Antwort aus der Stille

Ob sie denn mitkommen würde? Einfach mitkommen, auf und davon, über alle Berge? Sie muss blinzeln, da sie den Kopf dreht und ihn anschauen will …

In irgendein Land, sagt er, wo es keinen Alltag gebe, wo man keinen Menschen kenne, wo man wirklich leben könnte, ohne Bindung und ohne Rücksicht, ohne alles, was nicht dazu gehört, ein wirkliches Leben ohne Gewöhnung ein Leben voll Erlebnis, ein Leben, wie es unsere Sehntsucht kennt, ein neues und anderes, ein lebenswertes Leben -!

Irene schweigt; aber es ist ihr, als habe sie das auch schon gedacht. Warum folgen wir unserer Sehnsucht nicht? Warum knebeln wir sie jeden Tag, wo wir doch wissen, daß sie wahrer und reicher und schöner ist als alles, was uns hindert, was man Sitte und Tugend und Treue nennt und was nicht das Leben ist, einfach nicht das Leben, das wahre und große und lebenswerte Leben! Warum schütteln wir es nicht los? Warum leben wir nicht, wo wir doch wissen, daß wir nur ein einziges Mal da sind, nur ein einziges und unwiederholbares Mal, auf dieser unsagbar herrlichen Welt!

Man könnte so viel, sagt er, wenn man Mut hat. Man könnte alles zusammenpacken, was man besitzt, und alles verkaufen; man hätte Geld genug, damit man über die Grenze kommt und durch das nächste Land. Am besten dürfte es sein, meint er, wenn man gegen Süden ginge. Man könnte wandern und in Dörfern schlafen, deren Namen man noch niemals gehört hat; so würden es die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte. Und wenn es Sommer ist, könnte man auch im Freien schlafen, irgendwo in einem Feld, wo ein fremder Mond über den weißen Nebeln schwimmt und fremde Vögel rufen. Man könnte zu Bauern kommen, deren Sprache man nicht versteht, und man würde Garben binden, einen ganzen Tag, damit man weiterleben darf, und es wäre kein leichtes Leben, das gibt er zu, es wäre ein hartes und oft verzweifeltes Leben, ein bodenloses und aufreibendes Leben, aber es wäre ein Leben!

Und es könnte ja sein, daß man auch einmal eine Stelle findet, wo das andere weiterziehen muß, und es gäbe Abschiede, die vielleicht für immer sind, Abschiede in fremde Städte, wo bunte Schiffe im Hafen stehen, wo man sich küßt und weint und nicht vor den Gesichtern bangt, die man nicht kennt, und wo man einfach auf einem Koffer sitzt, allein, ohne Bindung und ohne Adresse, nach allen Winden bereit. Es könnte auch sein, daß man auf dem Schiff einen blassen Herrn trifft und daß man Glück hat, daß man in eine Farm kommt, wo man für viele Jahre bleibt und Nützliches leistet. So gut es sein könnte, daß man in Seenot kommt und irgendeinen Gott erkennt, bevor man untergeht, einen wirklichen Gott vielleicht, der uns erlöst, wenn er uns sterben läßt. Warum sollte es nicht sein?

Wie die Winde sind die Möglichkeiten des Lebens, und warum wagt man nie, die Segel auszuspannen? Alles ist besser als ein Leben, das nicht gelebt ist, sogar das Unglück ist besser, der Schmerz und die Verzweiflung, das Verbrechen, alles ist besser als die Leere! Und es könnte auch sein, daß man sich treu bleibt, weil man sich nichts versprach: daß man sich noch einmal begegnet, irgendwo in der Welt, an einem Abend vielleicht, man könnte sich noch einmal die Namen jener Dörfer sagen, die die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte sind, man könnte erzählen, was seither war, und es wäre gewiß nicht wenig, es wären viele Qualen und Irrtümer dabei, aber keine Leere, es wäre ein Abend, der alles versöhnt, der unsere Geburt und unser Sterben wert ist, es wäre vielleicht in einem Bahnhof, wo die Menschen wie lärmende Schatten vorbeieilen, oder auf einem Damm draußen, wo man übers Meer schaut und das Tosen hört, wo man nicht sprechen kann und sich nur die Hände hält. Wie groß könnte eine solche Liebe sein, die sich nicht halten wollte!

