 1996 über den Oder-Spree-Kanal in Eisenhüttenstadt. Seit 1999 verbindet die Fähre die beiden Ortschaften Leißnitz und Ranzig, welche durch die Spree voneinander getrennt werden. Quelle: http://www.faehre-leissnitz.de/

In letzter Zeit fand ich Gefallen daran, mich nicht mehr akribisch auf den Ort oder die Umgebung des Reiseziels vorzubereiten. Mit Familie unterwegs zu sein bedeutet ohnehin oft Planänderung, das Wetter mischt ebenso gerne mit. Spontan Unbekanntes zu entdecken, finde ich reizvoll. Den nahen Spreewald kannte ich bereits ein wenig, die Gegend um T. dagegen überhaupt nicht. Das es im Ort eine Bäckerei gibt, reichte fürs Erste. Dieser erwies sich als wahre Perle in der jetzt meistens vorzufindenden Backshop-Kultur. Der Apfel mit Decke, ein Gedicht, satt und süß. Den gab es leider nicht jeden Tag. Am zweiten Tag fühlte ich mich schon wie eine Einheimische, die Verkäuferin merkt sich hier schnell ein neues Gesicht. Vor der Heimreise machte sie mir den besten Eiskaffe seit langem. Mit nach Mokka schmeckendem Kaffee, Vanillesofteis und Sahne. Rettet die Dorfbäcker liebe Brandenburger! Es wäre ein Jammer, wenn dieser keine Nachfolge findet.

Ruhig liegt der See
Heute hier keine Kaffeekännchen.

Um die Ecke von T. liegt der Schwielochsee, der grösste natürliche See in Brandenburg. Im Strandbad Jessern fühlten wir uns wie auf einem anderen Planeten, keine Menschenseele, Strandcafé und Bootsverleih verschlossen, Rutsche abgeriegelt. Im Corona-Schlaf? Vermutlich ist die Saison noch nicht gestartet, es wird nur am Wochenende geöffnet. Eine Gaststätte für den Hunger fand sich am gegenüber liegenden Ufer. Dort trafen sich alle Reisenden zu Soljanka, Fischsuppe oder Würzfleisch und Spreewaldgurken frisch aus dem Faß an Schmalzstulle.

Bei Anruf Boot!
Wasser geschätzt 19 Grad
Früher stand eine große Rutsche direkt im See

Die Vermieterin unserer Unterkunft plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen, mich interessierte die Geschichte einiger Gebäude im Dorf. Alle Gaststätten sind geschlossen, die letzte machte im vergangenen Sommer dicht. Touristisch ist der Rand des Spreewaldes etwas abgehängt. Alles ballt sich in Burg oder Lübbenau. Auch der Fischerei geht es schlecht. Die beiden verblieben Fischer sind verstorben. Den einen holte sich der See, der einer Legende nach jedes Jahr ein Opfer verlangt. Und tatsächlich wird darüber berichtet.

Die Entstehung des Schwielochsees wird in einer Legende so erklärt, dass in grauer Vorzeit in diesem Gebiet ein mächtiger Laubwald in sumpfiger Landschaft gestanden haben soll. Ein Wendenkönig hatte sich diese Gegend für seine wilden Schweine auserwählt, die hier gut und ungestört gedeihen konnten. Eines Tages stieß eine riesige Sau beim Wühlen unterhalb des Babenberges auf eine verborgene Quelle. Dem aufgerissenen Erdreich entquollen mächtige Wassermassen, die sich in den Wald ergossen. Nach einiger Zeit war der einst so mächtige und prächtige Wald verschwunden. Über die Wipfel der versunkenen Bäume fluteten nun die Wogen eines riesigen Sees, der seitdem Swinlug-Schweineloch oder wie heut „Schwielochsee“ genannt wird.

