Wenn wir geblieben wären.

Wer meine letzten Blogeinträge gelesen hat weiß, dass ich mich momentan wieder etwas intensiver mit meiner Vergangenheit und im speziellen meiner Kindheit und Jugendzeit in der ehemaligen DDR befasse. Das Thema beschäftigt mich nicht erst seit diesem Jahr, sondern immer wieder in meinem bisherigen Leben.

Insbesondere die Frage, was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1998 meine Heimat im Vogtland verlassen hätte, um in den Südwesten der Republik zu ziehen. Und damit auch mit der Frage, was wäre aus meiner Heimat und damit meine ich das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR geworden, wenn alle der ca. 1,5 Millionen geblieben wären. Nun sind solche „Was wäre wenn Fragen?“ immer eine schwierige Angelegenheit, weil sie einfach nie richtig beantwortet werden können, denn keiner kann die Zeit zurück drehen und sein Leben noch einmal leben. Trotzdem reifte in den vergangenen Jahren, auch durch die ständigen Reisen zurück in die Heimat, der Wunsch mich damit auseinanderzusetzen. Auch der längere Auslandsaufenthalt meiner Familie trug sicher dazu bei, sich mit der Sicht auf die Welt und meinem Platz darin etwas intensiver zu beschäftigen.

Die daraus logische Frage für mich lautete daher: Wie gehe ich das an? Bücher und Filme, Reportagen und Podcast zum Thema gibt es sehr viele. Ein Fotoprojekt habe ich bisher noch nicht richtig entdeckt. Sicher, der Buchmarkt hält Dokumentationsbücher über das Leben in der DDR bereit, da stehen auch einige in meinem Bücherregal und helfen ab und zu, den eigenen Kindern etwas aus meiner Kindheit zu erklären. Eine Statistik zur Migration der Ostdeutschen in den Jahren nach der Wende zeigt, dass die Mehrheit Frauen waren, die ihre Heimat verlassen haben. Sei es aus Liebe, sei es aus beruflichen Gründen, sei es weil sie vielleicht mutiger waren und es wagten ihr Glück in die Hand zu nehmen.

Daher wird mein Projekt nur von den Frauen leben, die hier zu Wort kommen dürfen und aus ihrem Erfahrungsschatz berichten, wie es war zu gehen und ob es vielleicht anders gekommen wäre, wenn wir alle geblieben wären.

Den Anfang macht Antje.

Antje (geb. 1983) ist die Frau meines Cousins und stammt aus dem Erzgebirge. Sie verließ ihre Heimat 2003 nach der Ausbildung, fand einen Job in München, heiratete (einen Ostdeutschen) und wohnt noch immer dort mit der mittlerweile auf vier Köpfe angewachsenen Familie. Wir führten das Interview am 31.03.2019.

S: Hat dich das kurze Leben in der DDR geprägt?

A: Ich glaube, was mich geprägt hat, war die Erziehung, die ist schon ganz anders, bei den Ostkindern als bei den Westkindern gewesen. Wenn du dich mit Erwachsenen darüber unterhältst, die Ansichten darüber sind teilweise ganz anders, auch gerade dann, wenn es um die Kindererziehung auch deiner eigenen Kinder geht. Um bestimmte Werte mitzugeben, bestimmte Sachen zu schätzen.

S: Bewegt dich auch, der Umstand, dass es im Osten, unserer alten Heimat sehr viele „tote“ Orte gibt, die es nicht geschafft haben, nach der Wende die Menschen dort zu behalten, die nach einer Euphorie-Phase eine zweite Abwanderungswelle erleben mussten?

A: Ja, das macht mich traurig und ich kenne das gerade auch aus dem Erzgebirge Ich glaube das viele gerne geblieben wären. Ich finde es traurig, dass dieses verbohrte Denken teilweise immer noch vorhanden ist.

S: Denkst du es liegt an den älteren Leuten dort, die in der Heimat geblieben sind?

