Unterm Radar

„Sie war für das Verschwinden wie gemacht, schmal wie ein Hemd, die Füße einer Schülerin. Sie konnte lange hinter Bäumen stehen, in Gräben oder unter Hecken kauern. Verschwand am Mergelschacht im Schilf, schob sich in P. Bs. Gerstenfeld und tauchte in den langen Halmen unter. Streunte über Sandwege und Trampelpfade, lief bis zum Hünengrab und legte sich ins Heidekraut. Das einzige, was Marrert Fs. Versteck manchmal verriet, war eine kleine Wolke Qualm. Sie paffte Zigarettenstummel, die sie im Gasthof von den Tischen sammelte, wenn Sönke es nicht sah. Halb gerauchte Juno, Gold Dollar oder Ernte 23, die in den Aschenbechern liegen blieben.“

„Sie tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten, wenn sie um Häuser oder Scheunen schlichen, wo sie nichts verloren hatten, oder mit langem Schritt ein fremdes Feld vermaßen, als ob es ihnen schon gehörte, Ihre Räder leise aus dem Schuppen schoben, zwei leere Eimer an den Lenker hängten und zum Süderende fuhren, um schnell die reifen Fliederbeeren abzupflücken, bevor es jemand anderes tat. Man musste warten, bis das Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte. Bis in den Küchen und den Stuben nach und nach die Tageszeitungen zu Boden glitten und tief geatmet wurde auf den Eckbänken und Sofas. Die Brinkebüller Kinder lernten früh, dass man das leise Schnarchen hören musste, bevor man auf den Strümpfen durch die Diele huschen konnte, zum Heuboden hinauf, wo die versteckten Comic-Hefte lagen oder die blinden, jungen Hunde, die man eigentlich nicht haben durfte.“

„Das betäubte Dorf bemerkte nicht, wenn Marret F. verschwand, es sah sie nur auf ihrem Weg zurück, mit Gräsern un den Haaren oder Sand an ihren Kleidern. Sie kam mit Steinen in den Taschen, Schneckenhäusern, Scherben, Holzstücken und Bucheckern, Ahornsamen oder Klatschmohnkapslen, kleinen Knochen, manchmal toten Vöglen, Mäusen, Feldhamstern, und nichts von dem, was Marret in den Feldern rund um Brinkebüll gefunden hatte, durfte weg. Die Pflanzen legte sie mit Löschpapier in Sönkes großen Shell-Atlas, der Rest kam in ihr Schap, den ausrangierten Küchenschrank, der staubig an der Wand im Kuhstall stand. Die toten Tiere sorgten regelmäßig für Geschrei, weil Sönke sie im Stall nicht haben wollte. Er warf sie auf den Mist, sobald er sie entdeckte, und Marret schrie, weil diese Tiere erst verschwinden durften, wenn sie gezeichnet und beschriftet worden waren. Sie mussten in ihr Book, ein blaues Schulheft, großkariert, mit breitem Rand.“

„Wippsteert ist gleich Bachstelze. (Singvogel, Zugvogel) Am 21. September 1964 an der Brücke bei Wischers Heck gefunden, Schon länger tot. (Brummer)“ „Sie schrieb in Schönschrift, unterstrich die Überschrift zweimal mit Lineal und ließ dabei die Unterschleifen aus, das hatten sie bei Lehrer Steensen so gelernt. Es konnte Stunden dauern, bis sie fertig war mit ihrem Zeichnen und Beschriften, manchmal Tage. Weil E. sie nicht mit den toten Tieren in die Küche ließ, zog Marret sich den alten Schemel in den Stall und saß, das blaue Heft im Schoß, den Rücken an ihr Schap gelehnt. Summte, malte, schnörkelte und unterstrich, als gäbe es um sie herum nichts anderes zu tun, als stünden nicht Eimer, Besen, Forken, als müsste Sönke F. nicht wütend über ihre ausgestreckten Beine steigen, sie sah ihn gar nicht. Sie merkte wohl auch nicht, dass ihre toten Tiere manchmal schon schlecht rochen.“

„Marret schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen. Sie sah und hörte nichts, wenn sie im Stall auf ihrem Schemel hockte, in Kleiderschränken saß oder im Brennholzschuppen, wo sie immer die Lesezirkelhefte las, Quick, Stern und Bunte, und den Filmstars und den Schlagersängerinnen, die auf den Titelbildern waren, Zahnlücken oder Bärte malte, Brillen, Lockenköpfe. Sie hörte nicht, dass H.G., der Mappenmann, fast jede Woche gegen die Kommode trat und fluchte, wenn er ihr Gekritzel sah. Weil er sich wieder das Gemecker von den nächsten Abonennten anhören konnte. Wer wollte denn Curd Jürgens ohne Schneidezähne sehen und Heidi Brühl mit Backenbart und Brille?“

