Im Osten Nichts Neues?

Während ich an meinem zweiten Interview arbeite, das Aufschreiben eines 40 Minuten Gesprächs dauert doch etwas länger, kam meinen Mann und mir eine kleine Reise in den Norden Ostdeutschlands dazwischen, kinderlos, zeitlos, eher planlos. Kurz vor der Anreise buchten wir uns auf einem Campingplatz ein – auf der Insel Ummanz – einer kleinen Schwester der Insel Rügen. Über den Focker Strom führt eine schmale Brücke auf die Insel, die noch ein wenig im Dornröschenschlaf liegt und hoffentlich nicht so schnell wachgeküsst wird. Abseits der Massentouristenzentren direkt am Schaproder Bodden mit Blick auf die Insel Hiddensee. Ein kleiner Traum für Naturliebhaber, Radfahrer, Kitesurfer und Ruhesuchende. Für unser „freie“ Woche perfekt.

Der kleinste Leuchtturm Rügens
Willy auf dem Trockenen

Vor 15 Jahren haben wir uns auf der großen Insel das Jawort gegeben und so starteten wir eine kleine Erinnerungstour. Bis wir in Sellin ankamen dauerte es ein paar Tage, wir ließen uns Zeit mit dem Erkunden der Umgebung. Am ersten Abend wurden wir gleich verzaubert vom Sonnenuntergang über dem Schaproder Bodden, Ummanz ist DER Platz dafür (liegt ziemlich westlich dort oben). 

Abendrot wie bestellt

Die erste Radtour führte uns über das kleine Eiland über weite Felder, entlang herrlicher Alleen auf gut ausgebauten Radwegen. Mein geliehenes E-Bike erwies sich als großer Vorteil, obwohl das Land hier ziemlich flach ist. Wer einen radverrückten Ehemann hat (der natürlich nur ohne Motor Rad fährt) und mit Erkältungsvirus in den Urlaub geht, ist gut beraten, sich Unterstützung zu nehmen, um die 40km Touren erholsam genießen zu können.

Selten zu finden mittlerweile
Immer wieder zu finden überall 

20 km² groß/klein ist die Insel, nennenswerte Orte gibt es eigentlich nicht, die meisten „Bewohner“ leben wohl im Sommer auf dem Campingplatz. Außer Freesenort, der aus vier Häusern besteht, die alle unter Denkmalschutz stehen und 1319 erstmalig erwähnt wurde. Die Hasenburg ist dort besonders schön und bietet sogar eine Ferienunterkunft. Wer es also abgeschieden und einsam mag, ist genau richtig hier.

Hasenburg
Freesenort

Sehr zu empfehlen sind die beiden Cafés auf Ummanz, das „Zuckerkuss“ bietet einen idyllischen Garten mit viel Abstand zwischen den Tischen und köstlichen Kuchen, wer lieber näher am Wasser sitzt, kann im Café Ummanz mit Blick auf den Focker Strom einen schmackhaften Kaffee zu sich nehmen, Kuchen gibt es hier selbstverständlich auch. Die seit langem beste Pizza haben wir in der Tikki-Bar des Surfhostels UMAII gegessen. Emma bediente dort unter Baumhäusern und bei entspannter Musik gut gelaunt die Gäste im Garten.

Der Willy von hinten
Heute kein Fisch im Netz

Unsere Tour führte weiter nach Gingst, eine kleine Stadt auf der anderen Seite der Brücke, die ganz zauberhaft renoviert wurde. Um den kleinen Markplatz mit Kirche, Restaurant und Buchladen, Keramikatelier und Bäckerei stehen bunte Wohnhäuser. Zu entdecken gibt es dort außerdem einige historische  Handwerkerstuben, die immer wieder Veranstaltungen anbieten.

Heute leider geschlossen
Die Kirche ist immer geöffnet

Da ich mit wenig Transportmöglichkeiten auf meinem Fahrrad unterwegs war, ist diese analoge Fotoserie mit meiner kleinen Olympus Pen entstanden. Ich wollte viel mehr analog fotografieren, als es mir dann gelungen ist. Viele Filme hatte ich im Gepäck. Zumindest hatte diese handliche Minikamera den praktischen Vorteil, dass der 36 Film für 72 Fotos reicht (Halbformat sei Dank). Die neu reparierte Pentacon Six TL kam ebenfalls zum Einsatz, der Film ist allerdings noch nicht entwickelt. Die Kombination Fahrrad und Fotografie ist leider nicht ganz optimal. Da muss ich mir für den nächsten Urlaub etwas praktischeres überlegen.

Abgebrannt
Ein Trauerspiel
Bauer Langes kleines Westauto
Bauer Langes großes Ostauto

Ferienbauernhöfe bieten hier auf Ummanz nicht mehr nur Unterkunft und Tiere im Stall. Bauernladen, Hofcafé, Spielscheune und Antikhandel findet sich hier ebenso. Das lockt die badewütigen Sonnenanbeter vielleicht auch einmal aufs Land. Wir gönnten uns eine Erfrischung und einen Blick auf die größte Sau Rügens (Rosi).

