Ein Stück Brandenburg.

„Warten auf’n Bus“ – eine kleine feine Fernsehserie in den Öffentlich-Rechtlichen. Eine Bushaltestelle. Hannes und Ralle. Kathrin. Ein Hund. Landschaft, Gespräche, Philosophie. Ostalgie. Ein bisschen Wehmut. Reicht. Weniger ist Mehr. Ich habe diese acht Folgen genossen. Ein Zitat daraus: In Brandenburg leben bald weniger Menschen auf den Quadratkilometer als in Angola.

Brandenburg misst knapp 30.000 Quadratkilometer, durchschnittlich leben hier 85 auf einem. In Angola sind es nur 21. Das kleine Dorf T. im Landkreis Oder-Spree schafft mit seinen 616 Einwohnern 29 auf den Quadratkilometer. Nah dran an Angola.

Vielleicht ließ mich mein Unterbewusstsein diesen Ort als Reiseziel auswählen, vielleicht war es einfach nur Zufall. Mit uns waren es fünf Personen mehr für eine knappe Woche.

Erwarte nichts, und du wirst nicht enttäuscht.

© Andreas Trautmann
Im idyllischen Ort Leißnitz, inmitten der Ferienregion Seenland Oder-Spree gelegen,  befindet sich Brandenburgs einzige Handseilzugfähre. 1971 wurde sie in der Werft in Eisenhüttenstadt gebaut und fuhr bis 1996 über den Oder-Spree-Kanal in Eisenhüttenstadt. Seit 1999 verbindet die Fähre die beiden Ortschaften Leißnitz und Ranzig, welche durch die Spree voneinander getrennt werden. Quelle: http://www.faehre-leissnitz.de/

In letzter Zeit fand ich Gefallen daran, mich nicht mehr akribisch auf den Ort oder die Umgebung des Reiseziels vorzubereiten. Mit Familie unterwegs zu sein bedeutet ohnehin oft Planänderung, das Wetter mischt ebenso gerne mit. Spontan Unbekanntes zu entdecken, finde ich reizvoll. Den nahen Spreewald kannte ich bereits ein wenig, die Gegend um T. dagegen überhaupt nicht. Das es im Ort eine Bäckerei gibt, reichte fürs Erste. Dieser erwies sich als wahre Perle in der jetzt meistens vorzufindenden Backshop-Kultur. Der Apfel mit Decke, ein Gedicht, satt und süß. Den gab es leider nicht jeden Tag. Am zweiten Tag fühlte ich mich schon wie eine Einheimische, die Verkäuferin merkt sich hier schnell ein neues Gesicht. Vor der Heimreise machte sie mir den besten Eiskaffe seit langem. Mit nach Mokka schmeckendem Kaffee, Vanillesofteis und Sahne. Rettet die Dorfbäcker liebe Brandenburger! Es wäre ein Jammer, wenn dieser keine Nachfolge findet.

Ruhig liegt der See
Heute hier keine Kaffeekännchen.

Um die Ecke von T. liegt der Schwielochsee, der grösste natürliche See in Brandenburg. Im Strandbad Jessern fühlten wir uns wie auf einem anderen Planeten, keine Menschenseele, Strandcafé und Bootsverleih verschlossen, Rutsche abgeriegelt. Im Corona-Schlaf? Vermutlich ist die Saison noch nicht gestartet, es wird nur am Wochenende geöffnet. Eine Gaststätte für den Hunger fand sich am gegenüber liegenden Ufer. Dort trafen sich alle Reisenden zu Soljanka, Fischsuppe oder Würzfleisch und Spreewaldgurken frisch aus dem Faß an Schmalzstulle.

Bei Anruf Boot!
Wasser geschätzt 19 Grad
Früher stand eine große Rutsche direkt im See

Die Vermieterin unserer Unterkunft plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen, mich interessierte die Geschichte einiger Gebäude im Dorf. Alle Gaststätten sind geschlossen, die letzte machte im vergangenen Sommer dicht. Touristisch ist der Rand des Spreewaldes etwas abgehängt. Alles ballt sich in Burg oder Lübbenau. Auch der Fischerei geht es schlecht. Die beiden verblieben Fischer sind verstorben. Den einen holte sich der See, der einer Legende nach jedes Jahr ein Opfer verlangt. Und tatsächlich wird darüber berichtet.

Die Entstehung des Schwielochsees wird in einer Legende so erklärt, dass in grauer Vorzeit in diesem Gebiet ein mächtiger Laubwald in sumpfiger Landschaft gestanden haben soll. Ein Wendenkönig hatte sich diese Gegend für seine wilden Schweine auserwählt, die hier gut und ungestört gedeihen konnten. Eines Tages stieß eine riesige Sau beim Wühlen unterhalb des Babenberges auf eine verborgene Quelle. Dem aufgerissenen Erdreich entquollen mächtige Wassermassen, die sich in den Wald ergossen. Nach einiger Zeit war der einst so mächtige und prächtige Wald verschwunden. Über die Wipfel der versunkenen Bäume fluteten nun die Wogen eines riesigen Sees, der seitdem Swinlug-Schweineloch oder wie heut „Schwielochsee“ genannt wird.