„Es brachte nichts, sich aufzuregen, gar nichts. Das wusste D. K. mittlerweile auch. Sie wippte nur noch mit dem Fuß, die Arme vor der Brust verschränkt, wenn Marret F. in ihren Laden kam und summend Richtung Tiefkühltruhe schlenderte. Sich ein Vanilleeis aus der Gefrierbox angelte und summend wieder aus der Ladentür spazierte. ‚Ik heff keen Geld‘, sie zahlte nie, und D. sagte dazu gar nichts mehr. Sie stemmte sich aus ihrem Stuhl und schwankte auf den schweren Beinen von der Kasse bis zur Truhe, um den Deckel wieder richtig zuzumachen, dann nahm sie ihren roten Stift und schrieb die 20 Pfennig in ihr Kontobuch. E. würde beim nächsten Mal bezahlen. Man braucht über Marrets Macken nicht zu reden, ‚dor ward dat uk nich anners vun‘. Mehr sagte E. nicht, wenn jemand über ihre Tochter schimpfen oder klagen wollte. Für E.F. war das schon viel, sie sprach ja nicht, wenn sie nicht musste. Manchmal, wenn im Laden keine andere Kundschaft war, spielte D.K. Wunschkonzert mit Marret, dann tauschten sie ein Lied gegen ein Eis. Marret durfte durch den Laden tanzen wie eine Schlagersängerin, und D. wünschte sich fast jedes Mal dasselbe: Schuld war nur der Bossa Nova. Das Lied war wie gemacht für sie, weil D.K. immer gerne klärte, wer an etwas schuld war.“

„Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. Zwei oder drei, die in sich selbst verknotet waren, keinem entsprachen und bei Ostwind weinten, rohe Rüben von den Feldern aßen oder barfuß liefen, wenn es schneite. Die zahme Elstern in der Stube hielten oder bei Vollmond Zwiebeln, tote Katzen oder Kuhhörner vergruben. Halfbackte, wunderliche Menschen, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas. Gefangene, die nichts verbrochen hatten. Man sprach mit ihnen wie mit Kindern, Fremden oder Schwerhörigen, laut und nickend, zwinkerte und machte Witze, die sie nicht verstehen konnten. Man mochte ihnen aber nicht begegnen, wenn es neblig oder dunkel war, auf stillen Wegen außerhalb des Dorfes. Sie waren einem nicht geheuer mit ihren seltsamen Geräuschen, dem Flüstern und dem Murmeln, mit ihren Steinen und den toten Tieren in den Taschen. Man wusste nicht, woher die schiefen Lieder kamen, die sie sangen, warum sie lachten oder weinten. Ob sie nicht Dinge sahen oder hörten, von denen die Normalen gar nichts ahnten. Oder sie nicht angeschlossen waren an etwas Größeres und Heimliches.“

„Man quälte die Verdreihten nicht, man nahm sie hin wie Löcher in den Straßen oder das eine unberechenbare Rind, das es in jedem Kuhstall gab. Man kannte sie und hielt ein bisschen Abstand. Marret war wie etwas Flüchtiges, Verwehtes, das ständig seine Form veränderte, Sanddüne, Wolke, Quecksilber, sie hatte keine Grenzen. Keine feste Haut, so kam es E. manchmal vor. Sie hatte lange gesucht nach einem Sinn in dem, was Marret sagte oder tat, nach einer Ordnung, einer Formel, die ihr dieses Kind begreifbar machen sollte. Sie hatte aber aufgehört damit, es brachte nichts.“

„Man flog nur wie ein Brummer krachend an die Scheibe, immer wieder. Ein Kind wie Marret war ein Spiel mit komplizierten Regeln, und man bekam es ohne Anleitung. Also spielte E.F., obwohl sie nichts verstand. Sie würfelte. Gewöhnte sich das Wundern ab, als wäre es ein Laster. Stutzte nicht, als Marret plötzlich unter Betten kroch, Kommoden von den Wänden schob und mit den Händen über Teppiche und Bettvorleger tastete, die dreiteiligen Matratzen aus den Gästebetten hievte, Vorhänge und Gardinen schüttelte, Begonien und Sansevieria aus ihren Übertöpfen hob, im ganzen Haus in Schubladen und Schränken wühlte. Als Nachts das Scharren weiterging, das Möbelrücken in den Fremdenzimmern, das Tasten und das Wühlen bis zum frühen Morgen. Bis es Zeit zum Melken war und Marret ganz allmählich dämmerte, dass von dem schönen fremden Mann nicht mehr zu finden war als eine nachtblaue Krawatte. Er hatte hier nichts mehr verloren.“

