Meere in Gefahr

Quelle: „Das Buch vom Meer“ von Morten A. Stroksnes

Eigentlich geht es um die Jagd nach einem Eishai, aber das dient im Buch von Morten eher als Nebenschauplatz. Denn er eklärt das Meer, betrachtet von vielen Seiten (geschichtlich, wissenschaftlich, persönlich, literarisch). Ein Auszug zur Thematik der Auswirkungen auf das Meer durch die starken Klimaveränderung beeindruckte mich nachhaltig. Eigentlich weiß man es längst, aber wenn es einem so anschaulich erklärt wird, erschüttert es einen noch heftiger.

Unheimliche Stille

„Heute schreiben angesehene Wissenschaftler in führenden Zeitschriften wie Science und Nature. Dass wir uns der frühen Phase des sechsten Massensterbens befinden. „Das große Sterben“ vollzog sich über mehrere Hunderttausens Jahre. Heute verschwinden  Arten in so großer Geschwindigkeit, dass Forscher er dem Massenaussterben vergleichen, das binnen weniger Jahrhunderte alle Dinosaurier ausgerottet hat. Die treibenden Kräfte beim Aussterben einer Art sind der Verlust des Lebensraums, die Einführung fremder Arten, Klimaveränderungen und die Versauerung der Meere. (Der jüngste zu diesem Thema veröffentlichte Forschungsbericht erschien in der Zeitschrift Science Advances am 19. Juni 2015 unter dem Titel: Accelerated Modern Human-incluced Species Losses: Entering the Sixth Mass Extinction)

Die Ursachen des sechsten Massenaussterbens sind uns durchaus bekannt. Wir sind erst seit wenigen Jahrtausenden hier, aber wir haben uns bis in den letzten Winkel der Erde ausgebreitet. Wir waren fruchtbar und haben uns vermehrt. Wir haben die Erde bevölkert und sie uns untertan gemacht. Wir herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier das auf Erden kriecht.

Die Chemie des Meeres verändert sich rapide. Selbst in küstennahen Gebieten, wo es früher eine Menge Lebens gegeben hat, befinden sich jetzt große tote und sauerstoffarme Zonen. In tieferen Meeren sind diese Zonen sogar noch größer. Das Meer ist nicht nur unsere wichtigste Sauerstoffquelle. Es bindet auch enorme Mengen an Kohlendioxid und dazu das zwanzigmal stärkere Treibhausgas Methan. Die Temperatur und der Kohlenstoffgehalt der Atmosphäre nehmen zu. Die natürliche Reaktion des Meeres auf diese Zunahme ist eine höhere Absorption von Kohlendioxid. Tatsächlich hat das Meer die Hälfte allen Kohlendioxids absorbiert, das wir seit Beginn der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts freigesetzt haben.

Wenn sich Kohlendioxid in Wasser löst, wird das Wasser sauer. Das Meer nähert sich einem Säuregrad, der Muscheln, Schalentiere und Korallenriffe bedroht, vor allem aber Krill und Plankton, wovon die Fische leben. Ein saures Meer gefährdet auch die Eier und Larven der Fische. Viele Arten, zum Beispiel die Braunalge, gehen an dem Temperaturanstieg zugrunde, während andere überleben, indem sie nach Norden ziehen. Aber der Säure kann keiner entgehen. Zu unseren Lebzeiten werden wir es wohl kaum erleben, aber die meisten größeren marinen Lebensformen werden der Versauerung der Meere zum Opfer fallen. Negative Spiralen können sich gegenseitig verstärken und zu einem Kollaps des gesamten Ökosystems führen. Leben spendendes Plankton wird verschwinden, während giftiges Plankton und Quallen überleben werden.   

Welle
Wellen formen das Meer.