Da die gesamte Schweineherde in den Wassermassen umgekommen war, geriet der Adlige in großen Zorn. Er befahl alle seine Wildhüter zu sich und tötete sie wuterfüllt mit eigener Hand. Das Blut der Unglücklichen trübte das Wasser einer Quelle, die noch heut rötlich fließt. Einer von denen, die dabei ums Leben kamen, stieß in seiner Todesstunde einen schrecklichen Fluch aus. Er rief den See, der zu seinen eigenen und dem Tode seiner Mitstreiter geführt hatte, zum Rächer auf. So hält sich entsprechend der Sage noch bis heute der Glaube, dass der See alljährlich sein Opfer fordert. Aber auch der König der Wenden entkam seiner Strafe nicht. Im Kampfe mit anderen Adelsleuten unterlag er, und so nahm auch sein Leben ein frühes Ende. Sein enormer Schatz soll seither tief unten im Babenberge ruhen, er kann nur von dem gehoben werden, der mit drei Zähnen geboren wird. Quelle: Wikipedia

Eine Statistik, die diese Legende bestätigt, habe ich nicht gefunden.

Wippen verboten heute.
Herausforderung für den Postdienst

Kindergeburtstag in der Ferien zu feiern fiel dieses Jahr unserer Jüngeren nicht schwer. Große Party war nicht zu erwarten angesichts der Pandemie. Wir mieteten uns den kleinen Ludwig mit Außenbordmotor (15PS) und schipperten die Spree mit max. 10 km/h Richtung Neuendorfer See entlang. Unspektakulär, dafür Natur pur. Reiher, Bieber, Libellen, springende Fische; ein paar wenige Paddler kreuzten unseren Weg. Jeder durfte Kapitän sein. Eine Schleusendurchfahrt brachte etwas Spannung ins Programm. An einer kleinen Badestelle machten wir Halt, um unsere Brote zu futtern. Wie Rainald Grebe schon in seinem Brandenburg Lied singt: „Nimm dir Essen mit wir fahren nach BRANDENBURG! Wenn man zur Ostsee will, muss man durch BRANDENBURG!“ Eine gute Entscheidung, die Gaststätten und Imbisse entlang der Strecke hatten wieder alle geschlossen. Bis zum See tuckerten wir nicht, war zu weit. Der Bäcker im Ort lockte mit Eisbecher für das Geburtstagskind. Und den Sonnenuntergang auf dem Schwielochsee zu erleben, haben wir nicht alle Tage. Es hätte kein anderer Ort in der weiten Ferne sein müssen, an genau diesem Abend.

Schlafmaskenfan
Spreeidylle
An der Schleuse
Wolkenspiegelei
Stillgelegte Schleuse
Leine los!
Schwielochsee-Romantik

Auf dem Rückweg tuckerten wir am winzigen Hafen mit Imbiss, der Fischerei in Sabrodt, vorbei, der Ausweich-Kneipe für die Menschen im Dorf, seit alles andere schließen musste. Wir beschlossen diesem am nächsten Abend einen Besuch abzustatten, das Schild versprach Fischbrötchen und Räucherfisch. Die Frau vom Fischer, aus Leipzig Zugereiste, hat hier jetzt das Kommando. Liegeplätze verwalten, Campingplatz betreuen, Tiere versorgen, Imbiss am Laufen halten und die Männertruppe am Stammtisch betütteln. Die sitzen vermutlich jeden Abend hier, was ich gut nachvollziehen kann. Ruhige Stimmung zum zeitigen Feierabendbier, ab und zu ein paar Touristen mit Paddel- oder Motorboot sorgen für Abwechslung beim Blick auf die Spree. Der Hofhund bellt nicht und die Katzen freuen sich über ein Stück vom Fisch. Dem Matjesbrötchen würde ich glatt einen Michelinstern verleihen, mit Liebe serviert zerfloss es regelrecht auf der Zunge. So gut, dass wir am nächsten Tag wieder kamen. Wer hier keine Pause einlegt ist selbst Schuld.