„Marret war auch taub, wenn sie an klaren Tagen auf das Meiereidach stieg, bis zu dem Brett am Schornstein, wie die Tauben immer saßen. ‚Nu schnackt se uk noch mit de Vageln.‘ Sie schaute nicht nach unten, und sie hörte nicht, wenn J.M. nach oben brüllte, dass sie ‚gefälligst mol zackzack‘ da runterkommen sollte. Sie sah den Himmel über Brinkebüll, sonst nichts. Das kleine Dorf da unten ging sie gar nichts an und J.M. schon gar nicht. Anfangs hatte er ihr mit der Faust gedroht, jetzt ließ er sie da oben sitzen, solange sie ihm nicht die Dachziegel heruntertrat.“

Fotos: Sandra Thoss;

Text: Dörte Hansen „Mittagsstunde“

Ich seh Rot!

Die Wahrnehmung von Rot entsteht, wenn das Licht eine Wellenlänge von 600 nm bis 800 nm hat. Im Gegensatz zu anderen Säugetieren kann der Mensch diese Farbe sehr gut wahrnehmen.

Dunkles Rot wird als Braun wahr genommen. Aus diesem Grund wird rote Beleuchtung in bestimmten Etablissments, aber auch beim Bäcker, eingesetzt, um eine angenehme Bräunung der Objekte vorzutäuschen.

Rot ist, sprachwissenschaftlich betrachtet, eine der ältesten Farben mit eigenem Wort: Rot. Daneben kannte man damals nur noch “hell” und “dunkel”. Rot kommt vom althochdeutschen rôt, welches vom germanischen rauðaż abstammt. Dessen Herkunft ist das indogermanische ẖereúdʰ, das die Farbgebung von Kupfer, Gold und anderen Metallen beschreibt. Quelle: https://fantastokrat.de

Eine der ältesten Formen von Rot stammt aus Ton, der durch das Mineral Hämatit einen roten Farbton erhält. Tatsächlich wurden Beweise dafür gefunden, dass Menschen in der Jungsteinzeit roten Ocker schliffen, um ihre Körper zu bemalen.

Rot war neben Weiß und Schwarz eine der wenigen Farben, die von Malern in der Altsteinzeit verwendet wurden, weil sie in der Natur leicht zu beschaffen war. Die prähistorischen Höhlenmalereien in Altamira, Spanien, die zwischen 16500 und 15000 v. Chr. entstanden sind, sind frühe Beispiele für Malereien mit rotem Ocker.

Rot war auch im alten China bekannt, mit frühen Beispielen rot gefärbter Keramik aus der Zeit zwischen 5000 und 3000 v. Chr. Spuren von rotem Ocker wurden sogar auf einer Farbpalette im Grab von König Tut in Ägypten gefunden.

Im alten Ägypten wurde roter Ocker als Kosmetik für Frauen verwendet, um ihre Lippen und Wangen zu färben. Während der Feierlichkeiten färbten die Menschen ihre Körper mit dem Pigment. In der ägyptischen Kultur hatte Rot Assoziationen mit Leben, Gesundheit und Sieg. Das Pigment wurde auch häufig in Wandmalereien verwendet. Quelle: https://www.daskreativeuniversum.de

Eine Vielzahl von Rottönen wurden im Laufe der Geschichte in der Mode verehrt, aber der Designer Christian Louboutin machte einen bestimmten Farbton zu seiner Lieblingsfarbe – Chinesisches Rot (nicht zu verwechseln mit Zinnoberrot, das manchmal auch als chinesisches Rot bezeichnet wird). 1992 enthüllte er seine Schuhe mit einer Sohle in der Farbe Rot, die schnell zum unverwechselbaren Markenzeichen der Louboutins wurden. Diese sehr spezifische Farbe (Pantone 18-1663 TPX) wurde zum Synonym für die Marke und führte Louboutin dazu, seine roten Sohlen in mehreren Ländern zu vermarkten.

Louboutins charakteristische rote Sohlen sind zufällig entstanden. Während er an einem Prototyp arbeitete, spürte er, dass dem Entwurf etwas fehlte. Da bemerkte er, dass eine Assistentin ihre Nägel rot lackierte und beschloss, auch die schwarze Sohle der Schuhe rot zu beschichten. Quelle: https://www.daskreativeuniversum.de

Von Orangetönen bis hin zu tiefen Weintönen hat die Farbe Rot seit jeher eine besondere Bedeutung für Kulturen auf der ganzen Welt. Die warme Farbe wird in der westlichen Kultur am häufigsten mit Liebe assoziiert und ist nach wie vor eine attraktive, lebendige Farbe, die sofort Aufmerksamkeit auf sich zieht.