Und eines Morgens, wenn das andere noch schläft, warum soll man nicht leise aufbrechen, warum soll man nicht ein Glück verlassen, bevor es uns verläßt, warum soll man jede Sehnsucht ersticken? Leben ist Sehnsucht, und es könnte sein, daß das Verlorene größer ist dann alles, was man ergriff, und daß man erst wirklich lebt, wenn man den Mut zum Verlieren hat, wenn man alles abwirft, seinen Namen und sein Bürgertum und alles, nur sein Schicksal nicht, und wenn man lebt, als lebe man immer seinen letzten Tag –

Dann schauen sie lange in die Bläue, die so tief erscheint, wenn man auf dem Rücken liegt und nichts anderes schaut, so tief und dunkel, als sehe man, jenseits des Tages, die Weltnacht.

Mut, sagt er, nur Mut brauche es dazu –

Und ein Ernst, den sie kaum erwartet hat, ein jugendlicher, stürmischer Ernst ist in seinem Gesicht, als er sich aufgerichtet hat und sie anblickt: Ob sie diesen Mut hätte? fragt er und hält sie sehr fest, fast schmerzend fest: Ob sie diesen Mut hätte, aufzubrechen in ein neues und wirkliches Leben, wo es keine Rücksicht gibt und wo man alles wagt für seine Sehnsucht? Und wirklich aufzubrechen? Und aufzubrechen mit ihm?

Oh! sagt sie nur …

Dann hat sie ihn niedergezogen, mit sanfter und weicher Macht, ganz in ihre Arme, ganz an ihre Brust, und unter Küssen, die sehr heiß und sehr entfesselnd sind, versprechen sie es : daß sie alles vergessen wollen, alles vergessen, was vergangen ist, und alles opfern, was nicht zu ihrer Zukunft gehört, zu ihrer Sehnsucht, zu ihrer Liebe, zu ihrem neuen Leben.

Alles? fragt sie. Und er beschwört es: Alles!

Text: Max Frisch „Antwort aus der Stille – Eine Erzählung aus den Bergen“, erschien erstmals 1937 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart/Berlin.

Katong – ein Spaziergang

Wir gehen ein Leben lang in einem großen, zunächst unsichtbaren Labyrinth spazieren. Die wahre Lebenskunst besteht darin, daß wir auch dann, wenn wir das Labyrinth sehen, weiter spazierengehen.

Sigbert Latzel

Sie geht die steilen Stufen der schmalen Treppe hinunter, die mit winzig kleinen Kacheln gefliest sind. Ihre Schultasche unter dem Arm geklemmt, heute leichter als sonst, die ersten beiden Stunden fallen aus, Zeit zum Bummeln, wie sie es liebt. Unten grüßen die gemalten Hunde von der Hauswand, im Nachbarhaus steht immer noch das kleine Stoffauto auf dem Briefkasten, das dem frechen Nachbarsjungen gehört. Es ist angenehm warm um diese Zeit, die Sonne zeigt sich nach zwei Tagen Dauerregen endlich wieder am Himmel und einige flauschig weiche Wolken ziehen ihre Bahnen über ihrem Kopf. Sie mag das Viertel, in dem sie schon seit ihrer Geburt wohnen, immer gibt es hier Neues zu entdecken oder Altbekanntes zu bestaunen. Der morgendliche Ansturm an Verkehr und Fußgängern ist bereits durchgezogen, jetzt herrscht nahezu Stille und sie hat die schattigen Fußwege unter den Arkaden der Häuser entlang fast für sich alleine.

Vollkommenheit wird nie erreicht,
man sieht sie bestenfalls verschwommen,
weil sie uns deshalb stets entweicht,
denn sie verspricht auch immer nur das Kommen.

