Pflanzenkraft

Was nicht gesehen werden kann und jenseits des Denkens ist,
was ohne Ursache oder Teile ist,
was weder wahrnimmt noch handelt,
was unwandelbar ist, alldurchdringend, allgegenwärtig,
feiner als das Feinste,
das ist das Ewige, von dem die Weisen wissen,
dass es die Quelle von allem ist.
So wie eine Spinne ihren Faden ausspinnt
und ihn in sich zurücknimmt,
so ist die ganze Schöpfung aus dieser Kraft heraus gewoben
und kehrt in sie zurück.
So wie Pflanzen in der Erde wurzeln,
so werden alle Dinge aus dieser allgegenwärtigen Energie unterhalten.
So wie ein Haar aus eines Menschen Kopf wächst,
so entsteht alles aus dieser unendlichen Intelligenz!

Upanishaden
auch Upanischaden, Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus und Bestandteil des Veda, im Sanskrit bedeutet upaniṣad wörtlich „das Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen“, gemeint ist „sich zu Füßen eines Lehrers (Guru) setzen“, aber auch eine geheime, belehrende Sitzung; niedergeschrieben zwischen 700 und 200 v. Chr.

Wenn wir unsere Erde mit offenen Augen betrachten: Welch ein herrlicher Planet mit seinen Tieren, Pflanzen, Bergen, Seen, Meeren… Fast alles, was uns betrübt, kommt nicht von der Erde, sondern von den Menschen. In der Natur können wir – und unser Herz und die Seele – frei aufatmen. Geht mehr in die Natur, lernt sie lieben! Dann hat Betrübnis nur noch wenig Platz in Euren Herzen.

Werner Braun

Bilder eines Morgenspaziergangs im Botanischen Garten Singapur im Oktober 2020.

Ein stiller Morgen

Abend wards und wurde Morgen,
Nimmer, nimmer stand ich still,
Aber immer bliebs verborgen,
Was ich suche, was ich will

Friedrich von Schiller (1759 – 1805)

Das Übervollsein des Tages ist der völligen Leere gleichzusetzen.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Ergreife den Augenblick, damit er dich gefangen nehmen kann.

Siegfried Wache

Was ist Geschichte? Der Nagel, an dem ich meine Romane aufhänge.

Alexandre Dumas der Ältere (1802 – 1870)

Wer keine fremde Moral kennt, kennt seine eigene nicht – gleichwie, wer keine fremde Sprache, keine fremde Religion kennt, seine eigene Sprache und Religion nicht kennt.

Paul Rée (1849 – 1901)

Die Halle der Wissenschaft ist der Tempel der Demokratie.

Henry Thomas Buckle (1821 – 1862)

Wer zu lange gegen Drachen kämpft, wird selbst zum Drachen.

August Strindberg (1849 – 1912)

Ein klar denkender Mensch fand noch nie daran Vergnügen, seine Gedanken in Symbole zu kleiden.

Ernest Renan (1823 – 1892)

Arbeitslose wissen am besten, was harte Arbeit ist: Arbeitssuche.

Peter F. Keller

Krieg, Handel und Piraterie,
Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Das Tagtägliche erschöpft mich!

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)

Ghost Town

Ein Geist geht um in der Stadt, unsichtbar und aller Orten. Sie kann ihn nicht sehen und spürt ihn dennoch auf Schritt und Tritt. Er verfolgt sie und alle anderen, die draußen unterwegs sind. Warnschilder überall, geklebt, aufgestellt oder hingehängt. Sie schützt sich wie alle mit einer Maske im Gesicht und hat das Gefühl, damit ein Stück ihrer Identität zu verstecken. Keine Reaktion in den Gesichtern mehr zu sehen. Nur die Augen verraten ab und an die Stimmungslage ihres Gegenübers.

Es herrscht Angst, nicht mehr nur vor Ansteckung und den Folgen einer Krankheit, die global alles verändert hat. Existenzen stehen auf dem Spiel. Es ist oft so ruhig, dass es wie eine Geisterstadt wirkt. Leere Straßen, Plätze, Räume, wo einst Handel getrieben oder Essen serviert wurde. Dieses wird jetzt noch öfter von den motorisierten Reitern abgeholt und in die sicheren Wohnungen geliefert. Dort wo Menschen auswärts essen beobachtet sie viele einsame Gestalten, die allein an einem der Tische sitzen. In die Luft starren oder auf das Display des Telefons. Geselligkeit, Unbeschwertheit, Lachen? Wo seid ihr, der Geist der Pandemie hat euch vertrieben.