A: Man merkt es schon, dass das Denken dort immer noch sehr Ost und West behaftet ist. Da kommt dann der Westkollege vorbei. Die Vorurteile sind immer noch vorhanden, selbst wenn wie in meinem Fall, die eigenen Kinder jetzt im Westen wohnen und leben. Genauso ist es anders herum, wenn man im Gespräch merkt, wie über die Ostdeutschen geredet wird, bis die Gesprächspartner merken, dass mal selbst aus dem Osten kommt. Da heißt es dann schon mal, ach du kommst aus Sachsen, das wusste ich nicht. Bei mir verrät der fehlende Dialekt meine Herkunft nicht.

S: Wann bist du in nach Bayern gezogen? Und hast du dich damals dort als Ossi gesehen?

A: 2003. Am Anfang schon. Das Bewerbungsgespräch was schon witzig, aber mein erster Patient damals hat mich zum Umdenken angeregt, zumindest was die Sprache betrifft. Es war ein Intensivpatient und er hat mich nicht verstanden und ich ihn nicht. Er war Bayer und da stand für mich fest, ich muss etwas ändern. Ich habe mich dann bemüht mehr Hochdeutsch zu sprechen, mittlerweile denken viele Leute ich komme aus Franken, weil sich der bayerische Dialekt eingeschlichen hat.

S: Ist das eine bewusste Entscheidung, so das keiner mehr merkt, dass du aus dem Osten kommst?

A: Genau. Ich möchte nicht sagen, dass ich mich dafür schäme, wie ich aufgewachsen bin und wie mich meine Eltern geprägt haben. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Aber weil eben immer noch viele Vorurteile vorhanden sind möchte ich nicht, dass man mich sofort erkennt.

S: Dann war das in gewisser Weise eine Anpassung. Ich habe das für mich nie versucht, nur noch hochdeutsch zu sprechen, obwohl einige im Osten mittlerweile behaupten, ich rede gar kein Sächsisch mehr.

A: Ich kann es glaube ich gar nicht mehr richtig. An bestimmte Wörter erinnere ich mich dann, wenn ich eine Woche Urlaub im Osten mache. Aber ich möchte es eigentlich auch nicht mehr.

S: Wie viele sind denn aus deiner Familie weggegangen aus der Heimat? Oder aus deinem näheren Umkreis?

A: Mein Onkel noch. Und mein Papa, der weggehen musste. Weit nach der Wende erst, nach Jahren der Arbeit im Osten, weit nach 2000 dann. Es müsste so 2009/2010 gewesen sein, als er gegangen ist. Mein Onkel und mein Papa sind sehr heimatverbunden geblieben. Er steht zu seiner Heimat und vermisst sie sehr. Ich auch, ich liebe das Erzgebirge. Es ist schon verrückt, aber da habe ich nie darüber nachgedacht.

S: Hast du es je bereut gegangen zu sein?

A: Nein, ich habe es nicht bereut, nie. Weil ich dadurch ganz andere Möglichkeiten hatte, sich ganz andere Horizonte aufgetan haben. Ich beruflich andere Wege habe gehen können. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, nein ich habe es nicht bereut.

S: Und wenn es die Möglichkeiten damals in Sachsen gegeben hätte?

A: Dann wäre ich dort geblieben. Ich wollte dort bleiben. Ich wollte nicht weggehen (eine Träne kullert). Ich habe viele Bewerbungsgespräche gehabt, ich wusste damals schon, wenn ich nach der Ausbildung fertig bin, bin ich auf diesem Markt im Osten nichts wert (im Sinne von zu teuer). Ich habe dann sehr viele Fortbildungen gemacht, die notwendig waren für mein Berufsbild (Physiotherapie). Damit war ich dann schon wieder zu gut ausgebildet, viele wollten sich das dann nicht leisten. Auch die Aussagen „Sie sind jung und ungebunden, was wollen Sie denn hier am Ort? Gehen Sie doch in den Westen.“ bestärkten den Entschluss. Schließlich gab die letzte Absage dann den Ausschlag wegzugehen, als eine fest geglaubte Stelle aufgrund von Beziehungen an einen Anderen ging. Die wollen mich hier einfach nicht.