Da die gesamte Schweineherde in den Wassermassen umgekommen war, geriet der Adlige in großen Zorn. Er befahl alle seine Wildhüter zu sich und tötete sie wuterfüllt mit eigener Hand. Das Blut der Unglücklichen trübte das Wasser einer Quelle, die noch heut rötlich fließt. Einer von denen, die dabei ums Leben kamen, stieß in seiner Todesstunde einen schrecklichen Fluch aus. Er rief den See, der zu seinen eigenen und dem Tode seiner Mitstreiter geführt hatte, zum Rächer auf. So hält sich entsprechend der Sage noch bis heute der Glaube, dass der See alljährlich sein Opfer fordert. Aber auch der König der Wenden entkam seiner Strafe nicht. Im Kampfe mit anderen Adelsleuten unterlag er, und so nahm auch sein Leben ein frühes Ende. Sein enormer Schatz soll seither tief unten im Babenberge ruhen, er kann nur von dem gehoben werden, der mit drei Zähnen geboren wird. Quelle: Wikipedia

Eine Statistik, die diese Legende bestätigt, habe ich nicht gefunden.

Wippen verboten heute.
Herausforderung für den Postdienst

Kindergeburtstag in der Ferien zu feiern fiel dieses Jahr unserer Jüngeren nicht schwer. Große Party war nicht zu erwarten angesichts der Pandemie. Wir mieteten uns den kleinen Ludwig mit Außenbordmotor (15PS) und schipperten die Spree mit max. 10 km/h Richtung Neuendorfer See entlang. Unspektakulär, dafür Natur pur. Reiher, Bieber, Libellen, springende Fische; ein paar wenige Paddler kreuzten unseren Weg. Jeder durfte Kapitän sein. Eine Schleusendurchfahrt brachte etwas Spannung ins Programm. An einer kleinen Badestelle machten wir Halt, um unsere Brote zu futtern. Wie Rainald Grebe schon in seinem Brandenburg Lied singt: „Nimm dir Essen mit wir fahren nach BRANDENBURG! Wenn man zur Ostsee will, muss man durch BRANDENBURG!“ Eine gute Entscheidung, die Gaststätten und Imbisse entlang der Strecke hatten wieder alle geschlossen. Bis zum See tuckerten wir nicht, war zu weit. Der Bäcker im Ort lockte mit Eisbecher für das Geburtstagskind. Und den Sonnenuntergang auf dem Schwielochsee zu erleben, haben wir nicht alle Tage. Es hätte kein anderer Ort in der weiten Ferne sein müssen, an genau diesem Abend.

Schlafmaskenfan
Spreeidylle
An der Schleuse
Wolkenspiegelei
Stillgelegte Schleuse
Leine los!
Schwielochsee-Romantik

Auf dem Rückweg tuckerten wir am winzigen Hafen mit Imbiss, der Fischerei in Sabrodt, vorbei, der Ausweich-Kneipe für die Menschen im Dorf, seit alles andere schließen musste. Wir beschlossen diesem am nächsten Abend einen Besuch abzustatten, das Schild versprach Fischbrötchen und Räucherfisch. Die Frau vom Fischer, aus Leipzig Zugereiste, hat hier jetzt das Kommando. Liegeplätze verwalten, Campingplatz betreuen, Tiere versorgen, Imbiss am Laufen halten und die Männertruppe am Stammtisch betütteln. Die sitzen vermutlich jeden Abend hier, was ich gut nachvollziehen kann. Ruhige Stimmung zum zeitigen Feierabendbier, ab und zu ein paar Touristen mit Paddel- oder Motorboot sorgen für Abwechslung beim Blick auf die Spree. Der Hofhund bellt nicht und die Katzen freuen sich über ein Stück vom Fisch. Dem Matjesbrötchen würde ich glatt einen Michelinstern verleihen, mit Liebe serviert zerfloss es regelrecht auf der Zunge. So gut, dass wir am nächsten Tag wieder kamen. Wer hier keine Pause einlegt ist selbst Schuld.

Der Hof zum Hafen
Kater an Meereswand
Hofhund an Dachziegeln

Auf dem Weg zum Fischer legte ich den Nostalgie-Film in die Kamera ein. Immerhin gibt es neben der geschlossenen Gaststätte noch einen funktionstüchtigen Kondom-Automaten. Und dem deutschen Entdecker, Zoologen, Botaniker und Geologen Friedrich Wilhelm Ludwig Leichhardt, der in T. geboren wurde, ist die Straße zum Hafen gewidmet.

Kein Bier mehr seit 2019
Safty First
Die Liebe gilt den Blumen allein.
Eine Perle geht unter.

Die Mitreisenden verlangten nach der Naturstille ein wenig Stadtbrummen. Wir fuhren nach Burg, auf den unendlich langen geraden Alleen kommt man zügig voran und als die ersten Schilder mit Fliesen im Namen auftauchten, waren wir im touristisch erschlossenen Spreewald angekommen. Byhleguhrer Schneidenmühlfließ heißt einer davon. Ortsnamen sind hier immer auch in sorbischer Sprache angeschrieben. Běła Góra-Bělin ist der niedersorbische Name des Ortes Byhleguhre-Byhlen.