Erhard Blanck

Sie mag den orange gerahmten Verkehrsspiegel, der tief genug an der Ecke steht, dass sie hineinsehen kann und sich heute über die Wolken freut, deren Lücken wieder Farbe an den Himmel zaubern. In den Kirschblütenzweigen hängen immer noch die Glücksbringer der chinesischen Familie. Auch wenn die Blüten nicht echt sind und sie einen Frühling nicht kennt, die Zweige erhellen jeden Tag ihr Gemüt, wenn sie daran vorbei geht. Das Viertel ist so herrlich bunt, die alten Häuser erhalten immer wieder einen satten Anstrich. Beim Chiropraktiker, der im blau-türkisen Stadthaus seine Praxis betreibt, steht heute ein Mann am Fenster. Als ob er sie beobachtet. Scheu winkt sie im zu, wartet aber vergeblich auf eine Reaktion. Vorbei geht ihr Weg an dem roten und dem gelben Postkasten, wenn sie schnell genug daran vorbei huscht verschwimmen die Farben und Formen. Am Haus Nummer 323 hängt noch immer der rot glitzernde Weihnachtskranz an der Tür. In den Kugeln tanzt ihr Spiegelbild mit jeder kleinsten Bewegung.

Die meisten Talente entwickeln sich am Ort der größten Vielfalt

Torsten Marold

Ob ihre Mutter sie auch immer so zärtlich im Arm gehalten hat, wie die Frau auf dem großen Wandgemälde? Sie hat noch nie eine solche schwarz-weiß gescheckte Kuh gesehen, und auch Sonnenblumen blühen nie in den Parks der Stadt. Sie wird ihre Lehrerin fragen, in welchem Land sie diese finden würde, die Kühe und die Sonnenblumen.

Bevor sie die Straße überquert lässt sie den Lastwagen vorbei, in dem ihr der Beifahrer ein kleines Lächeln schenkt. Oben bei Tante Li sind die Fensterläden weit geöffnet. Sie ruft laut „Guten Tag“, manchmal ruft die Tante zurück, wenn sie nicht das Radio zu laut gestellt hat und sie hören kann. Der kleine Gemischtwarenladen hat schon geöffnet und seine Klingel auf dem Hocker vor dem winzigen Laden platziert. Manchmal ist sie mutig und klingelt, um dann ganz schnell wegzurennen. Heute mag sie den Besitzer nicht ärgern, vielleicht muss sie nach der Schule für ihre Mutter dort einkaufen und er schimpft womöglich über ihren Streich.

Um ein Kind auf den Weg bringen, den es einschlagen sollte, reise hin und wieder selbst dort entlang.

Josh Billings

Als sie in ihre Lieblingsstraße einbiegt, leuchten ihre Augen mit den bunten Häusern um die Wette. Im Sonnenlicht sind sie noch schöner und es erscheint ihr jedesmal, als ob sicvh ein Regenbogen die Straße entlangzieht. Zuvor biegt sie kurz in die kleine schmale Gasse ab, um den auf der ockerfarbenen Wand gemalten Kindern „Hallo“ zu sagen. Die beiden haben es gut und können auf einer Welle reiten. Ihr Vater erzählte ihr, dass hier früher sehr viele der Peranakans gewohnt haben, Leute wie sie. Die schönen Fliesen an den Häusern zeugen von dieser Kultur. Immer wieder kann sie vor den Eingängen stehen bleiben und die unterschiedlichen Muster und Farben der kleinen quadratischen Kunstwerke bestaunen. Ob in dem rosa getünchten Haus eine Prinzessin wohnt? Aus der Gasse daneben strömt ihr der Geruch von Yamswurzel entgegen. Gleich entdeckt sie den Topf. Auf dem Kocher im Freien bruzelt das Gemüse in Öl und Zwiebel mit einem Schuss Sojasoße. Tante Li kocht ihr ab und zu eine Portion, die fast genau so wie Süßkartoffeln schmecken. Vorbei am endlos in den Himmel wachsenden Kaktus, den auch der Stacheldraht nicht aufhalten kann, nimmt sie die Abkürzung durch die Hinterhöfe, für die letzte Wegstrecke zur Schule.

Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Aus Japan

Heute ist das Gitter an der Baustelle einen Spalt geöffnet. Die Arbeiter scheinen sich im Gebäude verkrochen zu haben, es ist still und sie schiebt ihren schmalen Körper in den kleinen Innenhof. Die Wendeltreppe ins Obergeschoss hat auch schon bessere Tage erlebt. Überall bröckelt der Putz und Risse zieren jede Wand. Zwischen den Wasserrohren entdeckt sie ein Paar Gummistiefel, eingeklemmt warten sie auf Regenwetter, dass heute ausbleiben wird. Wer hier wohl einzieht, wenn das Haus fertig renoviert ist? Vielleicht eine Familie mit Kindern. Draußen wartet die Stuhlparade auf Gäste, die sich eine Ruhepause gönnen. Wäsche hängt zum Trocknen im Freien und die beiden Pappkinder stehen noch immer in durchsichtiger Folie gehüllt grinsend in der Ecke beim „Sammler“. Der Mann ohne Hemd nimmt keine Notiz von ihr, auf den Bordsteinkanten sitzt immer wieder jemand zum Rauchen oder für eine Pause. Sie muss sich beeilen, die Zeit drängt jetzt, zu spät kommen mag sie nicht. Aber es gibt einfach zu viel zu Entdecken.