Der Plan sah etwas anders aus für diesen sonnigen Tag. Vergesslichkeit scheint nicht nur ein Alltagsproblem zu sein, im Urlaub führte diese zu anfänglichem Frust, der sich nach Akzeptanz der Situation und Planänderung in Luft auflöste. Das Steuergerät des E-Bikes samt Helm im Zelt liegen zu lassen ist keine gute Idee, das Rad bewegt sich keinen Meter ohne dieses Teil. Also wurden die Räder auf dem Gepäckträger gelassen und wir fuhren die gesamte Strecke mit dem Auto. Die Wittower Fähre schon im Rücken war unsere erste Station Altenkirchen, Ausgangspunkt der Radtour, die leider ins Wasser fiel. Einen Blick in die schöne Kirche, auf den alten Friedhof und den separaten Glockenturm gönnten wir uns trotzdem.   

Mohn braucht Kreide zum gedeihen.
Hühnergotter die Meereswellen für ihre Löcher

Um unserem Bewegungsdrang nachzugeben, wanderten wir von Putgarten aus ins Fischerdorf Vitt und dann entlang der Steilküste bis zum Siebenschneiderstein. Die Dorfgemeinschaft von Vitt streitet sich gerade mit dem örtlichen Kirchenrat, der einer Empfehlung des Denkmalamtes gefolgt ist und die ehemals weiß getünchte berühmte achteckige Kapelle in einem ockerfarbenen Ton anstreichen ließ. Diese Farbgebung ist bei der Restaurierung unter den alten Farbschichten entdeckt worden und soll die ursprüngliche Farbe aus dem Entstehungsjahr 1816 sein. Die Dorfbewohner sind mit der Entscheidung nicht besonders glücklich und fordern auf einem großen Plakat vor der Kapelle die weiße Farbe zurück. Tatsächlich ist die kleine Kirche nun von Weitem nicht mehr erkennbar und zu den weiß gestrichenen Reetdachhäusern im Dorf würde sie wohl ebenfalls viel besser passen. Die Entscheidung ist jetzt endgültig gefallen, bis zur nächsten Renovierung wird mit dem Ocker gelebt werden müssen. https://www.ostsee-zeitung.de/Vorpommern/Ruegen/Endgueltig-Kapelle-Vitt-bleibt-Terrakotta2

Warten auf den Fischer
Mit dem Rad gehts nur bis hier hin.

Das kleine Dorf ist immer noch so gemütlich, wie vor 15 Jahren. Es gibt ein Café und direkt am Strand eine Räucherfischbude. Die Fischerboote liegen für die Fotografen passend daneben und der Weg nach Kap Arkona ist nicht weit. Mit dem Fahrrad wären wir hier nicht weiter gekommen und waren somit ganz glücklich, heute zu Fuß unterwegs sein zu dürfen. Mit dem Kreidefelsen im Blick ging es entlang der Ostsee, die unermüdlich an dem Gestein nagt. Auch ein paar Schwalben haben es sich in den oberen Erdschichten am Felsen gemütlich gemacht und Löcher zum Brüten gebuddelt. Ein ständiges Kommen und Gehen über unseren Köpfen. Die paar Leute, die den steinigen Weg liefen wurden immer weniger, je weiter wir um den Hauptfelsen kamen. In der Hochsaison möchte ich gar nicht wissen, wieviele Menschen sich hier den schmalen Streifen teilen.

Kulisse am nördlichsten Punkt Deutschlands
Rest des Marineführungsbunkers
Minileuchtturm am Kap

In Glowe kann man sehr gut im Fischerhus essen und das Eis im Eiscafé Arkonablick ist ein Traum. Ärgerlich sind die Parkautomaten, die nur Kleingeld nehmen und selbst die Geschäftsinhaber vor Ort bereits in den Wahnsinn treiben, weil alle zum Wechseln kommen. Ich mag mich im Urlaub eher gar nicht beschweren, aber in der heutigen Zeit gibt es genug alternative Bezahl-Systeme, über die die Betreiber nachdenken sollten.

Am Strand in Glowe
Am Hafen in Glowe

Nebel auf der Insel hatte ich nicht erwartet und Berge ebenso wenig. Aber Überraschungen sind das beste im Leben, der Motor am Fahrrad wollte wohl auch endlich mal richtig zum Einsatz kommen. Von Glowe aus ging es über Land in Richtung Königsstuhl. Die Fähre in Wittow brachte uns wieder auf den nördlichen Teil Rügens. In Wiek werden immer Erinnerungen an eine Kur zu DDR Kindertagen wach, keine allzu positiven Erinnerungen.

An der Wittower Fähre
Schaumschläger

Vorbei an Schloß Spyker fuhren wir immer ostwärts durch den immer dichter werdenden Nebel. Eine fast mystische Stimmung kam auf und das riesige Mohnfeld ließ uns einfach nur staunend am Rand stehen. Der frische feuchte Fahrwind tat einen guten Dienst. Um dem Ganzen noch ein weiteres Naturphänomen aufzusetzen, standen wir kurz vor dem Königsstuhl in einem Märchenwald, der ebenfalls von Nebelschwaden durchzogen wurde. Stehenbleiben, staunen und genießen – ich habe so etwas noch nicht gesehen. Einfach ein sehr intensives Erlebnis. Leider war der Wald für die analoge Kamera zu dunkel, daher ausnahmsweise ein Ersatzfoto.