Dem Einkauf widerstehen, den Handel unterstützen?
Lass wachsen!
Noch im Dornröschenschlaf
Parade der verzweifelten Spielwaren
Frosch ohne Teich

Nach Eis und Rundgang, Mitnahme von essbaren Souvenirs und einer Christbaumkugel in Gurkenform schaute ich mir die evangelische Kirche im Ort an, für die als frühklassizistischer Saalbau mit vierseitiger Empore im Jahr 1799 der Grundstein gelegt und am 11. November 1804 eingeweiht wurde. Imposante Emporen befinden sich im Innenraum, mich zogen allerdings Namensschilder an den Kirchenbänken in ihren Bann. Solche sind mir bisher in keiner Kirche aufgefallen, vielleicht hatte ich nie darauf geachtet. Einige waren direkt in die Holzbänke eingraviert, wieder andere überschrieben oder mit Metallschildern übernagelt. Die Namen kunstvoll geschrieben, bei manchen mutete es nach Klingelschild.

Laut Recherchen waren diese Kennzeichnungen damals eine teure Angelegenheit. Aber jeder Bürger konnte sich mit dieser einmaligen Gebühr bis ans Ende seines Lebens vom Kirchenzehnt freikaufen. Außerdem war es früher üblich, dass vor allem alteingesessene Familien ihren Stammplatz durch solche Namensschilder auswiesen. Dabei war auch eine gewisse soziale Komponente wichtig: reichere und einflussreichere Familien saßen natürlich weiter vorne beim Altar. Alle noch verbleibenden Namensschilder der Kirche in Burg sind in dieser Galerie zu sehen:

Verging die Zeit irgendwie lansamer hier in Brandenburg? Die Tage im Juni wurden immer länger, die Sonne wanderte der Sommersonnenwende entgegen. Erholungseffekte stellten sich bereits nach dem ersten Stück Kuchen ein. Die Entspanntheit hielt sehr lange an nach dieser Reise.

Den letzten Tag verbachten wir am Teich des Nachbardorfes. Ein Campingplatz findet sich dort, das Tagesticket fürs Parken kostet fast nichts. Um 11 Uhr Morgens war die kleine beschauliche Wiese am See und alle Bänke noch leer. Auch die Rolläden des kleinen Pavillons Namens Strand-Eck fest verschlossen. Es war Freitag, vielleicht öffnet er ja noch für ein Eis, Himbeerbrause, Bockwurst und Kaffee, die an den Verkaufsschildern angepriesen werden. Wir sollten Glück haben.

Im See herrscht Ruhe
Stilechter Imbiss

Erwarte Nichts – Finde Alles!

Mag sein, dass sich damit keine Werbetrommel für Brandenburg schlagen ließe, für mich passen diese vier Worte so wunderbar in die fünf Tage am Rande des Spreewalds. Das geringer besiedelte Fleckchen hier berührten mein Herz und meine Seele gerade deshalb auf ganz einfache Weise. Ich fühlte mich endlich wieder als Reisende weniger Touristin. Ein befriedigendes Gefühl. Den Zwiespalt, dieser Region einen wirtschaftlichen Aufschwung zu wünschen und gleichzeitig diese Atmosphäre der Einsamkeit zu bewahren, kann ich leider nicht auflösen.

Am Schilf

Im Osten Nichts Neues?

Während ich an meinem zweiten Interview arbeite, das Aufschreiben eines 40 Minuten Gesprächs dauert doch etwas länger, kam meinen Mann und mir eine kleine Reise in den Norden Ostdeutschlands dazwischen, kinderlos, zeitlos, eher planlos. Kurz vor der Anreise buchten wir uns auf einem Campingplatz ein – auf der Insel Ummanz – einer kleinen Schwester der Insel Rügen. Über den Focker Strom führt eine schmale Brücke auf die Insel, die noch ein wenig im Dornröschenschlaf liegt und hoffentlich nicht so schnell wachgeküsst wird. Abseits der Massentouristenzentren direkt am Schaproder Bodden mit Blick auf die Insel Hiddensee. Ein kleiner Traum für Naturliebhaber, Radfahrer, Kitesurfer und Ruhesuchende. Für unser „freie“ Woche perfekt.

Der kleinste Leuchtturm Rügens
Willy auf dem Trockenen

Vor 15 Jahren haben wir uns auf der großen Insel das Jawort gegeben und so starteten wir eine kleine Erinnerungstour. Bis wir in Sellin ankamen dauerte es ein paar Tage, wir ließen uns Zeit mit dem Erkunden der Umgebung. Am ersten Abend wurden wir gleich verzaubert vom Sonnenuntergang über dem Schaproder Bodden, Ummanz ist DER Platz dafür (liegt ziemlich westlich dort oben). 

Abendrot wie bestellt

Die erste Radtour führte uns über das kleine Eiland über weite Felder, entlang herrlicher Alleen auf gut ausgebauten Radwegen. Mein geliehenes E-Bike erwies sich als großer Vorteil, obwohl das Land hier ziemlich flach ist. Wer einen radverrückten Ehemann hat (der natürlich nur ohne Motor Rad fährt) und mit Erkältungsvirus in den Urlaub geht, ist gut beraten, sich Unterstützung zu nehmen, um die 40km Touren erholsam genießen zu können.

