Seattle überrascht – Teil 2

Wie immer, wenn ich auf Reisen bin versuche ich nicht nur die Sonnenseiten des Landes oder der Stadt zu beobachten, denn der Touristenblick täuscht oft über die Zustände einer Gesellschaft hinweg. Schon in Indien und China zog es mich regelmäßig in die Viertel der „normalen“ Bevölkerung und ein Blick hinter die Kulissen zeigte dann das wahre Ich der Stadt. In Seattle gestaltete es sich aufgrund der kurzen Zeit und vielen Highlights, die ich unbedingt sehen wollte, etwas schwieriger. Außerdem war ich die meiste Zeit dort allein unterwegs und da wage ich mich dann doch nicht zu weit vor.

Luftballons
Einer versucht es mit Luftballons.

Aber allein schon der Alltag in Downtown zeigte mir, das auch in diesem Teil Amerikas die Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und teilweise auch Hoffnungslosigkeit angekommen ist. Sehr viele Menschen leben dort auf der Straße und müssen sich ihren Lebensunterhalt mit Bettelei oder anderen Aufgaben verdienen.
Da werden dann indianisch anmutende Tänze aufgeführt, um eine Obdachlosenzeitschrift an den Mann oder die Frau zu bringen (mit mäßigem Erfolg). Einer trägt immer seine Katze mit sich auf dem Rücken herum, in der Hoffnung ein kleines Extra für Futter zu bekommen oder einfach um nicht allein zu sein. Wieder andere versuchen sich als Clown und verkaufen Luftballonfiguren, manchmal sehr auffällig gekleidet in einem Gras-Tarnanzug.
Auffällig waren die vielen Musiker, die sich aus Plastikeimern und Glasflaschen kleine Schlagzeuge zusammen bauen und überall in der Stadt an den Straßenecken sitzen. Einer von ihnen hatte sich direkt gegenüber unserem Hotel postiert und wahrscheinlich die ganze Nacht getrommelt. Am Morgen auf dem Weg zum kleinen Café um die Ecke lag er spärlich eingehüllt auf einer Baustoffunterlage, für mich sah er irgendwie tot aus. Die Temperaturen waren Nachts immer noch recht frostig. Ich habe dem jungen Mann dann etwas zu Essen mitgenommen und als wir zurück liefen erwachte er gerade, nahm dankend die kleine Spende an und wünschte uns einen schönen Tag.
Ein Tropfen auf den heißen Stein, ich hätte jeden Morgen sicher hundert Leute mit Essen oder warmen Tee versorgen können. Selbst eine Mutter mit Kleinkind traf ich einmal bettelnd vor einem Kaufhaus. Viele tragen auch Schilder oder einen Text auf die Kleidung gedruckt mit sich herum, auf denen sie ihre Situation erklären. Drogen scheinen ebenfalls ein Problem zu sein, die glasigen ins Nichts starrenden Augen sind bekannte Anzeichen für Suchtprobleme.

Katzenmann
Tiere erregen gern das Mitleid oder zumindest die Aufmerksamkeit der anderen.

Anders als in New York wurden die Obdachlosen in Seattle noch nicht aus Downtown vertrieben. Hier waren diese Menschen präsent und sichtbar, weisen einen täglich darauf hin, wie schnell ein Abstieg in dieser Gesellschaft (ohne soziales Netz) möglich ist. Und dabei erlebt Seattle gerade einen Bauboom, ein ganzer Stadtteil wird von Amazon neu gestaltet, die Firmenzentrale rückt ans Wasser heran. Es scheinen nicht alle davon zu profitieren. Auch in Deutschland gibt es Obdachlosigkeit und ich will keine Wertung abgeben, mir ist es einfach nur aufgefallen dort.

In nur einer Woche zeigt sich neben den vielen Sehenswürdigkeiten, die Seattle zu bieten hat auch das andere Gesicht dieser Stadt. Ich denke gerade auf Reisen sollte man den Blick nicht nur auf die schönen Dinge lenken sondern sich immer auch für die „Nebenschauplätze“ der Touristenpfade interessieren. Macht nicht nur die Fotografie spannender sondern erweitert den Horizont jedes Mal ein Stückchen mehr.

Frau mit Taschen
Licht und Schatten liegen hier oft sehr nah bei einander.
Rollstuhl
Wer nichts mehr hat, lebt auf der Straße.
Bettler
Auch im historischen Viertel trifft man viele Menschen, die um eine Geldspende bitten.

