Leipzig – eine neue fotografische Liebe

Meisterklasse Menschenfotografie bei der Fotokünstlerin Antje Kröger (http://www.antjekroeger.de/) am 26./27. November 2016 in Leipzig.

Abgetaucht in zwei Tage voller Emotionen, Spielerein, harter Arbeit, Genuss, Weinen, Lachen, Worten, Licht und Schatten. Ich brauchte etwas Zeit, um das Erlebte zu sortieren, zu begreifen, wirken zu lassen und für mich so zu reflektieren, den bestmöglichen Nutzen für meine fotografische Zukunft daraus zu ziehen.
Antje hatte mich und drei weitere Fotografinnen eingeladen zu einer Reise mit dem Thema „Menschenfotografie“, in ihre Welt zu blicken, meine eigene Ansicht zum Thema Fotografie zu beleuchten und viel Neues zu erfahren. Letztlich war es für uns alle wohl auch eine Reise zu uns selbst.

„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ – diesen Gedanken pflanzte Antje gleich zu Beginn des Workshops in unsere Köpfe und wir sollten dieses Thema bei uns halten für diese Zeit in ihren besonderen Räumen unter dem Dach des in die Jahre gekommenen Hauses. Ich habe die Atmosphäre während meiner zwei Tage dort sehr genossen, eine Vertrautheit stellte sich schnell ein. Die Zusammenarbeit mit den beiden sympathischen Models Franziska und Katja ließ unsere Fantasie sprießen, fast wie ein Theaterregisseur kam ich mir zeitweise vor. Neben einem großen Anteil Theorie mit Bildbesprechung, Erfahrungsaustausch und gedanklicher Vorbereitung auf die einzelnen Shootings machte mir die Arbeit hinter der Kamera richtig Spaß. Zu sehen, dass die eigene Idee tatsächlich so gut in Bilder umgesetzt werden kann, ist einfach wundervoll.

Mit großer Solidarität zu mir zeigten die beiden Models genau die Gefühle, die ich sehen und fotografieren wollte. Die Räume, Requisiten, das perfekte Licht und die professionelle Anleitung von Antje brachten mich zu einem ersten kleinen Erfolg. Die Bilder sollen sprechen, Worte sind meiner Ansicht nach nicht mehr notwendig. Meine Serie „Gemeinsam – Einsam – Gemeinsam“ in acht Bildern:

(Klick auf das Foto vergrößert es)

Distanz

Distanz

Zweifel

Zweifel

Rückzug

Rückzug

Ersatzliebe

Ersatzliebe

Versuchung

Versuchung

Erwartung

Erwartung

Vertrauen

Vertrauen

Glück

Glück

Meine fotografische Wurzel wird sich weiter verzweigen, den Pfad der Straßenfotografie werde ich nicht ganz verlassen, aber diese Art Menschen zu fotografieren fasziniert mich jetzt. Eigene Ideen zu entwickeln und Neues zu zulassen – ein guter Plan für 2017 finde ich. Mein besonderer Dank geht an Antje, die Models Franziska und Katja, sowie die drei Mitstreiterinnen Frauke, Kathrin und Franziska.

Tradition vs. Tierschutz

Meine für mich beste Arbeit dieses Jahres möchte ich in diesem Artikel vorstellen. Lange habe ich überlegt, ob ich diese Fotos überhaupt veröffentlichen soll, bis ich mich an die Bearbeitung machte und dabei festgestellt habe, dass es nicht richtig wäre, sie im Archiv verschwinden zu lassen. Es ist eine recht umfangreiche Reportage zu einem Ereignis, dem wir in unserem Sommerurlaub beiwohnten. Eher zufällig hatten wir davon erfahren, als uns am Abend vorher der Barbesitzer davon erzählte. Wahrscheinlich hätten wir dieses Event verschlafen und uns nur über die Kanonenschüsse um acht Uhr morgens im Bergtal gewundert.

Hätte ich über unseren Urlaubsort Fornalutx vorab einmal bei Wikipedia nachgelesen, wäre mir sofort dieser Text ins Auge gesprungen: Alljährlich um den 8. September herum, zur Zeit des Dia Novitat de la Mare de Deu, wird in Fornalutx, vermutlich am einzigen Ort auf Mallorca, noch das Fest Correbou gefeiert. Hierbei handelt es sich, wie bei ähnlichen Festen um ein bis in die Frühzeit reichendes Stieropfer. Ein Stier wird von einer jungen Frau mit einem Blumenkranz geschmückt, um anschließend durch den Ort getrieben zu werden. Am Ende wird er geschlachtet und das Fleisch wird unter den Spendern des Stiers aufgeteilt. Seit einigen Jahren protestieren zeitgleich verschiedene Tierschutzorganisationen gegen diesen alten Brauch.
Es ist neben einer kurzen Beschreibung des Ortes der einzige Eintrag dort.