In vielen Kulturen symbolisiert Rot Freude und Glück. In vielen asiatischen Ländern tragen Bräute Rot als Symbol für Fruchtbarkeit und Glück. In Europa wurde Rot mit dem Adel und dem Klerus gleichgesetzt.

Seit der Antike in Kunst und Textilien weit verbreitet, ist die Farbe Rot kraftvoll und repräsentativ. Quelle: https://www.daskreativeuniversum.de

Dass Rot besonders anregend oder aufregend wirkt, ist physiologisch messbar. Seine emotionalen Wirkungen oder assoziativen Bedeutungen bewegen sich dabei in einem weiten Spektrum, das von Liebe, Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit über Erregung, Leidenschaft und Zorn bis zu Kampf, Krieg und Tod reicht. In der Antike war Rot die Farbe der Männlichkeit und des Kriegs, weshalb der «rote Planet» nach dem römischen Kriegs-gott Mars benannt wurde. Zu anderen Zeiten oder in orientalischen Kulturen war Rot eher die Farbe der Weiblichkeit. Im Fernen Osten galt Rot seit alters her als die Farbe des Glücks, des Reichtums und der Bannung böser Geister. In der christlichen Welt war Rot dagegen ein Symbol des Leidens Christi und seiner Nachfolger, der Blutzeugen und Märtyrer. Unter Berufung auf sie hüllten die Kirchenfürsten sich in jenen Purpur, der im vorchristlichen Rom bereits ein Zeichen von Vornehmheit, Macht und Reichtum war und es das ganze Mittelalter hindurch blieb. Quelle: Koenen „Die Farbe Rot“

Hier bin ich! Rot ist eine Farbe, die gesehen werden will. Sie verkörpert Energie und Selbstbewusstsein, kann aufgrund ihrer Signalwirkung aber auch als „too much“ empfunden werden. Quelle: https://www.gerryweber.com/de-de/mode-ratgeber/farben-bedeutung/

Rot stellt eine wichtige Farbe in asiatischen Kulturen dar. Die Farbe symbolisiert Werte wie Glück, Freude und Wohlstand. An ihrem Hochzeitstag tragen Bräute in Asien häufig Rot. Auch in Indien verbindet man mit Rot neben der Heirat typische Eigenschaften wie Reinheit, Spiritualität und Kreativität. Rot bedeutet zudem Glück in Ägypten und im Iran. Für einige Länder in Afrika steht Rot jedoch für Tod oder Aggression.

Laut den Lehren des Feng-Shui wirkt Rot aphrodisierend und anregend. Rot eignet sich unter anderem für Schlafzimmer und soll erfrischend auf Menschen wirken, die morgens schlecht aus dem Bett kommen. Für Aufsehen sorgt man mit Rot in der Mode. Bekleidung in Rot wirkt zumeist energievoll und selbstbewusst. Quelle: https://www.designerinaction.de/design-wissen/bedeutung-farben/

Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, schwer und brutal und stets die Farbe, die von den anderen Farben bekämpft werden muß.

Franz Marc (1880 – 1916)

Rot wirkt nahe, greifbar und materiell im Gegensatz zu Blau, das entfernt, immateriell und transparent wirkt. Rot ist die Farbe der Kraft, der Aktivität und der Aggressivität. Blau dagegen wirkt sanft, passiv und ruhig. Rot wird assoziiert mit Feuer und Männlichkeit, Blau dagegen mit Wasser und Weiblichkeit. Es gibt jedoch auch ein weibliches Rot. Es ist das dunkle Rot. Naturreligionen assoziieren Rot mit einer geschlechtsbezogenen Symbolik des Blutes. Das helle Rot symbolisiert das Männliche, die Leidenschaft, dagegen das dunkle Rot das Weibliche, die Fruchtbarkeit. In Wüstenländern wird Rot mit Gluthitze gleichgesetzt und bekommt einen unangenehmen, negativen Aspekt. In kalten nördlichen Ländern, wo man sich nach Wärme sehnt, hat Rot eine angenehme, positive Bedeutung. Im russischen Sprachgebrauch steht Rot synonym mit wertvoll und schön. In manchen Sprachen wird Rot gleichgesetzt mit farbig: so im spanischen wo Rot “colorado” heißt. In den Weltsprachen ist Rot ist die älteste und urspünglichste Farbbezeichnung. Rot wird allgemein mit Blut und Feuer assoziiert. In der hebräischen Sprache haben Blut und Rot denselben Ursprung. Bei den Eskimos bedeutet Rot wörtlich übersetzt “wie Blut”. Quelle: Farben Wahrnehmung Assoziation Psychoenergetik von Franz Immoos

Einige Primaten können Farben sehen, viele andere Tiere dagegen nicht. Der Grund schien klar zu sein: Wer die Welt bunt wahrnimmt, findet besser reife Früchte. Jetzt haben Neurobiologen eine ganz andere Erklärung parat.