Seattle überrascht – Teil 1

„It’s raining again, but you don’t mind. This is your cue to duck inside for another latte.“ – Auszug aus Seattle: City Guide (Lonely Planet). Oh Gott, gleich der erste Satz schreckte mich schon ab diesen Reiseführer zu kaufen, ich hab’s dann auch gelassen und mich mit einer laminierten Stadtkarte zu begnügen. Außerdem standen Gummistiefel, Regenjacke und Schirm auf meiner Packliste. Schließlich haben wir den Regen bei unseren letzten Urlaubsreisen quasi dazu gebucht. Warum sollte das dieses Mal anders sein? Vielleicht, weil Steffen auf Dienstreise in diese sehr westliche und nördliche Stadt der USA musste, die berühmt durch mehrere Hollywoodfilme wurde, u.a. Schlaflos in Seattle und ganz aktuell durch Mr. Grey. Kurz vor der Abreise versprach die Wettervorhersage dann eine ganze Woche Sonnenschein und ich entschied mich nur den kleinen Schirm mitzunehmen. Ich sollte nicht enttäuscht werden, Seattle begrüßte uns mit strahlend blauem Himmel, der eine Woche lang nur ab und zu ein paar Wolken zeigte.

Neun Stunden Zeitunterschied nach Deutschland sind heftig, aber bei dem tollen Wetter machbar. Die Tage in Seattle verbringe ich zum großen Teil auf den Straßen der Stadt, um abends müde und voller Eindrücke ins Bett zu fallen. Wie viele amerikanische Städte ist auch Seattle leicht zu erkunden, die Straßen sind im Quadrat angelegt, die kleine Touristen-Map reicht, um mich zu den wichtigsten Highlight der Stadt zu lotsen. Gleich morgens ist es im Pike Place Markt am schönsten, dann sind nur wenige Leute da und die Händler bauen erst auf. Gerade am Wochenende wird es hier spätestens um die Mittagszeit knallvoll. Ich finde ein kleines Antiquariat und stöbere zwischen den Fotografie-Büchern herum, werde schließlich fündig und kaufe eine Aperture-Ausgabe von Henri Cartier Bresson, einem meiner Lieblingsfotografen. Auch im Barnes & Nobels kann man viel Zeit in der Fotobuchecke verbringen. Vivian Maier’s Buch stand seit ich den Film über ihre Entdeckung gesehen habe, auf der Liste der Must-Have-Bücher, der kleine Koffer wird mit Büchern gefüllt. Auch einer Ausgabe von David Gibsons „Street Photographers Manual“ konnte ich nicht wiederstehen. Die Bücherei der Stadt ist nicht nur architektonisch ein Extravagantes Highlight der Stadt, zum Fotografieren eignen sich fast alle der 8 Stockwerke und bieten spannende Motive. Um die Buchreihen zum Thema Fotografie durchzuschauen wäre ein Umzug in die Stadt vorteilhaft, ich begnüge mich mit einem Blick in das sicher 3 Kilo schwere Meisterwerk „Snaps“ von Elliot Erwitt. Ausstellungstechnisch hatte ich weniger Glück, nur eine zum Thema Fotografie fand sich im kleinen Photo Center NW im schönen Stadtteil Capitol Hill. Auch das SAM (Seattle Art Museum) bot zum Zeitpunkt keine spezielle Fotoausstellung, dafür ein paar tolle Motive vor der eigenen Linse.

Die Space Needle kennt eigentlich fast jeder, seit der Weltausstellung 1962 ist sie das Wahrzeichen der Stadt und beliebt bei allen Touristen. Ich begnüge mich mit einem Blick von unten und lichte den auffälligen Turm aus allen möglichen Perspektiven ab, den Überblick verschaffe ich mir dann allerdings vom 72. Stock des Sky Observatory. Gleich dreimal genieße ich den Ausblick von dort oben, auch Steffen möchte das nicht verpassen und der Eintritt gilt für den kompletten Tag, so das ein Wiederkommen bei Dunkelheit ebenfalls lohnt. Sogar den Mount Rainier konnten wir sehen, der mit seinen knapp 4.400 m hohen schneebedeckten Kuppe vor den Toren der Stadt thront.

Blume
Die berühmte Nadel mit Plastikblume.
Stuhl
Auch mit etwas Abstand betrachtet ein schönes Fotomotiv.