Die Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts wird verschiedene Prozesse in Gang setzen. So bringt die Versauerung des Meeres auch eine Verringerung des Sauerstoffgehalts mit sich. Damit wird die Fähigkeit des Wassers verringert, neue Klimagase zu binden. Ohnehin kann das Meer nicht unbegrenzt Kohlendioxid aufnehmen und so den gestiegenen Gehalt dieses Gases in der Atmosphäre ausgleichen. Kaltes Wasser bindet Kohlendioxid besser als warmes, so wie eine kalte Limonadenflasche die Kohlensäure besser bindet als eine warme. Wenn das Meer keine weiteren Mengen Kohlendioxid aufnehmen kann, wir die globale Erwärmung beschleunigt. Ein von Klimaforschern entworfenes Horrorszenario würde eintreten, wenn das Meer anfängt, das auf seinem Grund und im Eis gespeicherte Methangas freizusetzen. Dann könnten Spiraleffekte und Rückkopplungsmechanismen völlig außer Kontrolle geraten, was die Erwärmung in katastrophalem Ausmaß vorantreiben würde. (Tim Flannery: Wir Wettermacher. Wie die Menschen das Klima verändern und was das für unser Leben auf der Erde bedeutet. 2006)

Bei allen Fällen von Massenaussterben hat das Meer eine Schlüsselrolle gespielt. Die großen Zyklen und Prozesse im Meer laufen so langsam ab, dass es zum Handeln schon zu spät ist, wenn die Probleme sichtbar werden. Das Meer hat eine Reaktionszeit von ca. dreißig Jahren.

Romantik – noch gibt es sie am Meer

Die Versauerung der Meere hat bereits im 19. Jahrhundert eingesetzt, und es wird bestenfalls viele Tausend Jahre dauern, bis das Meer wieder den pH-Wert erreicht, den es zu Beginn der industriellen Revolution hatte. Das Leben im Meer, wie wir es kennen, wird auf alle Fälle zum Erliegen kommen. Möglicherweise werden Millionen von Lebensformen ausgelöscht, bevor wie sie überhaupt entdeckt haben.

Wie erwähnt erzeugt Plankton weit über die Hälfte des Sauerstoffs, den wir einatmen. Stirbt das Plankton, wir die Erde für uns unbewohnbar. Es wird uns letztlich wie dem Fisch ergehen, der nach Luft japsend auf dem Boden unseres Bootes liegt. Wir hätten natürlich besser auf das Meer achtgeben können. Aber eigentlich ist eine solche Aussage ziemlich egozentrisch, schließlich hat das Meer die ganze Zeit auf uns achtgegeben. Natürlich werden wir die Leidtragenden der Klimaveränderung sein. In einigen Millionen Jahren kann sich das Leben im Meer wieder erholen und zu einem neuen produktiven Gleichgewicht finden. Und hingegen stehen keine Jahrmillionen zur Verfügung.

Das Verhältnis zwischen uns und dem Meer ist keine romantische Liebesbeziehung, der der die gegenseitige Abhängigkeit so stark ist, dass wir nicht ohne einander leben können. Das es jedoch eine ganze Nation gibt, die eine unglückliche Liebesbeziehung zum Meer pflegt, habe ich vor einigen Jahren bei einem Besuch in La Paz feststellen dürfen, der größten Stadt Boliviens. Nach einem verlorenen Krieg gegen Chile mussten die Bolivianer 1884 ihren gesamten Küstenstreifen abtreten. Dass ihnen das Meer geraubt wurde, hat in der Seele der Nation Spuren hinterlassen. Die Bolivianer betrachten das Vorgehen als größtes Unrecht und haben noch immer nicht ihr Bemühungen aufgegeben, durch die Einschaltung internationales Gerichtshöfe ihre Küste wiederzubekommen. Während sie auf die Rückgabe des Küstenstreifens warten, versuchen die Bolivianer, die Moral hochzuhalten. Sie haben eine symbolische Marine, die im Titicacasee herumschippert, und begehen jedes Jahr den „Tag des Meeres“ als nationalen Feiertag. Kinder und Soldaten ziehen in Paraden durch die Straßen der Hauptstadt, denn ewig besitz man nur, was verloren ist, und vielleicht nicht einmal das.“