Der komplette Artikel findet sich hier: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/warum-affen-rot-sehen/

Die Begriffe Rot-Grün-Sehschwäche und Rot-Grün-Blindheit stehen für bestimmte erbliche Farbfehlsichtigkeiten. Es handelt sich hierbei um Störungen der Farbwahrnehmung, wobei die Betroffenen die Farben Rot und Grün schlechter als Normalsichtige unterscheiden können. Eine Grünschwäche tritt deutlich häufiger auf als eine Rotschwäche. Zudem sind signifikant mehr Männer betroffen.[1] Die medizinischen Fachbegriffe hierfür lauten Deuteranomalie oder Deuteranopie für Grünschwäche und Grünblindheit, sowie Protanomalie und Protanopie für die entsprechende Rotstörung. Quelle: Wikipedia

Der rote Faden im Leben sollte zur Abwechslung auch mal
mit einem andersfarbigen verknüpft werden.

Helmut Glaßl

Die Farbe Rot: Rot wird vorzugsweise dann eingesetzt, wenn unsere Lebenskräfte geschwächt sind. Es erhöht unseren Energiepegel, unsere seelische Kraft: Denn Rot regt alle Vorgänge im Körper an, stimuliert die Stoffwechselaktivitäten und übt einen starken Einfluss auf das vegetative Nervensystem aus. Eine belebende und positiv verstärkende Wirkung, hat das warme Rot auch auf emotionaler Ebene. Es steigert die Sinnlichkeit, das bewusste Erleben und Fühlen und den Ausdruck ungehemmter Leidenschaft. Auf mentaler Ebene, vermittelt uns die Energie der Farbe Rot einen starken Willen, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. (Quelle: www.innovative-eyewear.de)

Aufgrund ihrer wohltuenden und wärmenden Wirkung, wird die Farbe Rot (als Infrarotstrahlung) zu Heilzwecken eingesetzt. Allgemein wirkt sie anregend und appetitfördernd. Die bloße Wahrnehmung der Farbe Rot, erhöht den menschlichen Stoffwechsel um 13,4 Prozent (Quelle: Theroux, 1998). Sie ist die Lieblingsfarbe der Kinder. Die Psychotherapie macht sich die Farbe Rot zunutze, um blockierte Fähigkeiten zur konstruktiven Aggression und zum Ausleben von Sexualität zu lösen.

Die Farbe Rot kann aber auch destruktive Aggressionen und Gewaltbereitschaft auslösen. Die von dem Künstler Barnett Newman ausgestellten, riesigen Leinwände mit großem Rotanteil, wurden von Betrachtern angegriffen und beschädigt. Die Stierkämpfer in Spanien, reizen die Stiere mit roten Tüchern. Doch dies ist ein Trugschluss, denn die Stiere sind farbenblind und würden auch auf andere Farben reagieren. Sie reagieren lediglich auf die Bewegung der Toreros.

Rot ist die Farbe der Gefühlsausbrüche: Wenn man sich schämt oder wenn man wütend wird, errötet man. Wer die Kontrolle über sich selbst verliert, „sieht Rot“. Quelle: https://www.lichtkreis.at/wissenswelten/welt-der-farben/die-farbe-rot/

Und am Schluss: GELB! Wer es bis hier hin geschafft hat, kann jetzt seine Augen ausruhen.

Antwort aus der Stille

Ob sie denn mitkommen würde? Einfach mitkommen, auf und davon, über alle Berge? Sie muss blinzeln, da sie den Kopf dreht und ihn anschauen will …

In irgendein Land, sagt er, wo es keinen Alltag gebe, wo man keinen Menschen kenne, wo man wirklich leben könnte, ohne Bindung und ohne Rücksicht, ohne alles, was nicht dazu gehört, ein wirkliches Leben ohne Gewöhnung ein Leben voll Erlebnis, ein Leben, wie es unsere Sehntsucht kennt, ein neues und anderes, ein lebenswertes Leben -!

Irene schweigt; aber es ist ihr, als habe sie das auch schon gedacht. Warum folgen wir unserer Sehnsucht nicht? Warum knebeln wir sie jeden Tag, wo wir doch wissen, daß sie wahrer und reicher und schöner ist als alles, was uns hindert, was man Sitte und Tugend und Treue nennt und was nicht das Leben ist, einfach nicht das Leben, das wahre und große und lebenswerte Leben! Warum schütteln wir es nicht los? Warum leben wir nicht, wo wir doch wissen, daß wir nur ein einziges Mal da sind, nur ein einziges und unwiederholbares Mal, auf dieser unsagbar herrlichen Welt!