S: Hast du mal darüber nachgedacht, wer daran Schuld hatte, dass der Osten seine gut ausgebildeten jungen Leute verloren hat? Es ist ein großer Teil einer ganzen Generation dort verschwunden und der fehlt immer noch.

A: Es gibt ja jetzt viele Regionen, in die wieder Leute zurück kommen.

S: Ja, aber die waren alle 20 oder 30 Jahre weg. Was hätten wir erreichen können, wenn wir alle geblieben wären?

A: Zum damaligen Zeitpunkt habe ich da wenig darüber nachgedacht. Ich hatte keine andere Wahl. Und wollte auch nur arbeiten und Geld verdienen. Ich hätte damals einfach wenig erreichen und bewegen können. Wenn du dann einmal in diesen Regionen lebst, wo Wohlstand vorhanden ist, da denkst du nicht mehr über Schuld nach. Ich würde auch keinem die Schuld geben, die jungen Leute haben ihre Chancen genutzt und sind gegangen, sie wollten etwas erreichen, Geld verdienen und ein Leben aufbauen. Auch aus meiner Schule sind zwei drei Leute weggegangen. Viele sind auch dort geblieben, haben es akzeptiert und haben relativ schnell eine Familie gegründet.

S: Hast du mit denen noch Kontakt?

A: Während der ersten Jahre in Bayern hatte ich noch Kontakt und dann viele Jahre nicht mehr. Jetzt gibt es eine WhatsApp Gruppe, aber du merkst auch da, es gibt immer noch dieses Ost / West Denken. Und jeder hält sich für etwas besseres, was ich ganz schlimm finde. Ich bin mit bestimmten Werten groß geworden und meinen Eltern dafür sehr dankbar. Ich habe viele Sachen schätzen gelernt, was heute vielen abgeht.

S: Sind sie vielleicht ein bisschen neidisch auf das Erreichte von dir?

A: Findest du? Vielleicht! Jeder der zurück kommt, wir mit Argusaugen beguckt.

S: Kennst du jemanden, der zurück gegangen ist in den Osten?

A: Ja ich kenne welche und die werden manchmal dann als „Gescheiterte im Westen“ dargestellt. Das finde ich schade, denn das ist meistens nicht so. Viele gehen zurück, weil die Familie dort noch lebt. Gerade wenn eigene Kinder geboren werden, wollen sie die Großeltern in der Nähe haben oder sich auf ihre alte gute Heimat zu besinnen. Ein Bekannter aus dem Osten erzählte mir, er hat beobachtet, es gibt wohl zwei Arten von Ostdeutschen, die im Westen leben. Die einen die sich dort nie wohlfühlen und sich den Gegebenheiten dort nicht anpassen können. Die suchen sich oft auch keine Freunde und gehen dann doch wieder zurück. Die kommen dort eben nie an, sehen es nicht als Heimat. Und die anderen, die sich wohlfühlen und bleiben. Ich hatte eine Kollegin, die wieder zurückgegangen ist und der Bekannte dann auch.

S: Kannst du die verstehen?

A: Doch schon. Die sind sehr heimatverbunden. Für mich kann ich sagen, ich bin sehr neugierig gewesen, ich wäre auch woanders hingegangen, zum Beispiel nach Österreich, ich wollte immer nach Wien. Oder in die Schweiz. Wenn sich heute die Möglichkeit auftun würde, würde ich auch noch weiterziehen. Weil ich neugierig bin und Neues kennenlernen möchte. Aber ich weiß trotzdem wo ich aufgewachsen bin .

S: Deine Heimat ist…

A: Ich sag mal, mein zu Hause ist München,

S: … und deine Heimat wird das Erzgebirge bleiben. Das geht ja vielen so. Auch Leute, die in Bayern aufgewachsen sind und jetzt in Hamburg leben, werden ihre Heimat wohl immer in Bayern sehen.