Wo Wege vorgeschrieben sind bleiben Entdeckungen aus.

Erhard Horst Bellermann

Zurück auf der Hauptstraße des Quartiers schreitet sie schnellen Schrittes an den gelben Straßenmarkierungen entlang. In einem der immer geputzten Autos spiegeln sich die Häuser und es scheint sie fliegen dem Himmel entgegen. Stundenlang könnte sie diese Suche nach außergewöhnlichen Blickwinkeln fortsetzen. Der blank polierte Schmetterling ziert die Hauswand eines Restaurants. Er lacht jedesmal, wenn sie ihn sieht. Vielleicht freut er sich, dass ihn jemand bemerkt. Durch die netzförmige Markise eines Geschäfts fühlt sich ihr Blick wie der einer Fliege an. Und der große weiße Teddybär im Minilädchen versteckt sein Gesicht noch immer hinter einer Maske, genau wie sie und die einfach achtlos Weggeworfene vor dem Modeladen hat sich gut getarnt in der Farbe der Fassade. Es kommt ihr so vor, als ob die Pflanzen denen auf den Kacheln gedruckten nacheifern wollen. Wenn die Laternen des Vietnamen ihren Kopf umwirbeln ist sie fast angekommen. Sie freut sich schon ein bisschen auf den Heimweg nach der Schule.

Es kommt nicht darauf an, von welcher Straße Du kommst, denn die Richtung Deines Weges bestimmt, wo Du ankommen wirst.

Aus China

Kein Jahr zum Abhaken

Januar

Als ob es der Januar schon geahnt hat, dass 2020 Licht und Schatten bereithalten wird. Für uns und die gesamte Welt. Keiner wird dieses Jahr wohl vergessen. Und als hätte ein Umzug von Deutschland nach Singapur nicht schon genug Aufregung bedeutet, schaffte es ein winzig kleines Virus, uns auf dem Weg dorthin noch den einen oder anderen Stein in den Weg zu legen. Am Beginn jeden Jahres sollte ich immer einmal etwas länger in den Spiegel schauen. Was war ? Was kommt? Wer war ich? Wer werde ich sein?

Das Auge

Die Welt ist eine große Seele
Und jede Seele eine Welt;
Das Auge ist der lichte Spiegel,
Der beider Bild vereinigt hält.

Und wie sich dir in jedem Auge
Dein eignes Bild entgegenstellt,
So sieht auch jeder seine Seele,
Sei eignes Ich nur in der Welt

Emil Rittershaus

Februar

Sie drängen in die Welt. Zu Beginn schmerzhaft für mich, danach in einer immerwährenden Intensität an Liebe, die erwidert werden will. Ein Jahr voller Abschiede und einem erneuten Neuanfang haben sie zusammen gemeistert. Stark, fordernd, beharrlich, aber auch schüchtern und zweifelnd, vorwurfvoll, die Palette der Gefühle wurde ausgereizt. Gut so! Den Reichtum an Erfahrungen kann ihnen niemand mehr nehmen. Ein bisschen werde ich noch wachen über sie. Wenn auch immer öfter im Hintergrund. Ich bin unendlich dankbar für diese beiden Töchter in meinem Leben.

Es ist ein Rausch, Mutter zu sein, und eine Würde, Vater zu sein.

Sully Prudhomme

März

Und dann war alles anders, nichts ging mehr. Covid-19 hält die Welt in Atem, hält sie an, bringt alles durcheinander, zeigt uns die Grenzen unserer Globalisierung. Definiert Bedürfnisse neu. Schweißt auch unsere Familie noch mehr zusammen. Lässt uns auch zweifeln, an der Entscheidung, Deutschland noch einmal den Rücken zu zukehren, zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Reise ins Ungewisse wagen? Warum nicht?