Mohn-Zeit
Sherwood Forest

Um nach Sellin zu radeln wählten wir am nächsten Tag das verschlafene Dorf Zirkow aus, das gut 12 km östlich liegt, kostenlosen Parkraum findet man hier noch und wer es mag auch ein Karls Erlebnisdorf (der Erdbeerfreak). Für ein Softeis hielten wir sogar kurz in Binz an, das sich für meinen Geschmack zu wichtig nimmt mit den vielen fein heraus geputzten Villen und der Strandpromenade, mit den Läden und Einkehrmöglichkeiten für das betuchte Publikum. Hier konnten sich die wenigsten Ostdeutschen nach der Wende den Traum von einem eigenen Zimmer mit Aussicht leisten, die große Mehrheit der schicken Immobilien ist bis heute in den Händen westdeutscher Investoren und Privatleute. Der Ausverkauf der Ostseeimmobilien mag für die Region jetzt einen Tourismuserfolg bringen, die Gewinne daraus fließen auf Bankkonten in den Westen der Republik.

Ohne Seeblick kein Erfolg
Kurhaus – Travel Charme

Nicht nur wegen unserer besonderen Verbindung zu diesem Ort mochte ich Sellin schon immer lieber. Einen Tag am Meer würde ich hier verbringen. Die Stunde im Strandkorb gönnten wir uns nach einem köstlichen Mal im Skipper an der Hauptstraße. Auch den Fotoladen von Herrn Knospe gibt es noch, scheinbar lassen sich auch andere Brautpaare gerne noch von ihm ablichten und ins rechte Licht rücken.

Traumkulisse für Hochzeitspaare
In Reih und Glied – typisch aufgeräumt eben
Sonnenkönig
Strandprinzessin

Dem Trubel der Seebäder entflieht man relativ schnell. In gut 5 Minuten ist man mit dem Rad über die Hauptstraße auf der anderen Seite und nach 10 weiteren Minuten strampeln in schönster Natur. Am Selliner See vorbei ging es nach Moritzdorf, wo uns ein knorriger alter aber sehr lustiger Seebär mit seiner „Ruderfähre“ über den kleinen Fluß verhalf. E-Bikes kosten extra, verständlich bei diesen Gewichten, die er täglich ins Boot hieven muss. Seedorf kam mir auf Anhieb bekannt vor, im Gasthaus Drei Linden waren wir damals zum Abendessen, diesmal gab es Kaffee und Kuchen. Die vielen kulinarischen Pausen unterbrachen den Tag in kleine Happen. Wir ließen oft den Zufall entscheiden und hatten meistens Glück.

Warten auf den Fährmann
Wiesenspektakel

Am Ende zeigte sich die Natur noch einmal in voller Pracht. Schmetterlinge wie aus dem Bilderbuch umschwebten unsere Beine, als wir an den Blumenwiesen in Richtung Zirkow zurück fuhren. Was will man mehr von einem Tag wie diesem erwarten? Nichts!

Möwe auf G 412

Der letzte Tag gehörte dem Strand, Baden im Meer, Füße im Sand, Stulle im Strandkorb und Eis an der Bude. Die Möwen waren früher kleiner oder? Ostsee streichelt meine Seele, weckt die Sehnsucht nach unbeschwerten Kindertagen mit der Familie und Freunden am FKK, riecht nach Salz und schmeckt nach Vanille-Schoko-Softeis. Gerne darf es immer stille Plätze und leeren Straßen dort geben, unberührte Natur und freundliche Menschen, die nicht vom Touristenwahnsinn abgestumpft sind.

Um nicht nur auf für uns ausgetretenen Pfaden zu reisen, wollten wir uns auf dem Rückweg noch einen bisher unbekannten Ort anschauen. Der kleine Annahüttensee nahe der B96 hatte auf dem Hinweg bereits unser Interesse geweckt. Die Lausitz mausert sich in den letzten Jahren zum neuen Wassersport-Eldorado und Naturquelle im tiefen Osten der Republik. Tief berührt hat mich der Film „Gundermann“, der in der Lausitz spielt. Daher fiel der Entschluss leicht, den letzten Tag unserer Reise an einem der Seen zu verbringen, die dort nach dem Ende des Braunkohletagebaus hier entstanden sind. Der Geierswalder See ist der erste touristisch nutzbare See (nach dem Senftenberger See) der neuen Lausitzer Seenkette und liegt in der Nähe von Senftenberg und Hoyerswerda. Geflutet mit Wasser der Schwarzen Elster wurde dieses Restloch des Tagebaus Koschen im Jahr 2006 für die Freizeitnutzung freigegeben. Unser sehr einfacher Campingplatz lag unweit des Ufers und der Besitzer dort war ein Sachse im Herzen mit Brandenburger Dialekt. Sehr unkompliziert und unterhaltsam, seine Schwester hat mal in Holzgerlingen gearbeitet, aber ist nach 20 Jahren in die Heimat zurück gekehrt, die Welt ist ein Dorf!

Bootsparade am Ufer

Für einen sonnigen Samstagnachmittag herrschte wenig Betrieb am Ufer des Sees. Nur ein paar badelustige Familien und Paare lagen im Sand oder schwammen im kühlen Nass. Gegenüber zogen ein paar Kitesurfer ihre Bahnen über das Wasser und als am Ende des Tages der Wind auffrischte kamen die Surfer an Land und der Strand leerte sich stetig. Den Sonnenuntergang konnten wir fast allein dort genießen mit Radler und DDR-Softeis (Werbeschild) von einer der beiden Strandbuden. Das gute liegt so nah, wie beneide ich die Lausitzer um das bald fertige Wasserparadies direkt vor der Haustüre. Auch wenn ich weiß, dass vielen von ihnen gesicherte und gut bezahlte Jobs lieber wären. Aber diese Rückgewinnung des zerstörten Naturraums bietet viele Chancen, die sicher auch genutzt werden. Touristisch ist dort auf jeden Fall noch ganz viel Luft nach oben und bis dahin ein echter Geheimtipp für alle, die nicht immer nur die Highlights des Ostens kennenlernen wollen.