Selten zu finden mittlerweile
Immer wieder zu finden überall 

20 km² groß/klein ist die Insel, nennenswerte Orte gibt es eigentlich nicht, die meisten „Bewohner“ leben wohl im Sommer auf dem Campingplatz. Außer Freesenort, der aus vier Häusern besteht, die alle unter Denkmalschutz stehen und 1319 erstmalig erwähnt wurde. Die Hasenburg ist dort besonders schön und bietet sogar eine Ferienunterkunft. Wer es also abgeschieden und einsam mag, ist genau richtig hier.

Hasenburg
Freesenort

Sehr zu empfehlen sind die beiden Cafés auf Ummanz, das „Zuckerkuss“ bietet einen idyllischen Garten mit viel Abstand zwischen den Tischen und köstlichen Kuchen, wer lieber näher am Wasser sitzt, kann im Café Ummanz mit Blick auf den Focker Strom einen schmackhaften Kaffee zu sich nehmen, Kuchen gibt es hier selbstverständlich auch. Die seit langem beste Pizza haben wir in der Tikki-Bar des Surfhostels UMAII gegessen. Emma bediente dort unter Baumhäusern und bei entspannter Musik gut gelaunt die Gäste im Garten.

Der Willy von hinten
Heute kein Fisch im Netz

Unsere Tour führte weiter nach Gingst, eine kleine Stadt auf der anderen Seite der Brücke, die ganz zauberhaft renoviert wurde. Um den kleinen Markplatz mit Kirche, Restaurant und Buchladen, Keramikatelier und Bäckerei stehen bunte Wohnhäuser. Zu entdecken gibt es dort außerdem einige historische  Handwerkerstuben, die immer wieder Veranstaltungen anbieten.

Heute leider geschlossen
Die Kirche ist immer geöffnet

Da ich mit wenig Transportmöglichkeiten auf meinem Fahrrad unterwegs war, ist diese analoge Fotoserie mit meiner kleinen Olympus Pen entstanden. Ich wollte viel mehr analog fotografieren, als es mir dann gelungen ist. Viele Filme hatte ich im Gepäck. Zumindest hatte diese handliche Minikamera den praktischen Vorteil, dass der 36 Film für 72 Fotos reicht (Halbformat sei Dank). Die neu reparierte Pentacon Six TL kam ebenfalls zum Einsatz, der Film ist allerdings noch nicht entwickelt. Die Kombination Fahrrad und Fotografie ist leider nicht ganz optimal. Da muss ich mir für den nächsten Urlaub etwas praktischeres überlegen.

Abgebrannt
Ein Trauerspiel
Bauer Langes kleines Westauto
Bauer Langes großes Ostauto

Ferienbauernhöfe bieten hier auf Ummanz nicht mehr nur Unterkunft und Tiere im Stall. Bauernladen, Hofcafé, Spielscheune und Antikhandel findet sich hier ebenso. Das lockt die badewütigen Sonnenanbeter vielleicht auch einmal aufs Land. Wir gönnten uns eine Erfrischung und einen Blick auf die größte Sau Rügens (Rosi).

Der Plan sah etwas anders aus für diesen sonnigen Tag. Vergesslichkeit scheint nicht nur ein Alltagsproblem zu sein, im Urlaub führte diese zu anfänglichem Frust, der sich nach Akzeptanz der Situation und Planänderung in Luft auflöste. Das Steuergerät des E-Bikes samt Helm im Zelt liegen zu lassen ist keine gute Idee, das Rad bewegt sich keinen Meter ohne dieses Teil. Also wurden die Räder auf dem Gepäckträger gelassen und wir fuhren die gesamte Strecke mit dem Auto. Die Wittower Fähre schon im Rücken war unsere erste Station Altenkirchen, Ausgangspunkt der Radtour, die leider ins Wasser fiel. Einen Blick in die schöne Kirche, auf den alten Friedhof und den separaten Glockenturm gönnten wir uns trotzdem.   

Mohn braucht Kreide zum gedeihen.
Hühnergotter die Meereswellen für ihre Löcher

Um unserem Bewegungsdrang nachzugeben, wanderten wir von Putgarten aus ins Fischerdorf Vitt und dann entlang der Steilküste bis zum Siebenschneiderstein. Die Dorfgemeinschaft von Vitt streitet sich gerade mit dem örtlichen Kirchenrat, der einer Empfehlung des Denkmalamtes gefolgt ist und die ehemals weiß getünchte berühmte achteckige Kapelle in einem ockerfarbenen Ton anstreichen ließ. Diese Farbgebung ist bei der Restaurierung unter den alten Farbschichten entdeckt worden und soll die ursprüngliche Farbe aus dem Entstehungsjahr 1816 sein. Die Dorfbewohner sind mit der Entscheidung nicht besonders glücklich und fordern auf einem großen Plakat vor der Kapelle die weiße Farbe zurück. Tatsächlich ist die kleine Kirche nun von Weitem nicht mehr erkennbar und zu den weiß gestrichenen Reetdachhäusern im Dorf würde sie wohl ebenfalls viel besser passen. Die Entscheidung ist jetzt endgültig gefallen, bis zur nächsten Renovierung wird mit dem Ocker gelebt werden müssen. https://www.ostsee-zeitung.de/Vorpommern/Ruegen/Endgueltig-Kapelle-Vitt-bleibt-Terrakotta2

Warten auf den Fischer
Mit dem Rad gehts nur bis hier hin.