Man könnte so viel, sagt er, wenn man Mut hat. Man könnte alles zusammenpacken, was man besitzt, und alles verkaufen; man hätte Geld genug, damit man über die Grenze kommt und durch das nächste Land. Am besten dürfte es sein, meint er, wenn man gegen Süden ginge. Man könnte wandern und in Dörfern schlafen, deren Namen man noch niemals gehört hat; so würden es die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte. Und wenn es Sommer ist, könnte man auch im Freien schlafen, irgendwo in einem Feld, wo ein fremder Mond über den weißen Nebeln schwimmt und fremde Vögel rufen. Man könnte zu Bauern kommen, deren Sprache man nicht versteht, und man würde Garben binden, einen ganzen Tag, damit man weiterleben darf, und es wäre kein leichtes Leben, das gibt er zu, es wäre ein hartes und oft verzweifeltes Leben, ein bodenloses und aufreibendes Leben, aber es wäre ein Leben!

Und es könnte ja sein, daß man auch einmal eine Stelle findet, wo das andere weiterziehen muß, und es gäbe Abschiede, die vielleicht für immer sind, Abschiede in fremde Städte, wo bunte Schiffe im Hafen stehen, wo man sich küßt und weint und nicht vor den Gesichtern bangt, die man nicht kennt, und wo man einfach auf einem Koffer sitzt, allein, ohne Bindung und ohne Adresse, nach allen Winden bereit. Es könnte auch sein, daß man auf dem Schiff einen blassen Herrn trifft und daß man Glück hat, daß man in eine Farm kommt, wo man für viele Jahre bleibt und Nützliches leistet. So gut es sein könnte, daß man in Seenot kommt und irgendeinen Gott erkennt, bevor man untergeht, einen wirklichen Gott vielleicht, der uns erlöst, wenn er uns sterben läßt. Warum sollte es nicht sein?

Wie die Winde sind die Möglichkeiten des Lebens, und warum wagt man nie, die Segel auszuspannen? Alles ist besser als ein Leben, das nicht gelebt ist, sogar das Unglück ist besser, der Schmerz und die Verzweiflung, das Verbrechen, alles ist besser als die Leere! Und es könnte auch sein, daß man sich treu bleibt, weil man sich nichts versprach: daß man sich noch einmal begegnet, irgendwo in der Welt, an einem Abend vielleicht, man könnte sich noch einmal die Namen jener Dörfer sagen, die die Namen heimlicher und unverwechselbarer Nächte sind, man könnte erzählen, was seither war, und es wäre gewiß nicht wenig, es wären viele Qualen und Irrtümer dabei, aber keine Leere, es wäre ein Abend, der alles versöhnt, der unsere Geburt und unser Sterben wert ist, es wäre vielleicht in einem Bahnhof, wo die Menschen wie lärmende Schatten vorbeieilen, oder auf einem Damm draußen, wo man übers Meer schaut und das Tosen hört, wo man nicht sprechen kann und sich nur die Hände hält. Wie groß könnte eine solche Liebe sein, die sich nicht halten wollte!

Und eines Morgens, wenn das andere noch schläft, warum soll man nicht leise aufbrechen, warum soll man nicht ein Glück verlassen, bevor es uns verläßt, warum soll man jede Sehnsucht ersticken? Leben ist Sehnsucht, und es könnte sein, daß das Verlorene größer ist dann alles, was man ergriff, und daß man erst wirklich lebt, wenn man den Mut zum Verlieren hat, wenn man alles abwirft, seinen Namen und sein Bürgertum und alles, nur sein Schicksal nicht, und wenn man lebt, als lebe man immer seinen letzten Tag –

Dann schauen sie lange in die Bläue, die so tief erscheint, wenn man auf dem Rücken liegt und nichts anderes schaut, so tief und dunkel, als sehe man, jenseits des Tages, die Weltnacht.

Mut, sagt er, nur Mut brauche es dazu –

Und ein Ernst, den sie kaum erwartet hat, ein jugendlicher, stürmischer Ernst ist in seinem Gesicht, als er sich aufgerichtet hat und sie anblickt: Ob sie diesen Mut hätte? fragt er und hält sie sehr fest, fast schmerzend fest: Ob sie diesen Mut hätte, aufzubrechen in ein neues und wirkliches Leben, wo es keine Rücksicht gibt und wo man alles wagt für seine Sehnsucht? Und wirklich aufzubrechen? Und aufzubrechen mit ihm?