Ganz ohne rosarote Brille

Die F60 zog uns am nächsten Tag dann doch noch in ihren Bann, lag quasi auf dem Weg und versprach Hintergrundwissen zur Vergangenheit dieser Region. Es handelt sich hierbei um eine von fünf Abraumförderbrücken, die letzte, die hergestellt wurde und in der Nähe von Lichterfeld steht. „Diese Brücken wurden vom ehemaligen VEB TAKRAF Lauchhammer gebaut und sind die größten beweglichen technischen Arbeitsmaschinen der Welt. Als Abraumförderbrücke transportieren sie den Abraum, der über dem Kohleflöz lagert. Die ursprünglich maximale Abtragsmächtigkeit beträgt 60 Meter, daher auch die Bezeichnung F60. Mit einer Länge von 502 Meter wird sie auch als liegender Eifelturm der Lausitz bezeichnet. Insgesamt ist sie bis zu 80 Meter hoch und 240 Meter breit. Im betriebsfähigen Zustand wiegt die Abraumförderbrücke (ohne Bagger) 13.500 Tonnen.“ Quelle Wikipedia

Mächtig gewaltig!

Wir kamen uns wie Zwerge vor, als wir vom Parkplatz um das Kassenhäuschen bogen und dieser Kollos auf Stahl vor uns stand. Manfred Krüger, ehrenamtlicher Helfer des Technischen Museums führte unsere kleine Gruppe von unten bis in luftige Höhen, wo sich uns ein spektakulärer Blick über die weite Landschaft bot. Mehr verrate ich nicht, das Teil ist wirklich eine Reise wert und die Führung absolut empfehlenswert. Ich glaube selbst Herr Gundermann wäre stolz darauf, was der Verein hier geleistet hat und mit welcher Hingabe die Menschen den Besuchern dieses Stück Geschichte ihrer Heimat nahe bringen. Reisen bildet, wissen wir ja alle.

Mann und Maschine
Frau im Himmel
Die Blickrichtung stimmt!

Im Osten gibt es neben Altbekanntem viel Neues zu entdecken. Tief zufrieden mit den Erlebnissen und Eindrücken aus diesen vollkommenen und nicht ganz entleerten Landschaften kehrten wir zurück und schmieden schon neue Pläne. Es gibt viel zu erleben dort und zu erzählen, es ist eigentlich ganz einfach.

Wenn wir geblieben wären.

Wer meine letzten Blogeinträge gelesen hat weiß, dass ich mich momentan wieder etwas intensiver mit meiner Vergangenheit und im speziellen meiner Kindheit und Jugendzeit in der ehemaligen DDR befasse. Das Thema beschäftigt mich nicht erst seit diesem Jahr, sondern immer wieder in meinem bisherigen Leben.

Insbesondere die Frage, was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1998 meine Heimat im Vogtland verlassen hätte, um in den Südwesten der Republik zu ziehen. Und damit auch mit der Frage, was wäre aus meiner Heimat und damit meine ich das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR geworden, wenn alle der ca. 1,5 Millionen geblieben wären. Nun sind solche „Was wäre wenn Fragen?“ immer eine schwierige Angelegenheit, weil sie einfach nie richtig beantwortet werden können, denn keiner kann die Zeit zurück drehen und sein Leben noch einmal leben. Trotzdem reifte in den vergangenen Jahren, auch durch die ständigen Reisen zurück in die Heimat, der Wunsch mich damit auseinanderzusetzen. Auch der längere Auslandsaufenthalt meiner Familie trug sicher dazu bei, sich mit der Sicht auf die Welt und meinem Platz darin etwas intensiver zu beschäftigen.

Die daraus logische Frage für mich lautete daher: Wie gehe ich das an? Bücher und Filme, Reportagen und Podcast zum Thema gibt es sehr viele. Ein Fotoprojekt habe ich bisher noch nicht richtig entdeckt. Sicher, der Buchmarkt hält Dokumentationsbücher über das Leben in der DDR bereit, da stehen auch einige in meinem Bücherregal und helfen ab und zu, den eigenen Kindern etwas aus meiner Kindheit zu erklären. Eine Statistik zur Migration der Ostdeutschen in den Jahren nach der Wende zeigt, dass die Mehrheit Frauen waren, die ihre Heimat verlassen haben. Sei es aus Liebe, sei es aus beruflichen Gründen, sei es weil sie vielleicht mutiger waren und es wagten ihr Glück in die Hand zu nehmen.

Daher wird mein Projekt nur von den Frauen leben, die hier zu Wort kommen dürfen und aus ihrem Erfahrungsschatz berichten, wie es war zu gehen und ob es vielleicht anders gekommen wäre, wenn wir alle geblieben wären.

Den Anfang macht Antje.

Antje (geb. 1983) ist die Frau meines Cousins und stammt aus dem Erzgebirge. Sie verließ ihre Heimat 2003 nach der Ausbildung, fand einen Job in München, heiratete (einen Ostdeutschen) und wohnt noch immer dort mit der mittlerweile auf vier Köpfe angewachsenen Familie. Wir führten das Interview am 31.03.2019.