Spannend und einzigartig fand ich allerdings die Untergrund-Tour, an der ich im ältesten Stadtteil namens Pioneer Square teilgenommen habe. Sehr alt ist die Stadt nicht, erst 1851 kamen die ersten Siedler an den Puget Sound, schon bald wurde sie aber als Ausgangsbasis für den Goldrausch in Alaska genutzt und einiges Gold blieb danach in der Stadt, um ihr zum Aufschwung zu verhelfen. Stadtplanerisch war es ein Desaster und eine gewaltige Herausforderung. Regelmäßig überflutete das Wasser die Stadtteile entlang der Wasserlinie und die Toiletten liefen über. Schließlich beschloss die Stadtverwaltung alle Straßen um ein Stockwerk anzuheben, was zur Folge hatte, das die nun im Keller liegenden Läden und Werkstätten der Hausbesitzer nur umständlich über Leitern erreicht werden konnten, denn die Besitzer weigerten sich diese in die ersten Stockwerke zu verlegen. Es war bequem nun ohne den gefährlichen Straßenverkehr ungestört einkaufen zu gehen. Da es auch immer wieder zu Unfällen mit herabfallenden Waren gab, wurden schließlich die Zwischenräume zwischen Straße und Hauswänden ebenfalls geschlossen. Nichts desto Trotz bestanden die Geschäfte noch Jahrelang im Untergeschoss weiter, einige reiche Besitzer bauten sogar Gehwegplatten aus Glas ein, damit mehr Licht in die Untergeschossen gelangte. Einen Schirm brauchte dort unten niemand, es entstand quasi die erste Einkaufsmall der Welt, mehrere Blocks im Pioneer Square konnte man unterirdisch entlang laufen. Bevor es zum Abriss dieses historischen Stadtteils kam entdeckten die Bewohner ihren unterirdischen Schatz wieder und machen ihn nun für Touristen teilweise wieder zugänglich. Das historische Viertel soll erhalten bleiben und ist mit seinen kleinen Backsteinhäusern ein schöner Kontrast zum modernen Downtown.

Keller
Eine Stadt unter der Stadt – Untergrundtour Seattle
Gehweg
Die berühmten Glas-Gehwegplatten, wenige sind erhalten.

Zeit für einen Kaffee – und in Seattle kommt keiner ohne das Heißgetränk der Stadt aus, schließlich steht hier die Geburtswiege von Starbucks (und Boeing, Amazon und Microsoft). An der langen Schlange vor dem ersten Starbucks Café stelle ich mich nicht an, den kann ich auch im Hotelzimmer aufbrühen, wenn ich mag. Lieber genieße ich in einem der vielen neuen Cafés der Stadt eine Auszeit, viele davon rösten ihren Kaffee sogar vor Ort und sind hippe Treffpunkte für die Nachbarschaft. Trotz noch kalter Temperaturen werden die ersten Straßencafés eröffnet und viele sitzen bereits im T-Shirt draußen oder tragen kurze Hosen.

Frau
Gewagte Frühjahrsmode – kaum wird es warm.
Kaffee
Unzählige Café zählt die City

Und damit schließt sich der Kreis wieder, denn die vielen Cafés scheinen nur einem Zweck zu dienen, der Flucht vor dem Regen. Die ganze Stadt ist dafür anscheinend gut gerüstet, ich habe sogar Läden entdeckt, die nur „Regenwaren“ verkaufen und der bunte Regenschirm ziert viele Postkarten und Souveniers. Meiner blieb im Koffer, ich Glückspilz.

Teil 2 folgt in Kürze!

NY – Faszination oder Ernüchterung?

NY Regen
Mit Schirm, Charme und Kamera

Flughafen Amsterdam, 08.08.2014:
Der junge Mann mit dem Besen kehrt die Reste vom Boden auf, die er in der Lounge von Mc Donalds findet, wo ich mir einen Frappuccino genehmige. Seine braune Hautfarbe verrät, das er wohl Eltern ausländischer Abstammung hat. Als seine afrikanische Kollegin ihm etwas sagt, schüttelt er auf eine ganz spezielle Art den Kopf. Nur wer schon einmal Indien bereist hat, weiß nun ganz genau wo er seine Wurzeln hat.
In Leipzig am Gate saß hinter mir eine junge Chinesin, die wie zu erwarten war, telefonierte. Laut und ohne sich zu kümmern, das jeder mithören könnte, vorausgesetzt man kann chinesisch. Lustig, wenn man einige Brocken doch versteht, obwohl die Sprache für mich immer noch so fremd klingt. Die anderen Fluggäste murmeln sich leise Gespräche zu, nur die Kinder toben unbeschwert durch die fast leeren Gänge. Ich erinnere mich an die vielen chaotischen und übervollen Abflughallen der unzähligen Flughäfen in den letzten drei Jahren. Peking, Shanghai, Hanhoi, Delhi, Bangalore, …
Das Reisefieber hat mich also wieder gepackt, kaum das 4 Wochen in Deutschland die Koffer ausgepackt waren nach dem turbulenten China. Mit der ganzen Erfahrung aus drei Jahren in Asien und auf dem indischen Kontinent, bin ich sehr gespannt, was mich in New York erwartet. Schon lange hatte ich diese Reise geplant, der Wunsch zum nächsten runden Geburtstag dort zu sein erfüllte sich dann sogar noch etwas vor dem eigentlichen Termin. Faszination oder Enttäuschung? Viele Millionenstädte haben sich in meine Erinnerungen eingebrannt, als ich die Stadt das letzte Mal bereiste standen die Türme des World Trade Centers noch. Wie wird sich die Metropole verändert haben, welche Menschen werden meinen Weg kreuzen und vor allem wie sieht die Stadt durch mein „gereiftes“ Kameraauge aus?
Vielleicht schaffe ich es meine Gefühle und Gedanken zu fokussieren und den besonderen Blick zu entwickeln für die vielen kleinen Abenteuer, die diese Stadt sicher zu erzählen hat. Reisen ist und bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens und ich bin gespannt.