Der Hof zum Hafen
Kater an Meereswand
Hofhund an Dachziegeln

Auf dem Weg zum Fischer legte ich den Nostalgie-Film in die Kamera ein. Immerhin gibt es neben der geschlossenen Gaststätte noch einen funktionstüchtigen Kondom-Automaten. Und dem deutschen Entdecker, Zoologen, Botaniker und Geologen Friedrich Wilhelm Ludwig Leichhardt, der in T. geboren wurde, ist die Straße zum Hafen gewidmet.

Kein Bier mehr seit 2019
Safty First
Die Liebe gilt den Blumen allein.
Eine Perle geht unter.

Die Mitreisenden verlangten nach der Naturstille ein wenig Stadtbrummen. Wir fuhren nach Burg, auf den unendlich langen geraden Alleen kommt man zügig voran und als die ersten Schilder mit Fliesen im Namen auftauchten, waren wir im touristisch erschlossenen Spreewald angekommen. Byhleguhrer Schneidenmühlfließ heißt einer davon. Ortsnamen sind hier immer auch in sorbischer Sprache angeschrieben. Běła Góra-Bělin ist der niedersorbische Name des Ortes Byhleguhre-Byhlen.

Dem Einkauf widerstehen, den Handel unterstützen?
Lass wachsen!
Noch im Dornröschenschlaf
Parade der verzweifelten Spielwaren
Frosch ohne Teich

Nach Eis und Rundgang, Mitnahme von essbaren Souvenirs und einer Christbaumkugel in Gurkenform schaute ich mir die evangelische Kirche im Ort an, für die als frühklassizistischer Saalbau mit vierseitiger Empore im Jahr 1799 der Grundstein gelegt und am 11. November 1804 eingeweiht wurde. Imposante Emporen befinden sich im Innenraum, mich zogen allerdings Namensschilder an den Kirchenbänken in ihren Bann. Solche sind mir bisher in keiner Kirche aufgefallen, vielleicht hatte ich nie darauf geachtet. Einige waren direkt in die Holzbänke eingraviert, wieder andere überschrieben oder mit Metallschildern übernagelt. Die Namen kunstvoll geschrieben, bei manchen mutete es nach Klingelschild.

Laut Recherchen waren diese Kennzeichnungen damals eine teure Angelegenheit. Aber jeder Bürger konnte sich mit dieser einmaligen Gebühr bis ans Ende seines Lebens vom Kirchenzehnt freikaufen. Außerdem war es früher üblich, dass vor allem alteingesessene Familien ihren Stammplatz durch solche Namensschilder auswiesen. Dabei war auch eine gewisse soziale Komponente wichtig: reichere und einflussreichere Familien saßen natürlich weiter vorne beim Altar. Alle noch verbleibenden Namensschilder der Kirche in Burg sind in dieser Galerie zu sehen:

Verging die Zeit irgendwie lansamer hier in Brandenburg? Die Tage im Juni wurden immer länger, die Sonne wanderte der Sommersonnenwende entgegen. Erholungseffekte stellten sich bereits nach dem ersten Stück Kuchen ein. Die Entspanntheit hielt sehr lange an nach dieser Reise.

Den letzten Tag verbachten wir am Teich des Nachbardorfes. Ein Campingplatz findet sich dort, das Tagesticket fürs Parken kostet fast nichts. Um 11 Uhr Morgens war die kleine beschauliche Wiese am See und alle Bänke noch leer. Auch die Rolläden des kleinen Pavillons Namens Strand-Eck fest verschlossen. Es war Freitag, vielleicht öffnet er ja noch für ein Eis, Himbeerbrause, Bockwurst und Kaffee, die an den Verkaufsschildern angepriesen werden. Wir sollten Glück haben.

Im See herrscht Ruhe
Stilechter Imbiss

Erwarte Nichts – Finde Alles!

