Abend wards und wurde Morgen, Nimmer, nimmer stand ich still, Aber immer bliebs verborgen, Was ich suche, was ich will
Friedrich von Schiller (1759 – 1805)
Das Übervollsein des Tages ist der völligen Leere gleichzusetzen.
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Ergreife den Augenblick, damit er dich gefangen nehmen kann.
Siegfried Wache
Was ist Geschichte? Der Nagel, an dem ich meine Romane aufhänge.
Alexandre Dumas der Ältere (1802 – 1870)
Wer keine fremde Moral kennt, kennt seine eigene nicht – gleichwie, wer keine fremde Sprache, keine fremde Religion kennt, seine eigene Sprache und Religion nicht kennt.
Paul Rée (1849 – 1901)
Die Halle der Wissenschaft ist der Tempel der Demokratie.
Henry Thomas Buckle (1821 – 1862)
Wer zu lange gegen Drachen kämpft, wird selbst zum Drachen.
August Strindberg (1849 – 1912)
Ein klar denkender Mensch fand noch nie daran Vergnügen, seine Gedanken in Symbole zu kleiden.
Ernest Renan (1823 – 1892)
Arbeitslose wissen am besten, was harte Arbeit ist: Arbeitssuche.
Peter F. Keller
Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.
Ein Geist geht um in der Stadt, unsichtbar und aller Orten. Sie kann ihn nicht sehen und spürt ihn dennoch auf Schritt und Tritt. Er verfolgt sie und alle anderen, die draußen unterwegs sind. Warnschilder überall, geklebt, aufgestellt oder hingehängt. Sie schützt sich wie alle mit einer Maske im Gesicht und hat das Gefühl, damit ein Stück ihrer Identität zu verstecken. Keine Reaktion in den Gesichtern mehr zu sehen. Nur die Augen verraten ab und an die Stimmungslage ihres Gegenübers.
Es herrscht Angst, nicht mehr nur vor Ansteckung und den Folgen einer Krankheit, die global alles verändert hat. Existenzen stehen auf dem Spiel. Es ist oft so ruhig, dass es wie eine Geisterstadt wirkt. Leere Straßen, Plätze, Räume, wo einst Handel getrieben oder Essen serviert wurde. Dieses wird jetzt noch öfter von den motorisierten Reitern abgeholt und in die sicheren Wohnungen geliefert. Dort wo Menschen auswärts essen beobachtet sie viele einsame Gestalten, die allein an einem der Tische sitzen. In die Luft starren oder auf das Display des Telefons. Geselligkeit, Unbeschwertheit, Lachen? Wo seid ihr, der Geist der Pandemie hat euch vertrieben.
Auf Abstand bleiben, nicht reden während die Metro durch den Untergrund braust. Check-In, Check-Out. Routine mittlerweile für sie und alle anderen. Wie lange noch? Für immer? Hoffentlich nicht. Alles fliegt heute an ihr vorbei, kein Innehalten möglich. Möglichst schnell das Wichtige erledigen, um zurück in die sicheren vier Wände zu gelangen. Sie ist auf der Suche nach ein wenig innerer Wärme, Hoffnung, Zuversicht, einem Gespräch.
Im dritten Stock des Einkaufszentrums tritt sie ein in die vielleicht 30 qm Oase des kleinen Glücks. Neben zwei Ständern mit Postkarten und einer kleinen Auslage von handgemalten Karten steht sie hinter der Theke. Sie nennt sie Estelle, weil sie ihren richtigen Namen noch nicht kennt. Die betagte Dame ist immer ordentlich gekleidet und frisiert. Sie trägt Perlenohrringe zur passenden Kette. Vor ihr steht eine alte grüne Waage, ein Notizblock und ein Taschenrechner liegen bereit. Ihr Mann steht vor der Theke, sie trinken Tee zusammen. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Im hinteren Teil des Ladens soll ein kleines Fotostudio für weitere Einnahmen sorgen. Niemand braucht gerade Postkarten. Sie kauft immer welche und heute noch einen Stapel Briefmarken dazu. Estelle verpackt alles gewissenhaft, wiegt die Briefe ab und klebt die Marken sorgfältig darauf. „My dear“ sagt sie immer, da schmilzt ihr das Herz, wenn sie es hört. Sie verwickelt Estelle in ein Gespräch. Seit 47 Jahre betreibt sie dieses kleine Geschäft, steht immer außer Sonntags hinter der engen Theke. Kaum zu glauben, dass sie schon 76 Jahre alt sein soll. Im Juli 1945 wurde sie geboren, ihre Schwester ein Jahr vor ihr. Und als sie ihre Maske absetzt, staunt sie über das frische Gesicht und die glatte Haut. Schwere Zeiten momentan, ohne die Hilfe ihrer Tochter könnte sie den Laden nicht halten. Aber zu Hause sitzen und dunklen Gedanken nachzuhängen liegt nicht in Estelles Natur. Sie kämpft weiter und hofft, dass es bald wieder mehr Menschen in ihr kleines Geschäft zieht, um Postkarten zu kaufen und vielleicht einen Bogen Geschenkpapier.