Auf Abstand bleiben, nicht reden während die Metro durch den Untergrund braust. Check-In, Check-Out. Routine mittlerweile für sie und alle anderen. Wie lange noch? Für immer? Hoffentlich nicht. Alles fliegt heute an ihr vorbei, kein Innehalten möglich. Möglichst schnell das Wichtige erledigen, um zurück in die sicheren vier Wände zu gelangen. Sie ist auf der Suche nach ein wenig innerer Wärme, Hoffnung, Zuversicht, einem Gespräch.

Im dritten Stock des Einkaufszentrums tritt sie ein in die vielleicht 30 qm Oase des kleinen Glücks. Neben zwei Ständern mit Postkarten und einer kleinen Auslage von handgemalten Karten steht sie hinter der Theke. Sie nennt sie Estelle, weil sie ihren richtigen Namen noch nicht kennt. Die betagte Dame ist immer ordentlich gekleidet und frisiert. Sie trägt Perlenohrringe zur passenden Kette. Vor ihr steht eine alte grüne Waage, ein Notizblock und ein Taschenrechner liegen bereit. Ihr Mann steht vor der Theke, sie trinken Tee zusammen. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Im hinteren Teil des Ladens soll ein kleines Fotostudio für weitere Einnahmen sorgen. Niemand braucht gerade Postkarten. Sie kauft immer welche und heute noch einen Stapel Briefmarken dazu. Estelle verpackt alles gewissenhaft, wiegt die Briefe ab und klebt die Marken sorgfältig darauf. „My dear“ sagt sie immer, da schmilzt ihr das Herz, wenn sie es hört. Sie verwickelt Estelle in ein Gespräch. Seit 47 Jahre betreibt sie dieses kleine Geschäft, steht immer außer Sonntags hinter der engen Theke. Kaum zu glauben, dass sie schon 76 Jahre alt sein soll. Im Juli 1945 wurde sie geboren, ihre Schwester ein Jahr vor ihr. Und als sie ihre Maske absetzt, staunt sie über das frische Gesicht und die glatte Haut. Schwere Zeiten momentan, ohne die Hilfe ihrer Tochter könnte sie den Laden nicht halten. Aber zu Hause sitzen und dunklen Gedanken nachzuhängen liegt nicht in Estelles Natur. Sie kämpft weiter und hofft, dass es bald wieder mehr Menschen in ihr kleines Geschäft zieht, um Postkarten zu kaufen und vielleicht einen Bogen Geschenkpapier.

Beseelt von diesen Minuten voller Worte macht sie sich auf den Rückweg. Die Geister werden noch eine Weile durch die Gassen ziehen, Halloween lockt Kameraden an, die sich vor den Geschäften in Stellung bringen. Vorsicht ist geboten.

Zum Glück gibt es in Asien jede Menge guter Geister, denen reichlich Gaben und Opfer erbracht werden. Die Hoffnung auf bessere Zeiten gibt hier so schnell keiner auf.

Nicht starke Mittel, sondern starke Geister ändern die Welt.

Alexandre Dumas der Jüngere (1824 – 1895)

Versteckte Perlen

Wenn von den eichen erste morgenkühle
Die feuchten perlen uns ins antlitz blies
So knirrte auf dem pfad der spitze kies
Erinnerte die schweigenden Gefühle.

Und auch die eigene stimme schien dir rauh
Wenn du im takt verwandter pulse bangen
Vernahmst die enger zu den deinen drangen
Und laues schmiegen trocknete den tau.

Stefan George 1868 – 1933

Seit langer Zeit liegt es vergessen, hinter Dickicht aus dschungelgrünem Pflanzenwirrwarr. Fast undurchdringlich. Zu Beginn seiner Zeit stand es frei und überstrahlte die Gegend mit seinem Prunk und seiner Pracht. Ein Sultan und seine vierte Frau residierten hier einst. Die weitere Geschichte kann nachgelesen werden, aus der Zeit gefallene Fotografien belegen die Exsistenz der einstigen Schönheit. Das blaue Ziegeldach wetteiferte mit dem Himmel, bis es nach einem verherrenden Feuer einstürzte und in tausende Scherben zerbrach.