Mag sein, dass sich damit keine Werbetrommel für Brandenburg schlagen ließe, für mich passen diese vier Worte so wunderbar in die fünf Tage am Rande des Spreewalds. Das geringer besiedelte Fleckchen hier berührten mein Herz und meine Seele gerade deshalb auf ganz einfache Weise. Ich fühlte mich endlich wieder als Reisende weniger Touristin. Ein befriedigendes Gefühl. Den Zwiespalt, dieser Region einen wirtschaftlichen Aufschwung zu wünschen und gleichzeitig diese Atmosphäre der Einsamkeit zu bewahren, kann ich leider nicht auflösen.

Am Schilf

Planet Winter

Wer bis jetzt in dieser Saison den Winter erleben wollte, musste hoch hinaus, gefühlt auf einen anderen Planeten reisen, um ihn zu sehen. Die Schneedecke begann auf etwa 1000 m Höhe nach Winter auszusehen. Sobald ich angekommen war, versprühte diese Landschaft sofort diesen bannenden Zauber, das Knirschen unter den Füßen erinnerte mich an meine Kindheit, welches Kind liebt nicht diese Geräusch beim Laufen auf frischem Schnee. Weiß verschneit lagen die Wiesen und der Wald vor mir, unberührt, nur der Weg zum Gasthaus auf 1260 m zeigte Spuren anderer Lebewesen.

Die Sonne strahlte, ein herrlicher Tag versprach ungetrübte Stunden und zog uns magisch hinaus aus der wohlig warm geheizten Hütte in Tirol. Fotografenherzen schlagen bei diesem Wetter gleich schneller und auch ich wollte diese Lichtstimmung nutzen, um einige Motive festzuhalten. Für mich fühlte es sich an, als ob es solche Winter in Zukunft wohl noch seltener zu erleben geben wird. Spät zog er dieses Jahr ein in den Bergen, die Skigebiete warteten sehnsüchtig auf den Schnee für die Touristen, die das ersehnte Geld für viele Menschen in dieser Region bringen würden. Frisch verschneite Wälder bekomme ich in den letzten Jahren nur in dieser Region vor die Kamera. Die Reise zum Planet Winter ist schon ein Luxus geworden, wenn es vor der eigenen Haustüre diese Naturschauspiele nicht mehr zu bestaunen gibt. Die Erderwärmung macht auch vor Europa keinen Halt, die Sommer viel zu heiß, die Winter spät und kurz. Manchmal viel zu heftig, wie im letzten Jahr, da lag die Hütte nach unserer Abreise unter knapp zwei Metern Schnee begraben.

Zwei Schlitten im Schlepptau machten wir uns auf den Weg und jeder Schritt brachte uns höher hinauf, dem Licht des Tages entgegen. Es waren nur wenige Wanderer unterwegs, die mussten erst vom Tal herauf auf unsere Höhe, um weiterzugehen auf das Almplateau am Langkampfen.

Der Moment, wenn man aus dem Wald tritt und sich der Blick über dieses ganz wundervolle Fleckchen Erde ausbreitet – unbeschreiblich schön. Die Schneedecke weich wie Watte, der Himmel in einem überschwänglichen Blau, Schattenspiele der kahlen Bäume, Stille und eisige Luft. So stelle ich mir Winter vor, ja es ist natürlich sehr kitschig, aber wer braucht diesen Kitsch nicht hin und wieder in seinem Leben?

Nach einer zünftigen Stärkung erkundeten wir das weitläufige Plateau. Tief in den Schnee getrampelte Wege zogen uns in ihren Bann. Im Sommer sind wir hier schon gewandert, im Winter ist es beschwerlicher, aber die Ausblicke um so beeindruckender. Ich konnte mich nicht satt sehen.