Wir wussten nicht genau, was uns am Morgen im Ort warten würde, da der Barbesitzer nur sehr dürftiges Englisch sprach und wir nur in Erfahrung bringen konnten, das am nächsten Tag ab 8 Uhr etwas los ist mit einem Stier und wir zum Markplatz kommen sollen. Die Kinder malten sich eine blutige Hetzjagd des Tieres durch die schmale Hauptstraße aus und wollten eigentlich gar nicht mitgehen. Auch eine vor Ort Schlachtung auf dem Marktplatz lief im Kopfkino der beiden ab. Ich beruhigte und glaubte nicht an eine blutige Aktion. Da wir kein Internet im Ferienhaus hatten, blieb uns nur abzuwarten und mit einem etwas mulmigen Gefühl hinzugehen. Da wir nicht genau wussten was uns erwartete nahm ich natürlich meine Kamera mit, in der Annahme es würde sicher ein paar spannende Aufnahmen geben.
Ich sollte nicht enttäuscht werden. Der gesamte Ort war schon vor acht Uhr auf den Beinen, so wie es aussah waren nicht nur Einheimische hier, Freunde und Schaulustige aus den Nachbarorten schienen extra angereist zu sein. Im Ort wurde schon eine ganze Woche Fiesta gefeiert, dieses Ereignis, sowie ein Konzert auf dem Sportplatz waren die Höhepunkte der Festwoche. Viele der Leute trugen extra für das Event gedruckte T-Shirts und strömten zusammen mit uns in Richtung Ortsausgang. An allen Balkonen und Mauern standen oder saßen bereits Urlauber, Familien mit Kindern – Fotografen standen mit Teleobjektiven parat und sogar ein Kamerateam konnte ich entdecken. Nicht zu übersehen war das Aufgebot der Polizei, die mit etwa 15 Leuten auf der Hauptstraße standen.

Wir fanden einen für uns geeigneten Platz und mischten uns unter die Leute, ein sehr netter Brite, der schon ein paar Jahre hier im Ort lebte, erklärte uns dann das Spektakel. Es ist eher eine Mutprobe für die Jugend, die vor einem an Seilen festgebunden Stier herlaufen. Der Stier wird von mehreren Männern gehalten und angestachelt, so das er immer wieder versucht sich loszureißen und durch die Menge zu jagen. Okay, also die Kinder lieber auf die Mauer oberhalb der Straße gesetzt, erschien mir vernünftig. Es würde auch kein Blut fließen, eine Schlachtung erfolgt dann wohl eher im Schlachthof und nicht auf dem Marktplatz.

Es dauerte nicht lange, als wir laute Rufe vom anderen Ende der Straße (Richtung Marktplatz) hörten und ich eine kleine Gruppe von Menschen ausmachen konnte, die sich mitten auf die Hauptstraße gesetzt hatten, um ihren Unmut über diese Aktion kundzutun. Im Kreis versammelt und untergehackt schrien die Tierschützer lautstark ihr Parolen, auf spanisch natürlich. Polizisten schirmten sie ab, allerdings war es weder für die Presse noch Fotografen schwierig an die Leute heranzukommen. Es ging keine Gefahr von ihnen aus, sie demonstrierten einfach gegen diese für sie unsinnige Tradition. Den Schaulustigen schien das Spektakel vor dem Spektakel zu gefallen, es gab eher verhaltene Widerworte auf deren Reihen. Als die Presse und Kamerateam ihre Fotos hatten griff die Polizei ein, um die Demonstranten von der Straße zu räumen. Einzeln wurden sie ohne Widerstand zu leisten von der Straße geführt oder getragen und in einer kleinen Gasse sofort von den Reportern für ein Interview umringt.

Das eigentliche Spektakel konnte nun beginnen, kurze Zeit später setzte sich der Pulk an Menschen vom Ortseingang aus zusammen mit dem Stier in Richtung Marktplatz in Bewegung. Die Jugend sprang immer wieder in schnellen Schritten vor dem Tier davon, die auserwählten Männer hielten den Stier im Zaum und einige andere versuchten ihn mit Tüchern wild werden zu lassen. Das gelang nur teilweise, als er auf unserer Höhe war hatte ich das Gefühl, er hatte keine Energie für dieses Spiel. Weißer dicker Speichel tropfe aus seinem Maul, ich meine in seinen Augen den Stress zu sehen, der gerade in seinem Körper herrscht. Die Menge jubelt, einige sind ängstlich und einige auch entsetzt. Ich versuche die Blicke und Stimmungen aller Beteiligten einzufangen. Mir tut das Tier nur leid und eigentlich will ich in diesem Moment gar nicht dort sein. Irgendwann hat er es geschafft, wird in eine große Box verladen und weggefahren. Wohin weiß ich nicht.