Oh! sagt sie nur …

Dann hat sie ihn niedergezogen, mit sanfter und weicher Macht, ganz in ihre Arme, ganz an ihre Brust, und unter Küssen, die sehr heiß und sehr entfesselnd sind, versprechen sie es : daß sie alles vergessen wollen, alles vergessen, was vergangen ist, und alles opfern, was nicht zu ihrer Zukunft gehört, zu ihrer Sehnsucht, zu ihrer Liebe, zu ihrem neuen Leben.

Alles? fragt sie. Und er beschwört es: Alles!

Text: Max Frisch „Antwort aus der Stille – Eine Erzählung aus den Bergen“, erschien erstmals 1937 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart/Berlin.

Katong – ein Spaziergang

Wir gehen ein Leben lang in einem großen, zunächst unsichtbaren Labyrinth spazieren. Die wahre Lebenskunst besteht darin, daß wir auch dann, wenn wir das Labyrinth sehen, weiter spazierengehen.

Sigbert Latzel

Sie geht die steilen Stufen der schmalen Treppe hinunter, die mit winzig kleinen Kacheln gefliest sind. Ihre Schultasche unter dem Arm geklemmt, heute leichter als sonst, die ersten beiden Stunden fallen aus, Zeit zum Bummeln, wie sie es liebt. Unten grüßen die gemalten Hunde von der Hauswand, im Nachbarhaus steht immer noch das kleine Stoffauto auf dem Briefkasten, das dem frechen Nachbarsjungen gehört. Es ist angenehm warm um diese Zeit, die Sonne zeigt sich nach zwei Tagen Dauerregen endlich wieder am Himmel und einige flauschig weiche Wolken ziehen ihre Bahnen über ihrem Kopf. Sie mag das Viertel, in dem sie schon seit ihrer Geburt wohnen, immer gibt es hier Neues zu entdecken oder Altbekanntes zu bestaunen. Der morgendliche Ansturm an Verkehr und Fußgängern ist bereits durchgezogen, jetzt herrscht nahezu Stille und sie hat die schattigen Fußwege unter den Arkaden der Häuser entlang fast für sich alleine.

Vollkommenheit wird nie erreicht,
man sieht sie bestenfalls verschwommen,
weil sie uns deshalb stets entweicht,
denn sie verspricht auch immer nur das Kommen.

Erhard Blanck

Sie mag den orange gerahmten Verkehrsspiegel, der tief genug an der Ecke steht, dass sie hineinsehen kann und sich heute über die Wolken freut, deren Lücken wieder Farbe an den Himmel zaubern. In den Kirschblütenzweigen hängen immer noch die Glücksbringer der chinesischen Familie. Auch wenn die Blüten nicht echt sind und sie einen Frühling nicht kennt, die Zweige erhellen jeden Tag ihr Gemüt, wenn sie daran vorbei geht. Das Viertel ist so herrlich bunt, die alten Häuser erhalten immer wieder einen satten Anstrich. Beim Chiropraktiker, der im blau-türkisen Stadthaus seine Praxis betreibt, steht heute ein Mann am Fenster. Als ob er sie beobachtet. Scheu winkt sie im zu, wartet aber vergeblich auf eine Reaktion. Vorbei geht ihr Weg an dem roten und dem gelben Postkasten, wenn sie schnell genug daran vorbei huscht verschwimmen die Farben und Formen. Am Haus Nummer 323 hängt noch immer der rot glitzernde Weihnachtskranz an der Tür. In den Kugeln tanzt ihr Spiegelbild mit jeder kleinsten Bewegung.

Die meisten Talente entwickeln sich am Ort der größten Vielfalt

Torsten Marold

Ob ihre Mutter sie auch immer so zärtlich im Arm gehalten hat, wie die Frau auf dem großen Wandgemälde? Sie hat noch nie eine solche schwarz-weiß gescheckte Kuh gesehen, und auch Sonnenblumen blühen nie in den Parks der Stadt. Sie wird ihre Lehrerin fragen, in welchem Land sie diese finden würde, die Kühe und die Sonnenblumen.

Bevor sie die Straße überquert lässt sie den Lastwagen vorbei, in dem ihr der Beifahrer ein kleines Lächeln schenkt. Oben bei Tante Li sind die Fensterläden weit geöffnet. Sie ruft laut „Guten Tag“, manchmal ruft die Tante zurück, wenn sie nicht das Radio zu laut gestellt hat und sie hören kann. Der kleine Gemischtwarenladen hat schon geöffnet und seine Klingel auf dem Hocker vor dem winzigen Laden platziert. Manchmal ist sie mutig und klingelt, um dann ganz schnell wegzurennen. Heute mag sie den Besitzer nicht ärgern, vielleicht muss sie nach der Schule für ihre Mutter dort einkaufen und er schimpft womöglich über ihren Streich.