Beseelt von diesen Minuten voller Worte macht sie sich auf den Rückweg. Die Geister werden noch eine Weile durch die Gassen ziehen, Halloween lockt Kameraden an, die sich vor den Geschäften in Stellung bringen. Vorsicht ist geboten.
Zum Glück gibt es in Asien jede Menge guter Geister, denen reichlich Gaben und Opfer erbracht werden. Die Hoffnung auf bessere Zeiten gibt hier so schnell keiner auf.
Nicht starke Mittel, sondern starke Geister ändern die Welt.
Wenn von den eichen erste morgenkühle Die feuchten perlen uns ins antlitz blies So knirrte auf dem pfad der spitze kies Erinnerte die schweigenden Gefühle.
Und auch die eigene stimme schien dir rauh Wenn du im takt verwandter pulse bangen Vernahmst die enger zu den deinen drangen Und laues schmiegen trocknete den tau.
Stefan George 1868 – 1933
Seit langer Zeit liegt es vergessen, hinter Dickicht aus dschungelgrünem Pflanzenwirrwarr. Fast undurchdringlich. Zu Beginn seiner Zeit stand es frei und überstrahlte die Gegend mit seinem Prunk und seiner Pracht. Ein Sultan und seine vierte Frau residierten hier einst. Die weitere Geschichte kann nachgelesen werden, aus der Zeit gefallene Fotografien belegen die Exsistenz der einstigen Schönheit. Das blaue Ziegeldach wetteiferte mit dem Himmel, bis es nach einem verherrenden Feuer einstürzte und in tausende Scherben zerbrach.
Vielleicht findet sie noch eine versteckte Perle im verlassenen und kühlen Gemäuer, unter Scherben und Holzsplittern. Zwischen dem Wildwuchs, der sich Fassenden und Wände, Dächer und Fenster zu eigen gemacht hat und das ehrwürdige Haus jetzt fest umschlingt. Sie folgt dem kleinen Trampelpfad, lauscht den Geräuschen der Natur, genießt die ersten Regentropfen auf der Haut als willkommene Abkühlung in der Hitze des Morgens. Pflanzen bieten ihre Früchte und Samen in prachvollen Farben und Formen dar.
Zwischen dem Blattwerk zeigt sich ihr eine kleine Behausung, fast gänzlich verschlungen vom Urwald. Löcher im Mauerwerk zeigen einstige Fenster und Türen, spärlich dringt ein wenig Sonnenlicht ins Innere. Keine Perlen zur sehen. Fasziniert betrachtet sie die Versuche einiger Pflanzen, an den Wänden eine Art natürliche Tapete zu kreieren. Lange Wurzeln bahnen sich ihren Weg durch die verlassenen Räume, krallen sich an den Dachkanten fest, winden sich um Mauerecken, verschwinden durch eine Spalt wieder ins Freie.
Endlich
Die Tapete an der Wand ist grau geworden dort, wo Fotos hingen erzählen Flecken Geschichten von Liebe, Freundschaft, Abenteuer. Unser Leben verblasst im Glanz der Zeit. Vergessen.
Einen Katzensprung nebenan, fast unsichtbar, wie von Zauberei verwunschen, wird der Palast sichtbar. Zwei Stockwerke mit Balkonen ringsherum. Sanft und vorsichtig schleicht sie ins Innere. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Unter den Füßen knirscht es, die Treppenstufen knarzen, Vandalen hinterließen Beweismittel an fast allen Wänden. An einem Türbalken erblickte sie einen Strick, den die Geisterjäger angebracht haben mussten. Sie spürt nur den Geist des Hauses, es blutet und ist schmerzlich verwundet. Liegt im Sterben, eine Rettung erscheint unmöglich. Aufgegeben seit Jahren. Das Bewahren für die Zukunft verspielt. Es schmerzt sie auch diesmal, diesen Verfall zu sehen, der dennoch seine eigene Schönheit besitzt. Der Blick in den vom Nebelregen diffusen Wald brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Gedankenspiele, wie es sich hier lebte, welche Musik gespielt, welche Feste gefeiert wurden. Wer hat hier seine Lebenszeit verbracht. Wem ging es gut, wer musste dienen?
Sie spannt den Schirm auf. Das brüchige Dach hat viele Löcher, durch die das Nass hinein tropft und Pfützen bildet. Das alte Parket ist aufgequollen. Eine Weile vor dem verzierten Geländer, an dem die rote Farbe als Patina durchscheint, verweilen und die Stille des Ortes in sich aufsaugen. Lassen sich Perlen finden? Blaue Splitter übersäen den Boden, ein Brocken davon wandert in ihre Tasche. Wer braucht schon Perlen? Die Bilder im Aufnahmegerät sind heute ihre Perlen. Die Natur begräbt hier einen großen Schatz unter sich und vielleicht ist das sogar der beste Plan für diesen Ort.