Ich habe nichts gegen Traditionen und finde diese wichtig, Menschen drücken ihre Identität damit aus und weltweit gibt es die verschiedensten bunten Feste und Ereignisse. Die Welt wäre um soviel ärmer ohne sie. Aber andere Lebewesen dafür leiden zu lassen ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr notwendig. Ich kann die Tierschützer gut verstehen und bewundere ihren Mut sich gegen diese Stierjagd zu stellen. Vermutlich wird es auch im kommenden Jahr wieder dazu kommen im kleinen beschaulichen Fornalutx, dass ich als einen so idyllischen Ort mit sehr liebenswerten Menschen in Erinnerung behalten möchte. Vielleicht haben die Bewohner irgendwann den Mut, mit dieser Tradition zu brechen und keinen lebenden Stier mehr durch den Ort jagen zu wollen. Eine farbenfrohe Prozession mit Kindern als Stiere verkleidet würde sicher ebenso viele Touristen und Fotografen anziehen. Aber vielleicht bleibt das nur meine idealistische Traumvorstellung. Ich hoffe nicht.

Meine Reportage ist in vier Teile gegliedert, die Bilder lassen sich mit einem Klick darauf größer anschauen.

1. Die Vorbereitung:

Schilder

Fornalutx liegt nordöstlich von Sóller im Gebirgszug der Serra de Tramuntana

Zuschauer

Die ersten Zuschauer warten schon.

Mauer

Eine Zigarette geht noch.

Balkone

Jeder Balkon ist heute besetzt.

Lesung

Friedlich – Mutter liest ihrem Kind vor.

Fragender Blick

Wer bist du? Und warum fotografierst du mich? – Ein Blick sagt alles.

Polizei

In Position gebracht, noch ohne wirkliche Aufgabe.

Jugend

Voller Erwartung und mit speziell gedruckten Shirts zum Spektakel unterwegs.

Stock

Alle sind heute gekommen – mit Stock zum Haltgeben.

2. Der Protest

Sitzstreik

Sitzblockade auf der Hauptstraße

Protestler

Sofort ein Anziehungspunkt

Straßenbesetzung

Freiwillig gehen sie nicht weg.

Anwohner

Die Zuschauer lassen ihren Unmut ebenfalls raus.

Rufe

Abgeschirmt durch die Polizei brüllen sie ihre Parolen in die Menge.

Schaulustige

Protest und Schaulust treffen aufeinander

Räumung

Schließlich beginnt die friedliche Räumung durch die Polizisten.

Verzweiflung

Verzweiflung – sie können es nicht verhindern.

Applaus

Fast würde dieser Herr gerne noch applaudieren.

Abtransport

Der ältere Herr mit Bart muss gehen.

Warten

Hier freuen sich einige über die Räumung.

3. Die Stierjagd

Kinder

Es scheint etwas zu passieren dort oben.

Ausblick

Sie entdecken das Tier als Erste in der Menge.

Jagd

Wer nicht auf die Hörner genommen werden will, rennt.

Fernsehen

Das Fernsehteam steht für die besten Bilder in Position.

Leinen

An der langen Leine – der junge Stier ist zu sehen.

Jagd

In vollem Gang – Stier jagt Mensch – oder eher umgekehrt.

Am Seil

Eine echte Chance hat er nicht.

Einheizen

In Szene gesetzt für die Zuschauer.

Fertig

Objekt der Begierde – Draufhalten!

Ende

Die Karawane zieht weiter.

4. Danach

Kameramann

Bilder vom Randgeschehen einfangen.

Augenblick

Augenblicke eingefroren – was diese beiden über das Gesehene denken.

Anhängerin

Traditionen bewahren?

Musiker

Versöhnlich erklingt Dudelsackmusik in den Ohren

Musiker

Alt und Jung könnten auch anders feiern.

Familie

Nachdenklichkeit in den Gesichtern meiner Familie

Kinder

Was geben wir unseren Kindern mit für die Zukunft?

Interview

Sie finden Gehör!

Wir haben dieses Ereignis in unserer Familie besprochen und waren uns alle einig, dass es eine solche Stierjagd nicht mehr geben sollte. Ich bin immer noch gespalten, ob meine Fotos der richtige Weg sind, auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass diese Ereignisse dokumentiert werden. Die Welt besteht nicht nur aus friedlichen Urlaubsfotos, hinschauen und diskutieren, aufstehen und sich wehren. Oft sind gerade solche Reportagen wichtig, um ein Umdenken einzuleiten oder auf Missstände aufmerksam zu machen. Für mich war es eine Erfahrung, die mir moralische Grenzen aufgezeigt hat, ich würde es aber wieder tun.

Die Straße lebt

Galerie

Diese Galerie enthält 19 Fotos.

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