Absprung
Dieser Augenblick

Das Meer kommt prima ohne uns zurecht. Wir aber nicht ohne das Meer.“

Wasser gibt nach, aber erobert alles. Wasser löscht Feuer aus oder, wenn es geschlagen zu werden droht, flieht es als Dampf und formt sich neu. Wasser spült weiche Erde fort oder, wenn es auf Felsen trifft, sucht es einen Weg, sie zu umgehen. Es befeuchtet die Atmosphäre, so daß der Wind zur Ruhe kommt. Wasser gibt Hindernissen nach, doch seine Demut täuscht, denn keine Macht kann verhindern, daß es seinem vorbestimmten Lauf zum Meer folgt. Wasser erobert durch Nachgeben; es greift nie an, aber gewinnt immer die letzte Schlacht.

Unbekannt – Aus dem 11. Jahrhundert

Planet Winter

Wer bis jetzt in dieser Saison den Winter erleben wollte, musste hoch hinaus, gefühlt auf einen anderen Planeten reisen, um ihn zu sehen. Die Schneedecke begann auf etwa 1000 m Höhe nach Winter auszusehen. Sobald ich angekommen war, versprühte diese Landschaft sofort diesen bannenden Zauber, das Knirschen unter den Füßen erinnerte mich an meine Kindheit, welches Kind liebt nicht diese Geräusch beim Laufen auf frischem Schnee. Weiß verschneit lagen die Wiesen und der Wald vor mir, unberührt, nur der Weg zum Gasthaus auf 1260 m zeigte Spuren anderer Lebewesen.

Die Sonne strahlte, ein herrlicher Tag versprach ungetrübte Stunden und zog uns magisch hinaus aus der wohlig warm geheizten Hütte in Tirol. Fotografenherzen schlagen bei diesem Wetter gleich schneller und auch ich wollte diese Lichtstimmung nutzen, um einige Motive festzuhalten. Für mich fühlte es sich an, als ob es solche Winter in Zukunft wohl noch seltener zu erleben geben wird. Spät zog er dieses Jahr ein in den Bergen, die Skigebiete warteten sehnsüchtig auf den Schnee für die Touristen, die das ersehnte Geld für viele Menschen in dieser Region bringen würden. Frisch verschneite Wälder bekomme ich in den letzten Jahren nur in dieser Region vor die Kamera. Die Reise zum Planet Winter ist schon ein Luxus geworden, wenn es vor der eigenen Haustüre diese Naturschauspiele nicht mehr zu bestaunen gibt. Die Erderwärmung macht auch vor Europa keinen Halt, die Sommer viel zu heiß, die Winter spät und kurz. Manchmal viel zu heftig, wie im letzten Jahr, da lag die Hütte nach unserer Abreise unter knapp zwei Metern Schnee begraben.

Zwei Schlitten im Schlepptau machten wir uns auf den Weg und jeder Schritt brachte uns höher hinauf, dem Licht des Tages entgegen. Es waren nur wenige Wanderer unterwegs, die mussten erst vom Tal herauf auf unsere Höhe, um weiterzugehen auf das Almplateau am Langkampfen.

Der Moment, wenn man aus dem Wald tritt und sich der Blick über dieses ganz wundervolle Fleckchen Erde ausbreitet – unbeschreiblich schön. Die Schneedecke weich wie Watte, der Himmel in einem überschwänglichen Blau, Schattenspiele der kahlen Bäume, Stille und eisige Luft. So stelle ich mir Winter vor, ja es ist natürlich sehr kitschig, aber wer braucht diesen Kitsch nicht hin und wieder in seinem Leben?

Nach einer zünftigen Stärkung erkundeten wir das weitläufige Plateau. Tief in den Schnee getrampelte Wege zogen uns in ihren Bann. Im Sommer sind wir hier schon gewandert, im Winter ist es beschwerlicher, aber die Ausblicke um so beeindruckender. Ich konnte mich nicht satt sehen.