A: Im Osten ist es mittlerweile auch ganz anders, da kannst du auf dem Land am Wochenende um 2 Uhr Nachmittags nicht mehr zum Einkaufen gehen, weil alles geschlossen hat. Das ist ein großer Unterschied zu meinem Leben in der Großstadt.

S: Das liegt eben auch daran, dass viele Leute weggegangen sind. Wo keine Kunden mehr vorhanden sind, machen die Geschäfte dicht. Die jetzige jüngere Generation im Osten, die dort wohnen und ihre Familie gründen, die orientieren sich wahrscheinlich schon daran, in Sachsen zu bleiben.

A: Das habe ich auch gemerkt. Viele junge Leute bauen auch wieder Häuser dort, haben gute Jobs oder sind selbständig. Bauen Firmen auf und sind erfolgreich. Ich finde das super.

S: Hat es für dich eine Traurigkeit oder einen Verlust gegeben, dein Leben nicht in der Heimat zu verbringen? Der Arbeit wegen weggehen zu müssen?

A: Verlust natürlich, das ich meine Familie nicht um mich habe. Und traurig bin ich an Weihnachten. Das ist in Bayern nicht so heimelig und gemütlich wie ich es aus meiner erzgebirgischen Heimat. Als ich die Stelle bekommen hatte damals, war der Plan das für 1-2 Jahre dort zu machen. Und mein Papa hat gleich gesagt: Du wirst bleiben. Das habe ich nicht geglaubt, ein Dirndl werde ich nie anziehen. Dann habe ich Oli kennengelernt und mein Papa war sich sicher, dass ich bleibe. Als die Probezeit nach 2 Jahren beendet war und der Vertrag verlängert wurde, bin ich geblieben und habe meine eigene kleine Familie bekommen. Im Hinterkopf hatte ich in den ganzen Jahren immer das Gefühl, ich gehe zurück. Ich wollte eigentlich schon gerne in der Heimat bleiben.

S: Aber in eine größere Stadt, wo Jobs vorhanden gewesen wären, zurückzuziehen wäre eine Option gewesen?

A: Der Verdienst dort ist schon sehr viel niedriger als in München. Wenn man den anderen Lebensstandard kennengelernt hat, was ich durch das Weggehen eben habe, dann ist es sehr schwierig, wieder anders leben zu wollen.

S: War das eigentlich für dich interessant, dass du mit jemanden zusammen gekommen bist, der ebenfalls aus dem Osten gekommen ist? War das eher Zufall oder gezielt gesucht?

A: Gesucht nicht. Die Schwiegermama hatte dafür einen gewissen Einfluss (lacht). Nein gar nicht, ich glaube ich hätte auch jemanden aus dem Westen genommen. Das hat sich so ergeben. Es ist schön, dass es jemand aus dem Osten ist.

S: Ich frage nur, weil es die Beobachtung gibt, dass Leute aus dem Osten, die in den Westen gegangen sind, selten Leute aus dem Westen heiraten.

A: Ehrlich?

S: Ist es vielleicht eher der Grund, unter Gleichen zu bleiben oder das sie sogar eher Ausländer heiraten.

A: Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht.

S: Kennst du andere Pärchen? Die gemischt sind?

A: Ich kenne ein Paar, das ist auch Ostdeutsch und Ausländer. Ein anderes Paar, die sind auch beide aus dem Osten. Stimmt, wenn man es so betrachtet.

S: Es hat wahrscheinlich schon mit gleichen Werten, gleicher Heimat, gleiche Lebenssituation, von zu Hause weggegangen, zu tun. Man hatte Gesprächsstoff für die Beziehung.

A: Ich glaube schon, dass die Werte eine Rolle spielen. Was hat zum Beispiel Geld für eine Stellung. Auch das Thema Kindererziehung oder müssen Anschaffungen sein und brauchen wir bestimmte Sachen, kann man nicht das alte kaputte Sieb noch weiter benutze. Wir können uns schlecht von Sachen trennen, ich mag diese Wegwerfgesellschaft nicht, hebe Sachen gerne auf.