S: Hat dich das kurze Leben in der DDR geprägt?

A: Ich glaube, was mich geprägt hat, war die Erziehung, die ist schon ganz anders, bei den Ostkindern als bei den Westkindern gewesen. Wenn du dich mit Erwachsenen darüber unterhältst, die Ansichten darüber sind teilweise ganz anders, auch gerade dann, wenn es um die Kindererziehung auch deiner eigenen Kinder geht. Um bestimmte Werte mitzugeben, bestimmte Sachen zu schätzen.

S: Bewegt dich auch, der Umstand, dass es im Osten, unserer alten Heimat sehr viele „tote“ Orte gibt, die es nicht geschafft haben, nach der Wende die Menschen dort zu behalten, die nach einer Euphorie-Phase eine zweite Abwanderungswelle erleben mussten?

A: Ja, das macht mich traurig und ich kenne das gerade auch aus dem Erzgebirge Ich glaube das viele gerne geblieben wären. Ich finde es traurig, dass dieses verbohrte Denken teilweise immer noch vorhanden ist.

S: Denkst du es liegt an den älteren Leuten dort, die in der Heimat geblieben sind?

A: Man merkt es schon, dass das Denken dort immer noch sehr Ost und West behaftet ist. Da kommt dann der Westkollege vorbei. Die Vorurteile sind immer noch vorhanden, selbst wenn wie in meinem Fall, die eigenen Kinder jetzt im Westen wohnen und leben. Genauso ist es anders herum, wenn man im Gespräch merkt, wie über die Ostdeutschen geredet wird, bis die Gesprächspartner merken, dass mal selbst aus dem Osten kommt. Da heißt es dann schon mal, ach du kommst aus Sachsen, das wusste ich nicht. Bei mir verrät der fehlende Dialekt meine Herkunft nicht.

S: Wann bist du in nach Bayern gezogen? Und hast du dich damals dort als Ossi gesehen?

A: 2003. Am Anfang schon. Das Bewerbungsgespräch was schon witzig, aber mein erster Patient damals hat mich zum Umdenken angeregt, zumindest was die Sprache betrifft. Es war ein Intensivpatient und er hat mich nicht verstanden und ich ihn nicht. Er war Bayer und da stand für mich fest, ich muss etwas ändern. Ich habe mich dann bemüht mehr Hochdeutsch zu sprechen, mittlerweile denken viele Leute ich komme aus Franken, weil sich der bayerische Dialekt eingeschlichen hat.

S: Ist das eine bewusste Entscheidung, so das keiner mehr merkt, dass du aus dem Osten kommst?

A: Genau. Ich möchte nicht sagen, dass ich mich dafür schäme, wie ich aufgewachsen bin und wie mich meine Eltern geprägt haben. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Aber weil eben immer noch viele Vorurteile vorhanden sind möchte ich nicht, dass man mich sofort erkennt.

S: Dann war das in gewisser Weise eine Anpassung. Ich habe das für mich nie versucht, nur noch hochdeutsch zu sprechen, obwohl einige im Osten mittlerweile behaupten, ich rede gar kein Sächsisch mehr.

A: Ich kann es glaube ich gar nicht mehr richtig. An bestimmte Wörter erinnere ich mich dann, wenn ich eine Woche Urlaub im Osten mache. Aber ich möchte es eigentlich auch nicht mehr.

S: Wie viele sind denn aus deiner Familie weggegangen aus der Heimat? Oder aus deinem näheren Umkreis?

A: Mein Onkel noch. Und mein Papa, der weggehen musste. Weit nach der Wende erst, nach Jahren der Arbeit im Osten, weit nach 2000 dann. Es müsste so 2009/2010 gewesen sein, als er gegangen ist. Mein Onkel und mein Papa sind sehr heimatverbunden geblieben. Er steht zu seiner Heimat und vermisst sie sehr. Ich auch, ich liebe das Erzgebirge. Es ist schon verrückt, aber da habe ich nie darüber nachgedacht.

S: Hast du es je bereut gegangen zu sein?

A: Nein, ich habe es nicht bereut, nie. Weil ich dadurch ganz andere Möglichkeiten hatte, sich ganz andere Horizonte aufgetan haben. Ich beruflich andere Wege habe gehen können. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, nein ich habe es nicht bereut.

S: Und wenn es die Möglichkeiten damals in Sachsen gegeben hätte?

A: Dann wäre ich dort geblieben. Ich wollte dort bleiben. Ich wollte nicht weggehen (eine Träne kullert). Ich habe viele Bewerbungsgespräche gehabt, ich wusste damals schon, wenn ich nach der Ausbildung fertig bin, bin ich auf diesem Markt im Osten nichts wert (im Sinne von zu teuer). Ich habe dann sehr viele Fortbildungen gemacht, die notwendig waren für mein Berufsbild (Physiotherapie). Damit war ich dann schon wieder zu gut ausgebildet, viele wollten sich das dann nicht leisten. Auch die Aussagen „Sie sind jung und ungebunden, was wollen Sie denn hier am Ort? Gehen Sie doch in den Westen.“ bestärkten den Entschluss. Schließlich gab die letzte Absage dann den Ausschlag wegzugehen, als eine fest geglaubte Stelle aufgrund von Beziehungen an einen Anderen ging. Die wollen mich hier einfach nicht.