NY
Chinesen und Hot Dog Buden an jeder Ecke
NY Streets
Eine lebendige Stadt auf allen Wegen
Thanks
„What a beautiful woman you are“ made my day!
Streets
Ich liebe einfach diese Schluchten

Als Straßenfotograf ist New York eine Goldgrube und man kann einfach nicht mehr stoppen Motive zu sammeln. Ab und zu musste ich die Kamera ruhen lassen, um das New York Gefühl einwirken zu lassen bei einem Bagel und Kaffee. Nach einer Woche waren nicht nur die Füße erschöpft, Augen und Kopf waren sicher ebenfalls dankbar, das es eine Pause gab.

Flughafen New York, 16.08.2014:
Die Tage sind verflogen, der Kopf voll mit Eindrücken, die Kamera voll mit Fotos. Gerüche in der Nase von zuckersüß bis fettig-salzhaltig. Wie in einem der unzähligen Filme, die in der City spielen fühlte ich mich oft und konnte wieder einmal intensiv spüren was die Faszination ausmacht, in dieser Metropole zu leben. Am Ende bin ich mir nicht 100% sicher, ob es mein Platz wäre. Für immer hier zu leben auf keinen Fall, da würde ich wohl ab und zu die ruhigen Momente vermissen, die es sehr selten gibt in dieser hektischen Stadt. Der Schmelztigel so vieler Kulturen zeigt mir zwar, das friedliche Coexistenz möglich ist, er löst aber auch irgendwie Spannungen aus. Zwischen Indern, Chinesen, Arabern, Afrikanern, Europäern, Amerikanern und den tausenden Touristen wirkte das Leben der New Yorker angespannt, hektisch und sehr modern. Gerade die junge Generation versuchte ständig cool und hipp zu sein. Selbst am Wochenende in den vielen Ruhezonen der Stadt wurde telefoniert, getippt, gejoggt, mit dem Personal Trainer geboxt oder der Hund Gassi getragen werden. Alles mit den neusten Geräten und trendigsten Klamotten. Die New Yorker Coolness mag viele beeindrucken, mich erschreckte sie eher. Zu selten kommt man ins Gespräch und selbst der „Taubenflüsterer“ im Washington Square Park erwartet dann nach einem lehrkundigen Gespräch über sein Hobby der Taubendressur noch ein Trinkgeld. Vielleicht ist es aber auch einfach nur sauteuer in dieser Stadt und jeder versucht sein Geschäft zu machen. Die eine Woche hat wahrscheinlich auch nicht ausgereicht, das wahre Leben in „Der Großstadt“ im Osten der USA zu beurteilen. Wir haben zum Beispiel auch einen sehr charmanten Gastgeber für unser Apartment kennengelernt, der mit Tips und Zuvorkommenheit nicht so typisch „New York“ rüberkam.
Man kann in dieser Stadt ganz unproblematisch ein völlig anonymes Leben führen, ob man das möchte muss jeder selbst entscheiden. Der Puls schlägt schneller dort, den Takt bestimmen Job, Termine, das liebe Geld und der Freizeitstress. Tausende Möglichkeiten liegen einem zu Füßen und nicht nur in kulinarischer Hinsicht hat man tagtäglich die Qual der Wahl. Ein Konsumverzicht wird auch hier zur echten Herausforderung und ich denke viele rennen dem Leben zwischen den vielen Wolkenkratzern irgendwie hinterher.
Nichtsdestotrotz bleibt es meine Lieblingsstadt, auch in fotografischer Hinsicht und es wird sicher nicht mein letzter Besuch dort sein. Die Große Tochter hat schon angemeldet, ebenfalls einmal New York sehen zu wollen. Und irgendwie muss man dort wenigstens einmal im Leben gewesen sein. Zum 45. wollen wir dann allerdings das Burning Man Festival besuchen, schließlich ist das ebenso eine Veranstaltung, die im Leben nicht fehlen sollte. Hier man ein kleiner Vorgeschmack:
http://thebeast.com.au/video/video-week-burning-man-2014/#

Bruecke
Sunset on Brooklyn Bridge