Um ein Kind auf den Weg bringen, den es einschlagen sollte, reise hin und wieder selbst dort entlang.

Josh Billings

Als sie in ihre Lieblingsstraße einbiegt, leuchten ihre Augen mit den bunten Häusern um die Wette. Im Sonnenlicht sind sie noch schöner und es erscheint ihr jedesmal, als ob sicvh ein Regenbogen die Straße entlangzieht. Zuvor biegt sie kurz in die kleine schmale Gasse ab, um den auf der ockerfarbenen Wand gemalten Kindern „Hallo“ zu sagen. Die beiden haben es gut und können auf einer Welle reiten. Ihr Vater erzählte ihr, dass hier früher sehr viele der Peranakans gewohnt haben, Leute wie sie. Die schönen Fliesen an den Häusern zeugen von dieser Kultur. Immer wieder kann sie vor den Eingängen stehen bleiben und die unterschiedlichen Muster und Farben der kleinen quadratischen Kunstwerke bestaunen. Ob in dem rosa getünchten Haus eine Prinzessin wohnt? Aus der Gasse daneben strömt ihr der Geruch von Yamswurzel entgegen. Gleich entdeckt sie den Topf. Auf dem Kocher im Freien bruzelt das Gemüse in Öl und Zwiebel mit einem Schuss Sojasoße. Tante Li kocht ihr ab und zu eine Portion, die fast genau so wie Süßkartoffeln schmecken. Vorbei am endlos in den Himmel wachsenden Kaktus, den auch der Stacheldraht nicht aufhalten kann, nimmt sie die Abkürzung durch die Hinterhöfe, für die letzte Wegstrecke zur Schule.

Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Aus Japan

Heute ist das Gitter an der Baustelle einen Spalt geöffnet. Die Arbeiter scheinen sich im Gebäude verkrochen zu haben, es ist still und sie schiebt ihren schmalen Körper in den kleinen Innenhof. Die Wendeltreppe ins Obergeschoss hat auch schon bessere Tage erlebt. Überall bröckelt der Putz und Risse zieren jede Wand. Zwischen den Wasserrohren entdeckt sie ein Paar Gummistiefel, eingeklemmt warten sie auf Regenwetter, dass heute ausbleiben wird. Wer hier wohl einzieht, wenn das Haus fertig renoviert ist? Vielleicht eine Familie mit Kindern. Draußen wartet die Stuhlparade auf Gäste, die sich eine Ruhepause gönnen. Wäsche hängt zum Trocknen im Freien und die beiden Pappkinder stehen noch immer in durchsichtiger Folie gehüllt grinsend in der Ecke beim „Sammler“. Der Mann ohne Hemd nimmt keine Notiz von ihr, auf den Bordsteinkanten sitzt immer wieder jemand zum Rauchen oder für eine Pause. Sie muss sich beeilen, die Zeit drängt jetzt, zu spät kommen mag sie nicht. Aber es gibt einfach zu viel zu Entdecken.

Wo Wege vorgeschrieben sind bleiben Entdeckungen aus.

Erhard Horst Bellermann

Zurück auf der Hauptstraße des Quartiers schreitet sie schnellen Schrittes an den gelben Straßenmarkierungen entlang. In einem der immer geputzten Autos spiegeln sich die Häuser und es scheint sie fliegen dem Himmel entgegen. Stundenlang könnte sie diese Suche nach außergewöhnlichen Blickwinkeln fortsetzen. Der blank polierte Schmetterling ziert die Hauswand eines Restaurants. Er lacht jedesmal, wenn sie ihn sieht. Vielleicht freut er sich, dass ihn jemand bemerkt. Durch die netzförmige Markise eines Geschäfts fühlt sich ihr Blick wie der einer Fliege an. Und der große weiße Teddybär im Minilädchen versteckt sein Gesicht noch immer hinter einer Maske, genau wie sie und die einfach achtlos Weggeworfene vor dem Modeladen hat sich gut getarnt in der Farbe der Fassade. Es kommt ihr so vor, als ob die Pflanzen denen auf den Kacheln gedruckten nacheifern wollen. Wenn die Laternen des Vietnamen ihren Kopf umwirbeln ist sie fast angekommen. Sie freut sich schon ein bisschen auf den Heimweg nach der Schule.

Es kommt nicht darauf an, von welcher Straße Du kommst, denn die Richtung Deines Weges bestimmt, wo Du ankommen wirst.

Aus China