Vielleicht findet sie noch eine versteckte Perle im verlassenen und kühlen Gemäuer, unter Scherben und Holzsplittern. Zwischen dem Wildwuchs, der sich Fassenden und Wände, Dächer und Fenster zu eigen gemacht hat und das ehrwürdige Haus jetzt fest umschlingt. Sie folgt dem kleinen Trampelpfad, lauscht den Geräuschen der Natur, genießt die ersten Regentropfen auf der Haut als willkommene Abkühlung in der Hitze des Morgens. Pflanzen bieten ihre Früchte und Samen in prachvollen Farben und Formen dar.

Zwischen dem Blattwerk zeigt sich ihr eine kleine Behausung, fast gänzlich verschlungen vom Urwald. Löcher im Mauerwerk zeigen einstige Fenster und Türen, spärlich dringt ein wenig Sonnenlicht ins Innere. Keine Perlen zur sehen. Fasziniert betrachtet sie die Versuche einiger Pflanzen, an den Wänden eine Art natürliche Tapete zu kreieren. Lange Wurzeln bahnen sich ihren Weg durch die verlassenen Räume, krallen sich an den Dachkanten fest, winden sich um Mauerecken, verschwinden durch eine Spalt wieder ins Freie.

Endlich

Die Tapete an der Wand
ist grau geworden
dort, wo Fotos hingen
erzählen Flecken Geschichten von
Liebe, Freundschaft, Abenteuer.
Unser Leben
verblasst im Glanz
der Zeit.
Vergessen.

Kurt Traxl

Einen Katzensprung nebenan, fast unsichtbar, wie von Zauberei verwunschen, wird der Palast sichtbar. Zwei Stockwerke mit Balkonen ringsherum. Sanft und vorsichtig schleicht sie ins Innere. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Unter den Füßen knirscht es, die Treppenstufen knarzen, Vandalen hinterließen Beweismittel an fast allen Wänden. An einem Türbalken erblickte sie einen Strick, den die Geisterjäger angebracht haben mussten. Sie spürt nur den Geist des Hauses, es blutet und ist schmerzlich verwundet. Liegt im Sterben, eine Rettung erscheint unmöglich. Aufgegeben seit Jahren. Das Bewahren für die Zukunft verspielt. Es schmerzt sie auch diesmal, diesen Verfall zu sehen, der dennoch seine eigene Schönheit besitzt. Der Blick in den vom Nebelregen diffusen Wald brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Gedankenspiele, wie es sich hier lebte, welche Musik gespielt, welche Feste gefeiert wurden. Wer hat hier seine Lebenszeit verbracht. Wem ging es gut, wer musste dienen?

Sie spannt den Schirm auf. Das brüchige Dach hat viele Löcher, durch die das Nass hinein tropft und Pfützen bildet. Das alte Parket ist aufgequollen. Eine Weile vor dem verzierten Geländer, an dem die rote Farbe als Patina durchscheint, verweilen und die Stille des Ortes in sich aufsaugen. Lassen sich Perlen finden? Blaue Splitter übersäen den Boden, ein Brocken davon wandert in ihre Tasche. Wer braucht schon Perlen? Die Bilder im Aufnahmegerät sind heute ihre Perlen. Die Natur begräbt hier einen großen Schatz unter sich und vielleicht ist das sogar der beste Plan für diesen Ort.

Danke liebe Gina für deine Gesellschaft.

Um Einfluß quält sich Stolz; der Geiz, daß Geld sich mehre;
Der Höfling im Palast dient schwer um Schein und Ehre!
Der Glückliche lebt sich; in seiner freien Brust,
Da ist sein Stolz, sein Ruhm, sein Reichtum, seine Lust!
Frei wollt ihr alle sein und fesselt euer Leben!
Kehrt zur Natur zurück, nur sie kann Frieden geben!

Siegfried August Mahlmann (1771 – 1826)