Der Winter geht nicht, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Aus Finnland

Ich wünschte die Winter würden wieder so wie in meinen Kindheitstagen sein. Mit knackigem Frost, viel Schnee, Zeit zum Rodeln und Langlauf im Wald. Es wird wohl ein Traum bleiben. Unser Planet wird wärmer, der Winter macht sich rar. Im hinterher zu reisen ist wohl eine Alternative, fühlt sich dennoch nicht so richtig gut an. Genau wie das Skifahren auf künstlich beschneiten Pisten. Einsicht, dass es der Natur nicht gut tut, dieser Wahnsinn an Pistenkilometern, Wasserspeichern für die Schneekanonen, Liftanlagen und viel zu vielen Menschen, die diesen Zirkus befeuern. Auf der anderen Seite sind diese Regionen genau auf diese Einnahmequelle angewiesen und haben noch keine Alternative parat, dieses zu ändern. Die kleineren Skibetriebe, die oft in Familienhand sind, trifft es zu erst, sie liegen zu tief und sind nicht mehr schneesicher, dass es sich lohnen würde zu investieren. Ein Dilemma, was sich früher auf viele Gebiete verteilt hat, stapelt sich jetzt in den großen Skiarenen. Verkehrschaos bei An- und Abreise inklusive.

Auf der Suche nach anderen Motiven erkundete ich die Umgebung mit der Nahlinse. Meditation mit der Kamera beruhigt Seele und Gemüt, Zeit zum Abschalten und Eintauchen in die sonst nicht so spannenden Gegenstände.

Die Hütte ist ein kleines Juwel in den Bergen, ich bin sehr gerne hier und vergesse die Zeit. Freue mich über die Abgeschiedenheit und die gemeinsamen Stunden mit meinen Lieben. In der kleinen Kapelle nebenan bestaune ich jedesmal die göttlichen Altarfiguren, die Malereien an der Decke und dieses Jahr die Eiskristalle auf der Außenmauer.

Machs gut du Zauberort, bewahre deine Schönheit, deine Reinheit und Unschuld. Wir werden uns wiedersehen, ganz bestimmt, ob mit oder ohne Schnee.

Achtung: Fotomontage!

Auf dem Sprung ins Jahr 2020

Januar

Fotografie beseelte mich auch in diesem Jahr wieder in allen Lebenslagen. Gleich zu Beginn das Jahr mit einem spontanen Shooting zu starten war eine schöne Idee. Aylin hatte einen verändernden Schritt in ihrem Leben gewagt und das musste ich einfach in Bildern festhalten.

Schöne neue Welt

Februar

Leipzig rief und ich flog hin. Antjes Kurs brachte wieder viele Erkenntnisse, Spaß und weckte die Freude an dem Spiel mit Licht, Farben und inszenierter Fotografie. Jedesmal bin ich hinterher erschöpft vor Freude.

Spiele mit Licht, Farbe und Kamera

März

Mein Blick auf die alte Heimat schärft sich immer wieder anders. Zerfall und Rückbau, verlassene Orte im Osten ziehen mich magisch an und ich will diese Gegenwart unbedingt dokumentieren. Die Serie über Falkenstein lag mir sehr am Herzen, auch wenn meine kleine Freiluftausstellung dort wohl unbemerkt blieb.

Am Fenster

April

Mit der Völklinger Hütte besuchten wir ein Weltkulturerbe und waren beeindruckt. Meine coole Gang formierte sich bereitwillig als Arbeiter vor den Maschinen. Der Stahl wird jetzt in anderen Ländern produziert. Hier gibt es Kunstausstellungen und unzählige Fotomotive für die Besucher.

Geburt der Cool Gang

Mai

Jugendweihe, noch ein Ostding :-) – die große Tochter wollte diese gerne feiern und fand die Idee dahinter sehr gut. Offiziell ist sie damit im Kreis der Erwachsenen aufgenommen und darf sich jetzt auch an die Regeln halten. Ein schönes Fest für die ganze Familie.

Erwachsen werden

Juni

Auf Rügen hatten wir uns vor 15 Jahren das Jawort gegeben. Zeit für eine Reise auf die schöne Insel und Erinnerungen auffrischen. Die kleine Schwester Rügens – Ummanz zog uns in ihren Bann und versprühte ihren Charme mit Natur, Luft und Meer ganz unverfroren. Dieser Ort ruft einfach nach einer Wiederholung.