Das kleine Dorf ist immer noch so gemütlich, wie vor 15 Jahren. Es gibt ein Café und direkt am Strand eine Räucherfischbude. Die Fischerboote liegen für die Fotografen passend daneben und der Weg nach Kap Arkona ist nicht weit. Mit dem Fahrrad wären wir hier nicht weiter gekommen und waren somit ganz glücklich, heute zu Fuß unterwegs sein zu dürfen. Mit dem Kreidefelsen im Blick ging es entlang der Ostsee, die unermüdlich an dem Gestein nagt. Auch ein paar Schwalben haben es sich in den oberen Erdschichten am Felsen gemütlich gemacht und Löcher zum Brüten gebuddelt. Ein ständiges Kommen und Gehen über unseren Köpfen. Die paar Leute, die den steinigen Weg liefen wurden immer weniger, je weiter wir um den Hauptfelsen kamen. In der Hochsaison möchte ich gar nicht wissen, wieviele Menschen sich hier den schmalen Streifen teilen.

Kulisse am nördlichsten Punkt Deutschlands
Rest des Marineführungsbunkers
Minileuchtturm am Kap

In Glowe kann man sehr gut im Fischerhus essen und das Eis im Eiscafé Arkonablick ist ein Traum. Ärgerlich sind die Parkautomaten, die nur Kleingeld nehmen und selbst die Geschäftsinhaber vor Ort bereits in den Wahnsinn treiben, weil alle zum Wechseln kommen. Ich mag mich im Urlaub eher gar nicht beschweren, aber in der heutigen Zeit gibt es genug alternative Bezahl-Systeme, über die die Betreiber nachdenken sollten.

Am Strand in Glowe
Am Hafen in Glowe

Nebel auf der Insel hatte ich nicht erwartet und Berge ebenso wenig. Aber Überraschungen sind das beste im Leben, der Motor am Fahrrad wollte wohl auch endlich mal richtig zum Einsatz kommen. Von Glowe aus ging es über Land in Richtung Königsstuhl. Die Fähre in Wittow brachte uns wieder auf den nördlichen Teil Rügens. In Wiek werden immer Erinnerungen an eine Kur zu DDR Kindertagen wach, keine allzu positiven Erinnerungen.

An der Wittower Fähre
Schaumschläger

Vorbei an Schloß Spyker fuhren wir immer ostwärts durch den immer dichter werdenden Nebel. Eine fast mystische Stimmung kam auf und das riesige Mohnfeld ließ uns einfach nur staunend am Rand stehen. Der frische feuchte Fahrwind tat einen guten Dienst. Um dem Ganzen noch ein weiteres Naturphänomen aufzusetzen, standen wir kurz vor dem Königsstuhl in einem Märchenwald, der ebenfalls von Nebelschwaden durchzogen wurde. Stehenbleiben, staunen und genießen – ich habe so etwas noch nicht gesehen. Einfach ein sehr intensives Erlebnis. Leider war der Wald für die analoge Kamera zu dunkel, daher ausnahmsweise ein Ersatzfoto.

Mohn-Zeit
Sherwood Forest

Um nach Sellin zu radeln wählten wir am nächsten Tag das verschlafene Dorf Zirkow aus, das gut 12 km östlich liegt, kostenlosen Parkraum findet man hier noch und wer es mag auch ein Karls Erlebnisdorf (der Erdbeerfreak). Für ein Softeis hielten wir sogar kurz in Binz an, das sich für meinen Geschmack zu wichtig nimmt mit den vielen fein heraus geputzten Villen und der Strandpromenade, mit den Läden und Einkehrmöglichkeiten für das betuchte Publikum. Hier konnten sich die wenigsten Ostdeutschen nach der Wende den Traum von einem eigenen Zimmer mit Aussicht leisten, die große Mehrheit der schicken Immobilien ist bis heute in den Händen westdeutscher Investoren und Privatleute. Der Ausverkauf der Ostseeimmobilien mag für die Region jetzt einen Tourismuserfolg bringen, die Gewinne daraus fließen auf Bankkonten in den Westen der Republik.

Ohne Seeblick kein Erfolg
Kurhaus – Travel Charme

Nicht nur wegen unserer besonderen Verbindung zu diesem Ort mochte ich Sellin schon immer lieber. Einen Tag am Meer würde ich hier verbringen. Die Stunde im Strandkorb gönnten wir uns nach einem köstlichen Mal im Skipper an der Hauptstraße. Auch den Fotoladen von Herrn Knospe gibt es noch, scheinbar lassen sich auch andere Brautpaare gerne noch von ihm ablichten und ins rechte Licht rücken.

Traumkulisse für Hochzeitspaare
In Reih und Glied – typisch aufgeräumt eben
Sonnenkönig
Strandprinzessin

Dem Trubel der Seebäder entflieht man relativ schnell. In gut 5 Minuten ist man mit dem Rad über die Hauptstraße auf der anderen Seite und nach 10 weiteren Minuten strampeln in schönster Natur. Am Selliner See vorbei ging es nach Moritzdorf, wo uns ein knorriger alter aber sehr lustiger Seebär mit seiner „Ruderfähre“ über den kleinen Fluß verhalf. E-Bikes kosten extra, verständlich bei diesen Gewichten, die er täglich ins Boot hieven muss. Seedorf kam mir auf Anhieb bekannt vor, im Gasthaus Drei Linden waren wir damals zum Abendessen, diesmal gab es Kaffee und Kuchen. Die vielen kulinarischen Pausen unterbrachen den Tag in kleine Happen. Wir ließen oft den Zufall entscheiden und hatten meistens Glück.