S: Gibst du das jetzt auch an deine Kinder weiter? Du wirst ihnen sicher erzählen, wo du aufgewachsen bist und herkommst. Aus einem Land, was es so in seiner Struktur von damals nicht mehr gibt.

A: Ja, sicher. Was ich echt schön finde, ist zum Beispiel das Spielzeug von früher. Mit der Kindheit in der DDR verbinde ich den Brummkreisel oder die Mosaikwürfel. Die sind mit schönen Erinnerungen verbunden. Bereut habe ich nie, vermissen tu ich es schon, besonders meine Eltern.

S: Was ich mich oft frage, ist wenn die politischen Umstände und Folgen damals anders gelaufen werden, ohne die Abwicklung der Betriebe in der DDR und die dazu führende Arbeitslosigkeit in dieser Masse. Und der Jugend dadurch keine Chancen aufzuzeigen dort zu bleiben. Wenn diese Umstände anders gewesen wären, wie viele Leben wären dann wohl anders verlaufen.

A: Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich Oli nicht kennengelernt. Ich hätte vielleicht auch viele Reisen nicht gemacht, die ich unternommen habe, weil ich im Westen gearbeitet habe.

S: Man kann das Ganze auch andere herum betrachten, die vielen jungen Leute, die weggegangen sind, mussten dann relativ schnell auf eigenen Beinen stehen. Die mussten sich allein durchbeißen, die Familie war oft weit entfernt, Besuche nicht so oft möglich.

A: Ich merke, dass ich mich dadurch verändert habe. Ich bin vielleicht ein Stück weit noch selbstbewusster geworden. Kann mich besser durchsetzen. Ich war anders bevor ich die Heimat verlassen hatte.

S: Hattest du auch den Anspruch: Wir dürfen jetzt nicht scheitern? Unsere Eltern waren meistens dann schon zu alt, um noch einmal von vorne anzufangen, sich etwas Neues aufzubauen. Die wollten lieber in ihrer Umgebung versuchen, das neue Leben zu meistern.

A: Einmal das. Und viele, die ich in Bayern kennengelernt habe und aus dem Osten kommen, sind echte Durchhalter und Arbeitstiere. Die beschweren sich auch eher selten und sitzen nicht da und würden nicht arbeiten. Es ist wohl eine ganz andere Arbeits- und Lebenseinstellung. Das prägt uns auch noch sehr. Es muss eben gehen, es muss weitergehen. Zum Beispiel auch das Thema nach den Kindern nur noch in Teilzeit zu arbeiten. Das hat sich für mich nicht gestellt. Ich kenn das nicht anders. Meine Mama hat immer gearbeitet. Und das ist glaube ich schon noch so etwas Ostdeutsches. Auch wenn ich mich mit Müttern auf dem Spielplatz unterhalte. Das regt mich echt auf. Ich mag mich da auch nicht mehr rechtfertigen, warum ich wie arbeite und es eben so mache. Viele können das nicht nachvollziehen. Diese These dann, ob ich dadurch nicht meine Kinder vernachlässige. Ich denke, dass ich trotz Vollzeit eine gute Mutter sein kann und mich gut um meine Kinder kümmere.

S: Hast du dir die Frage gestellt, was aus dir geworden wäre, wenn du in der DDR gelebt hättest und die Wende nicht gekommen wäre?