Der Winter geht nicht, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Aus Finnland

Ich wünschte die Winter würden wieder so wie in meinen Kindheitstagen sein. Mit knackigem Frost, viel Schnee, Zeit zum Rodeln und Langlauf im Wald. Es wird wohl ein Traum bleiben. Unser Planet wird wärmer, der Winter macht sich rar. Im hinterher zu reisen ist wohl eine Alternative, fühlt sich dennoch nicht so richtig gut an. Genau wie das Skifahren auf künstlich beschneiten Pisten. Einsicht, dass es der Natur nicht gut tut, dieser Wahnsinn an Pistenkilometern, Wasserspeichern für die Schneekanonen, Liftanlagen und viel zu vielen Menschen, die diesen Zirkus befeuern. Auf der anderen Seite sind diese Regionen genau auf diese Einnahmequelle angewiesen und haben noch keine Alternative parat, dieses zu ändern. Die kleineren Skibetriebe, die oft in Familienhand sind, trifft es zu erst, sie liegen zu tief und sind nicht mehr schneesicher, dass es sich lohnen würde zu investieren. Ein Dilemma, was sich früher auf viele Gebiete verteilt hat, stapelt sich jetzt in den großen Skiarenen. Verkehrschaos bei An- und Abreise inklusive.

Auf der Suche nach anderen Motiven erkundete ich die Umgebung mit der Nahlinse. Meditation mit der Kamera beruhigt Seele und Gemüt, Zeit zum Abschalten und Eintauchen in die sonst nicht so spannenden Gegenstände.

Die Hütte ist ein kleines Juwel in den Bergen, ich bin sehr gerne hier und vergesse die Zeit. Freue mich über die Abgeschiedenheit und die gemeinsamen Stunden mit meinen Lieben. In der kleinen Kapelle nebenan bestaune ich jedesmal die göttlichen Altarfiguren, die Malereien an der Decke und dieses Jahr die Eiskristalle auf der Außenmauer.

Machs gut du Zauberort, bewahre deine Schönheit, deine Reinheit und Unschuld. Wir werden uns wiedersehen, ganz bestimmt, ob mit oder ohne Schnee.

Achtung: Fotomontage!

Eine unglaublich stille Stunde

Stille kann befriedigend und gleichzeitig verstörend wirken. Ich konnte mir das passende Gefühl aussuchen an diesem letzten Tag im November 2019. Der November ist für mich gefühlt der stillste Monat im Jahr. Ich ziehe mich gerne zurück, lasse schon ein wenig das vergangene Jahr Revue passieren und fahre die Aktivitäten zurück. Melancholie spielt dabei vielleicht eine kleine Rolle. Das Wetter am 30. 11. 2019 zeigte sich von der besseren Seite, die Sonne schien und schrie geradezu „Raus mit euch!“ Wir waren zu Besuch hinter Karlsruhe, ein kleines verschlafenes Dorf am Rande der Pfalz. Keine 2000 Einwohner, katholisch geprägt, 1103 erstmalig erwähnt. Früher war das Dorf für seine Ziegeleiarbeiter und die Tabakproduktion bekannt. Letzteres ist heute noch sichtbar an den vielen Scheunen ohne Fenster, die wie auf Stelzen in luftiger Höhe gebaut wurden. Trocken, dunkel, warm sollten die Tabakblätter trocknen und lagern.

Bäckerei geschlossen

Gefühlt sind mir in dieser Stunde höchsten 10 Menschen begegnet. Eine Hundebesitzerin, ein lustig anzusehender Mann mit langem Zopf in quietschgrüner Warnweste. Ein Paar mit Kinderwagen, ein Rentner am Friedhof, drei Mädchen, die einen kleinen Flohmarktstand aufgebaut hatten und Weihnachtsdekoration verkaufen wollten. Die Leere und Stille in den Gassen und Straßen war fast unheimlich. Wohnte hier keiner? Ist es nicht gerade typisch, dass keiner unterwegs ist? Hätte ich in unserem Dorf mehr Leute getroffen? Was würde ich als junger Mensch hier machen? Was als Renter oder in meinem Alter?