Flitterwoche

Juli

Ein Wiedersehen nach einem Jahr. Pure Freude, Lachen und viele gemeinsame Stunden waren der Höhepunkt im warmen Juli für Charlotte und Katie.

Deutsch-Amerikanische Freundschaft

August

Ein weiterer großer Schritt für ein kleines Mädchen folgte im August. Nichte und Cousine Johanna kam in die Schule. Familienfeste sind einfach immer zauberhaft und voller Energie. Es gibt Aufregung, Lautstärke, Torte und lustige Fotomotive. Hier warten die drei Mädels darauf, dass der belichtete und entwickelte Filmstreifen aus dem Fotofix-Automaten kommt. 2 Euro sind es jedesmal wert, allein für die komischen Posen auf den Fotos.

Stauen am Fotofix

Danach ging es auf eine Reise in den Norden, Dänemark und Schweden boten zwei Wochen Abwechslung, wundervolle Natur und genug Einsamkeit, um den Blick auf das Wesentliche zu schärfen. Hier darf man einfach nur sein.

Meeresrauschen

September

Das Dorfleben hat auch seine schönen Momente, die einen überraschen können. Bei „Kunst in der Scheune“ stellen verschiedene Künstler ihre Werke aus, die herrlich alten Scheunen werden zu Ateliers und Schauplätzen für Theater. In einem der alten Gemäuer fand ich diesen schönen Schrankspiegel. Die kaputten Stellen sahen wie Kristalle aus und wollten einfach ins Bild.

Spiegelbild

Oktober

Amsterdam – ein Geschenk an die große Tochter. Sie war schwer beeindruckt und liebte die Gassen entlang der Kanäle, das Einkaufen in den kleinen Vintageläden und auf dem Riesenflohmarkt. Natürlich das Essen nicht zu vergessen. Wir schwelgten in Kunst und dem Flair dieser schönen Stadt, die gar nicht so voll war an diesen Tagen. Ich mochte vor allem die vielen extravaganten Puppen und Köpfe in allen Varianten.

Puppenspiel

November

Zum Ende des Jahres wird es ruhig in den Straßen, besonders auf dem Land. Stoisch stehen die Palmen vor der Tür, als wenn ihnen die Weihnachtsbäume, die bald die Wohnzimmer schmücken werden, keine Konkurrenz sind. Ich mag die Stille, wenn auch nicht immer. Sie strahlt diese herrliche Ruhe aus, lässt die Gedanken kommen und nichts lenkt ab.

Entleerte Orte

Dezember

Was wird es bringen das neue Jahrzehnt? Wir werden es bald erfahren. Ich hoffe auf mehr Anstand, Fairness, Rücksichtnahme, Freigeist, Mut, Größe, Aufschrei, Handeln, Nachhaltigkeit, Lebendigkeit. Was wünscht ihr euch? Schreibt es mir an: mail@thoss4you.de Unter allen Einsendungen verlose ich einen Abzug aus meinem Fotoschatz. Motiv kann frei gewählt werden. Einsendeschluss: 31.01.2020.

1991 – 2019

Foto des Jahres

Meine wohl schönsten Shootings in diesem Jahr hatte ich mit meinen beiden Töchtern. Endlich wollten sie, waren bereit vor der Kamera zu agieren. Liesen sich ein, auf das Spiel und die verrückten Ideen der Mutter. Dafür mein Applaus und eine große Dankbarkeit. Ella verdiente sich den ersten Platz mit dem Versteckspiel im Geisterhaus. Und Charlotte tanzte sich in mein Herz im Abbruchhaus in der Nachbarstadt.

Versteckspiel
Beschwingt in die Zukunft


Jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück,

seine eigenen Hoffnungen und Aussichten.