Warten auf den Fährmann
Wiesenspektakel

Am Ende zeigte sich die Natur noch einmal in voller Pracht. Schmetterlinge wie aus dem Bilderbuch umschwebten unsere Beine, als wir an den Blumenwiesen in Richtung Zirkow zurück fuhren. Was will man mehr von einem Tag wie diesem erwarten? Nichts!

Möwe auf G 412

Der letzte Tag gehörte dem Strand, Baden im Meer, Füße im Sand, Stulle im Strandkorb und Eis an der Bude. Die Möwen waren früher kleiner oder? Ostsee streichelt meine Seele, weckt die Sehnsucht nach unbeschwerten Kindertagen mit der Familie und Freunden am FKK, riecht nach Salz und schmeckt nach Vanille-Schoko-Softeis. Gerne darf es immer stille Plätze und leeren Straßen dort geben, unberührte Natur und freundliche Menschen, die nicht vom Touristenwahnsinn abgestumpft sind.

Um nicht nur auf für uns ausgetretenen Pfaden zu reisen, wollten wir uns auf dem Rückweg noch einen bisher unbekannten Ort anschauen. Der kleine Annahüttensee nahe der B96 hatte auf dem Hinweg bereits unser Interesse geweckt. Die Lausitz mausert sich in den letzten Jahren zum neuen Wassersport-Eldorado und Naturquelle im tiefen Osten der Republik. Tief berührt hat mich der Film „Gundermann“, der in der Lausitz spielt. Daher fiel der Entschluss leicht, den letzten Tag unserer Reise an einem der Seen zu verbringen, die dort nach dem Ende des Braunkohletagebaus hier entstanden sind. Der Geierswalder See ist der erste touristisch nutzbare See (nach dem Senftenberger See) der neuen Lausitzer Seenkette und liegt in der Nähe von Senftenberg und Hoyerswerda. Geflutet mit Wasser der Schwarzen Elster wurde dieses Restloch des Tagebaus Koschen im Jahr 2006 für die Freizeitnutzung freigegeben. Unser sehr einfacher Campingplatz lag unweit des Ufers und der Besitzer dort war ein Sachse im Herzen mit Brandenburger Dialekt. Sehr unkompliziert und unterhaltsam, seine Schwester hat mal in Holzgerlingen gearbeitet, aber ist nach 20 Jahren in die Heimat zurück gekehrt, die Welt ist ein Dorf!

Bootsparade am Ufer

Für einen sonnigen Samstagnachmittag herrschte wenig Betrieb am Ufer des Sees. Nur ein paar badelustige Familien und Paare lagen im Sand oder schwammen im kühlen Nass. Gegenüber zogen ein paar Kitesurfer ihre Bahnen über das Wasser und als am Ende des Tages der Wind auffrischte kamen die Surfer an Land und der Strand leerte sich stetig. Den Sonnenuntergang konnten wir fast allein dort genießen mit Radler und DDR-Softeis (Werbeschild) von einer der beiden Strandbuden. Das gute liegt so nah, wie beneide ich die Lausitzer um das bald fertige Wasserparadies direkt vor der Haustüre. Auch wenn ich weiß, dass vielen von ihnen gesicherte und gut bezahlte Jobs lieber wären. Aber diese Rückgewinnung des zerstörten Naturraums bietet viele Chancen, die sicher auch genutzt werden. Touristisch ist dort auf jeden Fall noch ganz viel Luft nach oben und bis dahin ein echter Geheimtipp für alle, die nicht immer nur die Highlights des Ostens kennenlernen wollen.

Ganz ohne rosarote Brille

Die F60 zog uns am nächsten Tag dann doch noch in ihren Bann, lag quasi auf dem Weg und versprach Hintergrundwissen zur Vergangenheit dieser Region. Es handelt sich hierbei um eine von fünf Abraumförderbrücken, die letzte, die hergestellt wurde und in der Nähe von Lichterfeld steht. „Diese Brücken wurden vom ehemaligen VEB TAKRAF Lauchhammer gebaut und sind die größten beweglichen technischen Arbeitsmaschinen der Welt. Als Abraumförderbrücke transportieren sie den Abraum, der über dem Kohleflöz lagert. Die ursprünglich maximale Abtragsmächtigkeit beträgt 60 Meter, daher auch die Bezeichnung F60. Mit einer Länge von 502 Meter wird sie auch als liegender Eifelturm der Lausitz bezeichnet. Insgesamt ist sie bis zu 80 Meter hoch und 240 Meter breit. Im betriebsfähigen Zustand wiegt die Abraumförderbrücke (ohne Bagger) 13.500 Tonnen.“ Quelle Wikipedia

Mächtig gewaltig!