S: Hast du mal darüber nachgedacht, wer daran Schuld hatte, dass der Osten seine gut ausgebildeten jungen Leute verloren hat? Es ist ein großer Teil einer ganzen Generation dort verschwunden und der fehlt immer noch.

A: Es gibt ja jetzt viele Regionen, in die wieder Leute zurück kommen.

S: Ja, aber die waren alle 20 oder 30 Jahre weg. Was hätten wir erreichen können, wenn wir alle geblieben wären?

A: Zum damaligen Zeitpunkt habe ich da wenig darüber nachgedacht. Ich hatte keine andere Wahl. Und wollte auch nur arbeiten und Geld verdienen. Ich hätte damals einfach wenig erreichen und bewegen können. Wenn du dann einmal in diesen Regionen lebst, wo Wohlstand vorhanden ist, da denkst du nicht mehr über Schuld nach. Ich würde auch keinem die Schuld geben, die jungen Leute haben ihre Chancen genutzt und sind gegangen, sie wollten etwas erreichen, Geld verdienen und ein Leben aufbauen. Auch aus meiner Schule sind zwei drei Leute weggegangen. Viele sind auch dort geblieben, haben es akzeptiert und haben relativ schnell eine Familie gegründet.

S: Hast du mit denen noch Kontakt?

A: Während der ersten Jahre in Bayern hatte ich noch Kontakt und dann viele Jahre nicht mehr. Jetzt gibt es eine WhatsApp Gruppe, aber du merkst auch da, es gibt immer noch dieses Ost / West Denken. Und jeder hält sich für etwas besseres, was ich ganz schlimm finde. Ich bin mit bestimmten Werten groß geworden und meinen Eltern dafür sehr dankbar. Ich habe viele Sachen schätzen gelernt, was heute vielen abgeht.

S: Sind sie vielleicht ein bisschen neidisch auf das Erreichte von dir?

A: Findest du? Vielleicht! Jeder der zurück kommt, wir mit Argusaugen beguckt.

S: Kennst du jemanden, der zurück gegangen ist in den Osten?

A: Ja ich kenne welche und die werden manchmal dann als „Gescheiterte im Westen“ dargestellt. Das finde ich schade, denn das ist meistens nicht so. Viele gehen zurück, weil die Familie dort noch lebt. Gerade wenn eigene Kinder geboren werden, wollen sie die Großeltern in der Nähe haben oder sich auf ihre alte gute Heimat zu besinnen. Ein Bekannter aus dem Osten erzählte mir, er hat beobachtet, es gibt wohl zwei Arten von Ostdeutschen, die im Westen leben. Die einen die sich dort nie wohlfühlen und sich den Gegebenheiten dort nicht anpassen können. Die suchen sich oft auch keine Freunde und gehen dann doch wieder zurück. Die kommen dort eben nie an, sehen es nicht als Heimat. Und die anderen, die sich wohlfühlen und bleiben. Ich hatte eine Kollegin, die wieder zurückgegangen ist und der Bekannte dann auch.

S: Kannst du die verstehen?

A: Doch schon. Die sind sehr heimatverbunden. Für mich kann ich sagen, ich bin sehr neugierig gewesen, ich wäre auch woanders hingegangen, zum Beispiel nach Österreich, ich wollte immer nach Wien. Oder in die Schweiz. Wenn sich heute die Möglichkeit auftun würde, würde ich auch noch weiterziehen. Weil ich neugierig bin und Neues kennenlernen möchte. Aber ich weiß trotzdem wo ich aufgewachsen bin .

S: Deine Heimat ist…

A: Ich sag mal, mein zu Hause ist München,

S: … und deine Heimat wird das Erzgebirge bleiben. Das geht ja vielen so. Auch Leute, die in Bayern aufgewachsen sind und jetzt in Hamburg leben, werden ihre Heimat wohl immer in Bayern sehen.

A: Im Osten ist es mittlerweile auch ganz anders, da kannst du auf dem Land am Wochenende um 2 Uhr Nachmittags nicht mehr zum Einkaufen gehen, weil alles geschlossen hat. Das ist ein großer Unterschied zu meinem Leben in der Großstadt.

S: Das liegt eben auch daran, dass viele Leute weggegangen sind. Wo keine Kunden mehr vorhanden sind, machen die Geschäfte dicht. Die jetzige jüngere Generation im Osten, die dort wohnen und ihre Familie gründen, die orientieren sich wahrscheinlich schon daran, in Sachsen zu bleiben.

A: Das habe ich auch gemerkt. Viele junge Leute bauen auch wieder Häuser dort, haben gute Jobs oder sind selbständig. Bauen Firmen auf und sind erfolgreich. Ich finde das super.

S: Hat es für dich eine Traurigkeit oder einen Verlust gegeben, dein Leben nicht in der Heimat zu verbringen? Der Arbeit wegen weggehen zu müssen?

A: Verlust natürlich, das ich meine Familie nicht um mich habe. Und traurig bin ich an Weihnachten. Das ist in Bayern nicht so heimelig und gemütlich wie ich es aus meiner erzgebirgischen Heimat. Als ich die Stelle bekommen hatte damals, war der Plan das für 1-2 Jahre dort zu machen. Und mein Papa hat gleich gesagt: Du wirst bleiben. Das habe ich nicht geglaubt, ein Dirndl werde ich nie anziehen. Dann habe ich Oli kennengelernt und mein Papa war sich sicher, dass ich bleibe. Als die Probezeit nach 2 Jahren beendet war und der Vertrag verlängert wurde, bin ich geblieben und habe meine eigene kleine Familie bekommen. Im Hinterkopf hatte ich in den ganzen Jahren immer das Gefühl, ich gehe zurück. Ich wollte eigentlich schon gerne in der Heimat bleiben.