Keiner holt die Angebote ins Warme.
Zugemauert mit Riss

Landflucht? Warum? Es könnte so schön sein. Der Rhein ganz nah, die große Stadt um die Ecke. Dennoch hatte ich in dieser einen Stunde das Gefühl hier stirbt etwas aus. Sollte ich im Sommer wiederkommen? Treffe ich dann auf mehr Menschen? Ich errinnere mich an die Sommer im Dorf meiner Oma. Bördeland bei Magdeburg, viel Landwirtschaft. Da war es auch ruhig an den Vormittagen, da waren alle auf dem Feld oder in der Fabrik. Trotzdem hatte ich nie dieses Gefühl hier wohnt keiner.

Kaninchenzucht ist immer noch in.

23 Vereine oder Sportgruppen gibt es hier, das ist beachtlich für dieses Dorf. Darunter eine Theatergemeinschaft, ein Männerchor, ein Faschingskomitee, Angler und Schützen fehlen ebenfalls nicht. Beim Kaninchenverein war heute nichts geboten.

Abgeriegelt
Reparaturversuch

An der Schule fuhren doch noch zwei Kinder mit dem Fahrrad vorbei. 52 Kinder werden hier von 4 Lehrerinnen unterrichtet. Gemütlich würde ich sagen. Zu den weiterführenden Schulen müssen die Kinder einen weiteren Weg in Kauf nehmen. Das Gebäude erinnerte mich an die Schulen in meiner Heimat, Beton und Mosaik war wohl im Westen wie im Osten eine beliebte Kombination. Bevor die Sonne langsam hinter den Nachbarhäusern verschwand, zog ein Vogelschwarm über den Himmel hinweg.

Mosaik
Abendlicht
Abschleppseile?
Parkplatznot kennt hier keiner.

Die Rheinregion ist bekannt für die wenigen Frosttage im Jahr und so ist es nicht verwunderlich, dass hier fast jedes Grundstück eine exotische Pflanze sein Eigen nennt. Ganze Bananenplantagen, Palmen auch im Winter unverpackt oder zumindest ein stattlicher Kaktus schmücken die Vorgärten. Da erscheint der kahle Weinstock etwas ins Hintertreffen zu geraten.

Achtung der piekst.
Palme an Tür
Fast wie im Paradiesgarten
Der Brezelbäcker setzt auf Wein.

Der Tabakanbau in Deutschland hat zwar eine über 400 Jahre alte Tradition vorzuweisen, unter den deutschen Klimaverhältnissen ist er jedoch eine Sonderkultur in pflanzenbaulicher Grenzlage. Hohe Nachfrage nach Tabakprodukten, Devisenmangel und Einfuhrbeschränkungen des Staates, sowie hohe Flächen- und ausreichende Arbeitsproduktivität für kinderreiche Bauernfamilien waren die Basis für die Ausbreitung der deutschen Tabakproduktion, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland kaum noch Bedeutung hat. Nach einer Urkunde aus der Pfalz soll der erste Tabak in Deutschland im Jahr 1573 im Pfarrgarten von Hatzenbühl (Bistum Speyer) angebaut worden sein. Die Geistlichen jener Zeit galten oftmals als Übermittler botanischer Neuerungen und neuer medizinischer Anwendungen. So interessierte zunächst die Anwendung von Tabak in der Medizin. Pfalzgraf Friedrich IV ordnete bereits 1598 Anbauversuche in der Kurpfalz an.

Durch die im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) in Deutschland herumziehenden Söldnerheere wurde das Tabakrauchen stark verbreitet. Die in der Markgrafschaft Baden-Durlach und dem Bistum Speyer aufgenommenen Hugenotten brachten Tabaksamen und Anbauerfahrung aus Frankreich mit und schufen damit die Voraussetzung für die weitere Verbreitung des Anbaus in Deutschland. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer großen Ausbreitung; ca. 200.000 Landwirtschaftsbetriebe bauten damals auf über 30.000 ha Tabak an. (Baden 10.000 ha, Preußen 7.000 ha, Bayern einschl. Pfalz 7.000 ha, restliche deutsche Länder 6.000 ha).