Das macht’s vor allem,
daß dem Sturmesweh’n
die leichten schwanken
Halme widersteh’n.
daß sich im dicht
geschloß’nen Ährenfeld
ein Halm am andern hält.

Wilhelm Müller-Rüdersdorf

April

Gänseblümchen zeigen mir immer, alles kommt wieder. Jedes Jahr. Unermüdlich, mit dem ersten Sonnenstahl stehen sie im Gras. Da kann auch der Rasenmäher nichts ausrichten, sie sind die wahren Überlebenskünstler. So klein und zart, erinnern einen immer an die Kindheit, als Kränze für das Haar mit ihnen gebunden wurden. Die nahe Umgebung entdeckten wir nach unserem ersten Auslandsabenteuer noch einmal richtig intensiv. Wir wussten es sehr zu schätzen, danach die Natur immer direkt vor der Haustüre zu finden. Wald, Wiesen, Felder … es braucht nicht viel zum kleinen Glück. Und manchmal reicht schon ein Gänseblümchen im Sonnenschein.

Gras wogt. Es treiben
Gedankenschmetterlinge
auf dem Gräsermeer.

Stephan Dreyer

Mai

Reisen ausgesetzt, Flugverkehr eingestellt. Die Ferne liegt nah in diesem Jahr. Das Land der Vögte ein Sehnsuchtsort, immer wieder. Gutes bleibt, jahrzehntelang. Tradition hat für mich dort eine große Bedeutung. Feste werden gefeiert und Rituale gepflegt.

Seit 1880 werden in Oelsnitz Teppiche für die ganze Welt produziert. Die Halbmondwerke überstehen sogar die Wendejahre und bestehen, wenn auch nicht mehr in den alten Gemäuern weiter. Das verlassene große Anwesen liegt brach, dem Verfall preisgegeben. Bei Regen und Nebel versprüht es einen mystischen Charme. Ich stelle mir an diesen Orten oft die Vergangenheit vor, wie viele Menschen hier gearbeitet haben, tagtäglich, jahrein jahraus. Was hätte aus den Gebäuden entstehen können, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Meine Fotos halten einfach den Moment am 23. Mai 2020 fest. Wenn einmal alles abgetragen und dem Erdboden gleich gemacht ist, werden sich die Menschen nur noch Bilder von diesen Orten anschauen können.

Man muß die Zukunft im Sinn haben und die Vergangenheit in den Akten.

Charles-Maurice de Talleyrand

Juni

Unerwartet schön und still überraschte mich Brandenburg. Eine ganze Woche hatten wir Zeit und Muse für die vielen kleinen Perlen, die in der Landschaft verstreut vor uns lagen. Meine Bildergeschichte dazu kann man hier nachlesen: http://lebenrolle.de/?p=6322

Alles ist Vorstellung, und diese hängt von dir ab. Räume denn, wenn du willst, die Vorstellung aus dem Weg, und gleich dem Seefahrer, der das Vorgebirge umschifft hat, wirst du unter Windesstille auf ruhiger See in die wogenfreie Bucht einfahren.

Marc Aurel

Juli

Tatsächlich soll es ein bisschen an das Plattencover der Beatles erinnern. „Heading To The East“ – könnte ich es nennen. Es wurde Zeit Abschied zu nehmen von der Familie, die wir zurücklassen müssen, für eine Weile zumindest. Natürlich fällt uns das nicht leicht, in diesen Zeiten noch viel mehr. Weit entfernt zu wohnen, bedeutet auch, im Notfall nicht gleich vor Ort sein zu können. Die Rückkehr oder Besuche hier in Singapur werden zusätzlich erschwert, durch die Ristriktionen aufgrund der Pandemie. Umso intensiver verbringen wir die letzten Tage mit den Lieben und sehnen einem baldigen Wiedersehen entgegen.

Erfüllung ist ein Grat zwischen Ankunft und Aufbruch –
so lange man nicht satt ist.