S: Aber in eine größere Stadt, wo Jobs vorhanden gewesen wären, zurückzuziehen wäre eine Option gewesen?

A: Der Verdienst dort ist schon sehr viel niedriger als in München. Wenn man den anderen Lebensstandard kennengelernt hat, was ich durch das Weggehen eben habe, dann ist es sehr schwierig, wieder anders leben zu wollen.

S: War das eigentlich für dich interessant, dass du mit jemanden zusammen gekommen bist, der ebenfalls aus dem Osten gekommen ist? War das eher Zufall oder gezielt gesucht?

A: Gesucht nicht. Die Schwiegermama hatte dafür einen gewissen Einfluss (lacht). Nein gar nicht, ich glaube ich hätte auch jemanden aus dem Westen genommen. Das hat sich so ergeben. Es ist schön, dass es jemand aus dem Osten ist.

S: Ich frage nur, weil es die Beobachtung gibt, dass Leute aus dem Osten, die in den Westen gegangen sind, selten Leute aus dem Westen heiraten.

A: Ehrlich?

S: Ist es vielleicht eher der Grund, unter Gleichen zu bleiben oder das sie sogar eher Ausländer heiraten.

A: Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht.

S: Kennst du andere Pärchen? Die gemischt sind?

A: Ich kenne ein Paar, das ist auch Ostdeutsch und Ausländer. Ein anderes Paar, die sind auch beide aus dem Osten. Stimmt, wenn man es so betrachtet.

S: Es hat wahrscheinlich schon mit gleichen Werten, gleicher Heimat, gleiche Lebenssituation, von zu Hause weggegangen, zu tun. Man hatte Gesprächsstoff für die Beziehung.

A: Ich glaube schon, dass die Werte eine Rolle spielen. Was hat zum Beispiel Geld für eine Stellung. Auch das Thema Kindererziehung oder müssen Anschaffungen sein und brauchen wir bestimmte Sachen, kann man nicht das alte kaputte Sieb noch weiter benutze. Wir können uns schlecht von Sachen trennen, ich mag diese Wegwerfgesellschaft nicht, hebe Sachen gerne auf.

S: Gibst du das jetzt auch an deine Kinder weiter? Du wirst ihnen sicher erzählen, wo du aufgewachsen bist und herkommst. Aus einem Land, was es so in seiner Struktur von damals nicht mehr gibt.

A: Ja, sicher. Was ich echt schön finde, ist zum Beispiel das Spielzeug von früher. Mit der Kindheit in der DDR verbinde ich den Brummkreisel oder die Mosaikwürfel. Die sind mit schönen Erinnerungen verbunden. Bereut habe ich nie, vermissen tu ich es schon, besonders meine Eltern.

S: Was ich mich oft frage, ist wenn die politischen Umstände und Folgen damals anders gelaufen werden, ohne die Abwicklung der Betriebe in der DDR und die dazu führende Arbeitslosigkeit in dieser Masse. Und der Jugend dadurch keine Chancen aufzuzeigen dort zu bleiben. Wenn diese Umstände anders gewesen wären, wie viele Leben wären dann wohl anders verlaufen.

A: Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich Oli nicht kennengelernt. Ich hätte vielleicht auch viele Reisen nicht gemacht, die ich unternommen habe, weil ich im Westen gearbeitet habe.

S: Man kann das Ganze auch andere herum betrachten, die vielen jungen Leute, die weggegangen sind, mussten dann relativ schnell auf eigenen Beinen stehen. Die mussten sich allein durchbeißen, die Familie war oft weit entfernt, Besuche nicht so oft möglich.

A: Ich merke, dass ich mich dadurch verändert habe. Ich bin vielleicht ein Stück weit noch selbstbewusster geworden. Kann mich besser durchsetzen. Ich war anders bevor ich die Heimat verlassen hatte.

S: Hattest du auch den Anspruch: Wir dürfen jetzt nicht scheitern? Unsere Eltern waren meistens dann schon zu alt, um noch einmal von vorne anzufangen, sich etwas Neues aufzubauen. Die wollten lieber in ihrer Umgebung versuchen, das neue Leben zu meistern.

A: Einmal das. Und viele, die ich in Bayern kennengelernt habe und aus dem Osten kommen, sind echte Durchhalter und Arbeitstiere. Die beschweren sich auch eher selten und sitzen nicht da und würden nicht arbeiten. Es ist wohl eine ganz andere Arbeits- und Lebenseinstellung. Das prägt uns auch noch sehr. Es muss eben gehen, es muss weitergehen. Zum Beispiel auch das Thema nach den Kindern nur noch in Teilzeit zu arbeiten. Das hat sich für mich nicht gestellt. Ich kenn das nicht anders. Meine Mama hat immer gearbeitet. Und das ist glaube ich schon noch so etwas Ostdeutsches. Auch wenn ich mich mit Müttern auf dem Spielplatz unterhalte. Das regt mich echt auf. Ich mag mich da auch nicht mehr rechtfertigen, warum ich wie arbeite und es eben so mache. Viele können das nicht nachvollziehen. Diese These dann, ob ich dadurch nicht meine Kinder vernachlässige. Ich denke, dass ich trotz Vollzeit eine gute Mutter sein kann und mich gut um meine Kinder kümmere.