A: Lange hatte ich mir diese Frage nicht gestellt. Aber tatsächlich jetzt erst als der Film „Der Ballon“ in die Kinos kam. Und ich dachte, Oh Gott, noch so ein Ossi-Film. Wieder jemand, der versucht, den Osten darzustellen. Ich muss sagen, der Film spiegelt sehr viel wieder und mich sehr nachdenklich gemacht. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich diese Dankbarkeit empfunden habe, dass die Wende kam. Ich weggehen konnte und durfte, reisen darf. Wenn man wieder einmal gesehen hat, wie krank dieses System eigentlich war. Der Film spiegelt das wirklich sehr gut wieder. Er ist sehr gut recherchiert. Wir haben den im Osten gesehen. Im Kino mit vielen Ostdeutschen um uns herum. Es war teilweise lustig, weil die sehr viel kommentiert haben während des Films. Und ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte applaudiert und das ging mir bei keinem Film bisher so. Und das Schlimme ist, es gibt heute nach Gegenden, die genauso aussehen wie sie im Film dargestellt werden. Wir sind beide sehr nachdenklich nach Hause gefahren und haben beide gesagt: Eigentlich müssen wir wahnsinnig dankbar sein, was uns an Möglichkeiten geboten wurde und ich glaube so hätte ich nicht dort weiterleben wollen. Ich bin auch niemand, der sich gerne unterordnet, eher jemand der gerne mitdenkt, der gerne etwas verändert, der etwas bewegen möchte. Den Film fand ich wirklich beeindruckend, der hat mich nachdenklich gemacht. Zu beobachten, was sich eigentlich für mich getan hatte. Und ich wäre dann ja genau in diesem System erwachsen geworden. Und du merkst, wie krank das war.

S: Ich stelle mir manchmal die Frage, hätten wir es nicht versuchen müssen, wieder in den Osten zurückzugehen. Unsere Energie dort zu lassen.

A: Ich kenne viele dort, die wollen sich dort gar nicht verändern, die wünschen sich das alte System zurück.

S: Ich denke, für bestimmte Regionen, wäre es sicher gut gewesen, wenn einer/eine dort gewesen wäre, die den Stein ins Rollen gebracht und etwas bewirkt oder angestoßen hätten.

A: Da habe ich auch andere Erfahrungen gemacht. Ein Kumpel von Oli wollte sich dort etwas aufbauen. Aber die Leute sind einfach nicht gekommen. Warum soll ich zu dem gehen und dem mein Geld geben? Diese Mentalität ist verbreitet. Für meine Berufsbranche gilt das genau so. Wer leistet sich dort einfach so eine Massage, wer gönnt ich das? Wer macht aus eigener Tasche einen Gesundheitskurs? Viele sagen, warum soll ich das machen, es gibt doch die Krankenkasse, ich zahle doch schon meine Beiträge. Das ist schon ein Unterschied.

S: Aber das wird sich wahrscheinlich auch ändern, mit der nächsten Generation dort. In den Großstädten ist das jetzt bestimmt schon so.

A: Aber im ländlichen Bereich wird dieses Denken noch lange nicht da sein. Ich weiß auch nicht, ob ich hätte etwas bewegen können. Und wenn dann auch nur, weil ich es vorher anders erlebt habe und eben nicht dort geblieben bin. Vielleicht gehe ich im Alter auch wieder zurück. Ich weiß es nicht. Wenn ich mir die Großstadt dann nicht mehr leisten kann. Das ist schon paradox. Erst geht man weg, um Geld zu verdienen und dann wirst du wieder gehen müssen, weil es nicht reicht, um dort zu bleiben. In der Region, die du dann eigentlich als deine neue Heimat betrachtest. Du bist immer zerrissen zwischen den beiden Welten.

S: Immer auch der Flucht.

A: Im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist immer am Reisen, man reist immer Etwas hinterher.

S: Dem Glück vielleicht? Ich finde es zum Beispiel gut, wenn es Veränderungen im Leben gibt. Das liegt sicher an meinem Typ. Viele meiner Kollegen hier, die würden nie ins Ausland gehen und dort leben wollen. Oder schon in eine andere Stadt ziehen ist undenkbar.

A: Ich würde schon noch einmal weggehen. Für Oli wäre das schwieriger, seine Eltern sind mittlerweile auch hier in die Nähe gezogen. Ich würde das meinen Kindern schon gerne ermöglichen wollen. Aber ich blicke lieber nach vorn als nach hinten. Und ich bin glücklich da, wo meine Familie ist. Ich bin nicht unglücklich, dort wo ich ich jetzt lebe. Ich bin für vieles dankbar, und auch dafür, dass ich ein Kind vom Osten bin.