Christoph Rogmann

August

Am 9. August feierte Singapur seinen 54. Geburtstag, eine junge Nation. Stolz sind hier alle auf ihren Little Red Dot und am Nationalfeiertag trägt man rot-weiß, zumindest die Fahne sollte dabei sein, wenn man sich mit den vielen Menschen am Straßenrand versammelt und die vorbeifahrende Militärparade bestaunt. In Zeiten der Pandemie gab es mehrere kleinere verteilt über die Stadt, so dass dem Gedränge entgegen gewirkt wurde. Die Krankenwagen der Stadt führten die Parade an und wurden auch hier mit Applaus für ihren Einsatz gewürdigt. Wir mischten uns unter die Einheimischen und genossen nach vielen Wochen des Wartens, der Aufregung, des Abschiednehmens und der Quarantäne einen ersten besonderen Tag in dieser außergewöhnlichen Stadt.

Es ist die Hoffnung auf ein gutes Ankommen,
das uns den Mut gibt, aufzubrechen.

Kurt Haberstich

September

Ich hatte nicht erwartet, so schnell wieder „reisen“ zu dürfen. Mit der U-Bahn brauche ich vier Stationen und steige in Little India aus. Noch ein paar Stationen weiter und ich gelange nach Chinatown. Im arabischen Viertel mischen sich gleich mehrere Länder in einigen kleinen Straßen. Fasziniert von diesem Kulturen- und Religionenmix bin ich nach gut 6 Monaten hier im Inselstaat immer noch. Auch wenn die Bevölkerungsgruppe chinesischer Abstammung die Größte ist, werden alle anderen respektiert und toleriert. In den seit kurzem zum Weltkulturerbe ernannten Hawkercentern finden sich Gerichte der kompletten asiatischen Küche. Ein Genuss für alle Sinne ist dieser kleine Tropenstaat.

Kultur beginnt im Herzen jedes einzelnen.

Johann Nepomuk Nestroy

Oktober

Fragil schweben sie durch die künstlich erschaffene Meereswelt im Aquarium auf Sentosa Island. Blaue Quallen habe ich in dieser Form noch nirgendwo bestaunen können. Vieles hier ist künstlich, eine ganze Insel wurden aufgeschüttet, nur um Strände , Freizeitparks und Wohngebiete zu schaffen. Zwei gigantische Gewächshäuser mit Wasserfall und Wüstenbäumen. Vor deren Türen warten künstliche Bäume auf Besucher, die Abends aufwendig beleuchtet sind. Spielplätze und Parks, Botanischer Garten, Seen – alles von Menschenhand gestaltet und gepflegt. Beim letzten Museumsbesuch wuchsen künstliche Blumenwelten unter unseren Füßen, je nachdem wo wir standen. Wer Wildniss möchte muss suchen oder ins Nachbarland fahren. Zu den wenigen verlassenen kleinen Waldgrundstücken ist der Zutritt oft untersagt. Die Natur wird hier trotzdem respektiert und beschützt. Mehrere Otterkolonien gibt es in der Stadt, die immer Vorfahrt haben, sollten sie sich auf einen der vielen Parkwege verlaufen. Wildschweine und Affen, Warane und Fledermäuse leben in der Stadt. Auch die eine oder andere Schlange und jede Menge Krabbeltiere. Die kleinsten haben es schwer, regelmäßig wird mit giftigem Nebel gegen sie angekämpft. Und die Mückenbekämpfung ist Staatssache, Denguefieber ein Dauerproblem. Da kommt auch schon mal der Kontrolleur vorbei und schaut nach, ob offenes Wasser auf der Terrasse oder dem Balkon steht. Früchte und Blätter zu pflücken oder aufzuheben ist übrigens verboten.

Die richtig freie Natur fehlt trotzdem. Es geht eben nichts über einen Spaziergang im duftenden Nadelwald, über frisch gemähte Getreidefelder oder eine Blumenwiese. Werden wir irgendwann wieder erleben dürfen. Bis dahin bestaunen wir die Tropenflora und Fauna.

Eine große Entdeckung des Menschen ist das künstliche Licht. Leider erkennt er das echte Licht oftmals nicht mehr.