Johann Wolfgang von Goethe

Eine unglaublich stille Stunde

Stille kann befriedigend und gleichzeitig verstörend wirken. Ich konnte mir das passende Gefühl aussuchen an diesem letzten Tag im November 2019. Der November ist für mich gefühlt der stillste Monat im Jahr. Ich ziehe mich gerne zurück, lasse schon ein wenig das vergangene Jahr Revue passieren und fahre die Aktivitäten zurück. Melancholie spielt dabei vielleicht eine kleine Rolle. Das Wetter am 30. 11. 2019 zeigte sich von der besseren Seite, die Sonne schien und schrie geradezu „Raus mit euch!“ Wir waren zu Besuch hinter Karlsruhe, ein kleines verschlafenes Dorf am Rande der Pfalz. Keine 2000 Einwohner, katholisch geprägt, 1103 erstmalig erwähnt. Früher war das Dorf für seine Ziegeleiarbeiter und die Tabakproduktion bekannt. Letzteres ist heute noch sichtbar an den vielen Scheunen ohne Fenster, die wie auf Stelzen in luftiger Höhe gebaut wurden. Trocken, dunkel, warm sollten die Tabakblätter trocknen und lagern.

Bäckerei geschlossen

Gefühlt sind mir in dieser Stunde höchsten 10 Menschen begegnet. Eine Hundebesitzerin, ein lustig anzusehender Mann mit langem Zopf in quietschgrüner Warnweste. Ein Paar mit Kinderwagen, ein Rentner am Friedhof, drei Mädchen, die einen kleinen Flohmarktstand aufgebaut hatten und Weihnachtsdekoration verkaufen wollten. Die Leere und Stille in den Gassen und Straßen war fast unheimlich. Wohnte hier keiner? Ist es nicht gerade typisch, dass keiner unterwegs ist? Hätte ich in unserem Dorf mehr Leute getroffen? Was würde ich als junger Mensch hier machen? Was als Renter oder in meinem Alter?

Keiner holt die Angebote ins Warme.
Zugemauert mit Riss

Landflucht? Warum? Es könnte so schön sein. Der Rhein ganz nah, die große Stadt um die Ecke. Dennoch hatte ich in dieser einen Stunde das Gefühl hier stirbt etwas aus. Sollte ich im Sommer wiederkommen? Treffe ich dann auf mehr Menschen? Ich errinnere mich an die Sommer im Dorf meiner Oma. Bördeland bei Magdeburg, viel Landwirtschaft. Da war es auch ruhig an den Vormittagen, da waren alle auf dem Feld oder in der Fabrik. Trotzdem hatte ich nie dieses Gefühl hier wohnt keiner.

Kaninchenzucht ist immer noch in.

23 Vereine oder Sportgruppen gibt es hier, das ist beachtlich für dieses Dorf. Darunter eine Theatergemeinschaft, ein Männerchor, ein Faschingskomitee, Angler und Schützen fehlen ebenfalls nicht. Beim Kaninchenverein war heute nichts geboten.

Abgeriegelt
Reparaturversuch

An der Schule fuhren doch noch zwei Kinder mit dem Fahrrad vorbei. 52 Kinder werden hier von 4 Lehrerinnen unterrichtet. Gemütlich würde ich sagen. Zu den weiterführenden Schulen müssen die Kinder einen weiteren Weg in Kauf nehmen. Das Gebäude erinnerte mich an die Schulen in meiner Heimat, Beton und Mosaik war wohl im Westen wie im Osten eine beliebte Kombination. Bevor die Sonne langsam hinter den Nachbarhäusern verschwand, zog ein Vogelschwarm über den Himmel hinweg.

Mosaik
Abendlicht
Abschleppseile?
Parkplatznot kennt hier keiner.

Die Rheinregion ist bekannt für die wenigen Frosttage im Jahr und so ist es nicht verwunderlich, dass hier fast jedes Grundstück eine exotische Pflanze sein Eigen nennt. Ganze Bananenplantagen, Palmen auch im Winter unverpackt oder zumindest ein stattlicher Kaktus schmücken die Vorgärten. Da erscheint der kahle Weinstock etwas ins Hintertreffen zu geraten.

Achtung der piekst.
Palme an Tür
Fast wie im Paradiesgarten
Der Brezelbäcker setzt auf Wein.