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurde für die kleinbäuerliche Landwirtschaft insbesondere in Baden und der Südpfalz Tabak eine der wichtigsten Einnahmequellen. Tabak bot vielen Landwirtsfamilien sowie vielen Tagelöhnern Arbeit und Einkommen, nachdem 1920 ein Beimischungszwang für heimischen Tabak in Zigarren und Zigaretten in Deutschland eingeführt worden war.

Die europäische Tabakblauschimmel-Pandemie im Jahr 1960, die durch unvorsichtiges Hantieren eines Wissenschaftlers mit dem bei Tabak den sogenannten Falschen Mehltau hervorrufenden Pilz peronospora tabacina an der Bundesanstalt für Tabakbau in Forchheim verursacht wurde, stellte das Überleben vieler landwirtschaftlicher Betriebe in Frage. Der damals bereits begonnene Strukturwandel der Landwirtschaft wurde in den Tabakanbaugebieten durch diesen Einkommensverlust noch verstärkt. Der Tabakanbau spielt in Deutschland seit der Jahrtausendwende nur noch in wenigen Regionen (Südpfalz, Nordbaden, Uckermark) eine wirtschaftlich bedeutsame Rolle. (Quell: Wikipedia)

Ehemalige Tabakscheune

Ich liebe diese Stunde, die anders ist, kommt und geht. Nein, nicht die Stunde, diesen Augenblick liebe ich, der so still ist. Diesen Anfangs-Augenblick, diese Initiale der Stille, diesen ersten Stern, diesen Anfang. Dieses Etwas in mir, das aufsteht, wie junge Mädchen aufstehn in ihrer weißen Mansarde…
Diese Nacht liebe ich. Nein, nicht diese Nacht, diesen Nachtanfang, diese eine lange Anfangszeile der Nacht, die ich nicht lesen werde, weil sie kein Buch für Anfänger ist. Diesen Augenblick liebe ich, der nun vorüber ist und von dem ich, da er verging, fühlte, daß er erst sein wird.

Rainer Maria Rilke

Ich komme wieder im Frühjahr oder Sommer, in der Hoffnung etwas mehr Leben im Dorf zu finden. Obwohl ich die Stille der Stunde auch mochte.

A07 Ödland

Insel im Nirgendwo – Eine Annäherung an Öland

Unerbittliches Licht dringt ein;
Und vor mir dehnt es sich,
Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;
Dort in der Ferne ahn‘ ich den Abgrund,
Darin das Nichts.

(1817 – 1888), Hans Theodor Woldsen Storm

Traum und Wirklichkeit, man hört es oft, es können Welten dazwischen liegen. Öland muss man gesehen haben, wurde gesprochen, von einigen, die schon dort waren. Wo genau habe ich nicht erfragt. Selbst ein Bild machen, lautet meine Devise. Auf 137 km Länge und 16 km Breite (maximal) wird sich das Geheimnis dieser „Trauminsel“ finden lassen. Ausgeträumt. Noch nie hat sich mir ein Ort derart widerstrebend erkunden lassen wie diese Insel auf der südöstlichen Flanke Schwedens. Leere ist vorhanden dort, in den kleinen Orten, auf den Straßen, an den Stränden. Weitblick auch. Auf die Ostsee, auf vertrocknete Steinwüsten, über Felder. Das ist alles, mehr habe ich nicht entdeckt. Reicht das?

Vielleicht bin ich zu wählerisch, zu verwöhnt, zu engstirnig? Das Gefühl unbedingt hier zu bleiben, vielleicht doch den Norden zu erkunden, dem Ort eine Chance zu geben, stellte sich nach mehr als einem Tag noch immer nicht ein. Da half auch der Morgenspaziergang am Strand nichts mehr. Das Licht war weich, das Wasser still, ich fühlte mich wie ausgesetzt auf einem anderen Planeten. Erzwingen muss ich nichts. Also Weiterreise. Vielleicht bei einem zweiten Anlauf, irgendwann.