Rita Kubla

November

Wagnisse einzugehen trauten sich in diesem „jungen“ Land auch die Stadtplaner, Architekten und Bauherren. An vielen Ecken und Plätzen kann ich hier Gebäude bestaunen, die in Deutschland schon alleine eine Ausnahme bilden würden. Immer wieder beeindruckend natürlich das wie ein futuristisches Schiff oder Ufo anmutende Marina Bay Sands Hotel. Dessen Bau war 2010 wohl eine der teuersten Investitonen in der Stadt. Der Architekt hat ebenfalls das nebenan stehende ArtScience Museum in Form einer Lotublüte designt. Mehr Charm und Nostalgie versprühen die noch zahlreich vorhandenen bunten kleinen Stadthäuser, die mittlerweile unter Denkmalschutz stehen. Auch in Singapur gilt für jeden Neubau müssen Grünflächen angelegt werden. Diese finden sich mittlerweile ebenso in lufitgen Höhen und an Hausfassaden. 120 Hektar Skyrise Greenery ist so bereits gewachsen. Die Singapurer lieben ihre Stadt und entdeckten während der Pandemie wie so viele das Radfahren wieder. Auch wenn wir zu unseren Radtouren oft sehr zeitig aus dem Bett müssen, um dem Verkehr zu entgehen, fühlen wir uns auf den Touren schon als Teil der Community. Die Stadt / das Land habe ich in den letzten drei Monaten quasi schon vier Mal umrundet. Ein paar Runden mehr kommen im nächsten Jahr sicher noch dazu.

Das Leben verfliegt nirgends so schnell wie an der Oberfläche, am großen Äquator der Dinge, wo die Rotationsgeschwindigkeit bekanntlich relativ am höchsten ist.

Peter Rudl

Dezember

Das Jahr des Büffels oder Ochsen steht in den Startlöchern. Am 12. Februar 2021 darf das Jahr der Ratte gehen. Der Büffel ist an der zweiten Stelle der chinesischen Zodiac-Tiere. Vor langer Zeit beschloss der Jade-Kaiser, dass die Reihenfolge der Tiere je nach Reihenfolge ihrer Ankunft zu seinem Fest bestimmt würde. Der Büffel wäre der erste gewesen, doch die Ratte überlistete ihn. Sie überredete ihn, sie reiten zu lassen, und als sie fast angekommen waren, sprang die Ratte runter und kam noch vor ihm an. So wurde der Büffel Zweiter. Der Büffel ist ein Symbol der harten Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit.

Da wir keinen Büffel gefunden haben, darf die Ziege aufs Foto. Und unser Mann im Haus, der in diesem Jahr unermüdlich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hat, um uns dieses Abenteuer in Singapur zu ermöglichen.

Unser Leben ist ein stetes Neubeginnen. Entscheidend ist nur, daß man den Mut nicht verliert.

Robert de Langeac
Auf ein mutiges und gesundes Jahr 2021.

Tiong Bahru – Art Deco Style

Zur Geschichte des sehr beliebten Stadtteils in Singapur einfach auf den blauen Link oben klicken.

Eine Tour am Abend führte uns in dieses Viertel, dass seit den späten 30er Jahren Singapur mit seinem Charme und Stil bereichert. Mich verzauberte es schon beim ersten Besuch, da es so ganz anders ist, reizvoll, die alte Zeit wiederspiegelnd. Runde Fassaden, Wendeltreppen an den Häusern, die Architektur dort erinnert mich an Miami. Der Spaziergang führte uns zuerst zum Hock Teck Tong Temple, der von einem durch Opiumhandel reich gewordenen Singapurer gespendet wurde. Danach ging es für uns auf eines der HDB Hochhäuser, wo wir vom 27. Stock des Gebäudes einen Blick auf das komplette Viertel werfen konnten. Neben geschichtlichen Fakten erlebten wir einige kulinarische Genüsse im Hawkercenter des Tiong Bahru Marktes, der als Dreh- und Angelpunkt im Stadtviertel alle in seinen Bann zieht. Durch die kleinen Seitengassen mit Blick in Restaurantküchen und teilweise die Wohnzimmer der Anwohner endete unsere Tour an der berühmten Birdscorner, wo noch heute die Hobbyvogelzüchter ihre kostbaren Exemplare zum Singtraining an die Haken hängen (also die Käfige natürlich). Ein Grund wiederzukommen, um diesem Spektakel wenigstens einmal beizuwohnen. Die blaue Stunde dauert hier gut 10-15 Minuten, dann brach die Nacht über uns herein, die lauen Temperaturen laden ein, noch eine Weile zu bummeln und die kleinen roten Lampions der Restaurants zu bestaunen. Singapur ist immer wieder für eine Überraschung gut und bietet auf dem wenigen Land unzählige Entdeckungsmöglichkeiten. Wir freuen uns auf die kommenden.