S: Ein schönes Schlusswort. Danke Antje!

„Ich erzähl dir mein Geheimnis, und noch mehr, wenn du mich danach fragst.“ Auszug aus dem Lied „Grönland“ von Herbert Grönemeyer.

Stumme Zeugen

Falkenstein liegt im Vogtland, südwestliches Sachsen, direkt an der Grenze zu Bayern, Thüringen und Tschechien. Er ist einer der drei größeren Orte im Göltzschtal neben Auerbach, meiner Heimatstadt und Rodewisch, meiner Geburtsstadt. Ich muss also ein wenig ausholen für diese Serie an Bildern, die bei meinem letzten Besuch dort entstanden sind. Mit dem Ort Falkenstein verbinden mich gleich mehrere Gegebenheiten. Meine Namensvetterin lebte dort (Yvonne Sandra), deren Eltern sich mit meinen die verrückte Idee ausgedacht hatten, den Kindern nahezu selbe Namen zu geben. Mein zweiter Vorname ist Ivonne (der eine Buchstabe macht den Unterschied) und ich bin etwas eher geboren als sie. Wir haben viel zusammen gespielt in unserer Jugend, gemeinsame Ausflüge zum FFK gehörten auch dazu, die Eltern hatten eine Eisdiele in Auerbach, wie wunderbar für uns Kinder – DDR-Leben, es war eine unbeschwerte Zeit. Jetzt lebt sie in der Schweiz, hat die Heimat verlassen, wie ich und 1,5 Millionen andere nach der Wende, auf der Suche nach Arbeit, die es im Göltzschtal für uns nicht gab. Mein Mann stammt aus Falkenstein und ein paar Jugendlieben vor ihm auch 😉 – Falkenstein kenne ich also gut, es gab ein Kino (jetzt wieder Veranstaltungsort für unterschiedliche Kulturangebote), eine Disco (da steht jetzt ein Supermarkt), ein Stadion, ein Freibad und die Talsperre, an der wir viele Sommer verbrachten. In Falkenstein gab es einen Plattenladen, in dem wir unzählige LPs und CDs gekauft haben.

Falkenstein verbinde ich mit positiven Erinnerungen und doch blutet mir seit Jahren das Herz, wenn ich durch die im Schachbrettmuster abgelegte Stadt fahre oder laufe. Viele Häuser sind nach dem Zusammenbruch der DDR wieder hergerichtet worden, hatten Geschäfte, die eine lange Zeit gut funktionierten. Jetzt stehen an sehr vielen Fenstern Schilder „Zu verkaufen“ „Zu vermieten“ „Geschlossen“. Andere Häuser sind schon seit Jahrzehnten verlassen und wohl nicht mehr zu retten. Sie wurden verlassen, verkauft, nicht wieder bewohnt oder die Besitzer interessieren sich nicht mehr dafür. Mittlerweile gibt es zwei Varianten dieser stummen Zeugen. Natürlich gibt es noch Geschäfte und sehr viele bewohnte Häuser und trotzdem erkennt jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen läuft, dass hier soviel Potential verloren gegangen ist und gehen wird. Einst prachtvollen Fassaden bröckeln vor sich hin, kunstvoll gezimmerte und geschmiedete Türen verrotten, Reliefs und Verzierungen aus Stein lösen sich auf und die Risse in den Gemäuern wirken wie Wunden verletzter Seelen.

Es werden schon sehr lange keine Geschichten mehr erzählt in diesen Häusern, die einst voller Leben, Liebe, Gesprächen und Kultur waren. Erinnerungen an die ehemaligen Bewohner verblassen langsam. Wenn sie verschwinden, bleiben nur die Archive und Zeitzeugen, die sich wage an diese Bauwerke und der Nutzung erinnern können.