S: Hast du dir die Frage gestellt, was aus dir geworden wäre, wenn du in der DDR gelebt hättest und die Wende nicht gekommen wäre?

A: Lange hatte ich mir diese Frage nicht gestellt. Aber tatsächlich jetzt erst als der Film „Der Ballon“ in die Kinos kam. Und ich dachte, Oh Gott, noch so ein Ossi-Film. Wieder jemand, der versucht, den Osten darzustellen. Ich muss sagen, der Film spiegelt sehr viel wieder und mich sehr nachdenklich gemacht. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich diese Dankbarkeit empfunden habe, dass die Wende kam. Ich weggehen konnte und durfte, reisen darf. Wenn man wieder einmal gesehen hat, wie krank dieses System eigentlich war. Der Film spiegelt das wirklich sehr gut wieder. Er ist sehr gut recherchiert. Wir haben den im Osten gesehen. Im Kino mit vielen Ostdeutschen um uns herum. Es war teilweise lustig, weil die sehr viel kommentiert haben während des Films. Und ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte applaudiert und das ging mir bei keinem Film bisher so. Und das Schlimme ist, es gibt heute nach Gegenden, die genauso aussehen wie sie im Film dargestellt werden. Wir sind beide sehr nachdenklich nach Hause gefahren und haben beide gesagt: Eigentlich müssen wir wahnsinnig dankbar sein, was uns an Möglichkeiten geboten wurde und ich glaube so hätte ich nicht dort weiterleben wollen. Ich bin auch niemand, der sich gerne unterordnet, eher jemand der gerne mitdenkt, der gerne etwas verändert, der etwas bewegen möchte. Den Film fand ich wirklich beeindruckend, der hat mich nachdenklich gemacht. Zu beobachten, was sich eigentlich für mich getan hatte. Und ich wäre dann ja genau in diesem System erwachsen geworden. Und du merkst, wie krank das war.

S: Ich stelle mir manchmal die Frage, hätten wir es nicht versuchen müssen, wieder in den Osten zurückzugehen. Unsere Energie dort zu lassen.

A: Ich kenne viele dort, die wollen sich dort gar nicht verändern, die wünschen sich das alte System zurück.

S: Ich denke, für bestimmte Regionen, wäre es sicher gut gewesen, wenn einer/eine dort gewesen wäre, die den Stein ins Rollen gebracht und etwas bewirkt oder angestoßen hätten.

A: Da habe ich auch andere Erfahrungen gemacht. Ein Kumpel von Oli wollte sich dort etwas aufbauen. Aber die Leute sind einfach nicht gekommen. Warum soll ich zu dem gehen und dem mein Geld geben? Diese Mentalität ist verbreitet. Für meine Berufsbranche gilt das genau so. Wer leistet sich dort einfach so eine Massage, wer gönnt ich das? Wer macht aus eigener Tasche einen Gesundheitskurs? Viele sagen, warum soll ich das machen, es gibt doch die Krankenkasse, ich zahle doch schon meine Beiträge. Das ist schon ein Unterschied.

S: Aber das wird sich wahrscheinlich auch ändern, mit der nächsten Generation dort. In den Großstädten ist das jetzt bestimmt schon so.

A: Aber im ländlichen Bereich wird dieses Denken noch lange nicht da sein. Ich weiß auch nicht, ob ich hätte etwas bewegen können. Und wenn dann auch nur, weil ich es vorher anders erlebt habe und eben nicht dort geblieben bin. Vielleicht gehe ich im Alter auch wieder zurück. Ich weiß es nicht. Wenn ich mir die Großstadt dann nicht mehr leisten kann. Das ist schon paradox. Erst geht man weg, um Geld zu verdienen und dann wirst du wieder gehen müssen, weil es nicht reicht, um dort zu bleiben. In der Region, die du dann eigentlich als deine neue Heimat betrachtest. Du bist immer zerrissen zwischen den beiden Welten.

S: Immer auch der Flucht.

A: Im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist immer am Reisen, man reist immer Etwas hinterher.

S: Dem Glück vielleicht? Ich finde es zum Beispiel gut, wenn es Veränderungen im Leben gibt. Das liegt sicher an meinem Typ. Viele meiner Kollegen hier, die würden nie ins Ausland gehen und dort leben wollen. Oder schon in eine andere Stadt ziehen ist undenkbar.

A: Ich würde schon noch einmal weggehen. Für Oli wäre das schwieriger, seine Eltern sind mittlerweile auch hier in die Nähe gezogen. Ich würde das meinen Kindern schon gerne ermöglichen wollen. Aber ich blicke lieber nach vorn als nach hinten. Und ich bin glücklich da, wo meine Familie ist. Ich bin nicht unglücklich, dort wo ich ich jetzt lebe. Ich bin für vieles dankbar, und auch dafür, dass ich ein Kind vom Osten bin.

S: Ein schönes Schlusswort. Danke Antje!

„Ich erzähl dir mein Geheimnis, und noch mehr, wenn du mich danach fragst.“ Auszug aus dem Lied „Grönland“ von Herbert Grönemeyer.