Der Tabakanbau in Deutschland hat zwar eine über 400 Jahre alte Tradition vorzuweisen, unter den deutschen Klimaverhältnissen ist er jedoch eine Sonderkultur in pflanzenbaulicher Grenzlage. Hohe Nachfrage nach Tabakprodukten, Devisenmangel und Einfuhrbeschränkungen des Staates, sowie hohe Flächen- und ausreichende Arbeitsproduktivität für kinderreiche Bauernfamilien waren die Basis für die Ausbreitung der deutschen Tabakproduktion, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland kaum noch Bedeutung hat. Nach einer Urkunde aus der Pfalz soll der erste Tabak in Deutschland im Jahr 1573 im Pfarrgarten von Hatzenbühl (Bistum Speyer) angebaut worden sein. Die Geistlichen jener Zeit galten oftmals als Übermittler botanischer Neuerungen und neuer medizinischer Anwendungen. So interessierte zunächst die Anwendung von Tabak in der Medizin. Pfalzgraf Friedrich IV ordnete bereits 1598 Anbauversuche in der Kurpfalz an.

Durch die im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) in Deutschland herumziehenden Söldnerheere wurde das Tabakrauchen stark verbreitet. Die in der Markgrafschaft Baden-Durlach und dem Bistum Speyer aufgenommenen Hugenotten brachten Tabaksamen und Anbauerfahrung aus Frankreich mit und schufen damit die Voraussetzung für die weitere Verbreitung des Anbaus in Deutschland. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer großen Ausbreitung; ca. 200.000 Landwirtschaftsbetriebe bauten damals auf über 30.000 ha Tabak an. (Baden 10.000 ha, Preußen 7.000 ha, Bayern einschl. Pfalz 7.000 ha, restliche deutsche Länder 6.000 ha).

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurde für die kleinbäuerliche Landwirtschaft insbesondere in Baden und der Südpfalz Tabak eine der wichtigsten Einnahmequellen. Tabak bot vielen Landwirtsfamilien sowie vielen Tagelöhnern Arbeit und Einkommen, nachdem 1920 ein Beimischungszwang für heimischen Tabak in Zigarren und Zigaretten in Deutschland eingeführt worden war.

Die europäische Tabakblauschimmel-Pandemie im Jahr 1960, die durch unvorsichtiges Hantieren eines Wissenschaftlers mit dem bei Tabak den sogenannten Falschen Mehltau hervorrufenden Pilz peronospora tabacina an der Bundesanstalt für Tabakbau in Forchheim verursacht wurde, stellte das Überleben vieler landwirtschaftlicher Betriebe in Frage. Der damals bereits begonnene Strukturwandel der Landwirtschaft wurde in den Tabakanbaugebieten durch diesen Einkommensverlust noch verstärkt. Der Tabakanbau spielt in Deutschland seit der Jahrtausendwende nur noch in wenigen Regionen (Südpfalz, Nordbaden, Uckermark) eine wirtschaftlich bedeutsame Rolle. (Quell: Wikipedia)

Ehemalige Tabakscheune

Ich liebe diese Stunde, die anders ist, kommt und geht. Nein, nicht die Stunde, diesen Augenblick liebe ich, der so still ist. Diesen Anfangs-Augenblick, diese Initiale der Stille, diesen ersten Stern, diesen Anfang. Dieses Etwas in mir, das aufsteht, wie junge Mädchen aufstehn in ihrer weißen Mansarde…
Diese Nacht liebe ich. Nein, nicht diese Nacht, diesen Nachtanfang, diese eine lange Anfangszeile der Nacht, die ich nicht lesen werde, weil sie kein Buch für Anfänger ist. Diesen Augenblick liebe ich, der nun vorüber ist und von dem ich, da er verging, fühlte, daß er erst sein wird.

Rainer Maria Rilke

Ich komme wieder im Frühjahr oder Sommer, in der Hoffnung etwas mehr Leben im Dorf zu finden. Obwohl ich die Stille der Stunde auch mochte.