In letzter Zeit befällt mich oft der Gedanke, ob nicht auch ich daran Schuld trage, dass es diese Häuser nicht geschafft haben. Schließlich habe ich meine Heimat verlassen und bin bis heute nicht zurückgekehrt. Was wäre, wenn ich geblieben wäre, wenn alle geblieben wären, wenn die Wiedervereinigung anders verlaufen wäre, wenn es Jobs im Osten gegeben hätte, wenn sich Industrien und „blühende Landschaften“ in einem schnelleren Zeitrahmen entwickelt hätten, wenn es Perspektiven gegeben hätte, die junge Leute zum Bleiben veranlasst hätten oder zur Rückkehr bewegen würden. Es gibt diese Rückkehrer, sogar in einer wachsenden Zahl. Aber für die „Flüchtigen“ meine Generation haben wohl mittlerweile ihre Zelte woanders aufgebaut, ein neues Zuhause gefunden. Die Heimat bleibt trotzdem im Herzen immer „drüben“. Und den Verfall ehemals schöner Ecken zu beobachten tut mitunter ziemlich weh. Keine Frage, Regionen wie Dresden, Leipzig, Potsdam, Erfurt, Jena, Berlin oder Rostock haben sich entwickelt, waren aber auch schon bevor es die DDR gab große Zentren von Wirtschaft, Kultur und Politik. Es ist viel Gutes im Osten entstanden in den letzten 30 Jahren. Es wurde investiert in Infrastruktur und Sanierungen vieler Orte. Es sind Jobs entstanden. Es gibt Kultur. Nur in manchen Ecken fruchteten die Bemühungen eben doch nicht, wie geplant. Der ersten Welle von Neugründungen und Selbstständigkeit machen jetzt wohl wie in der gesamten Republik der globale Handel und der Konsum im Internet zu schaffen. Geschäfte schließen, Gaststätten ebenso. Ja es ist einfach den Verfall zu beklagen und selbst nicht dort zu wohnen, seine Ideen und seine Energie nicht dort einzubringen. Aber mit dieser Schuld wird letztlich jeder der 1,5 Millionen leben müssen, die gegangen sind. Und die Geschichte kann und wird sich beliebig oft wiederholen, was sie tut, angesichts der weltweiten Migration aus politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kriegerischen Gründen.

Ich habe ganz bewusst auch bewohnte Häuser in diese Serie aufgenommen. Sie zeigen, welche Schönheit diese Stadt einst prägte. Das sich lohnt die alten Mauern zu sanieren, das Leben in ihnen zu bewahren und die Geschichten weiterzuerzählen. Meine Hoffnung gebe ich nicht auf. Abbruchhäuser gibt es auch im Westen der Republik und spätestens die Generation meiner Kinder und Enkelkinder, wird Deutschland nur nach Bundesländern aufteilen. Von Ost und West erzählen wir ihnen dann, wie unsere Großeltern vom Krieg oder dem Leben in der DDR. Vielleicht schaffen es bis dahin noch einige dieser Häuser, liebevolle neue Besitzer zu finden, die ihnen wieder Leben einhauchen.

Zugemauert! An dieser Ecke war ich nach gut zwei Stunden in den Straßen unterwegs und durchgefroren. Ein Café wäre jetzt prima gewesen, leider war keins offen. Und dann spielte König Zufall wieder einmal mit, Yvonne stupste mich von hinten an. Sie war sich sicher, die Frau mit der Kamera konnte nur ich sein. Wie schön, sich hier wieder zutreffen. Wir plauderten eine Weile und freuten uns über den Moment. Nächstes Mal sollten wir das besser planen und einen Kaffee zusammen trinken. Der alten Zeiten wegen und der heutigen Zeiten natürlich auch, es gäbe viel zu erzählen.

Ein Haus steht in der Finsternis.
Finsternis steht ringsrum.
Ein Fenster leuchtet.
Einer sagt: Verzweiflung.
Einer sagt: Hoffnung.
Und eine Waage ist nicht zur Hand.
Nur Entscheidung.


Johannes Trojan (1837 – 1915)

https://de.wikipedia.org/wiki/Falkenstein/Vogtl.