Wir kamen uns wie Zwerge vor, als wir vom Parkplatz um das Kassenhäuschen bogen und dieser Kollos auf Stahl vor uns stand. Manfred Krüger, ehrenamtlicher Helfer des Technischen Museums führte unsere kleine Gruppe von unten bis in luftige Höhen, wo sich uns ein spektakulärer Blick über die weite Landschaft bot. Mehr verrate ich nicht, das Teil ist wirklich eine Reise wert und die Führung absolut empfehlenswert. Ich glaube selbst Herr Gundermann wäre stolz darauf, was der Verein hier geleistet hat und mit welcher Hingabe die Menschen den Besuchern dieses Stück Geschichte ihrer Heimat nahe bringen. Reisen bildet, wissen wir ja alle.

Mann und Maschine
Frau im Himmel
Die Blickrichtung stimmt!

Im Osten gibt es neben Altbekanntem viel Neues zu entdecken. Tief zufrieden mit den Erlebnissen und Eindrücken aus diesen vollkommenen und nicht ganz entleerten Landschaften kehrten wir zurück und schmieden schon neue Pläne. Es gibt viel zu erleben dort und zu erzählen, es ist eigentlich ganz einfach.

Nachtrag „Stumme Zeugen“

Die Idee kam mir schon während das Fotografierens im März und da weitere Wochenenden in der Heimat anstanden, zog ich mit meinen drei fleißigen Helferinnen am 08. Juni erneut durch Falkenstein. Im Gepäck viele ausgedruckte und laminierte Bilder, der Serie „Stumme Zeugen“.

Wer suchet der findet!

Gemeinsam suchten wir die Türen, Fenster und Gebäude und installierten die kleine Ausstellung, in der Hoffnung, dass sie auch gesehen und hinterfragt wird, von Vorbeilaufenden und Beobachtern. Beim zweiten Spaziergang kamen wir wiederum an Straßenecken vorbei, die ich zuvor noch nicht gesehen hatte. Und irgendwie kamen wir uns an diesem Samstag Nachmittag wie in einer verlassenden Geisterstadt vor. Seltsam unheimlich mutet diese leergezogene Szenerie dort an. Man könnte meinen hier sind wirklich alle ausgezogen.

Durchschuss
Tränen
Macher dringend gesucht!
Wildwuchs
Die Krise der Lebensmitte ist auch die Krise der verlorenen Mitte.
© Roswitha Bloch
Dschungelbuch
Kunstvoll eingerahmt
Heute habe ich Post für dich.
Kein Film ist auch ein Film
Künstler am Werk
Entwohnt

Vielleicht sollte Christo hier mit einer seiner Installationen vorbeikommen und alle leer stehenden Häuser in bunte Tücher hüllen. Damit wäre sicher mehr Aufmerksamkeit garantiert, als mit meiner kleinen Aktion. Bis jetzt gab es noch keine Reaktionen, ich bin gespannt, ob es überhaupt jemand bemerkt.

Aus einer anderen Welt

Stumme Zeugen

Falkenstein liegt im Vogtland, südwestliches Sachsen, direkt an der Grenze zu Bayern, Thüringen und Tschechien. Er ist einer der drei größeren Orte im Göltzschtal neben Auerbach, meiner Heimatstadt und Rodewisch, meiner Geburtsstadt. Ich muss also ein wenig ausholen für diese Serie an Bildern, die bei meinem letzten Besuch dort entstanden sind. Mit dem Ort Falkenstein verbinden mich gleich mehrere Gegebenheiten. Meine Namensvetterin lebte dort (Yvonne Sandra), deren Eltern sich mit meinen die verrückte Idee ausgedacht hatten, den Kindern nahezu selbe Namen zu geben. Mein zweiter Vorname ist Ivonne (der eine Buchstabe macht den Unterschied) und ich bin etwas eher geboren als sie. Wir haben viel zusammen gespielt in unserer Jugend, gemeinsame Ausflüge zum FFK gehörten auch dazu, die Eltern hatten eine Eisdiele in Auerbach, wie wunderbar für uns Kinder – DDR-Leben, es war eine unbeschwerte Zeit. Jetzt lebt sie in der Schweiz, hat die Heimat verlassen, wie ich und 1,5 Millionen andere nach der Wende, auf der Suche nach Arbeit, die es im Göltzschtal für uns nicht gab. Mein Mann stammt aus Falkenstein und ein paar Jugendlieben vor ihm auch 😉 – Falkenstein kenne ich also gut, es gab ein Kino (jetzt wieder Veranstaltungsort für unterschiedliche Kulturangebote), eine Disco (da steht jetzt ein Supermarkt), ein Stadion, ein Freibad und die Talsperre, an der wir viele Sommer verbrachten. In Falkenstein gab es einen Plattenladen, in dem wir unzählige LPs und CDs gekauft haben.