Danke liebe Gina für deine Gesellschaft.
Um Einfluß quält sich Stolz; der Geiz, daß Geld sich mehre; Der Höfling im Palast dient schwer um Schein und Ehre! Der Glückliche lebt sich; in seiner freien Brust, Da ist sein Stolz, sein Ruhm, sein Reichtum, seine Lust! Frei wollt ihr alle sein und fesselt euer Leben! Kehrt zur Natur zurück, nur sie kann Frieden geben!
Du kannst dich nicht auf deine Augen verlassen, wenn deine Vorstellungen unscharf sind.
Mark Twain
Mit der Einschulung bekam sie eine Brille. Scharf sehen kann sie seit diesem Ereignis nur durch zwei Gläser vor den Augen. Mit knapp 16 nistete sich zu allem übel der Parasit Toxoplasma gondii ausgerechnet in ihrem rechten Auge ein. Rohes Fleisch, Katzen im Haus, keiner weiß genau, wie er in sie eindrang. Eine Entzündung führte zu einem Krankenhausaufenthalt und zurück blieb eine Narbe im Auge, die als grauer Bereich für immer einen Teil des Sehfeldes einschränkt. Gratulation. Immerhin gleicht das linke Auge die Sehkraft zum Großteil aus. Selten erblinden Menschen daran, also doch irgendwie Glück gehabt. Wenn sie es unscharf braucht, muss sie nur die Brille abnehmen. Für die Fotografie ist es manchmal ein Hindernis. Durch den Sucher zu schauen kann sie nur mit dem linken Auge. Mit zunehmenden Alter muss sie die Brille absetzen zum Betrachten der Ergebnisse auf oder dem Fotografieren mit dem Display. Unscharfer Alltag, der sie trotzdem nicht besonders stört. Manchmal winkt sie Menschen, die sie gar nicht kennt. In der Sauna muss sie nicht alle Details betrachten. Eine gewisse Unschärfe kann auch Vorteile haben.
Vielleicht mag sie deshalb diese Fotos so sehr, die sich mit der „Bewegten Kamera“ herstellen lassen. Schärfe ist doch immer und überall gewollt. Perfektion gilt als deutsche Tugend. Geordnet sollte das Leben sein, klar und strukturiert. Nach System und Schema F bitte schön. DIN ist immer hilfreich oder erforderlich und bitte für alles eine passende und beschriftete Schublade. Nur kein Wischi Waschi.
Dabei ist die Welt in den unscharfen Bereichen doch viel interessanter. Wenn der liebe Zufall eine unerwartete Begegnung herbeizaubert. Der Moment anders verläuft als geplant. Ein bisschen Chaos den Alltag durcheinander wirbelt, der Plan nicht immer funktioniert. Das Essen besser schmeckt wenn es nicht genau nach Rezept gekocht wird. Ziele entdeckt werden, weil die vorgegebe Route durch einen Stau ganz anders umfahren wird.
An die perfekten Tage in der Vergangenheit erinnert sie sich selten, eher an die ungewöhnlichen, die unscharfen. Diese ungewissen Zeit in den frühen 90ern, schon unscharf in der Erinnerung und dennoch prägend. Hilflos, planlos, selbst entscheiden müssen, die Eltern hatten eigene Hindernisse zu überwinden. Selbstbewusst werden, ausprobieren, Risiken eingehen. Später einsehen, dass nicht alles optimal verlief und trotzdem den Mut nie verloren zu haben. Die Kamera ist eine treue Seele, ihr Werkzeug sich auszudrücken. Schon sehr lange an ihrer Seite, quasi verheiratet mit ihr.
Gemeinsam neue Ecken zu erkunden, die Unschärfe finden im so durchorganisierten Singapur. Die klaren Regeln und Vorgaben aufzuweichen, soweit es möglich ist. Das bewegte Leben festzuhalten. Oder den stillen Objekten Leben einzuhauchen. Tanzende Stoffe, hüpfende Gurken, rotierende Palmen oder entfliehende Rosen an der Hauswand. Sie findet immer wieder Momente der Unschärfte, sie sind das Salz in ihrem Leben. Oder doch der Zucker? In Asien wohl eher das Chili.
Die Unschärfe ist eine Form der Ungenauigkeit, Unbestimmtheit oder Ungewissheit bei der Abbildung bzw. Wiedergabe eines Objekts oder Sachverhalts. Unschärfe ist nicht zwangsläufig ein Fehler, beim Weichzeichnen ist sie beispielsweise erwünscht, in der Quantenmechanik ist sie prinzipieller Natur und daher unvermeidbar. Quelle: Wikipedia