Falkenstein verbinde ich mit positiven Erinnerungen und doch blutet mir seit Jahren das Herz, wenn ich durch die im Schachbrettmuster abgelegte Stadt fahre oder laufe. Viele Häuser sind nach dem Zusammenbruch der DDR wieder hergerichtet worden, hatten Geschäfte, die eine lange Zeit gut funktionierten. Jetzt stehen an sehr vielen Fenstern Schilder „Zu verkaufen“ „Zu vermieten“ „Geschlossen“. Andere Häuser sind schon seit Jahrzehnten verlassen und wohl nicht mehr zu retten. Sie wurden verlassen, verkauft, nicht wieder bewohnt oder die Besitzer interessieren sich nicht mehr dafür. Mittlerweile gibt es zwei Varianten dieser stummen Zeugen. Natürlich gibt es noch Geschäfte und sehr viele bewohnte Häuser und trotzdem erkennt jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen läuft, dass hier soviel Potential verloren gegangen ist und gehen wird. Einst prachtvollen Fassaden bröckeln vor sich hin, kunstvoll gezimmerte und geschmiedete Türen verrotten, Reliefs und Verzierungen aus Stein lösen sich auf und die Risse in den Gemäuern wirken wie Wunden verletzter Seelen.

Es werden schon sehr lange keine Geschichten mehr erzählt in diesen Häusern, die einst voller Leben, Liebe, Gesprächen und Kultur waren. Erinnerungen an die ehemaligen Bewohner verblassen langsam. Wenn sie verschwinden, bleiben nur die Archive und Zeitzeugen, die sich wage an diese Bauwerke und der Nutzung erinnern können.

In letzter Zeit befällt mich oft der Gedanke, ob nicht auch ich daran Schuld trage, dass es diese Häuser nicht geschafft haben. Schließlich habe ich meine Heimat verlassen und bin bis heute nicht zurückgekehrt. Was wäre, wenn ich geblieben wäre, wenn alle geblieben wären, wenn die Wiedervereinigung anders verlaufen wäre, wenn es Jobs im Osten gegeben hätte, wenn sich Industrien und „blühende Landschaften“ in einem schnelleren Zeitrahmen entwickelt hätten, wenn es Perspektiven gegeben hätte, die junge Leute zum Bleiben veranlasst hätten oder zur Rückkehr bewegen würden. Es gibt diese Rückkehrer, sogar in einer wachsenden Zahl. Aber für die „Flüchtigen“ meine Generation haben wohl mittlerweile ihre Zelte woanders aufgebaut, ein neues Zuhause gefunden. Die Heimat bleibt trotzdem im Herzen immer „drüben“. Und den Verfall ehemals schöner Ecken zu beobachten tut mitunter ziemlich weh. Keine Frage, Regionen wie Dresden, Leipzig, Potsdam, Erfurt, Jena, Berlin oder Rostock haben sich entwickelt, waren aber auch schon bevor es die DDR gab große Zentren von Wirtschaft, Kultur und Politik. Es ist viel Gutes im Osten entstanden in den letzten 30 Jahren. Es wurde investiert in Infrastruktur und Sanierungen vieler Orte. Es sind Jobs entstanden. Es gibt Kultur. Nur in manchen Ecken fruchteten die Bemühungen eben doch nicht, wie geplant. Der ersten Welle von Neugründungen und Selbstständigkeit machen jetzt wohl wie in der gesamten Republik der globale Handel und der Konsum im Internet zu schaffen. Geschäfte schließen, Gaststätten ebenso. Ja es ist einfach den Verfall zu beklagen und selbst nicht dort zu wohnen, seine Ideen und seine Energie nicht dort einzubringen. Aber mit dieser Schuld wird letztlich jeder der 1,5 Millionen leben müssen, die gegangen sind. Und die Geschichte kann und wird sich beliebig oft wiederholen, was sie tut, angesichts der weltweiten Migration aus politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kriegerischen Gründen.

Ich habe ganz bewusst auch bewohnte Häuser in diese Serie aufgenommen. Sie zeigen, welche Schönheit diese Stadt einst prägte. Das sich lohnt die alten Mauern zu sanieren, das Leben in ihnen zu bewahren und die Geschichten weiterzuerzählen. Meine Hoffnung gebe ich nicht auf. Abbruchhäuser gibt es auch im Westen der Republik und spätestens die Generation meiner Kinder und Enkelkinder, wird Deutschland nur nach Bundesländern aufteilen. Von Ost und West erzählen wir ihnen dann, wie unsere Großeltern vom Krieg oder dem Leben in der DDR. Vielleicht schaffen es bis dahin noch einige dieser Häuser, liebevolle neue Besitzer zu finden, die ihnen wieder Leben einhauchen.

Zugemauert! An dieser Ecke war ich nach gut zwei Stunden in den Straßen unterwegs und durchgefroren. Ein Café wäre jetzt prima gewesen, leider war keins offen. Und dann spielte König Zufall wieder einmal mit, Yvonne stupste mich von hinten an. Sie war sich sicher, die Frau mit der Kamera konnte nur ich sein. Wie schön, sich hier wieder zutreffen. Wir plauderten eine Weile und freuten uns über den Moment. Nächstes Mal sollten wir das besser planen und einen Kaffee zusammen trinken. Der alten Zeiten wegen und der heutigen Zeiten natürlich auch, es gäbe viel zu erzählen.

Ein Haus steht in der Finsternis.
Finsternis steht ringsrum.
Ein Fenster leuchtet.
Einer sagt: Verzweiflung.
Einer sagt: Hoffnung.
Und eine Waage ist nicht zur Hand.
Nur Entscheidung.


Johannes Trojan (1837 – 1915)

https://de.wikipedia.org/wiki/Falkenstein/Vogtl.